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Full text of "Französische Volksmärchen aus älteren Quellen übersetzt von Ernst Tegethoff"

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Die * 
der 
Weltliteratur 


Friedrich von der Leyen und Paul Zaunert 


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Herausgegeben von 
Buchausſtattung von F. H. Ehmke 
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Franzöſiſche 
Volksmärchen 


Aus aͤlteren Quellen 


berſetzt von Ernſt Tegethoff 
Verlegt bei Eugen Diederichs, Jena 1923 


Alle Rechte, insbeſondere das der uͤberſetzung in fremde Sprachen, 


vorbehalten. Copyright 1923 by Eugen Diederichs Verlag in Jena 


Einleitung | 
Geſchichte des franzoͤſiſchen Maͤrchens 
Die Kultur des Abendlandes, welche heute rettungslos und 


muůde wie ein welker Greis zu Grabe ſinkt, erinnert ſich gern 


ihrer Kindheitstage, die goldumſtrahlt wie die Gletſcher bei 
Sonnenuntergang in das hereinbrechende Dunkel heruͤber⸗ 
leuchten. Die Voͤlker des Abendlandes hatten eine wilde 
Knabenzeit: raufluſtig und grauſam, wie Knaben einmal 


ſind, traten ſie auf das Welttheater und erledigten mit 
ein paar Fauſtſchlaͤgen die hohl und faul gewordene Antike. 
Der Zweck des Lebens war der Heldenſang vom laͤchelnd er⸗ 


tragenen Tod, und jenſeits des blutigen Walſtattdunſtes 
leuchtete der Nachruhm. Dieſe wilden Burſchen hoͤrten nicht 
gern auf die Maͤrchen, welche als Schoͤpfungen abendlicher 
Abſpannung und Ruhe eine gleichmaͤßige Heiterkeit, eine 
gewiſſe Muͤdigkeit der Seele und eine unbeſtimmte Taten⸗ 


loſigkeit vorausſetzen. Und dennoch kannten auch die alten 


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Germanen eine betraͤchtliche Anzahl jener Motive, die, aus 
den Anſchauungen und Gebraͤuchen der Urzeit geboren, ſich 
je nach der Art der Kompoſition und Bindung in oͤrtlicher 
und zeitlicher Hinſicht zu Mythus, Sage oder Maͤrchen zu⸗ 
ſammenſchloſſen. Ja, wir koͤnnen aus den geringen Reſten 


altgermaniſcher Epik, die uns ein guͤtiges Geſchick erhalten 
hat, auf das Beſtehen bereits fertiger Maͤrchen im germa⸗ 
niſchen Altertum ſchließen. Es waren dies ſolche Maͤrchen, 


die der Abenteuerluſt und dem Tatendrang der Zeit ent⸗ 
gegenkamen, wie das vom Baͤrenſohn, der in die Unterwelt 
dringt und dort eine Jungfrau von einem huͤtenden Drachen 


befreit; weiterhin ſolche, die ihren Stoff aus dem Alltags⸗ 


— 


leben dieſer wilden Jahrhunderte nahmen: die von herrſch⸗ 
ſuͤchtigen Frauen und treuloſen Ratgebern erzaͤhlten, wie 
jenes von der unſchuldig verklagten und gerichteten Koͤnigin, 
deren Unſchuld ſich dann doch offenbart, von der Braut, die 
einer falſchen weichen mußte und dann doch wieder zu ihren 


Rechten kommt, von der trotzigen Jungfrau, die dann doch 


1 Franz. Märchen 1 5 


* 


bezwungen wird. Die goldene Ferne lockte, und dieſe wilden 
Knaben traten aus dem Nebel ihrer Urwaͤlder heraus, uͤber⸗ 
ſchritten den Rhein und wandten ſich zu den rebenumſaͤumten 
Huͤgeln der Marne und Oiſe, das Reich des Syagrius brach 
zuſammen, und der germaniſche Bauernkoͤnig reſidierte in 
Soiſſons. Doch wurden die Unterworfenen milde behandelt, 
und ſo kam es, daß jede Neigung zu nationalen Gegenſaͤtzen 
im Keime erſtickt wurde. Frankreich wurde der Brennpunkt 
dieſer jungen Kultur. Hier kreuzten ſich Einfluͤſſe der ver⸗ 
ſchiedenſten Art: die Sagen und Märchen der Antike lebten 
in den Truͤmmern der Roͤmerſtaͤdte fort, die keltiſche Urbe⸗ 
voͤlkerung bewahrte ihre Erzaͤhlungsſtoffe, welche, im ewigen 
Nebel der Suͤmpfe und des Nordſeegeſtades erwachſen, die 
gigantiſchen und grotesken Formen eines Nebelbildes zeigen 
und zugleich die leiſe Wehmut und dann wieder die aus⸗ 
gelaſſene Luſtigkeit des keltiſchen Stammes mitbringen. Die 
noch heute in Frankreich fortlebenden Geſchichten von Midas, 
von Polyphem und von Perſeus und Andromeda, von den 
Sirenen und vom Orkus weiſen auf die Antike, waͤhrend die 
keltiſche Feenwelt weit uͤber Frankreichs Grenzen hinaus⸗ 
gedrungen iſt. Zu dieſer Doppelheit kamen als dritter Faktor 
die erobernden Franken, welche, als Traͤger der neuen Kultur 
berufen, die Daͤmonen und die Sagen der endloſen Waͤlder 
ihrer Heimat mit in das ſonnige Frankreich brachten. Dieſe 
drei Beſtandteile miſchten ſich zu jenem ſtark individuell aus⸗ 
gepraͤgten Geſamtbild, das im mittelalterlichen Frankreich 
der literariſchen Kultur Europas ihre Eigenart verlieh. Auf 
neufraͤnkiſchem Boden entſtand wahrſcheinlich zur Voͤlker⸗ 
wanderungszeit die Wielandſage, die auf eine Erzählung aus 
dem weitverbreiteten Kreis von der geſtoͤrten Mahrtenehe 
zuruͤckgeht, vielleicht auch die Siegfriedſage, welche mit Er⸗ 
innerungen aus der fraͤnkiſchen Geſchichte die Umriſſe des 
Baͤrenſohnmaͤrchens verband. Auf fraͤnkiſche Entſtehung 
weiſt das beruͤhmte Maͤrchen vom Machandelboom, das, 
einer Epiſode der Wielandſage nahe verwandt, jene blutige 
Zeit am beſten widerſpiegelt. Auch der Verſchlingungs⸗ 


II 


mythus von Rotkäppchen hat in Frankreich Züge bewahrt, 
die in ihrem Kannibalismus weit uͤber tauſend Jahre uͤber 
die klaſſiſche Erzaͤhlung Perraults zuruͤckgehen; vielleicht darf 
man auch das Maͤrchen vom ſingenden Knochen der fraͤnki⸗ 
ſchen Voͤlkerwanderungszeit zurechnen. 

Aus den Knabenjahren der Voͤlkerwanderung traten die 
Bewohner Frankreichs, umhuͤllt vom ſchuͤtzenden Mantel der 
Mutter Kirche, in das Mittelalter, die Juͤnglingszeit unſerer 
Kulturepoche. Gewiß, das Mittelalter hatte ſeine dunkeln 
Schatten, aber heute, da wir auf dieſe Zeit mit der Wehmut 
des Todgeweihten zuruͤckblicken, haben wir das Recht, nur 
noch das Licht zu ſehen, und wir trinken es mit vollen Zuͤgen, 


ehe wir den Becher ins Meer werfen. Es war die Zeit der 


erſten Liebe. Wie Nachtigallenruf in Sommernaͤchten dringt 
das Lied der Troubadours in unſere Maſchinenzeit heruͤber, 
auch das Gebiet des Religioͤſen nahm der Minneſang in An⸗ 
ſpruch, die Myſtik redete die Sprache der weltlichen Liebet 
irdiſche und himmliſche Liebe wurden eins. Es war die Zeit 
der hohen und ſtolzen Frauen, die mit großen blauen Augen 
von den Zinnen ihrer Burgen nach ihren fernen Geliebten 
Ausſchau hielten, die mit langen, wehenden Schleiern wink⸗ 
ten, und, wenn ſie durch die Felder gingen, beugten ſich die 
Margueriten und Schluͤſſelblumen vor ihnen. Es war die 
Zeit, da das ferne Wunderland des Oſtens lockte und da 
hinter Arabiens Wuͤſtenſand das irdiſche Paradies, das reiche 
Indien, auftauchte. Das Maͤrchen wurde zum Leben und das 
Leben zum Maͤrchen. Das Maͤrchen nimmt die Farben der 
Zeit an: das weitaus beliebteſte Maͤrchen des Mittelalters 
war das vom Goldener, jenem Helden, der in Verachtung 
und Niedrigkeit aufwaͤchſt und dann als Ritter auf weißem 
Roß in ſtrahlender Ruͤſtung in dreitaͤgigem Turnier die Hand 
der Koͤnigstochter erringt. Die Dichtungen von Aiol, von 


Elie de St. Gilles, Beuve de Hamtoune, Gautier d Aupais, 


Mainet, Jourdain de Blaivies und Robert dem Teufel reden 
von der Beliebtheit dieſes Stoffes, deſſen Urſprung uns noch 
unbekannt iſt. Daneben finden wirimaltfranzoͤſiſchen Hel⸗ 


1˙ I 


denepos jene Stoffe wieder, die wir für germaniſch hielten. 
Das Märchen von der unſchuldig leidenden Königin fand in 
England noch waͤhrend der Voͤlkerwanderungszeit einen lite⸗ 
rariſchen Niederſchlag in den Sagen von Offa und Aella. 
Die Normannen, die ſo vielfach als Vermittler germaniſcher 
und romaniſcher Kultur eine Rolle geſpielt haben, verpflanz⸗ 
ten das Maͤrchen nach Frankreich: es begegnet zuerſt in der 
Chronik des Anglonormannen Trivet, ſpaͤter in der „Mane⸗ 
kine“ des Philipp von Beaumanoir und im Volksbuch von 
der ſchoͤnen Helene. Nahe verwandt ſind ihm die Crescentia⸗ 
legende und die Erzählung von der Gattin Karls des Großen. 
Ein anderer Zweig des gleichen Maͤrchenſtammes war be⸗ 
rufen, nach Aufnahme eines keltiſchen Reiſes die Vorge⸗ 
ſchichte des Lohengrinepos zu bilden. Die untergeſchobene 
Braut begegnet in der Berthaſage, welche, vielleicht deutſcher 
Herkunft, von einem Spielmann Adenet le roi mannigfach 
umgebildet, in franzoͤſiſche Verſe gebracht wurde. Das 
Baͤrenſohnmaͤrchen ſcheint die Grundlage der Chanson de 
geste von Huon von Bordeaur zu ſein, und der Droſſelbart⸗ 
typus erſcheint in der verlorenen franzoͤſiſchen Quelle der 
ſkandinaviſchen Clarusſaga. Wenn germaniſche Märchen in 
der Hauptſache Verwendung in den Chansons de geste 
fanden, ſo beruht die um ein Jahrhundert ſpaͤter einſetzende 
hoͤfiſche Epik im weſentlichen auf keltiſch⸗bretoniſcher 
Grundlage. Doch ſteht der ritterliche Dichter dem Maͤrchen 
ſchon nicht mehr fo naiv gegenüber wie der jougleor. Chrötien 
von Troyes, der bedeutendſte Vertreter hoͤfiſcher Dichtungs⸗ 
art, bietet in der Hauptſache Gedankendichtung, ihm ſchwebte 
zuerſt der Leitgedanke vor, zu deſſen Illuſtration er ſeinen 
Stoff zurechtmachte. Zuſammenhaͤngende Maͤrchen bieten 
dieſe Epen nicht, nur Motive und Formeln, und dieſe ſtammen 
weniger aus dem Volksmaͤrchen, als vielmehr aus der kel⸗ 
tiſchen Heldenſage. Beſonders die Cuchullinſage iſt es, die, 
wie beſonders Brown und Ehrismann nachgewieſen haben, 
auf die Romane aus dem Kreis der „matiere de Bretagne“ 
eingewirkt hat. Zwei Hauptmotive ſind den meiſten Artus⸗ 


IV 


epen gemeinſam: eine Fee lockt den Helden zu ſich, entweder 
um ſeine Liebe zu genießen oder um ſeine Unterſtuͤtzung 
gegen aͤußere Feinde zu erlangen: das eine iſt der reine Stoff 
der geſtoͤrten Mahrtenehe, das andere deſſen heldenſagen⸗ 
maͤßige Umformung. Hierher gehoͤrt Laudine im Iwein. 
Das zweite Motiv zeigt den Helden auf ſeinem Weg in die 
Unterwelt, wo er im Kampf mit einem daͤmoniſchen Waͤchter 
eine Jungfrau befreit: das iſt der Stoff des Baͤrenſohn⸗ 
maͤrchens. So befreit Lanzelot die Ginover, Gawain die 
gefangenen Frauen aus dem Chastel marveil, Im Triſtan 
begegnet der Maͤrchenzug von der goldhaarigen Jungfrau, 
der Parcival zeigt Anklaͤnge an Maͤrchen von der Unterwelts⸗ 
fahrt eines Dummlings, waͤhrend die Graalſage wahrſchein⸗ 
lich auf das Maͤrchen von der unablaͤſſig mahlenden Wunſch⸗ 
muͤhle zuruͤckgeht. Die Kundryepiſode gehoͤrt zu einem 
keltiſchen Maͤrchenkreis, der von Maynadier bis auf Chaucer 
herab verfolgt wurde, und die Lehren des Gurnemanz ſind 
denen des ſterbenden Vaters in dem von uns wieder⸗ 
gegebenen bretoniſchen Maͤrchen verwandt. Auch der Erek 
und der Cligés zeigen Zuͤge von Maͤrchen. 

Mehr noch als in den Artusepen tritt die Reinheit des 
Maͤrchens in den Lais zutage, jenen kurzen Verserzaͤhlungen, 
die Marie de France ſo meiſterhaft in franzoͤſiſche Zunge 
brachte. Unter den Stoffen dieſer bretoniſchen Gedichte tritt 
beſonders der von der geſtoͤrten Mahrtenehe hervor, von der 
ehelichen Gemeinſchaft eines Menſchen mit einem elbiſchen 
Weſen, die durch die Übertretung eines vom letzteren ge⸗ 
ſtellten Verbotes zu einem vorzeitigen Abſchluß gebracht 
wird. Hierher gehören die Novellen von Lanval, Ponec, 
Graelent, Guingamor, vom bel desconnu und von Sir 
Deégarré, während der lai du fraisne zum Typus von der 
untergeſchobenen Braut ſtimmt und der Lai von Eliduc das 
bekannte Motiv vom Schlangenkraut enthaͤlt. Selbſt die 
Troubadours ſind fuͤr den Maͤrchenforſcher nicht ohne Be⸗ 


deutung: Wilhelm von Poitiers uͤberliefert zuerſt den 


Schwankſtoff vom verſtellten Narren. 
V 


** 


Neben germaniſchen und keltiſchen Märchen wurden für 
die Literatur des Mittelalters die durch die Kreuzzuͤge ver⸗ 
mittelten orientaliſchen beſonders wichtig. Hier ſpielte die 
byzantiniſche Kultur die Vermittlerrolle. Spaͤtgriechiſcher 
Dichtung verdankt die im Mittelalter ſo verbreitete Erzaͤhlung 
von einem Liebespaar, das ſich nach langer Trennung und 
endloſen Gefahren endlich doch wiederfindet, ſeine Ent⸗ 
ſtehung, jene Geſchichte, die uns in Aucaſſin und Nicolette, 
dann aber auch in Flore und Blancheflor, in Magelone und, 
legendenhaft umgebogen, im Wilhelm von England Chré⸗ 
tiens entgegentritt. Zum byzantiniſchen Amicus⸗ und 
Ameliusſtoff ſtimmt der Schluß des Maͤrchens vom getreuen 
Johannes, deſſen Eingang zu den Brautwerbungsſagen aus 
dem juͤdiſch⸗byzantiniſchen Salomokreiſe gehoͤrt: hier duͤrfte 
Entſtehung des Maͤrchens aus der Literatur vorliegen. Der 
Parthonopier des Denis Pyramus, deſſen Ausdehnung in 
der Weltliteratur der der „matière de Bretagne“ kaum nach⸗ 
ſteht, iſt der mileſiſchen Fabel von Amor und Pſyche nahe 
verwandt. Das Maͤrchen vom Meiſterdieb, das ſich bis zu 
Herodot hinauf verfolgen laͤßt, hatte im Mittelalter eine große 
Verbreitung und entſprach zumal dem franzoͤſiſchen Ge⸗ 
ſchmack, der aus den germaniſchen diebiſchen Zwergen die 
mannigfach nuancierte Klaſſe der „Larrons“ ſchuf, jener 
kleinen und behenden Spitzbuben, deren Prototyp der 
Maugis d' Aigremont iſt. Dieſes Märchen zieht ſich in viel⸗ 
fachen Abarten durch die geſamte Literatur des Mittelalters: 
die bekannteſte Verſion iſt die im Mittelniederlaͤndiſchen be⸗ 
wahrte, aber auf franzoͤſiſche Quelle zuruͤckgehende von 
Karl und Elegaſt, der Pferdediebſtahl des Meiſterdiebes be⸗ 
gegnet im Elie de St. Gilles und faſt gleichzeitig beim Eng⸗ 
laͤnder Walter Map, der verwandte Scherz vom nuͤſſe⸗ 
knackenden Dieb auf dem Kirchhof bildet die Grundlage des 
Fabliaus Eſtula, waͤhrend das Fabliau von Barat und 
Haimet die Streiche der Gauner in luſtigſter Verwirrung be⸗ 
ſchreibt. Nahe zum Meiſterdiebſtoff gehört endlich das 
Fabliau von Trubert, deſſen Stoff in modernen franzoͤ⸗ 


VI 


ſiſchen Sammlungen noch mehrfach begegnet. Das orienta⸗ 
liſche Maͤrchen vom goldenen Vogel liegt der verlorenen 
Quelle des mittelniederlaͤndiſchen Walewijnromans zugrunde. 

Aber von weiter her noch als von den Ufern des Bosporus 
und von den Schloͤſſern der Kalifen ſtroͤmte der Maͤrchen⸗ 


ſtrom herein: das ferne Indien öffnete die Tore feiner un⸗ 


ergruͤndlichen Schatzkammern und uͤberſchwemmte das 
Abendland und namentlich Frankreich mit ſeinen Stoffen, 
die bald in maͤrchenhafter Pracht ſchwelgen und in wilder 
Haͤufung des Phantaſtiſchen die Wunder einander uͤber⸗ 
treffen und uͤbertrumpfen laſſen, bald mit bitterer Ironie 
die menſchlichen Schwaͤchen und mit Vorliebe die Unbeſtaͤn⸗ 


digkeit der Weiber geißeln. Freilich läßt ſich nur eine ganz 


geringe Anzahl der ſogenannten Fabliaur, jener kurzen 
Reimſchwaͤnke, die das Dreieck: Gatte — Frau — Liebhaber 
von allen erdenklichen Seiten beleuchten (wodurch dann 


allerdings oft Dinge ans Licht kommen, die beſſer verborgen 


geblieben waͤren) — nur eine kleine Anzahl dieſer Stoffe 
laͤßt ſich in denjenigen orientaliſchen Sammlungen, die dem 


Mittelalter bekannt waren — der disciplina clericalis, dem 


Dolopathos, dem directorium humanae vitae und dem 
Barlaam und Joſaphat — nachweiſen; viele dieſer Kleinig⸗ 
keiten ſind gewiß auch in Europa und ſpeziell in Frankreich 
ſelbſt entſtanden. Dieſe Reimſchwaͤnke, deren Verfaſſer, die 
uͤbrigens nur in den ſeltenſten Faͤllen mit ihren Namen hervor⸗ 
treten, aus dem Stand der fahrenden Kleriker und der Be⸗ 
rufsſpielleute ſtammen, ſind nicht nur wegen der Verbreitung 
ihrer Stoffe wichtig, ſondern ſie ſind auch eine Fundgrube 
fuͤr den Kulturhiſtoriker. Sie lehren uns, woruͤber das Frank⸗ 
reich des 13. Jahrhunderts gelacht hat. „Bald leichtſinnig 
und derb, bald feinſinnig und bald zyniſch, uͤber allzu un⸗ 
bedeutenden Anlaß lachend, immer ſpoͤttiſch, ſelten ſatiriſch, 
ſo iſt das Fablel ein wichtiger Zeuge fuͤr die niederen Triebe 


der galloromaniſchen Raſſe.“ So definiert Bedier, der be⸗ 


deutendſte Erforſcher dieſer Gattung, die Fabliaur. Die 
Schwaͤnke des Mittelalters lebten nicht nur in Proſa auf⸗ 


VII 


gelöft in den unzähligen Schwankſammlungen der ſpaͤteren 
Jahrhunderte fort, ſondern ſie werden auch noch in der 
Gegenwart mit Behagen erzaͤhlt. 

Nicht nur in Versform, auch in Proſa fanden dieſe leichten 
Stoffe Eingang in die Literatur des Mittelalters, hier be⸗ 
ſonders in Form der Predigtmaͤrlein. Die Illuſtration 
moraliſcher Lehren durch Geſchichten novellenhafter Art geht 
in ihrem Gebrauch ſchon auf den Stifter des Chriſtentums 
zuruͤck. Die Homilien Gregors des Großen machen zuerſt 
ausgiebigen Gebrauch von dieſen Erzaͤhlungen, die auf einen 
populären Hoͤrerkreis zugeſchnitten find. Ein wichtiges Er⸗ 
ziehungsmittel werden ſie in den Haͤnden der Franziskaner 
und Dominikaner, der eigentlichen ordines praedicatorum. 
Dieſem Orden gehoͤrte der große franzoͤſiſche Prediger 
Etienne von Bourbon an, der in ſeinem „liber de septum 
donis spiritus sancti“ ein Kompendium dieſer Exempla für 
den Gebrauch der Prediger gab, in den meiſten Faͤllen ab⸗ 
haͤngig von ſeinem großen Vorgaͤnger Jakob von Vitry, 
welcher uͤber 200 Fabeln, Schwaͤnke und Anekdoten in ſeine 
„Sermones vulgares“ einſchob. Eine weitere Sammlung 
von Exemplis mit Nutzanwendungen in anglonormanniſcher 
Sprache gab im 14. Jahrhundert der engliſche Franziskaner 
Nikolaus Bozon. Weiterhin waͤre die „Summa virtutum 
ac vitium“ des Wilhelm Peraldus und die „Fleurs des 
commandemens de Dieu“ zu erwähnen. Das „Speculum 
exemplorum“, das wahrſcheinlich in Belgien entſtand, wurde 
noch im 17. Jahrhundert von einem Jeſuiten aus Douai, 
Johannes Major, bearbeitet. Zu dieſen Sammlungen ge⸗ 
hoͤrt auch das beruͤhmteſte Maͤrchenbuch des Mittelalters, die 
Gesta Romanorum, deſſen Urſprungsland nach den neueften 
Forſchungen das von franzoͤſiſchem Einfluſſe abhaͤngige 
England iſt. Aus dem 14. Jahrhundert ragt die Sammlung 
„Scala caeli“ hervor, die den Dominikanermoͤnch Johann 
Junior Gobii aus Alais in Suͤdfrankreich zum Verfaſſer hat. 
Die „Scala caeli“ wird beſonders dadurch wichtig, daß ſie 
zum erſten Male auch eigentliche Zaubermaͤrchen fuͤr 


VIII 


Predigtzwecke verwertet. Das Märchen vom dankbaren 
Toten, das wir aus dieſem Werk bringen, begegnet übrigens 
auch in einer Reihe von epiſchen Werken des franzoͤſiſchen 
Mittelalters: dem Her vis de Metz, dem Richars li biaus und 
dem Lion de Bourges. 

Wir duͤrfen den Boden des Mittelalters nicht verlaſſen, 
ohne auch des Tiermaͤrchens zu gedenken, das im franzoͤſiſchen 
„Roman de Renart“ feine klaſſiſche Verwertung fand. Die 
Quellen des mittelalterlichen Tierepos ſind mannigfacher 
Art, nicht nur die antike Fabel und das indiſche Pantſcha⸗ 
tandra, ſondern auch die nordgermaniſchen und finniſchen 
Voͤlker, die den Baͤren in den Mittelpunkt einer Tierfabel⸗ 
kette ſtellten, tragen das ihrige zur Ausbildung dieſer Dicht⸗ 
gattung bei. 

Der Hochbluͤte mittelalterlicher Dichtkunſt, die in Frank⸗ 
reich in die letzten Jahrzehnte des 12. und den Beginn des 
13. Jahrhunderts faͤllt, folgte eine Erſchlaffung, die auf 
unſerem Gebiet durch das Zuruͤcktreten der Zaubermaͤrchen 
und das Überhandnehmen der Schwankſtoffe charakteriſiert 
wird: im 14. und 15. Jahrhundert wurde in Italien die 
Novelle geboren, und ſie drang alsbald nach Frankreich: noch 
dem 15. Jahrhundert gehört die Sammlung der „cent nou- 
velles nouvelles an. Das 15. Jahrhundert iſt bemerkens⸗ 
wert durch die Proſaaufloͤſung der alten Versepen, die 
nunmehr durch Aufnahme maͤrchenhafter Wanderſtoffe im 
proſaiſchen Gewande anſchwellen. Der „Perceforest“, dem 
im uͤbrigen kein Versroman zugrunde liegt, bietet uns die 
ältefte Verſion des Dornroͤschenmaͤrchens, der „Zauberer 
Virgilius“ nahm das orientaliſche Märchen vom Geiſt in 
der Flaſche auf, und der „Ogier“ bereicherte ſic um ein 
Mahrtenehemaͤrchen. 

Gleichzeitig mit dem Proſaroman bluͤhte das Dam das 
neben der heiligen Geſchichte (in den Myſtsres) auch Stoffe 
ſchwank⸗ und maͤrchenhafter Art in den Farcen und Morali⸗ 
taͤten pflegte. So begegnet in einer Farce des Euſtache 
Deschamps (f 1415) jener ſchlaue Betrüger Trubert wieder, 


IX 


der uns oben in Zuſammenhang mit dem Meiſterdiebmaͤrchen 
beſchaͤftigte. 

Das 16. Jahrhundert zeigt die Voͤlker des Abendlandes in 
der Bluͤte ihrer erſten Mannesjahre: es war eine Zeit, die 
ſich ſtuͤrmiſch von liebgewordenen Jugendtraͤumen losriß, die 
wild von Tat zu Tat eilte, in der jeder Tag einen Markſtein 
in der Geſchichte bedeutet. Das chriſtliche Jenſeitsideal konnte 
dem immer reicher werdenden Erdenleben nicht mehr Ge⸗ 
nuͤge tun, das Jahrhundert wandte ſeinen Sinn auf das 
Irdiſche, ein Beſtreben, das es der Antike naͤher fuͤhrte, die 
nun ihre glaͤnzende Auferſtehung feierte. Aber neben antiker 
Formenpracht, neben religioͤſer Erneuerung lebte die gotiſche 
Barbarei fort. Es war ein Jahrhundert der Gegenſaͤtze. 
Waͤhrend de Baff die „Elektra“ uͤberſetzte, waͤhrend Calvin 
ſeine „Institutiones“ ſchrieb, verſammelte ſich der franzoͤſiſche 
Hof in Lyon und betrachtete mit Stielglaͤſern, wie Monte⸗ 
cucculi, der des Giftmordes am Dauphin bezichtigt war, von 
vier Pferden auseinandergeriſſen wurde, und die Hoͤflinge 
ſchloſſen Wetten ab, welches Glied der Gewalt der aufge⸗ 
peitſchten Roſſe am laͤngſten Widerſtand leiſten wuͤrde. Nur 
Margaretha von Ungoul&me, die feinfühlige Dichterin, ver⸗ 
barg ihr Haupt an der Schulter ihres koͤniglichen Bruders. 
Die Hinwendung zum Realen und die Ausbildung des In⸗ 
dividuellen konnte dem Maͤrchen keinen Vorſchub leiſten: das 
16. Jahrhundert ſetzte die Entwicklung vom Zaubermaͤrchen 
zum Schwank in verſchaͤrftem Tempo fort: die ungeſtuͤme 
Lebenskraft der Zeit aͤußert ſich im Schwank und in der 
derben Faſchingspoſſe, man nimmt das Menſchliche menſch⸗ 
lich. Es iſt das Jahrhundert des Frangois Rabelais. Sein 
„Gargantua“ (1532) iſt nichts anderes als eine gigantiſche 
Verzerrung des Maͤrchens vom ſtarken Hans, ein Maͤrchen⸗ 
typus, der auf die Jugendgeſchichte des germaniſchen Sieg⸗ 
fried ſowohl wie des finniſchen Kullervo eingewirkt hatte, 
der aber in Frankreich durch die Tätigkeit der Spielleute, die 
im Rainouart des Karlszyklus ein Vorbild des Rabelaisſchen 
Helden ſchufen, und nicht ohne Einwirkung des keltiſchen 


X 


Hanges zur Groteske jene Form erreichte, die das Märchen 
noch heute im Volksmund feſthaͤlt: eine Vergroͤberung und 
Verſpottung des altgermaniſchen Rieſentypus. 

Neben Rabelais verſchwinden die Autoren von Schwank⸗ 
ſammlungen, die dem von den Fabliaur und der italieni⸗ 
ſchen Novelle gewieſenen Wege folgten. 1521 wurden die 
Gesta Romanorum unter dem Titel „Violier des histoires 
romaines“ durch Jehan de la Garde in Paris gedruckt. 1535 
eröffnete Philipp von Vigneuilles mit feinem noch unge⸗ 
druckten „Recueil“ den Reigen der Nachahmer Boccaccios, 
Poggios, Sacchettis und Maſuccios, kurz darauf folgt 
Nicolaus v. Troyes „Parangon“ (1535) und Bonaventura 
Desperiers mit ſeinen „Joyeus devis“. Der große Nachahmer 
Lucians, der feinen Kampf gegen das Chriſtentum 1544 frei: 
willig beendete, um den Verfolgungen der Inquiſition zu 
entgehen, ſchenkte der Mitwelt hier das Kind ſeiner heitereren 
Muſe. Freilich ſind drei Viertel der Sammlung eigene Er⸗ 
findung. Henri Eſtienne, der Hugenott und Helleniſt, miſchte 
in ſeine gegen den Katholizismus gerichtete „Apologie pour 
Heérodote (1566) viele Schwankſtoffe, Noel du Fail er⸗ 
waͤhnt in feinen „Contes d'Eutrapel“ (1565) und in feinen 
„Propos rustiques“ eine große Anzahl von Märchen, wäh: 
rend Margarethe von Navarra in ihrer Boccaccionachahmung 
(Heptameron 1559) die ernſten Stoffe bevorzugte. Sie 
brachte den Ernſt, die Tragik und das Mitleid in die Novelle. 
Verville mit feinem „Moyen de parvenir“ und die „Elite 
des contes des Seigneur d' Ouville — um nur die be⸗ 
kannteſten Namen zu nennen — gehoͤren ſchon dem folgen⸗ 
den Jahrhundert an. 

Mit Rieſenſchritten eilte die franzoͤſiſche Kultur ihrem 
Kulminationspunkte zu. Der Hof Ludwigs XIV. wurde der 
Sammelplatz der Kuͤnſte und Wiſſenſchaften der Welt. In 
goldbeſtuckten Spiegelſaͤlen beugten ſich betreßte Hoͤflinge, 
geiſtreiche Frauen plauderten in ihren Salons uͤber Descartes, 
die Sprache, bald geheimnisvoll fluͤſternd, bald pathetiſch 
rollend, verſchmaͤhte die Ausdruͤcke des Poͤbels und floh das 


8 


Alltaͤgliche, während von den Gobelins die geftidten Helden 
der Antike auf die im Winde flatternden Allongeperuͤcken 
herabſchauten: die Welt Molisres, Corneilles und Racines 
taucht auf. Die Komoͤdie ſuchte ihre Stoffe in Spanien und 
Italien, die Tragoͤdie folgte den Spuren des Euripides, alle 
Laͤnder und Zeiten trugen zur Verherrlichung des groͤßten 
Repraͤſentanten des Abſolutismus bei. Da mußte auch das 
Märchen feinen Tribut zahlen: der große Molisre hielt das 
apulejiſche Rokokogeſchichtchen von Amor und Pſyche für 
gut genug zu einem Hofſpektakel (1672) und Lafontaine, 
der ihm den Stoff dazu geliefert hatte, ließ ſein zyniſch⸗ 
epikuraͤiſches Weltbild in den Stoffen der Fabliaur und der 
Tiermaͤrchen widerſtrahlen. Lafontaine ſchoͤpfte feine „Nou- 
velles en vers“ zumeiſt aus Boccaccio und Arioſt, manche 
decken ſich mit den Fabliaur, andere gehen bis auf die Antike 
zuruͤck. Sein beruͤhmteſtes Werk, die „Fables“ (1668 —78), 
gehen den Weg Aſops. Viele davon haben Parallelen in 
noch heute erzaͤhlten Tiermaͤrchen. Lafontaine hatte eine 
faſt romantiſche Vorliebe fuͤr die Maͤrchen, man kennt ſeine 
berühmte Stelle: „Si, Peau d’äne‘ m'étoit conté, j'y pren- 
drois un plaisir extreme“ (Fables VIII 4), dennoch ſchoͤpfte 
er kaum je aus dem Volksmund unmittelbar. 

Je hoͤher die Ziviliſation der Menſchheit ſteigt, deſto 
weniger naiv ſteht ſie dem Maͤrchen gegenuͤber, es wird vom 
Selbſtzweck zum Mittel zum Zweck, es ſteigt aus der abend⸗ 
lichen Spinnſtube in das Kinderzimmer. In dieſem Jahr⸗ 
hundert, das eine gleichmaͤßige Ausbildung aller menſchlichen 
Faͤhigkeiten erſtrebte — wobei es freilich die wichtigſten, die 
des Herzens und der Phantaſie, vergaß —, erfüllte das Mär: 
chen eine aͤhnliche Funktion wie in den Exempeln der 
Dominikaner: es ſollte moraliſche Lehren illuſtrieren, oder 
eher umgekehrt: es bekam ein moraliſches Schwaͤnzchen an⸗ 
gehängt. 1697 erſchienen die „Contes de ma mère P’oye“ von 
Charles Perrault. Aber Perrault war kein Romantiker. 
Noch fünf Jahre zuvor hatte er geſagt: „Les fables milé- 
siennes sont si puériles, que o’est leur faire assez d’honneur 


XII 


que de leur opposer nos contes de Peau d’äne et de la mère 
Poye.“ Perrault lebt in der Literaturgeſchichte als der geiſt⸗ 
und wortreiche Vorkaͤmpfer des Fortſchritts im Kampfe gegen 
Boileaus antikiſierende Irrgaͤnge, und die Maͤrchen, die ſein 
Sohn auf ſeine Veranlaſſung niederſchrieb, erſchienen im 
gleichen Jahre, in welchem fein Lebenswerk, die „Paralleles 
des anciens et modernes“ abgeſchloſſen wurde. Das Maͤr⸗ 
chen war nur eine Erholung fuͤr ſeine Mußeſtunden und er 
blickte, wie ſeine ganze Zeit, mit einer gewiſſen Verachtung 
auf dieſe Jugendverirrungen der Menſchheit herab, die erſt 
durch den Anhang einer Nutzanwendung Exiſtenzberechti⸗ 
gung erhalten konnten. 

Nicht anders wie Perrault ſtellte ſich die Graͤfin Aulnoy 
zu den Märchen, die fie bearbeitete. Keine ihrer Erzählungen 
iſt eine getreue Wiedergabe aus dem Volksmunde, ſondern 
ſie nahm die Motive, wo ſie ſie gerade fand, und ſetzte ſie 
mit dem ihrer Zeit eigenen Geſchmack zu jenen gefälligen, 
drolligen und etwas moraltriefenden Geſchichtchen zuſam⸗ 
men, die einen ſo ungeheuren Einfluß ausuͤbten und zum 
Geſamtbild des Rokoko gehoͤren wie die Bilder Watteaus und 
die Dramen Marivaux'. Den Ausſchlag gab die Überſetzung 
aus Tauſendundeinenacht, die Galland im Jahre 1709 
brachte. Die Nachahmungen ſchoſſen derart aus dem Boden, 
daß die Sammlung all dieſer Erzaͤhlungen im „Cabinet des 
fees“, die zu Ende des 18. Jahrhunderts veranſtaltet wurde, 
nicht weniger als 41 ſtattliche Baͤnde fuͤllen konnte. Dieſe 
Feengeſchichten, die zumeiſt von Frauen geſchrieben ſind 
(Graͤfin Murat, Gräfin d'Auneuil, Graͤfin Hamilton, Mlle. 
de la Force u. a.), und die ſo zierlich und zerbrechlich ſind 
wie ein Rokokofiguͤrchen, uͤbten nicht nur auf die ſchreibende 
Mitwelt — man denke an die orientaliſchen Erzählungen 
Voltaires — einen tiefgehenden Einfluß aus, ſondern ſie 
zogen auch das lebende Maͤrchen in ihren Bann, das ſich im 
Volksmund nach ſeinem literariſchen Vorbild umgeſtaltete. 
So erſcheint das Maͤrchen vom dankbaren Toten, das im 
Jahre 1725 von Mme. de Gomez unter dem Titel „Jean de 


XIII 


Calais“ bearbeitet wurde, in den meiſten franzoͤſiſchen Fafs 
ſungen der Gegenwart abhaͤngig von dieſem literariſchen 
Vorbild. Das germaniſche Märchen von Rumpelſtilzchen 
wurde von Mme. l'Heéritier 1705 als „Ricdin-Ricdon“ mo: 
derniſiert, und dieſe Umformung verdraͤngte im Volksmund 
in ſtarkem Maße die alte Form. Das Maͤrchen von „La belle 
et la böte“ wurde 1740 von Mme. de Villeneuve erzählt und 
erlangte eine ſolche Verbreitung, daß die Wiſſenſchaft die 
außerordentlich verbreiteten volksmaͤßigen Varianten dieſer 
Kunſtnovelle auf dieſe letztere als auf ihre Quelle zuruͤck⸗ 
fuͤhren zu ſollen glaubte. Die meiſten Kunſtmaͤrchen dieſer 
Zeit freilich ſind leere Phantaſien: „Gemiſche aus ſogenann⸗ 
ten orientaliſchen Zauberweſen und modern ſchaͤferiſchen 
Liebesgeſchichten“, ſo charakteriſieren ſie die Bruͤder Grimm. 
Die „Féeries nouvelles“ des Grafen Caylus und die anony⸗ 
men „Nouveaux contes de fées“ aus dem Jahre 1718 ver⸗ 
dienen noch hervorgehoben zu werden. Die „Contes bleues“ 
wurden durch die eindringende Welle der engliſchen Literatur⸗ 
mode hinweggeflutet, ſie wurden geſammelt, und Samm⸗ 
lungen beweiſen ſtets, daß das lebendige Intereſſe an dem 
darin geſammelten Objekt im Erloͤſchen iſt. 

Die Romantik bezeichnet den Eintritt der abendlaͤndiſchen 
Welt ins Greiſenalter; und wie ſich das Alter gern mit einer 
gewiſſen ſehnſuͤchtigen Wehmut vergangener Zeiten erinnert, 
ſo lebte jetzt die Anteilnahme an den Schoͤpfungen des Volks⸗ 
geiſtes neu auf. Man betrachtete die Maͤrchen mit ehrfuͤrch⸗ 
tiger Scheu als Produktionen der dichtenden Volksſeele und 
ſah in ihnen einen Abglanz der mythiſchen Vorſtellungen der 
germaniſchen Voͤlker, wodurch das Bemuͤhen gezeitigt wurde, 
dieſe einfältigen Kinder des Volkes fo naturgetreu wie moͤg⸗ 
lich nachzuzeichnen. Frankreich, das ſich von den Anſtren⸗ 
gungen der Revolution und der napoleoniſchen Kriege er⸗ 
holen mußte, erblickte in der Romantik eine willkommene 
Reaktion gegen die Überſpannung der Jahrhundertwende 
und nahm die von Deutſchland hereindringende Stroͤmung 
willig auf. Waͤhrend das Drama ſich einerſeits bemuͤhte, das 


XIV 


hiſtoriſche Kolorit treu zu wahren, während Victor Hugo im 
Zeitalter Franz I. den geeigneten Boden fuͤr die Verwirk⸗ 
lichung ſeines Kunſtideals von der Vermiſchung des Sublimen 
und Grotesken erblickte, ſo fand andererſeits der Meſſias der 
Romantik, Shakeſpeare, in Alfred de Muſſet ſeinen Apoſtel, 
der in ſeinen Maͤrchendramen die Zeitloſigkeit und ſonnen⸗ 
ſtrahlenhafte Zartheit der Maͤrchengebilde am beſten traf, 
und der in ſeiner „Barberine“ nicht ohne Grund dasſelbe 
Zymbelinemaͤrchen verwertete wie ſein großes Vorbild in 
der Geſchichte von Imogen. Auf dem Gebiete der Novelle 
waͤre vor allem Nodier zu nennen, der 1842 gemeinſam mit 
Leroux de Lincy die „Bibliotheque bleue“ wieder aufleben 
ließ. 

Die wiſſenſchaftliche Beſchaͤftigung mit den Märchen, die 
durch die Bruͤder Grimm fuͤr ganz Europa angeregt wurde, 
fand in Frankreich erſt ſpaͤt Nachahmer. Erſt im Jahre 1845 
erſchien, wenn man von der kleinen Sammlung Pluquets 
aus Bayeux von 1832 abſehen will, die Sammlung nor⸗ 
manniſcher Sagen von Amelie Bosquet, die freilich weniger 
dem Maͤrchen dient, und im gleichen Jahre veroͤffentlichte 
Souveſtre den erſten Band ſeiner „Foyers bretons“, ein 
allzu individuell gefaͤrbtes Werk, das fuͤr die Forſchung nahe⸗ 
zu wertlos iſt. Von den ſechziger Jahren an bemuͤhte ſich 
eine ganze Anzahl von Sammlern, die Schaͤtze, die Frank⸗ 
reich noch birgt, unter Dach zu bringen. Vor allem iſt Paul 
Ssbillot, der Schoͤpfer und das Haupt der franzoͤſiſchen Volks⸗ 
kunde, zu nennen, der nicht nur weit uͤber feine hochbretoni⸗ 
ſche Heimat hinaus als zuverlaͤſſiger und unermuͤdlicher 
Sammler tätig war, ſondern auch in feinem Lebenswerk, 
dem „Folklore de France“ (1904-07), das geſammelte 
Material zu einem Kompendium der franzoͤſiſchen Volks⸗ 
kunde verarbeitete. Paul Söbillot iſt der Herausgeber der 


wichtigſten volkskundlichen Zeitſchrift Frankreichs, der „Re- 


vue des traditions populaires“ (ſeit 1886). Die meiſte Aus⸗ 
beute bot die Bretagne, der die Werke von Luzel, Orain, 
Mme. de Cerny u. a. angehoͤren. Weiter waͤren zu nennen 


XV 


die Sammlertaͤtigkeit Blades für die Gascogne, Pineaus für 
Poitou, Lamberts fuͤr Languedoc, Carnoys fuͤr die Somme⸗ 
gegend und nicht den geringſten zuletzt: Cosquins, deſſen 
treffliche Anmerkungen zu ſeinen lothringiſchen Maͤrchen eine 
der elementarſten Grundlagen fuͤr die geſamte Maͤrchen⸗ 
forſchung darſtellen und die hauptſaͤchlich eine Bruͤcke vom 
Orient zum modernen Okzident zu ſchlagen ſich bemuͤhen. 

Es war hohe Zeit, die Schaͤtze zu bergen, denn auf die 
Romantik folgte das Maſchinenzeitalter, jene Epoche, in wel⸗ 
cher die Menſchheit in wahnſinniger Überhebung die Natur 
zu beherrſchen glaubte, bis die Technik ihren Haͤnden ent⸗ 
glitt, eigenes Leben gewann und in wilder Raſerei den Bau 
der Jahrhunderte zertruͤmmerte. 


XVI 


| Aus Älteren Quellen 
VVonitttelalter bis zum Ausgang des Rokoko) 


Zwoͤlftes und dreizehntes Jahrhundert 


1. Wie Galopin fuͤr Elias von St. Gilles das 
Wunderpferd Primſaus von Aragon ſtahl 

Rp las von St. Gilles ritt, vom Fluche feines Vaters ge⸗ 

troffen, in die Welt. Nach mannigfachen Abenteuern 

uͤberraſchte er einſt in Spanien vier Raͤuber beim 
Mahl; drei davon erſchlug er, den vierten, Namens Galopin, 
einen ſchlauen und behenden Burſchen, nahm er als Diener 
an. Und bald bedurfte er ſeiner, denn bei einem Überfall der 
Sarazenen wurde Elias verwundet. Galopin ſchleppte ſeinen 
Herrn in einen Weingarten und hier erblickte ihn Roſamunde, 
die Tochter des Heidenkoͤnigs Macabre. Sie pflegte den 
Wunden und heilte ihn mit kraͤftigen Traͤnken. 

Ein ſarazeniſcher Koͤnig, Lubien von Baudas, warb um 
die Jungfrau und drohte, falls ſie ihm verweigert wuͤrde, 
ihren Vater mit Krieg zu uͤberziehen. Schon hatte ſein Heer 
Macabres Burg im Halbkreiſe umſchloſſen, doch niemand 
wagte es, den gewaltigen Heiden zu bekaͤmpfen. Da erbot 
ſich Roſamunde ſelbſt, einen Kaͤmpfer gegen den ungeliebten 
Werber zu ſtellen, und ſie bat Elias um den Ritterdienſt. „O, 
Herrin,“ ſagte Elias, „wie ſollte ich einer Frau dienen, die 
nicht an meinen Gott glaubt! Aber um deſſentwillen, was 
Ihr an mir getan habt, als ich krank und verwundet dalag, 
will ich Eurer Bitte willfahren. Gebt mir Roß und Waffen, 
ſo will ich hinausgehen und meinen Leib gegen Euren Freier 
zum Pfande ſetzen. Bei Gott, ich weiß meine Lanze zu 
fuͤhren, und kein Heide in Spanien, der Euch beleidigt hat, 
ſoll ſich des Sieges ruͤhmen, wenn wir auseinandergehen.“ 
„Herr, ſagte die Jungfrau, „Ihr macht mich froh. Um 
Euretwillen werde ich Mohammed verlaſſen und mit Euch 
nach Frankreich gehen. Aber vor einem huͤtet Euch, wenn 
Ihr mit dem Emir kaͤmpfen wollt. Der Schurke beſitzt ein 
Streitroß, wie es in Frankreich keines gibt: es heißt Prim⸗ 


1* 


3 


ſaus von Aragon, Oriande war feine Mutter. Wenn in der 
Schlacht das Gedraͤnge groß iſt, dann ſpringt es mit allen 
vier Beinen auf und ſchreit und ſchlaͤgt mit den Fuͤßen um 
ſich und toͤtet jeden, den es trifft. Jeden, der es beim Zuͤgel 
nimmt, wirft es zu Boden, er muͤßte denn trefflich zu tur⸗ 
nieren verſtehen.“ Nr 

Als Galopin dieſes Lob hörte, ſprang er auf und trat zu 
ſeinem Herrn: „Edler Graf,“ ſagte er, „was zaudert Ihr 
noch? Bittet die Jungfrau, daß ſie Euch Waffen gibt. Ehe 
nach Mitternacht der erſte Hahn kraͤht, werde ich Euch das 
Streitroß verſchaffen, allen Heiden zum Trotz!“ Galopin be⸗ 
kleidete ſich mit ſeinem Mantel — er maß nur drei Fuß — 
und band fc) hundert Denare um. 

Er war ein Spitzbube und kannte fein Handwerk. er 
ſchlich ſich durch die Hintertuͤr und durchwatete den Bach, 
der am Schloſſe vorbeiſtroͤmte; dann eilte er durch den 
Weingarten und durchmaß das feindliche Lager, bis er 
zum Zelte des Emirs gelangte. „Der große Mohammed, 
der die Welt regiert,“ rief er Lubien zu, der vor ſeinem 
Zelte ſaß, „erhalte den Kaiſer und alle, die ihm dienen.“ 
„Freund,“ antwortete der Emir argwoͤhniſch, „er ſegne 
auch dich. Doch ſage mir, wer biſt du und aus welchem 
Lande ſtammſt du?“ Galopin, der Schlaue, entgegnete 
ihm: „Herr, von jenſeits des Meeres komme ich. Noch 
geſtern abend bei der Veſper war ich ein reicher Kauf⸗ 
mann, ich fuͤhrte ein Schiff, wie noch kein Menſch eines ſah, 
voll Gold und Silber, Seidenſtoff und Tuch; zwanzig Streit⸗ 
roſſe waren darauf und zwanzig ſchoͤne Maultiere, die ſandte 
Euch der Herr meines Landes, denn er ehrt Euch ſehr. 
Macabre hat mir alles weggenommen, meine Leute hat er 
mir getoͤtet und mich ſelbſt ins Meer geworfen. Nun komme 
ich zu Euch, o Koͤnig, daß Ihr mir mein Recht verſchafft.“ 
Als der Koͤnig das hoͤrte, geriet er außer ſich, er richtete ſich 
auf und legte die Hand an den Kopf: „Zu ſeinem Ungluͤck 
hat das der Schurke erdacht, bei meinem Barte! Ihr werdet 
Eure Schiffe und Eure Habe wiederbekommen und vom 


4 


Seinigen noch fuͤnfzehnmal ſoviel dazu, ehe der Krieg 
endet.“ „Herr,“ ſagte der Spitzbube, „an den Waren liegt 
mir nicht viel, denn ich verſtehe es wohl, mir neue zu er⸗ 
werben; aber die Roſſe bekuͤmmern mich, denn eines war 
darunter, das ſehr ruͤhmenswert war: ein praͤchtiger arme⸗ 


niſcher Grauſchimmel mit ſchmalem Kopf und offenem, ſtol⸗ 


zem Auge. Kleine Ohren hatte er und zartes Haar, lang⸗ 
beinig war er und ſchnellfuͤßig. Nie war ein beſſerer Streit⸗ 
hengſt im Kampf. Wenn er im Schlachtgetuͤmmel einen 
Ritter am Boden liegen ſah, ſo trat er ihn mit Fuͤßen, bis 
er zerſtampft war.“ „Schweig, du Schuft,“ rief der Emir, 
„ich habe hundert Roſſe, die mehr zu ſchaͤtzen ſind. Ich gaͤbe 
ſie nicht um tauſend Pfund lauteren Goldes her. Wenn du 
alle Pferde Frankreichs zuſammenbraͤchteſt, ich möchte fie 
nicht gegen eines meiner Roſſe vertauſchen. Aber gleich ſollſt 
du es ſehen.“ „Herr, ſagte der ſchlaue Galopin, „warum 
ſollte ich es ſehen? Ich verſtehe nichts von Pferden. Wenn 
ich eines ſchnell laufen ſehe, ſo halte ich es fuͤr einen guten 
Traber. Lieber waͤre es mir, Ihr gaͤbet mir ein wenig zu 
eſſen. Lange trieb ich auf dem Meere und der ganze Koͤrper 
iſt mir durchnaͤßt.“ „Bei meinem Haupte,“ rief der Emir, 
„du biſt ein Eſel“, und ſtieß aus Zorn das Schachbrett um. 
Galopin konnte es kaum erwarten, daß er das Roß zu ſehen 
bekaͤme. „Herr,“ lenkte er ein, „zuͤrnt mir nicht. Wenn Ihr 
es wuͤnſcht, fo will ich es gern anſchauen.“ Das Wunderpferd 
ſtand in einem wohl mit Stahl verankerten Geruͤſte, deſſen 
geringſten Pfeiler kein Saumtier haͤtte tragen koͤnnen. Mit 
drei goldenen Ketten war es um den Hals gefeſſelt und vier 
Paar Spannſtricke hielten ihm die Fuͤße zuſammen, uͤber der 
Haut mit Filz gepolſtert. Futter und Hafer hatte es genug 
vor ſich und es trank aus einem Gefaͤße, das mit Gold ein⸗ 
gelegt war. Waſſer lief vor ihm in einem Kanale und drei 
Kerzen brannten im Raum. Dreißig Waͤchter mußten das 
Roß behuͤten, und wenn fuͤnfzehn ſchliefen, mußten die an⸗ 
deren fuͤnfzehn wachen. Keiner haͤtte ſich ſchlafend ertappen 
laſſen duͤrfen: er waͤre geblendet und des Landes verwieſen 


5 


worden. Lubien nahm den Vorhang weg: das Tier hatte 
eine zarte Flanke und war an Kopf und Fuͤßen weiß ge⸗ 
zeichnet. Dann fragte er den Spitzbuben: „War das deinige 
ſo koſtbar?“ — „Nein,“ ſagte dieſer, „ich will es Euch nicht 
verhehlen: nie ſah ich ein ſo ſchoͤnes Roß und auch nie eines 
ſo wohl verwahrt.“ Dabei aber murmelte er zwiſchen den 
Zaͤhnen, daß ihn keiner hoͤrte: „So gut wird es doch nicht 
bewacht ſein, daß ich es nicht ſtehlen kann. Herr Elias, wenn 
Ihr dieſes Roß habt, fo könnt Ihr Euch ruͤhmen, daß im wei⸗ 
ten Frankreich kein Ritter je auf einem ſolchen ſaß. Aber 
es iſt gut verwahrt. Bei der Seele meines Vaters, lieber 
waͤre es mir, wenn es draußen an einem Baume angebunden 
wäre.” 

Von nun an hatte Galopin keine Ruhe mehr, und feine 
Gedanken waren ſtets bei dem Roſſe. Die Waͤchter ſetzten 
ſich zum Mahl, dann gingen ſie ſchlafen, da ſie an nichts 
Boͤſes dachten und auf den kleinen Spitzbuben wenig achte⸗ 
ten. Die andere Haͤlfte wachte beim Roß. Galopin trat an 
das Geruͤſt, ſtuͤtzte ſich auf das Geländer und betrachtete das 
Tier. „Heilige Jungfrau Maria,“ betete er, „verſchaff' mir 
das Pferd, aber ſo, daß es mich weder tritt noch verwundet.“ 
Das Tier erſchrak vor ſeinem Atem und ſprang mit allen 
Vieren zugleich. Die Waͤchter griffen zu ihren Waffen und 
ſuchten den Raum wohl ſiebenundzwanzigmal ab. Galopin 
ſtand im Schatten, und ſie bemerkten ihn nicht, obwohl ſie 
ihn faſt beruͤhrten. Kein Wunder, daß der Dieb in Furcht 
geriet. 

Da die Waͤchter nichts fanden, ſetzten ſie ſich zum 
Schachſpiel, und der eine ſagte zum andern: „Was hat das 
Tier gehabt?“ — „Bei meinem Kopf,“ ſagte der Oberſte, 
„es iſt zu fett und ruht zu viel, beim kleinſten Anlaß er⸗ 
ſchrickt es.“ Galopin hatte ein Zauberkraut in der Taſche, 
das zog er nun hervor und rieb es, ſo daß der ſtarke Geruch 
hervordrang. Er warf es durch die beiden Gitter hindurch, 
und die Waͤchter ſchliefen von dem ſtarken Dufte ein. Nun 
war das Pferd unbewacht. „Bei Gott,“ frohlockte der Dieb, 


6 


„ihr ſeid mattgeſetzt. Der Emir wäre ein Dummkopf, wenn 
er euch nicht ſaͤmtlich haͤngen laſſen würde.” Dann nahm er 
das Geruͤſt bei den Gittern und riß es um. Er trat zu dem 
Pferde, ſtreichelte ihm die Seiten und gedachte es fort⸗ 
zufuͤhren. Doch das Roß kannte ihn nicht, es faßte ihn mit 
den Zaͤhnen, ſtieß ihn zu Boden, hob ihn dann wieder in die 
Hoͤhe und ſchleuderte ihn fuͤnfzehn Fuß weit davon. Er 
rannte gegen einen Pfahl, daß er faſt die Beſinnung verlor, 
und rief Gott an, er moͤge ihn um Elias willen nicht ver⸗ 
laſſen. Als er furchtſam vorwaͤrtskroch, fand er einen Pruͤgel, 
den er beim dicken Ende packte. Dreißig Schlaͤge gab er dem 
Tier auf die Flanken, bis es ruhig ward und fein Übermut 
verflog. „Halt die Fuͤße ſtill,“ rief er, „es waͤre Torheit, 
wenn du dich bewegteſt.“ Nun legte er dem Roß den Sattel 
auf, warf ihm den Zaum uͤber den Kopf und ſchlug die 
Ketten herab. 

Galopin beſtieg den verhaͤngnisvollen Gaul, aber er 
konnte nicht reiten und ſtellte ſich wie ein Tor. Beim 
erſten Schritt des Tieres lag er unten und haͤtte ſich faſt 
Rippen und Arme zerbrochen. Er ſchwur, nie wieder hinauf⸗ 
klettern zu wollen, und fuͤhrte das Roß hinter ſich her; ſo 
ſchnell ſchritt er, daß es ihm kaum folgen konnte. Das Pferd 
ſah, daß er ein kleiner Knirps war, und hatte wenig Reſpekt 
vor ihm, es warf den rechten Fuß vor und ſtieß ihn zu Boden. 
Diesmal blieb er unbeſchaͤdigt, ſprang leichtfuͤßig wieder auf 
und packte das Tier nun beim Leibgurt. Nie haͤtte der kleine 
Spitzbube das gute Roß geſtohlen, wenn es ſich beſſer ge⸗ 


wehrt hätte. Doch er nahm einen ellenlangen Stock und gab 


ihm elf Schlaͤge auf die feiſten Flanken, bis es ruhig ſtand 
und ihm der Leib zitterte wie ein Lorbeerblatt. „Sicher“, 
ſagte Galopin, „iſt Gewalt oft nuͤtzlich. Ruͤhr dich nicht oder 
du mußt es buͤßen.“ Dann band er dem Tier einen Strick 
um den Hals und fuͤhrte es ſo, daß es ihn nicht mehr treten 
konnte. Er zitterte, als er am Zelte des Emirs vorbeimußte, 
aber zu ſeinem Gluͤck fand er ihn ſchlafend in dem koſtbaren 
Pavillon. Dann uͤberquerte er den Bach und gelangte in 


7 


den goldbemalten Raum, wo Elias ſchlief. Ehe der Ritter 
erwachte, war das Roß, das er ſo heiß begehrt hatte, ſein. 
Als Elias es erblickte, wurde er froh geſtimmt, ſtreckte die 
beiden Haͤnde zum Himmel auf und rief: „Hei, Vater im 
Himmel, dir ſei gedankt!“ 


| 2. Huͤon von Bordeaux | 
arl der Große hielt zu Pfingften Hof in Paris, denn 
R. wuͤnſchte wegen ſeines hohen Alters noch bei Leb⸗ 
Leiten ſein Reich auf einen Nachfolger zu uͤbertragen. 
Er ſchlug ſeinen Sohn Karlot als Nachfolger vor, und die 
Barone erklaͤrten ſich einverſtanden. Der Verraͤter Amauri 
ſtellte das Fernbleiben der Brüder Huͤon und Gerard als Un⸗ 
botmaͤßigkeit dar und erbot ſich, fie zur Aburteilung an den Hof 
zu bringen, dabei machte er mit Karlot aus, daß ſich dieſer in 
einen Hinterhalt legen ſollte. So geſchah es, und im Kampfe 
wurde Karlot von Huͤon erſchlagen. Amauri beſchuldigte nun 
Huͤon des wiſſentlichen Mordes am Koͤnigsſohn; zwar ent⸗ 
ſchied ein Zweikampf zugunſten Huͤons, doch Karl wollte 
dieſem fein Erbe nicht eher zuruͤckgeben, bis er nach Babylon 
gehe, den erſten, der ihm am Hofe begegnete, erſchlage, die 
Tochter des Emirs dreimal kuͤſſe und Bart und Zaͤhne des 
Emirs ſelber mitbringe. Huͤon trat ſelbzwoͤlft die Reife an, 
und der buͤßende Ritter Jéröme ſchloß ſich ihnen unterwegs 
an und zeigte ihnen den Weg. | 
So gelangten fie in Oberons Zauberwald. Ermuͤdet 
ſtreckte ſich Huͤon unter einer Eiche zur Ruhe: „Bei Gott,“ 
ſagte er, „ich kann nicht mehr. Ich kann vor Hunger nicht 
mehr weiter reiten.“ „Schlecht verſteht Ihr zu faſten,“ 
ſpottete Jéröme, „eßt doch von dieſen Wurzeln. Ich habe 
ſeit dreißig Jahren keine andere Nahrung gehabt.“ „Das 
bin ich nicht gewohnt“, meinte Huͤon. Während fie fo redeten, 
kam ein kleiner Mann durch den gruͤnen Wald gegangen; der 
war ſo ſchoͤn wie die Sonne am Sommertag; ein Mantel 
aus Seide, mit goldenen Baͤndern verziert, umhuͤllte ihn. 


8 


Einen Bogen trug er in der Hand, der ihm ſtets Wildbret 
verſchaffte; ein Horn aus reinem Elfenbein hing ihm um 
den Hals, welches Feen auf einer Inſel im Meer gefertigt 
hatten. Die eine hatte ihm dieſe Gabe verliehen: wer das 
Horn ertoͤnen hoͤrte, der wuͤrde auf der Stelle geſund, und 
waͤre er auch dem Tode nahe. Die zweite Fee hatte hinzu⸗ 
gefuͤgt: wer das Horn hoͤrte, deſſen Hunger und Durſt wuͤrde 
alſogleich geſtillt. Ein jeder, hatte die dritte beſtimmt, muͤſſe 
zu ſingen anfangen, wenn er den Ton des Hornes hoͤrte, 
und druͤcke ihn die Sorge noch ſo ſchwer. Die vierte endlich 
gab ihm dieſe Kraft: wenn das Horn ertoͤnte, in welchem 
Lande es auch ſei, Oberon muͤſſe den Ton vernehmen in 
Monmur, feiner Stadt. Der kleine Mann blies auf dem 
Horn, und die Ritter begannen ſogleich zu ſingen. „Mein 
Gott,“ rief Huͤon, „wer will uns beſuchen? Ich ſpuͤre keinen 
Hunger mehr noch Schmerz.“ „Um Gottes willen, Herr,“ 
ſagte Seröme, „es iſt der bucklige Zwerg. Redet ihn nicht an, 
wenn Euch Euer Leben lieb iſt.“ Der kleine Bucklige rief 
ihnen mit lauter Stimme zu: „Ihr Maͤnner, die ihr meinen 
Wald durchquert, ſeid mir gegruͤßt beim Herrn der Welt! 
Ich beſchwoͤre euch bei Gottes Majeſtaͤt, bei Ol und Chryſam, 
bei der Taufe heiligem Salze, bei allem, was Gott geſchaffen 
hat, beſchwoͤre ich euch, daß ihr meinen Gruß erwidert.“ 
Die Ritter aber wandten ſich zur Flucht zum großen Miß⸗ 
vergnuͤgen des Zwerges, der mit einem Finger ſein Horn 
beruͤhrte, worauf ein gewaltiges Unwetter entſtand. Ein 
reißender Strom hemmte Huͤons und ſeiner Gefaͤhrten 
Flucht. „Es iſt der boͤſe Zwerg, der das verurſacht“, beruhigte 
fie Jeröme, aber nur ſchwer erholten fie ſich von ihrem 
Schrecken und ſetzten in Unruhe ihren Weg fort. Schon 
glaubten ſie dem Zwerg entgangen zu ſein, da ſtand er ploͤtz⸗ 
lich auf einer ſchmalen Bruͤcke vor ihnen. „Da iſt der Teufel 
ſchon wieder“, ſchrie Huͤon. „Knabe, entgegnete Oberon, 
der es wohl gehoͤrt hatte, „nie war ich Teufel oder boͤſer Geiſt. 
Ich bin ein Menſch aus Fleiſch und Blut wie du, und ich 
komme nochmals, im Namen Gottes und durch die Macht, die 


9 


er mir gab, euch zu beſchwoͤren, daß ihr mir Rede ſteht.“ 
„Ums Himmels willen, flieht!“ rief Jeröme, dann ſpornte er 
ſein Roß, und ſeine Gefaͤhrten folgten ihm im Galopp. Ein 
drittes Mal ſtellte ſich der Zwerg ihnen entgegen und ver⸗ 
ſprach ihnen ſeine Hilfe bei der gefahrvollen Fahrt, wenn ſie 
ſich entſchließen wollten, ihn anzureden. „Seid uns will⸗ 
kommen, Herr!“ ſagte Huͤon. „Gott lohne es dir!“ entgegnete 
Oberon. „Huͤon, teurer Bruder, nie wurde ein Gruß beſſer 
gelohnt, als es der deinige werden ſoll.“ „Herr,“ ſagte 
Huͤon, „warum verfolgt Ihr mich?“ „Ich liebe dich“, 
erwiderte Oberon, „mehr als irgendeinen anderen Menſchen, 
um deiner Lauterkeit willen liebe ich dich. Du weißt noch 
nicht, wem du begegnet biſt, jo höre: Julius Zaͤſar erzeugte 
mich, und die Fee Morgana gebar mich als ihren einzigen 
Sohn. Große Freude herrſchte bei meiner Geburt, und mein 
Vater entbot alle ſeine Barone, und alle Feen kamen, meine 
Mutter aufzuſuchen. Eine von ihnen, welche unzufrieden war, 
verwuͤnſchte mich zu einem buckligen Zwerg, der ich jetzt zu 
meinem Schmerze bin; ſeit meinem dritten Lebensjahre bin 
ich nicht mehr gewachſen. Sie wollte ihr Wort nicht zuruͤck⸗ 
nehmen, aber um deſſen Wirkung abzuſchwaͤchen, gab ſie 
mir die groͤßte Schoͤnheit naͤchſt Gott. Eine zweite Fee gab 
mir ein noch koſtbareres Geſchenk: ſie erlaubte mir, die Her⸗ 
zen der Menſchen und ihre geheimſten Gedanken zu erkennen. 
Einer dritten Fee verdanke ich die beſte Gabe: es gibt kein 
Land, in das ich mich nicht durch meinen Wunſch allein ſo⸗ 
gleich verfuͤgen kann. Begehre ich ein Schloß, ſo ſteht es vor 
mir, ich habe Speiſe, wann es mir beliebt, und zu trinken, 
wann ich es fordere. In Monmur bin ich geboren, wohl 
vierhundert Meilen weit von hier, und dennoch bin ich ſchneller 
dort, als ein Roß ein Tagwerk Landes durchmißt. Aber du 
haſt noch nicht alles erfahren, was ich den Feen verdanke. 
Wiſſe alſo, daß es keinen Vogel gibt, keinen Eber, keine wilde 
Beſtie, und ſei ſie auch noch ſo blutgierig, die ſich nicht willig 
zu meinen Fuͤßen legte auf ein Zeichen meiner Hand. End⸗ 
lich weiß ich alle Geheimniſſe des Paradieſes und höre dort 


10 


me 


oben die Chöre der Engel. Nie in meinem Leben werde ich 
altern, und wenn ich zu ſterben wuͤnſche, ſo iſt mir an Gottes 
Seite mein Platz bereitet.“ Und um ſeine Macht zu zeigen, 
zauberte Oberon im Nu eine ſpeiſenbedeckte Tafel hervor. 
Nach dem Mahl wollten die Reiſenden aufbrechen, aber 
Oberon ſagte: „Huͤon, bleib' noch ein wenig, zuerſt will ich 
dir einige von meinen Kleinodien geben.“ Dann ergriff er 
mit beiden Haͤnden einen Becher. „Huͤon,“ hub er an, „be⸗ 
trachte dieſen Becher, damit kannſt du die große Macht, die 
Gott mir gab, erproben. Du ſiehſt, dieſer goldene Becher iſt 
leer. Nun, ich will ihn nach meinem Willen fuͤllen.“ Bei 
dieſen Worten ſtrich er dreimal mit der Hand um das Gefaͤß, 
machte das Zeichen des Kreuzes Darüber, und fogleich füllte 
ſich der Becher mit lauterem Wein. „Fuͤr alle Lebenden 
und fuͤr alle Toten, wenn fie zur Welt zuruͤckkommen würden, 
liefert dieſer Becher genuͤgend Wein,“ ſagte Oberon, „und 
das iſt ſeine Zauberkraft, doch enthüllt ſich dieſe nur in den 
Haͤnden eines reinen Menſchen, denn niemand kann aus ihm 
trinken, deſſen Herz nicht ſuͤndenlos iſt. Sobald ein Boͤſewicht 
den Becher beruͤhrt, verſchwindet ſeine Kraft. Vermagſt du 
daraus zu trinken, ſo iſt er dein.“ Huͤon brachte den Becher 
an ſeine Lippen, und dieſer blieb voll, und er trank daraus 
in langen Zuͤgen. Oberon zog ihn voll Freude an ſeine Bruſt 
und gab ihm das koſtbare Gefaͤß. „Aber trage wohl Sorge,“ 
ſagte er, „deine Lauterkeit zu wahren, nur unter dieſer Be⸗ 
dingung helfe ich dir. Sobald du nur eine Luͤge redeſt, ver⸗ 
liert der Becher ſeine Kraft und du meine Freundſchaft.“ 
„Herr,“ ſagte Huͤon, „ich gedenke mich wohl zu huͤten, und 
Gott vergelte Euch Eure Gabe. Aber nun laßt mich ziehen.“ 
„Noch warte ein wenig,“ ſagte Oberon, „denn hier habe 
ich ein Horn aus lauterem Elfenbein, und da ich dich als einen 
Edelmann ohne Suͤnde und Fehl habe kennen lernen, ſo will 
ich es dir ſchenken. Wenn du dieſes Horn ertoͤnen laͤſſeſt, und 
waͤrſt du auch noch ſo weit entfernt, ſo hoͤre ich es in Monmur, 
meiner Stadt, und dann werde ich dir mit hundert Bewaff⸗ 
neten zur Seite ſtehen, denn gegen jedermann will ich dir 


11 


im Kampfe helfen. Aber Hüte dich, ohne Grund in das Horn 
zu ſtoßen, ſonſt gerätft du in Not.“ „Herr,“ ſagte Huͤon, 
„ich gedenke mich wohl zu hüten. Aber nun laßt mich ziehen.“ 
„Geht, Huͤon, und Gott befohlen.“ 

Auf der Weiterreiſe kehrte Huͤon in Dunoſtre ein, tötete mit 
Oberons Hilfe den rieſenhaften Herrn des Landes, dem 
auch der Emir von Babylon untertaͤnig war, und raubte ſei⸗ 
nen Ring. Sodann uͤberſchritt er das Rote Meer und naͤherte 
ſich allein, denn ſeine Begleiter hatte er in Dunoſtre zuruͤck⸗ 
gelaſſen, der Stadt Babylon. An einem Feſte des heiligen 
Johannes hielt dort der Emir ſeinen Hof. Kein Menſch 
konnte das Volk zaͤhlen, das dort zuſammenſtroͤmte, man ſah 
Vogelſteller und Roffetummler, Arbeiter und Schachſpieler, 
ſolche, die ſich mit Jungfrauen ergoͤtzten, und ſolche, die ſich 
im Sommertag ergingen. Huͤon gelangte zur erſten Bruͤcke 
und rief den Torwacht an: „Laß mich ein!“ Jener entgeg⸗ 
nete: „Gern, aber zuvor ſage mir, in welchem Lande du ge⸗ 
boren biſt. Biſt du ein Franke, ſo ſollſt du um einen Kopf 
kuͤrzer gemacht werden; biſt du aber ein Sarazene, ſo wird 
die Bruͤcke vor dir niederfallen.“ Nun handelte Huͤon ſehr 
toͤricht. Vor der Menge der Heiden hatte er feines Ringes 
ganz vergeſſen, und er erinnerte ſich auch nicht des Gebotes, 
das Oberon ihm gegeben hatte. Er antwortete allzu vor⸗ 
eilig: „Ja, ich bin ein Sarazene.“ Da hatte er gelogen, und 
Oberon wußte es und zog ſeine Freundſchaft von ihm. Ver⸗ 
mittels dieſer Unwahrheit gelangte er uͤber die Bruͤcke, aber 
vor der zweiten fiel ihm der Befehl des Elfenkoͤnigs ein, 
er dachte an ſeine Verfehlung und geriet vor Schmerz faſt 
außer ſich. Beim Gekreuzigten ſchwur er, nie in ſeinem Leben 
wolle er wieder luͤgen. Ganz niedergeſchlagen kam er zur 
zweiten Bruͤcke und rief mit lauter Stimme: „Offne, Huren⸗ 
fohn, oder der Blitz ſoll dich zerſchmettern!“ Der Torwacht 
ſagte: „Aus welchem Lande ſtammſt du und wie haſt du die 
erſte Bruͤcke paſſiert?“ „Bei Gott, ſagte Huͤon, „du ſollſt 
es wiſſen.“ Er nahm den Ring des Rieſen von der Hand 
und rief dem Wächter zu: „Schau, welches Zeichen ich dir 


12 


weiſe!“ Der Wächter erblickte den Ring, erkannte ihn wohl 
und beeilte ſich, die Bruͤcke herabzulaſſen. „Sei mir will⸗ 
kommen, Juͤngling,“ rief er, „was macht mein Herr, der 
ſtolze Orgileus?“ Huͤon wuͤrdigte ihn keiner Antwort, er 
wagte nicht zu reden, aus Furcht, die Unwahrheit zu ſagen. 

Durch die naͤmliche Liſt gelangte er uͤber die dritte und 
vierte Bruͤcke und trat nun in den Garten des Emirs Gaudiſe, 
in welchem alle Arten von Baͤumen, die Gott geſchaffen hat, 
gruͤnten. Dort ſtroͤmte eine Quelle, die vom Paradieſe kam 
und deren Waſſer dem hinfaͤlligſten Greiſe ſeine Jugend 
wiedergab und der ausſchweifendſten Frau ihre Jungfrau⸗ 


ſchaft. Eine Schlange huͤtete die Quelle und brachte jedem 


Boͤſewicht, der ſich ihr naͤherte, den Tod. Huͤon trat un⸗ 
gehindert heran, trank aus der Quelle und wuſch ſich die 
Haͤnde und vergaß faſt ſeinen Auftrag. Nur wenn er an 
Oberon dachte, zitterte er. Wird der Zwerg noch einmal 
kommen, um ihm zu helfen? Er wollte ſich deſſen vergewiſ⸗ 
ſern und ſtieß in ſein Horn, aber umſonſt: niemand ließ ſich 
blicken. Der Emir ſaß gerade beim Mahl, die, welche ihm 
den klaren Wein eingoſſen, begannen beim Klange des Hor⸗ 
nes zu ſingen, und er ſelber fing zu tanzen an. „Ihr Barone,“ 
ſagte er, „hoͤrt, der dort im Garten blaͤſt, iſt gekommen, uns 
zu verzaubern. Ich befehle euch, daß ihr euch bewaffnet, 
ſobald er ſein Blaſen aufgehoͤrt hat. Wenn er entkommt, ſind 
wir alle beſchimpft.“ Als Huͤon merkte, daß niemand kam, 
legte er ſein Horn beiſeite und weinte. Dann ſchritt er die 
Stufen zum Schloß hinauf, in den Panzer gehuͤllt, mit ge⸗ 
ſchloſſenem Viſier und das blanke Schwert in der Fauſt. 
Ein Großer des Reiches ſtand am Tiſch und ſuchte die Auf⸗ 
merkſamkeit der ſchoͤnen Emirstochter Esclarmonde, die er 
heiraten ſollte, zu erwecken, er war ein reicher Mann von 
edler Abſtammung. Huͤon naͤherte ſich, ſchwang ſein Schwert 
und ſchlug dem Heiden den Kopf ab, ſo daß dieſer auf die 
Tafel rollte. „Ein guter Anfang,“ ſagte er zu ſich ſelber, 
„um dieſes bin ich bei Karl entlaſtet.“ Der Emir wurde mit 
Blut beſpritzt und ſchrie: „Barone, faßt mir dieſen Schurken; 


13 


wenn er entkommt, find wir alle beſchimpft.“ Alle Sarazenen 
ſtuͤrzten ſich auf Huͤon, der ſich nach Kraͤften verteidigte. Er 
nahm den Ring, den er am Finger trug, und warf ihn auf 
den Tiſch: „Herr,“ ſagte er, „da ſeht! Um dieſes Zeichens 
willen tut mir kein Leid an!“ Der Emir erkannte den Ring 
und befahl, Huͤon zu ſchonen. Nun trat dieſer auf die Tochter 
des Emirs zu und kuͤßte ſie dreimal, um ſein Wort einzuloͤſen. 
Esclarmonde erbleichte, als ſie ſeinen Atem ſpuͤrte. Leiſe 
ſprachſſie zu ihrer Magd: „Weißt du, warum ich erbleiche?“ 
„Nein, bei Gott!“ „Sein ſuͤßer Hauch hat mir das Herz 
erfuͤllt; wenn ich ihn heute nacht nicht an meiner Seite habe, 
komme ich von Sinnen.“ Hüon trat auf den Emir zu und 
meldete ihm den Auftrag Karls: er erſuchte ihn, die Taufe 
anzunehmen, dem Frankenkaiſer zu huldigen und ihm den 
Tribut zu ſchicken, den er verlangte. Der Emir rief: „Dein 
Herr iſt toll, das alles kuͤmmert mich keinen Pfifferling. 
Wenn er mir ſein ganzes Erbe gaͤbe, ich wuͤrde nicht von 
meinem weißen Barte laſſen und von meinen vier Backen⸗ 
zaͤhnen. Fuͤnfzehn Boten hat er mir ſchon hierhergeſandt, 
keinen einzigen hat er zuruͤckkehren ſehen, alle habe ich er⸗ 
wuͤrgen und einpoͤkeln laſſen. Und, bei Mahommed, du 
ſollſt der ſechzehnte ſein. Nur des Ringes wegen wagten wir 
dich nicht anzutaſten. So ſage mir, mit welches Teufels 
Hilfe du als Franke in den Beſitz dieſes Ringes gekommen 
biſt?“ Huͤon wagte nicht zu luͤgen, da er Oberons Zorn 
fuͤrchtete: „Herr Emir,“ ſagte er ſtolz, „ſo wahr Gott mir 
helfe, ich will es Euch ſagen. Ich habe Euren Herrn getoͤtet 
und zerſtuͤckelt.“ Der Emir ſtieß einen Wutſchrei aus: „Ba⸗ 
rone,“ rief er, „wollt ihr ihn laufen laſſen? Wenn er ent⸗ 
kommt, ſind wir alle beſchimpft.“ Die Heiden hoͤrten es und 
griffen Huͤon von allen Seiten an. Nach verzweifelter Gegen⸗ 
wehr entglitt ihm ſein Schwert, er wurde zu Boden ge⸗ 
worfen, ſein Horn, ſein Becher und ſeine Ruͤſtung wurden 
ihm genommen, und der Emir befragte ſeine Barone, wel⸗ 
Tod er erleiden ſolle. „Gehaͤngt ſoll er werden!“ riefen ſie. 
Aber der weiſe Ratgeber des Emirs wußte etwas anderes: 


14 


„Heute tft Johannistag,“ fagte er, „da kannſt du kein Urteil 
fällen, wenn du nicht gegen das Geſetz verſtoßen willſt. Man 
muß dieſen jungen Mann ins Gefaͤngnis werfen und ihn 
ein Jahr lang darin laſſen. Im naͤchſten Jahre ſollſt du ihn 
am gleichen Tage befreien und ihm auf offenem Felde einen 
Kaͤmpfer gegenuͤberſtellen. Beſiegt er dieſen, ſo ſollſt du ihn 
in Frieden ziehen laſſen; wird er aber beſiegt, ſo laͤßt du ihn 
hängen.” „Wenn das der Brauch meiner Ahnen war,“ 
entgegnete der Emir, „ſo will ich ihn nicht außer acht laſſen.“ 
Huͤon wurde ins Gefaͤngnis geworfen, aber nicht lange ſollte 
er darin ſchmachten. Esclarmonde, die ſich auf den erſten 
Blick in ihn verliebt hatte, ließ ihn frei. Der Emir wurde 
getötet und ſeines Bartes und feiner Zähne beraubt; dann 
ergriffen beide die Flucht und gelangten nach vielen weiteren 
Abenteuern, bei denen der verſoͤhnte Oberon wieder Hilfe 
leiſtete, nach Frankreich, wo Huͤon Land und Lehen zuruͤck⸗ 


erhielt. 
II. rone folgend, um die ungarische Koͤnigstochter Bertha 
mit den großen Fuͤßen. Das ungariſche Koͤnigspaar 
nahm die Werbung an und ſandte die Jungfrau in der Be⸗ 
gleitung ihrer alten Amme Margiſte, deren Tochter Aliſte und 
ihres Hofmeiſters Tybert an den Hof des Frankenherrſchers. 
An einem ſchoͤnen Auguſttage fand in Paris die Hochzeit ſtatt, 
und mancher maͤchtige Fuͤrſt diente dem jungen Paare beim 
Mahle. Dann raͤumte man die Schuͤſſeln fort, und drei 
Spielleute zeigten ihre Kuͤnſte. Als dieſe ihr Spiel beendet 
hatten, erhob ſich der Koͤnig und die allgemeine Luſtbarkeit 
begann. Fuͤrſten und Barone umringten die junge Koͤnigin 
und fuͤhrten ſie auf ihr Zimmer. Aber Margiſte hatte in 
ihrem Herzen einen verraͤteriſchen Plan gefaßt: fie kniete 
vor der Koͤnigin nieder und fluͤſterte ihr ins Ohr: „Herrin, 
es ſchmerzt mich bei Gott, daß ich es ſagen muß, aber geſtern 


3. Bertha mit den großen Füßen 
oͤnig Pippin von Franken warb, dem Rate ſeiner Ba⸗ 


15 


bat mir ein Freund berichtet, daß feit Anbeginn der Zeiten 
fein Menfch fo zu fürchten war, wie der König Pippin es 
fein wird, wenn er bei Euch liegt. Ich fürchte ſehr, daß er 
Euch toͤtet, wenn er heute nacht ſein Gattenrecht an Euch 
ausuͤbt.“ Als Bertha ſolches hoͤrte, begann ſie faſt ſinnlos 
vor Angſt zu weinen. „Herrin,“ fagte die alte Hexe, „be⸗ 
kuͤmmert Euch nicht, denn ich will Euch retten. Wenn die 
Biſchoͤfe und Abte von der Einſegnung des koͤniglichen Bettes 
zuruͤckgekehrt ſind, werde ich Eure Kammer raͤumen laſſen. 
Dann werde ich Aliſte, meine Tochter, geſchwind entkleiden 
und an Eurer Statt ins Bett legen. Ich habe ſchon mit ihr 
daruͤber geredet und ſie hat ihre Einwilligung dazu ge⸗ 
geben. Denn ich will lieber, daß ſie umkomme, als daß Ihr 
Schaden nehmet.“ Auf dieſe Worte hin umarmte Bertha 
die Alte und dankte Gott und allen Heiligen. Die boͤſe 
Kammerfrau aber wandte ſich von ihr und ging durch den 
koͤniglichen Garten zum Fluſſe, wo ſie ihre Tochter an einem 
Steinfenſter lehnend fand. Dieſe glich Bertha, wie das Bild 
eines guten Malers dem Originale gleicht. Keine Frau 
konnte ſich mit ihnen an Schoͤnheit meſſen, ſowenig wie eine 
duͤrre Heide mit einer blumigen Wieſe. Die Alte umarmte 
ihre Tochter und kuͤßte ſie auf die Stirn, dann verabredeten 
ſie heimlich, wie ſie Bertha verraten koͤnnten. „Tochter,“ 
ſagte die Alte, „ich liebe dich, darum ſollſt du Koͤnigin wer⸗ 
den, wenn es Gott und dem heiligen Petrus gefällt.” 
„Mutter,“ entgegnete Aliſte, „Gott erhoͤre Euer Gebet. 
Schickt nach Tybert, er ſoll uns ſeinen Rat erteilen. Befehlt 
ihm, daß er hierher kommt unter dem Vorwande, er habe 
geſtern Almoſen fuͤr mich ausgeteilt.“ Die Alte, die zum 
Boͤſen ſtets bereit war, lief ſchnell wie ein Windhund davon. 
Tybert kam eilends herbei und fand Gefallen an dem Plan. 
Alle drei beratſchlagten eifrig, wie ſie ihrer Herrin Bertha 
das Frankenreich wegſtehlen moͤchten. „Tochter, ſagte 
Margiſte, „zu einem guten Sprung gehoͤrt ein weiter An⸗ 
lauf: du wirſt ein wenig dabei leiden muͤſſen. Heute nacht 
ſoll Bertha in meiner Kammer ſchlafen; wenn es tagt, ſo 


16 


werde ich fie zu Euch ſchicken, gleichſam als folle fie ihren 
Platz beim Koͤnige einnehmen. Dann mußt du dir ein Meſſer 
in den Schenkel ſtoßen, ſo tief, daß das helle Blut hervor⸗ 
ſpritzt. Darauf ſchreiſt du um Hilfe und tuſt, als ob ſie dich 
habe ermorden wollen; ich werde nun in die Kammer treten 
und ſie feſſeln laſſen. Das uͤbrige laßt mich nur machen.“ 
„Mutter, ſagte die Magd, „es geſchehe, wie es dir gefällt.’ 

Als es Abend wurde, begaben ſich Biſchoͤfe und Abte in das 
Schlafgemach, um das Lager zu ſegnen. Dann hieß die Alte 
alles Volk hinausgehen und die Kerzen loͤſchen. Ihre Tochter 
legte ſie ins Bett Koͤnig Pippins und ſteckte das Meſſer, mit 
dem ſie den Verrat begehen ſollte, in das Bettgeſtell. Die 
alte Here lachte haͤmiſch, dann begab ſie ſich in ihre Kammer 
und ſagte zu Bertha: „Herrin, voll Schmerz und Unmut 
verlaſſe ich meine Tochter. Es iſt unbeſchreiblich, was wir 
fuͤr Euch getan haben.“ „Gott lohne Euch dafuͤr, Frau!“ 
Dann hieß die Alte ſie ſchlafen gehen und ſagte ihr, bei 
Tagesanbruch muͤſſe ſie ſich ankleiden und ſich leiſe neben 
den Koͤnig ſchleichen. Die ahnungsloſe Bertha ſagte dieſes 
ganz ruhig zu, ſie wolle in nichts dem Willen ihrer Amme 
zuwiderhandeln. Darauf ſprach ſie ihre Gebete im Bette 
ſitzend, denn ſie war wohl gebildet und konnte ſogar ſchreiben. 
Indeſſen tat der Koͤnig an der Magd ſeinen Willen und er⸗ 
zeugte mit ihr einen Erben, der voll Falſchheit und Tuͤcke 
war. 

Als es Tag wurde, rief die Alte den Verraͤter Tybert, der 
mit Freuden herbeikam. Bertha erwachte und begab ſich 
leiſe, wie die Alte ihr aufgetragen hatte, in das Schlafgemach 
des Koͤnigs. Sie trat zu der Magd, die im geſchmuͤckten 
Brautbett lag. Die Magd bemerkte ſie, und ohne Zaudern 
ergriff ſie das Meſſer, ſchwang es und verſetzte ſich ſelbſt 
einen ſolchen Stich hinten in den Schenkel, daß das helle 
Blut herausſpritzte. Dann hielt ſie ihr Meſſer Bertha hin 
und dieſe nahm es, ohne ſich etwas Boͤſes dabei zu denken. 
Dann fing die falſche Braut an zu ſchreien: „Ha! Koͤnig 
Pippin, an Eurer Seite will man mich morden!“ Der 


2 Franz. Märchen I. 17 


25 


König erwachte und ſah das blutende Meſſer, welches die 
Koͤnigin in der Hand hielt. Er richtete ſich auf, faſt von Sin⸗ 
nen vor Zorn. Die Alte ſtellte ſich wuͤtend, als ſie ihrer 
Tochter Blut erblickte, und ſchwur, daß die Taͤterin ohne 
Gnade ſterben muͤſſe. „O Koͤnig,“ ſagte das Weib, „laßt ſie 
ſchleunigſt hinrichten. Habt kein Mitleid mit ihr. Nie in 
meinem Leben koͤnnte ich ſie wieder lieben!“ Die alte Hexe 
packte Bertha und ſtieß ſie mit einem gewaltigen Schlag aus 
der Kammer. Bertha ließ alles ruhig uͤber ſich ergehen, 
denn noch glaubte fie, dies alles geſchehe aus Freundſchaft, 
obwohl ihr von dem Schlage die Traͤnen aus den Augen 
ſtroͤmten. Tybert zerrte ſie am Mantel fort, ſo daß derſelbe 
faſt zerriſſen waͤre: „Gott helfe mir,“ ſagte Bertha, „was iſt 
mir begegnet, was haben dieſe Leute im Sinn?“ Die boͤſe 
Alte reichte Tybert ein Band, dann ſchlugen fie Bertha nie⸗ 
der, oͤffneten ihr gewaltſam den Mund wie einem Pferde, 
das man aufzaͤumt, und ſteckten ihr einen Knebel hinein, 
ſo daß ſie um viel Geld kein Wort haͤtte reden koͤnnen. Auch 
die Haͤnde feſſelten ſie ihr, warfen ſie auf ein Bett und brei⸗ 
teten eine Decke uͤber ſie. Die Alte ſaß neben ihr und fluͤſterte 
ihr zu: „Wenn du ſchreiſt, wird dir der Kopf abgeſchnitten.“ 
Bertha war uͤber dieſe Worte ſehr erſchrocken; ſie merkte 
wohl, daß jene ſie verraten hatten und daß ſie in ihr Netz 
gegangen war, und vor Schmerz wurde fie ohnmaͤchtig. 
Margiſte ging nun fort und ließ die Königin in den Händen 
Tyberts. Sie begab ſich in das Gemach des Koͤnigs, und als 
ſie ihre Tochter erblickte, fiel ſie vor ihr auf die Knie: „Gnade, 
Herrin,“ flehte ſie, „um Gottes willen. Wenn Ihr wuͤßtet, 
wie ich meine Tochter zugerichtet habe, wuͤrdet Ihr nicht 
ſagen, daß ich mitſchuldig wäre.” — „Schmeigt, alte Vettel,“ 
ſagte der Koͤnig, „Eure Untreue iſt erwieſen. Ihr wolltet 
insgeheim Bertha, meine Gemahlin, ermorden. Eure Toch⸗ 
ter wird ohne Erbarmen verbrannt.“ „Herr,“ ſagte Aliſte, 
„glaubt nicht, daß dieſe Alte jemals einen Verrat begangen 
haͤtte, es gibt keine tuͤchtigere Frau auf der weiten Welt. 
Aber ihre Tochter hat ſtets fuͤr etwas beſchraͤnkt gegolten und 


18 


gleichſam für irrſinnig. Herr, ich bitte Euch um eine Gnade, 
um die erſte, ſeit ich Euer Weib bin und Krone trage: ich bitte 
Euch bei der Treue, die Ihr mir geſchworen habt, daß dieſe 
Angelegenheit verſchwiegen und verheimlicht werde. Kein 
Menſch ſoll etwas davon erfahren, weil ich doch die Magd 
mitgebracht habe. Laßt vielmehr drei Diener die Magd 
fortbringen, ſie ſollen ſie in ein fernes Land fuͤhren und dort 
eingraben oder erwuͤrgen oder was ſie wollen, jedenfalls 
ſoll ſie ſterben.“ „Herrin,“ ſtimmte die Alte bei, „Euer 
Rat iſt gut. Auch ich wuͤnſchte, ſie wuͤrde enthauptet oder 
ertraͤnkt oder ſonſtwie zum Teufel geſchickt.“ Der König bes 
willigte die Bitte, und die Alte wurde beauftragt, die Sache 
zu Ende zu fuͤhren. Der Koͤnig erhob ſich, denn er wuͤnſchte, 
daß die Angelegenheit ſchnell erledigt werde; er rief drei 
Diener und ſandte fie, ohne ihnen die näheren Umſtaͤnde dar⸗ 


zulegen, zu Margiſte mit dem Auftrage, alles auszuführen, 


was ihnen dieſe befehlen wuͤrde. Die Alte zeigte ihnen das 
Zimmer, wo Bertha lag: „Kommt alsbald wieder, die Sache 


eilt.“ Dann wandte ſie ſich ſeufzend und weinend zum 


Koͤnig: „Nun ruht aus, Herr. Ich verſichere Euch, daß Ihr 


nie wieder von der Dirne ſollt reden hoͤren, ich erkenne ſie 


nicht mehr als meine Tochter an, das ſchwoͤre ich Euch, weil 
ſie meine Herrin ermorden wollte.“ Auch die Magd, ihre 
Tochter, begann zu weinen, und der Koͤnig ſuchte ſie zu 
tröften: „Weinet nicht um die Moͤrderin und laßt fie gehen, 
ſie könnte Euch nochmals töten oder vergiften wollen. Seid 
Ihr ſchwer verwundet, Liebſte? Sagt es mir offen!“ „Nein,“ 
ſagte ſie, „es iſt nicht ſo ſchlimm, nur als ich das Blut ſah, 
erſchrak ich. Ich will Euch die Wunde zeigen, geht und fperrt 
die Türe zu!“ 

Tybert und die Alte luden indeſſen Bertha auf einen alten 
Klepper, und die drei Männer führten fie gleich nach Tages⸗ 
anbruch davon, Tybert begleitete ſie als vierter. Das Weib 
erſuchte Tybert, der ihr Vetter war, er moͤge ihr das Herz 
Berthas zuruͤckbringen, und dieſer verſprach, es nicht zu ver⸗ 
geſſen. Bertha weinte und betete, denn ſie wußte nicht, wo⸗ 


* 19 


7 


hin man fie führte. Fünf Tage lang reiften fie, bis fie in 
einen großen Wald gelangten, es war der von Le Mans. 
Hier machten ſie unter einem Olivenbaum halt: „Ihr Her⸗ 
ren,“ ſagte Tybert, „wir brauchen nicht weiter zu gehen.“ 
Dann ſtiegen ſie von den Roſſen. Einer der drei Begleiter 
hieß Moraut, er war ein tuͤchtiger Ritter. Sie hoben die 
Koͤnigin vom Pferd; es war das erſte Mal, daß ſie ſie mit 
ihren Haͤnden beruͤhrten, denn Tybert hatte niemanden ſich 
ihr naͤhern laſſen. Als ſie ſahen, wie ſchoͤn ſie war, klagten 
fie um fie, aber Tybert, der Schurke, zog fein Schwert und 
ſprach: „Zieht euch zuruͤck, ihr Herren, mit einem Schlage 
werde ich ihr jetzt den Kopf abtrennen.“ Als Bertha das 
Schwert ſah, ſtreckte ſie ihre Arme mit flehender Gebaͤrde 
aus, denn reden konnte fie nicht wegen des Knebels. „Ty⸗ 
bert,“ rief Moraut, „ſchlage nicht zu, denn, beim allmaͤchtigen 
Gott, ich wuͤrde dir Haupt und Glieder abhauen oder nie 
nach Frankreich zuruͤckklehren. Tybert zuͤrnte ſehr, als es ihm 
nicht geſtattet wurde, Bertha zu toͤten. Aber kaum hatte er 
ſein Schwert gezogen, ſo packten ihn die drei Maͤnner von 
der Seite und zwangen ihn auf die Knie. Sie riſſen ihre 
Schwerter heraus, und waͤhrend die beiden andern den 
Schurken Tybert feſthielten, band Moraut mitleidig die 
Koͤnigin los und nahm ihr den Knebel aus dem Munde. 
„Flieht, ſchoͤne Frau, und der Herr geleite Euch!“ Bertha 
eilte in den Wald und dankte Gott, als ſie in Sicherheit war. 
Als Tybert ihre Flucht bemerkte, ſagte er zornig: „Schlecht 
habt ihr gehandelt, ihr Herren; ich werde euch alle haͤngen 
laſſen, wenn wir daheim find.” „Herr, ſagte Moraut, 
„wißt Ihr, was wir tun? Ich rate, daß wir das Herz eines 
Friſchlings mitnehmen und es Frau Margiſte zeigen, auf 
dieſe Weiſe werden wir uns vor Tadel wahren, denn Ihr 
wißt, daß wir verſprochen haben, das Herz jener Frau heim⸗ 
zubringen. Wenn Ihr nicht einverſtanden ſeid, Tybert, ſo 
toͤten wir Euch auf der Stelle.“ „Der Rat iſt gut, ſagte 
Tybert, „da fie entflohen iſt, muͤſſen wir ſehen, uns vor Bor: 
wurf zu wahren.“ 


20 


Sie taten, wie Moraut geraten hatte. Die Alte hatte eine 
große Freude, als ſie ihren Bericht hoͤrte. „Ihr Herren,“ 
ſagte ſie, „ich will euch reich belohnen. Jene war das ſchlech⸗ 
teſte Weib, ſeit die Welt ſteht.“ 

Bertha hatte indeſſen den Wald durchſchritten und ge⸗ 
langte nach mannigfachen Gefahren in das Haus eines bie⸗ 
deren Mannes Namens Simon, der ihr bereitwillig Unter⸗ 
kunft gewährte. Sie ernaͤhrte ſich mit Handarbeiten und blieb 
neun Jahre lang im Hauſe Simons wohnen. Um dieſe Zeit 
brach die Koͤnigin Blancheflur von Ungarn auf, um ihre 
Tochter zu beſuchen. Auf ihrer Reiſe traf ſie einen Bauern 
und befragte ihn uͤber die Koͤnigin, von deren Herrſchaft ſie 
nichts Gutes gehoͤrt hatte. „Frau, erwiderte jener, „ich 
muß mich uͤber Eure Tochter beklagen! Ich hatte ein einziges 
Pferd, mit dem ich fuͤr mich, meine Frau und meine kleinen 
Kinder mein Brot verdiente. Sechzig Groſchen hat es mich 
gekoſtet, und ich brachte auf ihm meine Waren in die Stadt. 
Das hat fie mir wegnehmen laſſen. Gott ſtrafe fie dafuͤr!“ 
Die Königin hatte Mitleid mit dem Bauern und ließ ihm 
hundert Groſchen in die Hand brüden, wofür er ihr dankbar 
den Steigbuͤgel kuͤßte. 

An einem Montage ritt die alte Koͤnigin in Paris ein. 
Pippin hoͤrte es und brachte voll Freude ſeiner Gattin ſelbſt 
die Nachricht. Als die Magd dieſe Botſchaft hoͤrte, wurde ſie 
ſehr beſtuͤrzt, doch ſtellte ſie ſich, als ob ſie lache. Sogleich rief 
ſie ihre Mutter und Tybert und fragte ſie um Rat. „Ich 
rate,“ ſagte die Alte, „daß meine Tochter ſich krank ſtellt. Um 
nichts in der Welt darf ſie ihr Bett verlaſſen. Koͤnnen wir 
den Betrug ſolange durchfuͤhren, bis die alte Koͤnigin heim⸗ 
kehrt, fo brauchen wir fuͤrderhin nichts mehr zu fürchten.” 
Der Rat wurde befolgt; ſogleich wurde ein Lager hergerichtet, 
und die Magd legte ſich nieder und ſtellte ſich krank. Der 
Koͤnig, den die angebliche Krankheit ſeiner Frau ſehr be⸗ 
kuͤmmerte, ging allein der alten Koͤnigin entgegen. „Was 
macht Bertha, meine Tochter?“ war ihre erſte Frage. „Ach, 
Herrin, ſobald ſie erfuhr, daß Ihr kaͤmet, wurde ihr Herz 


21 


ae Er 


von Freude fo bewegt, daß fie fich niederlegen mußte, und 
ſeitdem iſt ſie nicht wieder aufgeſtanden. Aber wenn ſie Euch 
erblickt, wird ihr gewiß ſogleich beſſer werden.“ Als die Koͤni⸗ 
gin das Schloß betrat, warf ſich Margiſte ihr ſchmerzheuchelnd 
zu Fuͤßen: „Margiſte,“ ſagte Blancheflur, „wo iſt meine 
Tochter, ich will ſie gleich ſehen.“ „Herrin,“ jammerte das 
falſche Weib, „zum Unheil bin ich geboren! Eurer Tochter 
iſt die Freude uͤber Eure Ankunft ſo zu Herzen gegangen, 
daß ſie ihr Bett nicht mehr verlaſſen kann. Laßt ſie doch bis 
zum Abend ruhen!“ Als Blancheflur nach dem Eſſen ihre 
Tochter aufſuchen wollte, ſtellte ſich ihr die böfe Alte mit aus⸗ 
gebreiteten Armen entgegen. „Sie iſt gerade ein wenig ein⸗ 
geſchlafen, um Gottes willen, kehrt wieder um!“ Blanche⸗ 
flur wartete, bis ihre Tochter erwachen wuͤrde; unterdeſſen 
unterhielt ſie ſich mit der Alten und fragte ſie nach Aliſte. 
„Herrin,“ log das Weib, „ſie ſtarb auf dem Stuhle ſitzend 
eines ploͤtzlichen Todes, ich weiß nicht, welches Übel fie auf 
der rechten Bruſt hatte, ich glaube, ſie waͤre zuletzt noch aus⸗ 
ſaͤtzig geworden. Ich ließ ſie ganz im geheimen in der alten 
Kapelle beſtatten.“ Endlich konnte ſich Blancheflur nicht 
laͤnger halten, ſie befahl einer Jungfrau, ſie mit einer Kerze 
ins Schlafzimmer der Koͤnigin zu begleiten, aber Tybert, 
der bei der Kranken Wache hielt, trieb das Maͤdchen ſogleich 
mit Schlaͤgen zuruͤck: „Geh', Huͤndin, unſre Herrin will ſchla⸗ 
fen, ſie kann durchaus kein Licht vertragen.“ Blancheflur 
trat im Dunkeln an das Bett der Magd. „Mutter, ſeid will⸗ 
kommen!“ ſagte dieſe mit ſo ſchwacher Stimme, daß man 
ſie kaum verſtand, und dann, auf eine Frage der Mutter 
nach ihrem Befinden: „Mutter, ich leide ſolchen Schmerz, 
daß ich weiß geworden bin wie Wachs. Die Arzte ſagen mir, 
daß die Helligkeit mein Leiden verſchlimmern wuͤrde. Ich 
wage Euch daher nicht bei Licht zu begruͤßen, ſo ſchmerzlich 
es mir auch iſt. Aber nun laßt mich um Chriſti willen ruhen!“ 
Blancheflur erhob ſich kopfſchuͤttelnd: „Bei Gott!“ ſagte ſie, 
„das iſt meine Tochter nicht, die ich hier vorgefunden habe. 
Wenn ſie halbtot waͤre, ſo haͤtte dieſe mich umarmt und ge⸗ 


kuͤßt.“ Dann rief ſie ihr Gefolge und ließ trotz der Alten und 
Tyberts Widerſtreben das Fenſter öffnen und Licht bringen. 
Sie riß die Decken vom Bett herunter und betrachtete die 
Fuͤße der Kranken: ſie waren nur halb ſo groß wie die ihrer 
Tochter. „Verrat!“ ſchrie ſie, „Betrug! das iſt meine Tochter 


nicht, es iſt die Tochter der Margiſte! Weh! Sie haben mir 


mein Kind getoͤtet, meine Bertha, die mich ſo ſehr liebte!“ 
Als der König den Betrug erfuhr, ließ er die alte Here zum 
Feuertode fuͤhren, Tybert wurde von vier wilden Roſſen tot⸗ 
geſchleift, die falſche Braut wurde um ihrer Kinder willen 
geſchont, doch mußte ſie das Land verlaſſen. 

Einſt hatte ſich Koͤnig Pippin auf der Jagd im Walde von 
Le Mans verirrt, da traf er auf Bertha, die ihn in das Haus 
Simons fuͤhrte. Pippin, der ſchon lange im Sinn hatte, ſich 
wieder zu verheiraten, fand an Simons ſittſamer Pflege⸗ 
tochter Gefallen und erſuchte ſie, ihm nach Paris zu folgen, 
um ſeine Gattin zu werden. Bertha wies die Werbungen 
des Fremden dadurch ab, daß ſie ſich ihm als Pippins Gattin 
offenbarte. Der Koͤnig gab ſich nicht zu erkennen, ſondern 
ritt, nachdem er ſich nochmals uͤberzeugt hatte, daß er auch 
wirklich Bertha vor ſich habe, nach Paris zuruͤck. Dann ließ 
er das ungariſche Koͤnigspaar einladen und entbot auch 
Simon mit ſeiner Pflegetochter an ſeinen Hof, wo er ſich 
ihnen als Koͤnig zu erkennen gab. Ein großes Feſt folgte dem 


freudigen Wiederſehen, der wackere Simon wurde zum Rit⸗ 


ter geſchlagen und auch Moraut, der Bertha das Leben ge⸗ 
rettet hatte, erhielt reichen Lohn. 


4. Parthonopeus und Meliur 
R. Chlodwig jagte einſt mit ſeinem Neffen Par⸗ 
thonopeus im Ardennerwalde. Ein Eber floh vor 
dem Juͤngling und lockte ihn immer tiefer in den 
Wald hinein. In der Irre tappend gelangte er ſchließlich zum 


Ufer des Meeres. Hier fand er eine herrlich geſchmuͤckte Barke 
liegen. Der Juͤngling hoffte, auf dieſem Schiffe an den Hof 


28 


7 


Fr, 


feines Oheims zuruͤckkehren zu koͤnnen oder doch zum wenig: 
ſten zu erfahren, wo er ſei. Aber wie groß war ſein Erſtaunen, 
als er keine lebendige Seele auf dem Schiff antraf. Er zog 
ſein Roß hinter ſich her, ſtreckte ſich ermuͤdet auf dem Deck aus 
und ſchlummerte ein. Als er die Augen wieder oͤffnete, war 
kein Land noch Wald mehr zu erblicken, nur Himmel und 
Waſſer, und ein heftiger Wind ſchwellte die Segel. Lieber 
waͤre Parthonopeus noch im Walde geweſen, denn die Ge⸗ 
fahren des Landes ſind geringer als die des Meeres. Als aber 
die Sonne aufging und er das Wunderwerk betrachtete, das 
ihn trug, wurde er ruhiger. Die ganze Ausruͤſtung der Barke 
war von Seide und ein ſtrahlender Glanz durchfloß ihr In⸗ 
neres. Schneller als der Hirſch vor dem Jagdhund flieht, glitt 
das Fahrzeug durch die Wellen und landete abends von ſelbſt 
am Fuße eines Bergſchloſſes. Parthonopeus ſtieg aus und 
fuͤhrte ſein Reittier, das ebenſo abgemagert u war wie er ſelber, 
am Zaume nach. 

Die hohen Mauern der Feſte waren aus rotem und weißem 
Marmor erbaut, der ſchachbrettartig wechſelte. Der Hafen 
war groß und tief, wohl hundert Schiffe haͤtte er gefaßt, 
rechts und links davon dehnte ſich ein unbebauter Sandplatz 
aus. Durch einen hohen und breiten Turm, der ſo weiß war 
wie Elfenbein, betrat der Juͤngling die Stadt. Eine Straße, 
zu deren Seiten marmorne Palaͤſte mit goldenen Daͤchern 
in der Sonne glaͤnzten, fuͤhrte zum Schloß hinauf. Parthono⸗ 
peus glaubte zu traͤumen, bald duͤnkte ihn das alles ein Trug 
der Hoͤlle, bald vermeinte er im Paradieſe zu wandeln, nur 
ſein knurrender Magen mahnte ihn an die Wirklichkeit. Unter 
dem Schirmdach des Schloßtores war ein Moſaik aus Gold, 
das Sonne, Mond und Sterne und die Heldentaten der Alten 
darſtellte. Weit öffneten ſich die Tore des Palaſtes und Par⸗ 
thonopeus durchſchritt eine Anzahl praͤchtiger Saͤle, bis er in 
einen gelangte, in welchem ein reiches Mahl gedeckt worden 
war. Große Kerzen brannten im Saale, Meſſer, Löffel, 
Becher und Gold⸗ und Silberſchalen ſtanden auf der Tafel, 
aber in der ganzen Stadt war kein lebendes Weſen zu er⸗ 


24 


blicken, kein Ritter und keine Dame ſaß am Tiſch, keine Harfe 


und keine Geige ließ ihre Saiten erklingen. Der Hunger 


noͤtigte den Juͤngling, daß er beſchloß, von den bereitſtehen⸗ 
den Speiſen zu koſten. Sogleich bot ihm eine unſichtbare 
Hand ein Becken mit Waſſer und eine andere ein Handtuch 
dar, und als er ſich die Haͤnde gewaſchen hatte, ſetzte er ſich 
auf den Ehrenſitz der Tafel, denn inmitten des hoͤlliſchen 
Spuks und Blendwerks blieb er ſich bewußt, daß er aus 
koͤniglichem Stamme geboren ſei. Von ſelbſt ſtellten ſich die 
Schuͤſſeln vor ihn, und wenn er von einem Gerichte genom⸗ 
men hatte, wurden die Platten wieder von ebenſo unſicht⸗ 
baren Haͤnden abgetragen. Feenhafte Schenken goſſen roten 
Wein in goldene Schalen, mit welchen ſie den Becher des 
Juͤnglings füllten, der aus einem einzigen Safir beſtand, den 
ein funkelnder Rubin bedeckte. Nach dem Mahle wurden ihm 
wieder Waſſerbecken und Tuͤcher gereicht und dann ein Wuͤrz⸗ 
wein aufgetiſcht. Parthonopeus fuͤhlte den Schlaf nahen und 
trat zum Ausgang des Saales. Sogleich erſchienen zwei 
brennende Kerzen, die ihn zu einem reichgeſchmuͤckten Lager 
führten. Die Decke war aus dem! Pelze eines Salamanders 
gefertigt, der nur im Feuer leben kann, und der Teppich vor 
dem Bette beſtand aus Federn des Vogels Phoͤnix, das ganze 
Gemach aber war mit Porphyr eingelegt. Parthonopeus 
ſetzte ſich in einen Lehnſtuhl, um ſich die goldenen Sporen 
abzunehmen, aber ſchon war ihm eine dienende Hand zu⸗ 
vorgekommen, die ihn entkleidete. 

Kaum hatte er ſich in die Decke gehuͤllt, als alle Kerzen 
erloſchen und das Gemach ſo dunkel wurde, wie es zuvor in 
Helle geſtrahlt hatte. Den Juͤngling laͤhmte ein unbeſchreib⸗ 
liches Grauen, aber er konnte nicht ſchlafen. Mit einem Male 
kam ein Menſch ans Bett, Schritt vor Schritt, leiſe, leiſe. 
Parthonopeus fuͤrchtete, es moͤge der Boͤſe ſelber ſein, aber 
es war eine Jungfrau, welche die Bettdecke luͤpfte und ſich 
neben ihn legte. Er hielt ſich ganz ruhig und druͤckte ſich zur 
Seite, aber auf einmal beruͤhrte ihn das Fraͤulein mit dem 
Fuße und rief: „Wie? Wer biſt du? Bin ich betrogen? 


25 


Mein ift dies Reich, wie wagteſt du, ohne meine Erlaubnis 
deinen Fuß in meinen Palaſt zu ſetzen und dich obendrein in 
mein Bett zu legen?“ Der Juͤngling erzaͤhlte, durch welche 
ſeltſame Reihe von Abenteuern er hierher gekommen ſei und 
entſchuldigte ſich damit, daß er niemanden geſehen habe, den 
er um Erlaubnis haͤtte fragen koͤnnen. „Frau,“ bat er, „habt 
Erbarmen mit mir! Ich weiß nicht, wohin ich mich wenden 
ſoll, wenn Ihr mich verſtoßt. Ich bin Euer Gefangener, 
Frau, beſchließt uͤber mein Leben oder meinen Tod!“ Sie 
aber beſtand darauf, daß er gehen ſolle und drohte, ihre Ritter 
zu rufen. „Frau,“ flehte er wieder, „ich kann nicht mehr 
gehen, ich bin zu muͤde. Macht mit mir, was Ihr wollt, wenn 
Ihr Euch meiner nicht erbarmen moͤgt.“ Er ſeufzte tief auf 
und erwartete den Tod. Als die Jungfrau ihn ſo ſtoͤhnen 
hoͤrte, begann ihr das Herz zu zittern, Mitleid erfaßte ſie mit 
dem jungen Manne, den ſie ſo geſchmaͤht hatte, faſt haͤtte ſie 
ihn um Verzeihung gebeten, und ſie bereute unter Traͤnen 
ihre harten Worte. So machen es die Frauen. So kam es, 
daß ihr Widerſtreben ſchwaͤcher und ſchwaͤcher wurde, waͤh⸗ 
rend der Juͤngling ſie an ſich zog. Er nahm ihr die Bluͤte der 
Jungfrauſchaft; Bluͤten nahm er und gab Bluͤten, denn nie 
hatte er bisher ein Weib beruͤhrt. 

Nun enthuͤllte ihm die Fee, die ſich Meliur nannte, daß ſie 
ihn ſchon zuvor gekannt und geliebt habe und daß ſie es ge⸗ 
weſen ſei, die dem Koͤnig den Gedanken zur Jagd eingegeben, 
den Eber aufgeſcheucht, das Schiff geſchickt und ihn durch ihre 
Geiſter bewirtet habe. Parthonopeus dankte der Fee und ver⸗ 
ſicherte ſie ſeiner Liebe: „So ſehr liebe ich Euch,“ ſagte er, 
„daß alles andere für mich verſunken iſt. Nur eines fehlt mir 
noch: ich habe Eure Reize gefuͤhlt, nun moͤchte ich Euch auch 
ſehen.“ „Suͤßer Freund,“ entgegnete die Frau, „jede Nacht 
duͤrft Ihr meine Gunſt genießen, aber ſehen duͤrft Ihr mich 
nicht. Ich will nicht eher erblickt werden, als bis die Stunde 
gekommen iſt, die ich meinen Baronen zur Wahl meines Gat⸗ 
ten beſtimmt habe. Dritthalb Jahre muͤſſen bis dahin noch 
verſtreichen. Bis dahin gehoͤrt alles Euch: Hunde und Falken 


26 


und ſchoͤne Roſſe, die wildreichen Wälder und die Ströme 
voll von Fiſchen, Speiſen und Kleider, die Stadt und das 
Schloß und ich ſelbſt. Aber Ihr duͤrft mit niemandem reden 
als mit mir allein bis zu dem Tage, da mich mit Einwilligung 
all meiner Koͤnige Parthonopeus von Blois zur Gattin er⸗ 
halten ſoll. Denn erſt dann, ſuͤßer Freund, koͤnnt Ihr Ritter 
werden, nie wuͤrden meine Vaſallen einen Knappen als Herrn 
anerkennen. Solltet Ihr aber verſuchen, mich vorher mit Liſt 
zu erblicken, ſo werden Traͤnen und Ungluͤck die Folge ſein.“ 
„Welche Gruͤnde Euch auch zu dieſem Gebote treiben, ich achte 
fie und unterwerfe mich,“ entgegnete Parthonopeus, „da ich 
Eurer Liebe gewiß bin; was fehlt mir noch zu meinem Gluͤck? 

Einige Wochen verlebte der junge Mann unter unauf⸗ 
hoͤrlichen Freuden im Feenlande, dann aber begann er Sehn⸗ 
ſucht nach ſeiner Heimat zu empfinden. Naͤchtlicherweile, 
als er mit Meliur das Lager teilte, geſtand er ihr ſein 
Sehnen und bat ſie, ihm die Reiſe zu geſtatten. „Geht, 
Freund, ſagte dieſe, „geht, und haltet Eurer Freundin die 
Treue. Frankreich bedarf Eurer Hand, denn viele Feinde be⸗ 
draͤngen es. Chlodwig iſt tot, auch Euer Vater iſt verſchieden, 
und Blois, Euer Erbe, belagert der Feind. Geht und begeht 
Taten des Ruhms und vergeßt nicht, freigebig zu fein, denn 
ſtets will ich Euch reichlich mit Geld verſehen. Seid freund⸗ 
lich gegen die Armen und ehrt Gott und ſeine heilige Kirche, 
aber laßt Euch nicht verleiten, mich ſehen zu wollen. Wenn 
der Friede wiederhergeſtellt iſt, ſo verweilt nicht laͤnger im 
Frankenlande, ſondern kehrt um meiner Liebe willen zu mir 
zuruͤck.“ „Frau,“ entgegnete Parthonopeus, „ich habe Eure 
Lehren gehoͤrt und werde Eurem Gebote getreu handeln.“ 
Mit Schaͤtzen reich beladen gelangte der junge Mann in die 
vaͤterliche Burg, verjagte ſeine Feinde und befreite das Fran⸗ 
kenreich von den Normannen und Sarazenen. Dann kehrte 
er nach Blois zuruͤck, aber das Verlangen nach Meliur ließ 
ihn nicht ruhen, und die Mutter, die ſeinen Kummer alsbald 
bemerkte, ſtellte ihn deshalb zur Rede und fragte ihn, ob ihn 
Liebesſorge quale. „Mutter,“ antwortete er, „ja, ich habe 


27 


eine Liebſte, die reichſte und ſanftmuͤtigſte, die irgend zu fin⸗ 
den iſt.“ „Iſt ſie ſchoͤn?“ „Das weiß ich nicht.“ „Wie? Das 
weißt du nicht, wenn du ſie ſo oft geſehen haſt?“ Nun erfuhr 
die Mutter das Verbot der Fee, und obwohl ſie ihren Sohn 
darin beſtaͤrkte, den Wunſch ſeiner Geliebten zu achten, ſann 
ſie doch darauf, wie ſie ihn den Krallen des Teufels, denn 
fuͤr einen ſolchen hielt ſie Meliur, entreißen koͤnne. Man ver⸗ 
anſtaltete ein Mahl und ſetzte Parthonopeus einen Vergeſſen⸗ 
heitstrunk vor; und wirklich vergaß ſich dieſer ſoweit, daß er 
mit ſeiner freundlichen Nachbarin plauderte und nahe daran 
war, ſich in ſie zu verlieben. Das aber war es, was die 
Mutter beabſichtigt hatte: das junge Maͤdchen ſollte ihn an 
die Heimat feſſeln. Faſt waͤre das Ziel erreicht worden, da 
entſchluͤpften dieſem die unbedachten Worte: „Wir haben 
unſer Spiel gewonnen, Freund, du biſt der Macht der ſchoͤnen 
Fee entriſſen!“ Als Parthonopeus jo an feine Geliebte er⸗ 
innert wurde, dachte er nach, mit einem Male fiel ihm alles 
wieder ein und eine druͤckende Angſt beklemmte ihn. Er ſprang 
auf, entriegelte die Tür, durcheilte die Säle und fand fein Roß 
am Torweg. Er beſtieg es und eilte im Galopp von dannen. 

Aber bald darauf trieb ihn die Sehnſucht nach der Heimat 
ein zweites Mal aus den Armen Meliurs, welche ihn diesmal, 
Boͤſes ahnend, ungern ziehen ließ. Die Mutter hatte in⸗ 
zwiſchen den Erzbiſchof von Paris aufgeſucht und ihm erzaͤhlt, 
wie eine Fee ihren Sohn verzaubert und ihm verboten habe, 
ſie zu ſehen. Als daher der junge Mann nach Blois zuruͤck⸗ 
kehrte, berief ihn der Erzbiſchof alsbald zu ſich und ermahnte 
ihn, ihm ſeine Suͤnden zu bekennen. „Herr,“ ſagte Parthono⸗ 
peus, „nur einer Suͤnde weiß ich mich ſchuldig. Ich liebe eine 
Frau, die nie ich ſah. Sie iſt es, die mir Gold und edle Steine 
gab, womit ich Koͤnige und Buͤrger beſchenkte, ſie iſt es, die 
unſerem Lande den Frieden verſchaffte, ſie iſt es, der ich 
alles verdanke, doch darf ich ſie ohne ihre Erlaubnis nicht 
betrachten, und das iſt das einzige, was mir Zweifel und 
Furcht verurſacht.“ Als der Erzbiſchof dieſes hörte, riet er 
dem jungen Mann, er ſolle durchaus ſeine Geliebte ſehen, um 


28 


ſich zu überzeugen, ob fie nicht ein vermummter boͤſer Geift 
ſei. Dann eröffnete ihm die Mutter, daß fie ein Mittel be⸗ 
ſitze, um ſie unbemerkt zu betrachten. Aber wenn er ſie er⸗ 
blicke, folle er ſich vor allzu großem Schrecken hüten, denn der 
Teufel ſei maßlos haͤßlich. Sie gab ihm eine Zauberlaterne, 
welche kein Wind zu loͤſchen vermochte. Parthonopeus, den 
die Ermahnungen des Biſchofs erſchreckt hatten, ging in die 
Falle und nahm die Laterne mit. 

Dunkle Nacht war es, als er im Schloſſe Meliurs anlangte. 
Die ſchwerbeladenen Tafeln ließ er heute unberuͤhrt und eilte, 
feine Laterne forgfältig unter dem Mantel verbergend, ins 
Schlafgemach. Ganz angekleidet warf er ſich aufs Bett, ſo 
groß war ſeine Ungeduld, Meliur zu ſehen. Als die Kerzen 
erloſchen waren, erſchien die Fee, warf ihren Mantel ab und 
legte ſich neben ihren Geliebten. Als der junge Mann ſie 
neben ſich fuͤhlte, zog er ſeine Laterne ploͤtzlich unter der Decke 
hervor und erblickte die Fee im hellen Lichtſtrahl. Nie hatten 
ſeine Augen ein ſchoͤneres Weib geſehen. Meliur aber er⸗ 
bleichte und erſt jetzt ſah Parthonopeus, daß er töricht gehan⸗ 
delt habe. Voll Wut warf er ſeine Laterne gegen die Mauer, 
ſo daß ſie zerſplitterte, und verfluchte den Tag, da er ſie er⸗ 
halten. In dieſem Augenblicke fuͤhlte er, wie ſehr man ihn 
betrogen, da die Frau, die man ihm als den haͤßlichſten aller 
Teufel geſchildert hatte, das ſchoͤnſte Weib auf Erden war. 
„Süßer Freund,“ klagte die Fee, „was habe ich dir getan, 
daß du mich ſo mit Schmach bedeckſt? Tat ich etwas gegen 
deinen Willen, daß du mir ſo zuͤrnſt?“ Durch die Über⸗ 
tretung des Verbotes naͤmlich hatte die Fee ihre Zauber⸗ 
macht verloren, und kaum war die unbedachte Tat geſchehen, 
als Ritter und Frauen in das Gemach ſtroͤmten, die mit Fin⸗ 
gern auf das Paar wieſen. Parthonopeus wurde aus dem 
Feenlande gewieſen und ſuchte verzweifelt den Tod unter den 
wilden Beſtien des Ardennerwaldes. Wie der junge Held 
von einer maͤchtigen Fee gerettet wurde und ſchließlich doch 
noch die Hand der ſchoͤnen Meliur bei einem Turnier , 
ſollt ihr ein andermal hoͤren. 


29 


5. Robert der Teufel befreit Rom von den Türken 
in ihrer Verzweiflung, kein Kind vom Himmel zu er⸗ 
halten, vergaß ſich einſt die Herzogin der Normandie ſo⸗ 
weit, eines vom Teufel zu erbitten, und ſie gebar einen 
Sohn von außergewoͤhnlicher Staͤrke und Schoͤnheit, der 
den Namen Robert erhielt. Aber bald zeigte ſich die hoͤlliſche 
Herkunft des Knaben: er biß ſeine Ammen, erſchlug ſeine Er⸗ 
zieher und mißhandelte die Prieſter. Sein Vater ſuchte ver⸗ 
gebens edlere Gefuͤhle in ihm zu erwecken, indem er ihm den 
Ritterſchlag erteilte; bei dem aus dieſem Anlaß abgehaltenen 
Turnier zeigte Robert der Teufel, wie man ihn von nun an 
nannte, erſt ſeine ganze Grauſamkeit. Als ihn ſein Vater 
daraufhin von ſeinem Hofe verjagte, wurde er zu einem 
Banditen, mißhandelte die frommen Wallfahrer und er⸗ 
mordete die Einſiedler. Solange ſetzte er ſein zuͤgelloſes 
Raͤuberleben fort, bis ihn ſelbſt vor dem Schrecken, den er 
einfloͤßte, grauſte; da zwang er ſeine Mutter, ihm die naͤheren 
Umſtaͤnde ſeiner Geburt zu enthuͤllen. Als er ſeine Herkunft 
erfahren hatte, warf er ſeine Waffen weg, bekleidete ſich mit 
Bußgewaͤndern und wallte nach Rom, um beim Heiligen 
Vater Vergebung fuͤr ſeine Suͤnden zu ſuchen. Der Papſt 
glaubte die Verantwortung einer ſolchen Abſolution nicht 
uͤbernehmen zu koͤnnen und wies Robert an einen Eremiten, 
der ihn wieder zu einem zweiten und dritten ſchickte. Auf 
Befehl des Himmels legte ihm der letzte dieſe Buße auf: wie 
ein Narr ſolle er ſich gebaren, ſolle ſich der menſchlichen 
Stimme entwoͤhnen und mit den Hunden ſeinen Fraß ſuchen, 
bis der Himmel ein Zeichen der Verſoͤhnung gebe. 

Von nun ab wohnte Robert unter einer Stiege des Kaiſer⸗ 
palaſtes in Rom, wo ein Hund ſeine Unterkunft hatte, der 
mitleidig ſein Stroh mit ihm teilte. 

Der Kaiſer hatte eine Tochter, welche ſtumm geboren war, 
um dieſe warb ein Seneſchall ſeines Hofes, deſſen Werbung 
aber abgewieſen wurde. Aus Groll rief dieſer die Tuͤrken, 
welche Rom mit einem gewaltigen Heere belagerten. Unter 


30 


— . . ͤ— 


Fuͤhrung des Kaiſers zogen die Roͤmer zur Schlacht. Die 


Frauen und Jungfrauen Roms geleiteten das Heer zu den 


Toren der Stadt und empfahlen unter Traͤnen den Kaiſer 
und ſein Heer dem Schlachtenlenker. Als Robert in ſeiner 
Hundehuͤtte das Heer ausziehen ſah, war er dem Weinen 
nahe. Wie gern waͤre er mitgezogen, wenn er nicht ge⸗ 
fuͤrchtet haͤtte, die Gnade deſſen zu verſcherzen, um deſſen 
willen er Buße tat. Denn einen anderen als Gott fuͤrchtete 


er nicht. „O Gott,“ betete er in Gedanken, „der du ſo manche 


Seele aus den Krallen des Teufels gerettet haſt, wie gerne 
eilte ich dem Kaiſer zu Hilfe und kaͤmpfte fuͤr ihn gegen die 
ſtolzen Tuͤrken! Aber es iſt nicht dein Wille und ferne ſei es 
von mir, mich in einen Kampf einzulaſſen. Aber wenn du 
mich wuͤrdigteſt, es zu wollen, ſo ſollte die Sarazenen meine 
Ankunft bitter ſchmerzen, mit meinem blanken, hartgeſchmie⸗ 
deten Schwert wuͤrde ich ihre Leiber zerſchneiden, und waͤren 
ihrer auch tauſendmal tauſend.“ Seufzend erhob er ſich und 
ging weinend in den Garten. Da, wo eine klare Quelle 
ſprudelte, abſeits vom Wege, ließ er ſich nieder, denn er 
wuͤnſchte mit ſeinem Schmerz allein zu ſein. Er betete zu 
Gott, daß er dem Kaiſer in der Schlacht beiſtehen moͤge. 
Waͤhrend er ſo betete, trat die wunderſchoͤne Jungfrau, des 
Kaiſers Tochter, zur ſchattigen Quelle, und als ſie ſich um⸗ 
wandte, erblickte ſie den Narren, wie er ſeine Haͤnde aus⸗ 
breitete und Gott anzurufen ſchien. Das wunderte ſie ſehr 
und fie bedachte, daß einͤer, der ſolches tue, kein Narr fein 
koͤnne. Sie ſchaute ihm lange zu und Mitleid mit ihm er⸗ 
griff fie. Dann blickte fie über das Meer, wo die Türken 
heranruͤckten, um Rom zu vernichten. Sie ſah die Roͤmer, 
die gegen ſie zogen und ihnen ſchon auf Bogenſchußweite 
nahegekommen waren. Noch beobachtete ſie den Zuſammen⸗ 
ſtoß der Vorhut, da trat plotzlich an die Quelle, wo Robert 
ſeinem Schmerze nachhing, ein Ritter von leuchtender Schoͤn⸗ 
heit. Mit einem ſilberweißen Harniſch war er angetan und 
weißer als Lilienbluͤten waren feine Waffen und fein Schild. 
Ein gewaltiges Schwert trug er an den Huͤften, deſſen Klinge 


31 


jo weiß war wie friſch gefallener Schnee, und das Roß, auf 
dem er ſaß, war weißer als eine eben aufgebluͤhte Blume, 
einen weißen Mantel hatte er umgeſchlagen. Vor Robert 
ſtieg er ab, neigte ſich vor ihm und ſagte ihm dieſe Botſchaft 
Jeſu Chriſti: „Freund Robert, Gott befiehlt dir und traͤgt 
dir durch mich auf, daß du unverzuͤglich in die Schlacht eilſt. 
Und willſt du mir nicht glauben, ſo nimm dies zum Zeichen: 
ich weiß, daß du ins Gebirge gegangen biſt, um beim heiligſten 
Manne des Landes Buße zu ſuchen, und daß dieſer dir ſolche 
Lebensweiſe auferlegt hat.“ Als Robert dieſe Botſchaft hoͤrte, 
wurde er froh und ſein Herz pochte; er warf ſich zu Boden 
und ſagte ſeinem Schoͤpfer Dank. Dann nahm er die Waffen 
und die Kleider, die der Engel ihm gab, und legte ſie an. Die 
Jungfrau aber wunderte ſich gewaltig, als ſie ihn ſich waffnen 
ſah, und weinte aus Mitleid und Liebe. Robert guͤrtete ſich 
das Schwert um, ſchnallte den Helm feſt und ſprang dann 
ganz in Waffen gehuͤllt auf das Schlachtroß, das ihm der 
Himmel geſendet hatte. Er ergriff den Schild geſchickt wie 
einer, der im Waffenhandwerk erfahren iſt, zog ihn an ſich 
und nahm die große und gerade Lanze, mit der er manchen 
Sarazenen in den Tod zu ſenden gedachte, ehe die Sonne 
ſinken wuͤrde. Darauf ſchied er vom Boten Gottes und ritt 
davon. Nie ſah man einen beſſer gewaffneten und ſchoͤner 
geſchmuͤckten Ritter. 

Gewaltige Heldentaten verrichtete der Unbekannte in der 
Schlacht und entſchied ſie zugunſten der Roͤmer. Zwanzig⸗ 
tauſend Tuͤrken lagen am Strande, die alle ihr Leben ver⸗ 
loren hatten, ungerechnet jene, die die Schiffe nicht mehr 
ſchwimmend erreichen konnten und im Meer verſanken. Als 
Robert bemerkte, daß die Schlacht zu Ende war, ſtahl er ſich 
von hinnen, ſo daß niemand erfuhr, was aus ihm geworden 
ſei. Er eilte wieder zur Quelle, wo ihn der Engel erwartete. 
Schild und Helm waren ihm graͤulich zerſchlagen, ſein Antlitz 
war von den Schlaͤgen, die er auf das Naſenband erhalten 
hatte, mit Blut uͤberſtroͤmt, und die Maſchen des Halsbergs 
waren von den unzaͤhligen Streichen in ſein Geſicht einge⸗ 


32 


druͤckt. Der Bote kehrte mit den Waffen zu Gott zuruͤck. 
Robert aber wuſch ſein blutiges Antlitz im Bach, und ſeine 
Wunden ſchmerzten ihn heftig. Darauf ging er an ſeinen 
gewohnten Platz unter die Stufen und haͤufte ſich Stroh 
zum Lager. Er uͤberdachte in ſeinem Sinn die heilige Tat 
und entſchlummerte. Die Jungfrau aber hatte die ganze Be⸗ 
gebenheit mit angeſehen und ſie war verwundert und erfreut 
uͤber das große Werk, das Robert vollbracht hatte. 

Der Kaiſer, der ſehr betruͤbt war, ſeinen Retter nicht auf⸗ 
zufinden, um ihm danken zu koͤnnen, kehrte in ſeinen Palaſt 
zuruͤck und ſetzte ſich zum Mahl. Um dieſe Zeit erwachte 
Robert, ſein Herz war tief betruͤbt und er richtete ſein zer⸗ 
fleiſchtes Geſicht zum Himmel. Sodann verließ er ſein Lager 
und ging langſam und muͤde in den Saal und trat auf den 
Kaiſer zu. Sobald ihn die ſtumme Prinzeſſin bemerkte, erhob 
ſie ſich gegen ihn und neigte tief ihr Haupt, dann ſetzte ſie 
ſich wieder ganz zuͤchtig neben ihren Vater. Der Kaiſer aber 
ſchaͤmte ſich, denn er wußte nicht, warum ſie ſolches getan 
hatte, noch mochte er ſie zur Rede ſtellen. Die Tafelgeſell⸗ 
ſchaft ſprach manches ſpottende Wort uͤber den garſtigen 
Narren und die törichte Jungfrau, die man für toll hielt, 
weil ſie dieſen ſo geehrt hatte. Dem Narren wurde Fleiſch 
vorgeworfen, welches er mit den Hunden teilte, waͤhrend der 
Kaiſer in hoͤchſten Lobeserhebungen den unbekannten weißen 
Ritter pries, der die Stadt gerettet habe, und die Prinzeſſin 
bemuͤhte ſich vergeblich, durch Zeichen anzudeuten, daß Ro⸗ 
bert der Geſuchte ſei. 

Nach einiger Zeit kehrten die Tuͤrken zuruͤck, um für die 
Niederlage Rache zu nehmen, die gleichen Vorgaͤnge wieder⸗ 
holten ſich, wieder entſchied Robert unerkannt in der Ruͤſtung 
des Engels die Schlacht, wieder begruͤßte ihn die Jungfrau, 
die alles beobachtet hatte, mit tiefer Verneigung, waͤhrend 
der Seneſchall ſich grollend vom Kampfe zuruͤckhielt. Zum 
drittenmal zogen die Tuͤrken mit ungeheuren Heeren heran, 
der Kaiſer ruͤſtete ſich zur Verteidigung und beriet ſich mit 
ſeinen Truppenfuͤhrern. Lange dauerte der Kriegsrat, ſchließ⸗ 


3 Franz. Märchen 1 33 


lich ergriff der Kaiſer das Wort und ſprach: „Ihr Herren! 
Gott unſer Vater hat uns zweimal einen Ritter zugeſandt, 
der uns gewaltiglich gegen die Tuͤrken verteidigt hat. Sicher 
waͤre Rom laͤngſt zerſtoͤrt, waͤre nicht die Kraft und der Glanz 
des weißen Ritters und ſeiner Waffen. Hoͤret nun, was ich 
beſchloſſen habe. Der mir zweimal ſo geholfen hat, hat großen 
Lohn verdient, wenn er ihn nur von mir annehmen wollte. 
Kommt er uns diesmal wie ſonſt zu Hilfe, ſo will ich ihn feſt⸗ 
nehmen laſſen, damit ich ihm den Lohn fuͤr ſeine Dienſte er⸗ 
ſtatten kann. Dreißig gute Ritter will ich in ein Gehoͤlz in. 
Hinterhalt legen, wo er, wie man mir berichtet, nach der 
Schlacht vorbeireitet. Dort ſoll er uͤberfallen und feſtgenom⸗ 
men werden, wenn er kommt und Gott ihn dahinfuͤhrt.“ 

Die dritte Schlacht endete durch Roberts Eingreifen mit 
einer endgültigen Niederlage der Türken. Als Robert in fein 
Verſteck zuruͤckkehren wollte, ſah er ſich von den Rittern, die 
aus dem Hinterhalte hervorbrachen, angegriffen. Er ſprach 
kein Wort, ſondern ſah ſchweigend die Ritter an, um die er 
ſich wenig zu kuͤmmern ſchien; doch war er traurig und wußte 
nicht, was er tun ſolle. Er ſcheute ſich, ihnen Widerſtand zu 
leiſten, denn er wußte wohl, daß der Kaiſer ſie hierher be⸗ 
ſtellt hatte, damit er ihn belohnen koͤnne. Aber danach trug 
er kein Verlangen. Wurde er andererſeits feſtgenommen, ſo 
war ſein Geheimnis verraten und er konnte nicht mehr 
bleiben. So begann er in Gedanken zu Gott dem Herrn zu 
beten, daß er ihn ſchuͤtze und kein Ritter ihn fangen koͤnne, und 
er floh talabwaͤrts, ſo ſchnell ihn ſein Roß zu tragen ver⸗ 
mochte, hinter ihm aber erhob ſich eine Staubwolke von denen, 
die ihn verfolgten. Solange eilten ſie ihm nach, bis ihre 
eigenen Pferde, der langen Verfolgung muͤde, erſchoͤpft ſtehen 
blieben. Nur einem gelang es, auf einem Seitenpfade in 
Roberts Naͤhe zu gelangen. Eben wollte er dem fliehenden 
Roß in die Zuͤgel fallen, als Robert eine ploͤtzliche Schwen⸗ 
kung machte. Als jener ſah, daß er ihn nicht fangen konnte, 
drohte er ihm, er wuͤrde ſein Pferd erſtechen, wenn er nicht 
ſtillhalte. Er legte feine Lanze ein, um das Tier am Guͤrtel 


34 


zu treffen, aber der Stahl verfehlte fein Ziel und traf Robert 
in den Schenkel. Bis zum Schaft drang die Waffe in das 
Fleiſch, aber trotzdem hielt Robert nicht an, ſondern eilte 
unter Schmerzen und blutend von dannen. Er druͤckte ſeine 
Wunde mit der Hand zu, damit das Blut nicht zu Boden 
tropfe und ihn verrate. Der Ritter, der ihm die Wunde bei⸗ 
gebracht hatte, blieb hinten und zog ſeine verbogene Lanzen⸗ 
ſpitze zuruck. Das Eiſen aber trug er nicht heim, das ſteckte in 
Roberts Wunde. 

Als Robert in großen Schmerzen heimgekommen war, zog 
er das Eiſenſtuͤck aus dem Schenkel und vergrub es. Wieder 
neigte ſich beim Mahl die Koͤnigstochter vor dem Narren und 
gab durch Zeichen zu verſtehen, daß ſie ihn fuͤr den Sieger 
halte. 

Um den Fremden zu veranlaſſen, ſich zu entdecken, ließ 
der Kaiſer auf offenem Markte ausrufen, daß der weiße 
Ritter, der ſich durch das Eiſenſtuͤck ausweiſen muͤſſe, die Prin⸗ 
zeſſin zur Gemahlin erhalten ſolle. Solches erfuhr der ver⸗ 
raͤteriſche Seneſchall. Er ließ ſich weiße Waffen verfertigen, 


brachte ſich eine Wunde am Schenkel bei und ließ das Eiſen 


darin. Vor den verſammelten Baronen empfing ihn der 
Kaiſer, und alles war uͤberzeugt, daß der Seneſchall der 
Retter Roms ſei. Schon wollte der Kaiſer die Hand ſeiner 
Tochter in die des Verraͤters legen, da geſchah ein Wunder. 
„Meine Tochter,“ ſagte der Kaiſer, „ſei heiter und freundlich 
und ſchmuͤcke dich ſchoͤn, denn ich fuͤhre dir deinen Gemahl zu. 
Es iſt der Seneſchall meines Reiches, der einſt mit mir um 
deinetwillen Krieg gefuͤhrt hat. Er iſt der tapfere Ritter mit 
den weißen Waffen, der uns gerettet hat. Dreimal war er 
uns ein ſo guter Schutz, daß die Tuͤrken uns keinen Schaden 
zufuͤgen konnten, ſondern weichen mußten. Tochter, zeig 
ihm ein freundliches Geſicht und laß das Weinen, denn das 
weiß Gott, der hoͤchſte Koͤnig, daß er derſelbe Ritter iſt, der 
ſich im Sturm fo gut gehalten hat.“ „Lieber Vater,“ ant⸗ 
wortete die Stumme, „wiſſet, daß er es nicht iſt!“ Staunend 
wich die Menge zuruͤck und der Kaiſer wollte ſeinen Ohren 


* 35 


nicht trauen. „Ich bin jederzeit ſtumm geweſen,“ fuhr die 
Jungfrau fort, „bis zu dieſer Stunde, da Ihr auf mich ein⸗ 
dranget, daß ich den Seneſchall zu meinem Liebſten naͤhme. 
Gott will nicht, daß er mich erhalte, denn nicht er trug die 
Wunde beim Heimweg aus der Schlacht davon. Was er Euch 
auch erzaͤhlen mag, alles iſt Luͤge. Ein anderer als er iſt der 
Retter Roms, da ſteht er, der buͤßende Narr. Gott will, daß 
er ſeine Buße ende, und darum hat er dieſes Wunder be⸗ 
wirkt.“ Um ihre Worte zu bekraͤftigen, grub ſie die Lanzen⸗ 
ſpitze aus, denn ſie hatte beobachtet, wie Robert ſie vergraben 
hatte, und der Ritter, der ihn verwundet hatte, erkannte ſie 
als zu ſeiner Lanze gehoͤrig. Alles Volk jubelte und Robert 
gab ſich zu erkennen, doch nur, um auf die Hand der Kaiſer⸗ 
tochter zu verzichten und ſein Leben in der Tiefe des Waldes 
als Einſiedler zu enden. 


6. Parzival in der Graalsburg 
arzival gedachte einſt ſeine Mutter aufzuſuchen und 
gelangte auf dem Wege an einen Strom, den keine 
Bruͤcke uͤberſpannte. Er ritt eine Zeitlang flußauf⸗ 
waͤrts, bis ihm ein großer Felsblock den Weg ver⸗ 
ſperrte. Der Juͤngling ſchaute ſich um und ſah eine Barke auf 
dem Strome abwaͤrts gleiten, in welcher zwei Maͤnner ſaßen, 
und er blieb ſtehen, um zu warten, bis ſie in ſeine Naͤhe 
kaͤme. Aber ploͤtzlich blieb das Fahrzeug mitten in der Stroͤ⸗ 
mung ruhig ſtehen, als ob es vor Anker laͤge, und der Mann, 
der vorne ſaß, warf ſeine Angel aus, um zu fiſchen. Parzival 
gruͤßte die Maͤnner und ſprach: „Sagt an, Ihr Herren, ich 
bitte Euch, führt keine Bruͤcke auf das andere Ufer?“ „Meiner 
Treu, nein, Bruder, erwiderte der Fiſcher, „keine Furt, keine 
Faͤhre, keine Bruͤcke vermittelt den Übergang uͤber dieſen 
Strom, kein Pferd kann ihn durchſchreiten, und kein Fahr⸗ 
zeug, das groͤßer waͤre als dieſes kleine Boot, iſt auf zwanzig 
Meilen im Umkreis zu finden.“ „So ſagt mir um Gottes 
willen,“ fuhr Parzival fort, „wo ich heute nacht Herberge 


36 


finden kann!“ „Ich will Euch heute nacht beherbergen,“ 
antwortete der Fiſcher. „Steigt nur in jener Felſenſchlucht 
aufwaͤrts, und wenn Ihr droben ſeid, wird ſich vor Euch ein 
Tal ausbreiten; darin ſteht das Haus, das ich bewohne, nahe 
an Fluß und Wald.“ 

Parzival erſtieg den Gipfel des Berges und vor ſeinen 
Augen dehnten ſich weite Laͤnder aus, aber er erblickte nichts 
als Himmel und Erde. „Verflucht ſei, der mich ſo in die Irre 
führte,’ murrte er, „treulos handelte er, mich zum Spott 
hierherzulocken.“ Ploͤtzlich ſah er zu feiner Seite im Tale 
einen Turm ragen, viereckig, aus grauem Stein und mit zwei 
Erkern geziert. Bis tief nach Aſien war kein ſchoͤnerer ge⸗ 
baut. Vor dem Turm lag der Saalbau, von Bogengaͤngen 
umgrenzt. Der Juͤngling wanderte in der Richtung des 
Schloſſes weiter und bat den Fiſcher, den er Luͤgner und Be⸗ 
truͤger geſcholten hatte, innerlich um Verzeihung. Er ging 
auf das Schloßtor zu und fand die Zugbruͤcke herabgelaſſen, 
dann ritt er in den Hof und vier Diener traten ihm entgegen. 
Zwei davon nahmen ihm die Waffen ab, einer fuͤhrte ſein 
Roß in den Stall und warf ihm Futter und Streu vor, einer 
huͤllte Parzival in einen Scharlachmantel. Sodann führten 
ſie ihn in den Bogengang, wo er wartete, bis der Schloß⸗ 
herr ihn rufen wuͤrde. Alsbald kamen zwei Diener und fuͤhr⸗ 
ten ihn in den Saal, der war viereckig und ebenſo lang wie 
breit. Mitten im Saale ſtand ein Lager, auf dem ein Ritter 
ſaß, deſſen Haupt zierte ein maulbeerſchwarzer, purpur⸗ 
beſetzter Zobelpelz, und aus dem gleichen Stoffe war ſein 
ganzes Gewand. Er ſtuͤtzte ſich auf den Ellenbogen; vor ihm 
war ein Feuer aus trocknem Holze angezuͤndet, das hellen 
Schein verbreitend zwiſchen vier Saͤulen flackerte. Vier⸗ 
hundert Gaͤſte haͤtten bequem rings um das Feuer Platz ge⸗ 
funden. Die Diener nahmen den Fremden in ihre Mitte 
und fuͤhrten ihn vor den Schloßherrn, dieſer begruͤßte ihn 
und ſprach: „Moͤge es Euch nicht kraͤnken, mein Freund, daß 
ich mich nicht vor Euch erhebe!“ „Bei Gott, Herr, es kraͤnkt 
mich nicht“, erwiderte Parzival. Der Ritter erhob ſich den⸗ 


87 


noch, fo gut er konnte, und lud den Juͤngling ein, an feiner 
Seite Platz zu nehmen, dann fragte er ihn: „Woher kommt 
Ihr heute, Freund?“ „Herr, heute früh brach ich von Bel⸗ 
repaire auf“, erwiderte der Juͤngling. „Bei Gott,“ ſprach der 


Ritter, „dann habt Ihr einen huͤbſchen Marſch hinter Euch. 


Ihr muͤßt aufgebrochen ſein, ehe noch der Hornſtoß des Waͤch⸗ 
ters den jungen Tag verkuͤndete.“ „Es hatte gerade zur Prim 
gelaͤutet, als ich davonritt“, antwortete Parzival. 

Waͤhrend ſie ſo redeten, trat ein Juͤngling durch die Tuͤr 
des Saales, der trug ein Schwert um den Hals, das er dem 
Ritter reichte. Dieſer zog es halb aus der Scheide und ſah 
nach, wo es gearbeitet war, denn das war auf dem Schwerte 
eingegraben. Es war aus gutem Stahl gearbeitet und konnte 
nur in einer einzigen Gefahr zerſplittern, die aber kannte nie⸗ 


mand als der, welcher das Schwert geſchmiedet und gehaͤrtet 


hatte. Der Juͤngling, der es brachte, ſprach: „Herr, Eure 
Nichte uͤberreicht Euch dieſes Schwert als Gabe, nie fand man 
ein leichteres weit und breit. Ihr ſollt es ſchenken, wem es 
Euch gefaͤllt. Doch wuͤrde es die Dame freuen, wenn es der, 
der es erhaͤlt, in Ehren verwendet. Der das Schwert ge⸗ 
ſchmiedet, fertigte nicht mehr als drei der Art und ſchwur, 
keines mehr zu ſchmieden nach dieſem.“ Der Schloßherr ums 
guͤrtete den Fremdling mit dem Schwert. Es war das Schatz⸗ 
haus eines Koͤnigs wert, Arabien hatte ſein beſtes Gold zum 
Griffe geliefert und feinſte Venezianer Arbeit war die Scheide. 
Der Ritter ſagte: „Bruder, dieſes Schwert iſt Euch beſtimmt 


und ich wuͤnſche, daß Ihr es tragt. Guͤrtet es Euch um und 


zieht es in Ehren!“ Jener dankte dem Schloßherrn, ſchnallte 
ſich das Schwert um, und es gefiel ihm wohl, trefflich ſtand 
es ihm an, da er es an ſeiner Seite trug, und beſſer noch, als 
er es in der Fauſt hielt, um die Klinge zur Haͤlfte heraus⸗ 
zuziehen, um ſie zu pruͤfen. Hinter ihm ſah er im Schein 
des Feuers den Diener ſtehen, der die Waffen verwahrte; 


dieſem gab er das Schwert, daß er es aufbewahre. Dann 


nahm er wieder neben dem Schloßherrn Platz, der ihm große 
Ehren erwies. 


38 


az 


Als fie noch Über dies und jenes ſprachen, trat ein Juͤng⸗ 
ling aus einer Kammer, der eine weiße Lanze in der Mitte 
umklammert hielt. Langſam trug er ſie hoch erhoben zwiſchen 


dem flammenden Feuer und den beiden Rittern auf der 


Lagerſtatt voruͤber, und alle, die im Saale waren, blickten auf 
die Lanze und den weißen Stahl. Und ſiehe: von der Lanze 
Spitze troff ein purpurroter Tropfen Bluts herab und rollte 
auf des Traͤgers Hand. Parzival ſah dies Wunder, aber er 
fragte nicht nach ſeiner Deutung, denn er erinnerte ſich des 
Verbotes, das ihm jener auferlegt, der ihn zum Ritter 
ſchlug!, als er ihm ſagte, er ſolle ſich vor zu vielem Reden 
huͤten; ſo fuͤrchtete er, man wuͤrde ſein Fragen fuͤr Ungebuͤhr 
erachten, und blieb ſtumm. Darauf traten zwei Juͤnglinge 
ein, die Leuchter aus emailverziertem Gold in den Haͤnden 
trugen, und zehn Kerzen brannten links und rechts in jedem 
Leuchter. Hinter den beiden kam eine Jungfrau in den Saal, 
wie ein Engel anzuſchauen, die hielt mit ihren beiden Haͤn⸗ 
den den Graal umſpannt. Als ſie den Saal betrat, drang eine 
ſolche Helle aus dem Graal, daß alle Kerzen ihren Schein 
verloren, gleichwie vor der Sonne oder des Mondes Licht 
der Sterne Glanz verblaßt. Viel koſtbare Steine ſchmuͤckten 
den Graal, die reichſten, die der Schoß der Erde birgt, alle 
Schaͤtze der Welt uͤberſtiegen ſie an Wert. Hinter der Graal⸗ 
traͤgerin ſchritt eine Jungfrau, die einen ſilbernen Teller 
trug, der mit feinem Golde eingelegt war. Ebenſo wie der 
mit der Lanze wallten ſie vor dem Lager voruͤber und 
verſchwanden in einem Nebenraum. Parzival ſah ſie 
voruͤberſchreiten und wagte nicht, nach dem Graal zu fragen, 
denn er trug ſtets die Worte des Weiſen im Herzen. 

Darauf befahl der Schloßherr den Dienern, das Waſſer 
zu bringen und den Tiſch herzurichten, was ſogleich geſchah. 
Der Schloßherr und der Juͤngling wuſchen ihre Haͤnde in 
lauwarmem Waſſer, dann brachten zwei Diener eine Tafel 
aus Ebenholz ganz aus einem Stuͤck und hielten ſie ſo lange, 
bis zwei andere Diener kamen, die zwei Geruͤſte brachten, 
1 Gemeint iſt Gurnemanz. 


39 


welche aus einem wunderbaren Holze gefertigt waren, das 
weder Faͤulnis noch Feuer zerſtoͤren kann. Auf dieſe Ge⸗ 
ruͤſte ſetzte man die Tafel und breitete ein Tuch daruͤber; 
kein Papſt hatte je von einem weißeren geſpeiſt. Die erſte 
Speiſe war ein Hirſchſchlegel in Pfeffer; klarer, herber Wein 
wurde dazu in goldene Becher gegoſſen. Ein Diener zer⸗ 
teilte das Fleiſch mit einem ſilbernen Meſſer und legte den 
Rittern die Stuͤcke auf einem Teller vor. Und bei jeder 
Speiſe, die man auftrug, ſah der Juͤngling den Graal ganz 
unverhuͤllt voruͤbergleiten, doch er fragte nicht, wozu er 
diente. Freilich haͤtte er es gern gewußt, aber er dachte, ehe 
er fortginge, koͤnne er einen der Diener des Schloſſes darnach 
fragen. Einſtweilen beſchraͤnkte er ſich auf das Eſſen und 
Trinken, denn Speiſen und Getraͤnke waren von ausgeſuch⸗ 
tem Wohlgeſchmack, und kein Kaiſer wurde jemals ſo gut 
bedient wie der Schloßherr und der Juͤngling an dieſem 
Abend. Nach dem Eſſen plauderten beide noch eine Zeit⸗ 
lang, und die Diener brachten ihnen Fruͤchte und Gewuͤrze 
vor dem Schlafengehen. Da gab es Datteln, Feigen und 
Muskatnuͤſſe, purpurrote Granataͤpfel und zuletzt alexan⸗ 
driniſchen Ingwer. Hierauf nahmen ſie einen Wuͤrztrank und 
dann Maulbeerwein und hellen Sirup. Endlich ſagte der 
Ritter: „Freund, fuͤr heute iſt es Zeit zum Schlafen. Moͤge 
es Euch nicht kraͤnken, wenn ich drinnen in meiner Kammer 
zur Ruhe gehe; Ihr ſelbſt werdet ein Lager bereit finden, 
ſobald es Euch Vergnuͤgen macht, Euch niederzulegen. Ich 
habe keine Macht uͤber meinen Koͤrper und man muß mich 
forttragen.“ Drei kraͤftige Diener traten aus der Kammer, 
ergriffen die Decke, welche auf dem Lager des Schloßherrn 
ausgebreitet war, und trugen ihn in ſein Schlafgemach. 
Andere Diener waren beſtimmt, dem Juͤngling aufzuwarten. 
Sie loͤſten ihm die Schuhe ab, als es ihm gefiel, halfen ihm, 
ſich zu entkleiden und huͤllten ihn in weiße Leintuͤcher. Und 
Parzival ſchlief, bis am andern Morgen die erſte Roͤte des 
Tages aufzog und das Schloßgeſinde ſich erhob. 

Der Juͤngling blickte in ſeinem Schlafgemach umher, aber 


40 


er ſah keinen Menſchen im ganzen Raum. Er mußte ſich alſo 
allein erheben, ſo ſehr ihn das auch kraͤnkte. Er bekleidete ſich, 
ſo gut es gehen wollte, legte ſeine Schuhe an, ohne auf fremde 
Hilfe zu warten, und nahm ſeine Waffen, die er auf dem 
gleichen Tiſche liegend vorfand, auf welchen er ſie am Abend 
zuvor niedergelegt hatte. Als er ſich gewaffnet hatte, wollte 
er die Kammer durch die Tuͤr verlaſſen, die, wie er geſehen 
hatte, die Nacht uͤber offen geblieben war; aber zu ſeinem 
Erſtaunen fand er ſie verſchloſſen. Er rief und ruͤttelte und 
pochte: vergebens, niemand antwortete, niemand oͤffnete. 
Als er des Schreiens muͤde war, trat er zur Offnung der 
Kammer, die ins Freie fuͤhrte, und fand ſie unverſperrt, er 
ſtieg die Stufen hinab, fand ſein Roß geſattelt und ſah ſeine 
Lanze und ſeinen Schild an die Wand gelehnt. Dann beſtieg 
er ſein Roß und blickte ſich um, aber er ſah keinen Knappen 
und keinen Diener. Er wandte ſich zum Tor und fand die 
Bruͤcke herabgelaſſen. Er glaubte, da er dies ſah, die Diener 
ſeien in den Wald gegangen, um nach Wildbret zu ſpaͤhen, 
und ritt ohne Saͤumen auf die Bruͤcke, denn gern haͤtte er 
von einem der Knappen erfahren, warum die Lanze blute 
und wohin man den Graal trage. Kaum aber hatte er die 
Bruͤcke betreten, als er fühlte, wie ſich die Füße feines Roſſes 
hoben, das Tier machte einen gewaltigen Satz, und wenn es 
nicht ſo gut geſprungen waͤre, ſo waͤre es ihnen beiden uͤbel 
ergangen. Der Ritter wandte ſein Geſicht, um zu ſehen, was 
das geweſen ſei, und er bemerkte, daß man die Bruͤcke empor⸗ 
gezogen habe. Er rief, aber niemand antwortete ihm. 
„Heda, rief er, „du, der du die Bruͤcke aufgezogen haſt, wo 
biſt du, ſprich mit mir, denn ich ſehe dich nicht. Tritt vor, 
ich will dich um etwas fragen, das ich wiſſen moͤchte!“ So 
ſprach er, und da niemand ihm antworten wollte, merkte er, 
daß zuviel Schweigen manchmal ebenſo unklug iſt, wie zuviel 
Reden. Er lenkte ſein Pferd auf einen Pfad, wo er eine 
friſche Spur von Roſſen erblickte; „da ſind ſie wohl fortgerit⸗ 
ten, die ich ſuche“, ſprach er bei ſich und trabte tiefer und 
tiefer in den Wald hinein 


41 


7. Iwein 


ls König Artus einft zu Carduel das Pfingfifeft be 

ging, erzählte Kalogreant feine letzte Abenteuerfahrt 

zur Wunderquelle von Broceliande, welche für ihn 
einen ſchlimmen Ausgang genommen hatte. König Artus 
hoͤrte den Bericht und ſchwur, er wolle am Johannistage das 
naͤmliche Abenteuer beſtehen, aber Iwein, der das Miß⸗ 
geſchick ſeines Vetters Kalogreant raͤchen wollte, brach in 
aller Stille nach dem Zauberwalde auf. 

Ein Bauer wies ihm den Weg: „Geht nur immer gerade⸗ 
aus, ſagte er, „dann werdet Ihr zu der kochenden Quelle 
gelangen, die trotzdem ſo kalt iſt wie Marmelſtein. Der herr⸗ 
lichſte Baum, der Sommer und Winter ſein Laub behaͤlt, 
überfchattet fie, und daran hängt an langer Kette ein metall⸗ 
nes Becken. Neben der Quelle werdet Ihr einen Stein finden 
und auf der anderen Seite eine kleine Kapelle. Wenn Ihr 
nun das Becken mit Waſſer fuͤllt und dieſes auf den Stein 
ausgießt, ſo wird ſich ein ſolches Unwetter erheben, daß Wild 
und Voͤgel den Wald fliehen; denn ſolchermaßen wird es 
blitzen, ſturmen und krachen, regnen und donnern, daß Ihr 
ſchon gewaltiges Gluͤck haben muͤßt, wenn Ihr ohne Schaden 
davonkommen wollt.“ 

Gegen Mittag gewahrte J Iwein den Baum und die Ka⸗ 


pelle. Am Baume war ein Becken aus lauterm Golde be⸗ 


feſtigt, die Quelle aber brodelte wie kochendes Waſſer. Der 
Steinblock war ein durchbohrter Smaragd mit vier Rubinen 
beſetzt, die flammten wie die Morgenſonne. Iwein fuͤllte 
das Becken und goß das Waſſer auf den Stein. Auf der 
Stelle zuckten mehr als ein Dutzend Blitze hernieder und die 
Wolken goſſen Schnee, Regen und Hagel aus. Iwein glaubte 
von den rings um ihn einſchlagenden Blitzen und von den 
ſplitternden Baͤumen vergehen zu muͤſſen. Aber alsbald 
ſandte Gott wieder ſchoͤnes Wetter, die Voͤgel kehrten auf 
die Tanne zuruͤck und trieben ihr luſtiges Spiel uͤber der 
Wunderquelle. Kaum hatte ſich der Sturm gelegt, ſo er⸗ 


42 


= 3 — —— * 


ſchien, vor Zorn flammend wie Kohlenglut, ein Ritter mit 
ſolchem Laͤrm, als jage er einen Brunſthirſch: es war der 
Huͤter der Quelle. Beider Blick verkuͤndete, daß ſie einander 
auf den Tod haßten. Mit maͤchtigen Lanzenſtoͤßen zerſpreng⸗ 
ten ſie einander Schild und Harniſch, die Lanzen zerſplitter⸗ 
ten und die Truͤmmer flogen in die Hoͤhe. Dann gingen ſie 
einander mit den Schwertern an und es entbrannte ein furcht⸗ 
barer Kampf, doch keiner wich um eines Fußes Breite von 
der Stelle. Schließlich zerhieb Herr Iwein den Helm des 
Gegners, ſo daß das Blut von deſſen Haupte ſtroͤmte und die 
Maſchen ſeines weißen Harniſchs roͤtete. Auf den Tod ver⸗ 
wundet floh der Fremde; im Galopp ſprengte er nach ſeiner 
Burg, die Zugbruͤcke raſſelte herunter und das Tor oͤffnete 
ſich, hinten nach aber jagte Herr Iwein, ungeſtuͤm wie ein 
Falke, der einen Kranich verfolgt. So galoppierten ſie beide 
durch das Stadttor und durch die menſchenleeren Straßen 
und gelangten mit verhaͤngten Zuͤgeln vor das Tor des 
Schloſſes. Der Zugang war ſo eng, daß zwei Ritter nicht 
nebeneinander eindringen konnten. Wie bei einer Ratten⸗ 
falle befanden ſich unter dem Tor zwei Schlagfallen, welche 
eine ſcharf geſchliffene eiſerne Falltuͤr hielten. Trat jemand 
auf dieſe Vorrichtung, ſo ſauſte die Falltuͤr herab und er 
war gefangen oder gar zerhackt. Der Quellwaͤchter ſprengte 
geradeswegs hindurch, Iwein aber, der hinter ihm her⸗ 
haſtete, packte ihn ſchon am Sattelbogen, da trat ſein Roß 
auf das Holzbrett, welches die Eiſentuͤre hielt. Wie die Teufel 
in die Hoͤlle, ſo fuhr die Falltuͤr herab, durchſchnitt den Sattel 
und trennte das Pferd mitten auseinander, ohne indeſſen, 
Gott ſei Dank, Herrn Iwein zu beruͤhren, dem nur die 
beiden Sporen von den Ferſen geriſſen wurden. Da ſtuͤrzte 
er und der Todwunde entkam ihm. Eine ebenſolche Tuͤr, 
wie ſie am aͤußeren Eingang ſich befand, war auch innen an⸗ 
gebracht. Der Schloßherr eilte hindurch und die Tuͤr fiel 
hinter ihm herab. So war Herr Iwein gefangen. 

Auf einmal hoͤrte er, wie ſich das ſchmale Tuͤrchen eines 
Seitenraumes oͤffnete; eine wunderſchoͤne Jungfrau trat 


43 


heraus und ſchloß die Pforte hinter ſich wieder zu. Als fie 
Herrn Iwein erblickte, erſchrak ſie: „Wenn man Euch hier 
bemerkt, Herr Ritter,“ rief ſie, „ſo ſeid Ihr verloren. Unſer 
Herr iſt auf den Tod verwundet, und wohl weiß ich, daß Ihr 
ſein Moͤrder ſeid. Unſere Herrin und ihre Leute ſind troſtlos 
und werden Euch gewißlich toͤten, wenn ſie Euch hier er⸗ 
wiſchen.“ „Das ſteht bei Gott!“ antwortete Iwein. „Sie 
ſollen Euch aber nicht erwiſchen,“ hub Lunete, die Jungfrau, 
wieder an, „denn ich will Euch helfen, wie Ihr mir einſt am 


Artushofe halfet, als ich als kleines bloͤdes Maͤdchen dorthin 


kam. Da, nehmt dies Ringlein und ſtellt es mir zuruͤck, wenn 
Ihr wieder frei ſeid!“ Sie fuͤgte hinzu, daß es mit dem 
Ringe dieſe Bewandtnis habe: wenn man ihn ſo anſtecke, daß 
der Stein in der Fauſt verborgen ſei, ſo brauche der, welcher 
den Ring am Finger trage, nichts mehr zu fuͤrchten, denn er 
ſei fuͤr jedermann unſichtbar, ebenſo wie ein Baumſtamm, 
den die Rinde verdeckt. Nach dieſen Worten fuͤhrte ſie den 
Ritter in den Nebenraum, hieß ihn ſich auf ein Ruhebett 
niederlaſſen und reichte ihm Speiſe und Trank. Nun kamen 
die Ritter und Buͤrger, die ihren Herrn raͤchen wollten, ſie 
zogen die Falltuͤren in die Hoͤhe und fanden die beiden Teile 
des toten Roſſes, aber Iwein war nirgends zu ſehen. Raſend 
vor Wut ſtuͤrzten ſie in den Saal und ſchlugen blindlings auf 
Waͤnde, Betten und Baͤnke ein, aber das Bett, auf dem 
Iwein lag, blieb unberuͤhrt. 

Waͤhrend ſie noch in ihrer Blindheit raſend um ſich 
ſchlugen, trat eine Frau in den Saal, die war ſo ſchoͤn, wie 
ſie kein Sterblicher je geſehen. Doch war ſie ſo gramgebeugt, 
daß ſie dem Tode nahe ſchien. Das eine Mal ſchrie ſie laut 
auf, dann ſank ſie wieder ohnmaͤchtig zu Boden, darauf be⸗ 
gann ſie ſich zu zerfleiſchen und ihre Haare zu raufen. Und 
ſiehe, die Leiche des Herrn wurde auf einer Bahre voruͤber⸗ 
getragen, Kerzentraͤger gingen ihr voraus und Kloſterfrauen, 
dann folgten Geiſtliche mit Meßbuͤchern und Weihrauch⸗ 
keſſeln. Herr Iwein hoͤrte die Wehklagen, und die Prozeſſion 
zog voruͤber, um die Bahre aber draͤngte ſich eine ſtaunende 


44 


Menge, denn das Blut floß klar und purpurn aus den Wun⸗ 
den des Toten. Das war der ſichere Beweis, daß der, wel⸗ 
cher den Tod des Schloßherrn veranlaßt hatte, ſich noch hier 
im Saale befinden mußte. Von neuem begann das Suchen 
und Schlagen, doch Herr Iwein ruͤhrte ſich nicht. Die Frau 
aber ſchrie wie eine Wahnſinnige: „Ach Gott! Soll man den 
Moͤrder, den Schurken nicht finden, der meinen guten Herrn 
umgebracht hat. Guten? Den Beſten der Guten! Hat ſich 
ein Geiſt oder der leidige Feind unter uns gemengt, bin ich 
behert, daß meine Augen ihn nicht ſehen? Ein Feigling iſt 
er, wenn er mir nicht ſteht, er, der gegen meinen Herrn ſo 
mutig war. Wahrlich, er kann nicht von dieſer Welt ſein, 
wenn er meinem unvergleichlichen Herrn ſtandhielt.“ Dann 
trugen ſie die Leiche hinaus und begruben ſie. Die Menge 
wurde ſchließlich des Suchens muͤde und zerſtreute ſich. Nun 
trat die Jungfrau wieder zu Iwein. „Herr“, ſagte fie, „wie 
ein Jagdhund nach einem Rebhuhn oder einer Wachtel ſpuͤrt, 
ſo haben ſie jeden Winkel abgeſucht. Das muß Euch in Furcht 
geſetzt haben!“ „Das iſt richtig,“ antwortete Iwein, „aber 
nichtsdeſtoweniger moͤchte ich durch ein Fenſter den Leichen⸗ 
zug da draußen beobachten.“ So ſagte er, aber in Wahrheit 
kuͤmmerte er ſich weder um die Leiche noch um den Zug, 
ſondern er ſprach es, weil er die Herrin der Stadt ſchauen 
wollte. Lunete fuͤhrte ihn an ein Fenſterchen, durch welches 
er die ſchoͤne Frau erſpaͤhen konnte, welche immer noch ihrem 
toten Gatten nachtrauerte: „Euch, lieber Herr, kam nie ein 
Ritter gleich an Ehren weder noch an feiner Sitte. Frei⸗ 
gebigkeit war Eure Freundin und Mut Euer Gefaͤhrte. Unter 
der Schar der Heiligen moͤge, teurer Herr, Eure Seele weilen.“ 
Dabei zerriß ſie immer wieder mit den Haͤnden ihr Gewand, 
dergeſtalt, daß Iwein ſich nur mit Muͤhe zuruͤckhalten ließ, 
ſie daran zu hindern. Lunete mahnte ihn nochmals, ruhig 
und beſonnen zu bleiben, dann ging auch ſie, um an der 
Leichenfeier teilzunehmen. 

Inzwiſchen hatte aber die Frau, ohne es zu wiſſen, einen 
Raͤcher fuͤr den Tod ihres Gatten gefunden, und zwar einen 


45 


ſtaͤrkeren als fie felbft jemals hätte finden koͤnnen: Amor 
hatte naͤmlich fuͤr ſie Rache genommen, dadurch, daß er 
Iwein durch die Augen in das Herz getroffen hatte. Hier⸗ 
durch hatte Herr Iwein eine Wunde erhalten, die nie wieder 
heilen ſollte. Je laͤnger Iwein die Frau durch das Fenſter 
beobachtete, deſto mehr verliebte er ſich in ſie und deſto 
ſchoͤner erſchien ſie ihm. Gewiß, er wußte, daß ſie ihn wegen 
der Toͤtung ihres Gatten haſſen muͤſſe, aber eine Frau hat 
mehr als tauſend Gefuͤhle. Vielleicht wird ſich das Gefuͤhl, 
daß ſie zur Zeit hegt, noch einmal aͤndern? Sicher wird es 
das, ohne „vielleicht“ und er wäre töricht, wenn er zuvor 
verzweifeln wollte, Gott gebe nur, daß es bald wechſle. 
Waͤhrend er noch in ſolchen Gedanken befangen war, kehrte 
Lunete zuruͤck, um ihm Geſellſchaft zu leiſten, ihn zu troͤſten 
und zu zerſtreuen. „Herr Iwein,“ redete ſie ihn an, „wie 
iſt es Euch inzwiſchen ergangen?“ „Nach Gefallen!“ er⸗ 
widerte er. „Nach Gefallen? Wie? Kann es einem nach 
Gefallen ergehen, wenn man zum Tode geholt werden ſoll?“ 
„Gewiß, meine liebe Freundin,“ entgegnete er, „ich moͤchte 
jetzt nicht ſterben, denn was ich ſah, hat mir ſehr gefallen und 
gefällt mir noch und wird mir immer mehr gefallen!“ 
„Laſſen wir das,“ ſprach Lunete, „ich verſtehe ſehr wohl, 
worauf dieſes Wort zielt, ich bin nicht ſo einfaͤltig. Aber jetzt 
kommt, damit ich Eure Befreiung bewerkſtellige. Heute 
Nacht noch oder morgen fruͤh ſollt Ihr in Sicherheit ſein.“ 
„Oho,“ verſetzte er, „ich will nicht wie ein Dieb davon⸗ 
ſchleichen. Mit mehr Ehren werde ich von dannen ziehen, 
wenn alles Volk draußen auf der Straße verſammelt iſt, als 
wenn ich naͤchtlicherweile mich aus dem Staube mache!“ 

Die Jungfrau erinnerte ſich ſehr wohl an Iweins Worte, 
und da ſie ſehr gut mit ihrer Herrin ſtand, ſo benutzte ſie 
die naͤchſte Gelegenheit, um die Sache zur Sprache zu brin⸗ 
gen. „Herrin,“ ſprach ſie, „es wundert mich ſehr, daß Ihr 
Euch ſo ſinnlos gebaͤrdet; glaubt Ihr denn, den Herrn durch 
Eure Traͤnen zuruͤckzugewinnen?“ „Ach,“ entgegnete jene, 
„ich wuͤnſchte, ich ſtuͤrbe vor Schmerz!“ „Warum?“ „Um 


46 


ihm nachzufolgen!“ „Ihm nach...? Davor bewahre Euch 
Gott, vielmehr gebe er Euch wieder einen ebenſo guten Ge⸗ 
mahl, der auch ebenſo tapfer iſt.“ „Einen ſo trefflichen kann 
er mir nicht wiedergeben!“ „Einen beſſeren wird er Euch 
geben, wenn Ihr ihn nehmen wollt, das will ich Euch be⸗ 
weiſen.“ „Geh, ſchweig! Einen ſolchen werde ich nie fin⸗ 
den!“ „Doch, Herrin, wenn Ihr wollt. Denn, ſagt mir 
doch — um Vergebung —, wer ſoll Euren Boden ſchuͤtzen, 
wenn Koͤnig Artus herkommt, der, wie Ihr wißt, naͤchſte 
Woche zur Quelle und zum Steinblock gelangen wird? Ihr 
ſolltet lieber einen Entſchluß faſſen, wie Ihr Eure Quelle ver⸗ 
teidigen wollt, anſtatt daß Ihr unaufhoͤrlich jammert.“ 
„Geh!“ zuͤrnte die Herrin, „ich will nichts mehr davon 
hoͤren!“ „Auch gut, Frau!“ ſchmollte Lunete, „da kann man 
nichts machen, wenn ſich die Herrin uͤber guten Rat er⸗ 
zuͤrnt.“ Aber ihre Worte hatten doch gewirkt, die Dame 
hätte gar zu gern gewußt, wie Lunete beweiſen wollte, daß 
ſie einen beſſeren Ritter finden koͤnne, als ihr Gatte geweſen 
war, und bald kam das Geſpraͤch wieder auf dieſen Gegen⸗ 
ſtand. „Geſetzt, daß zwei Ritter ſich bewaffnet im Kampfe 
gegenuͤberſtehen“, ſagte Lunete, „und daß der eine den an⸗ 
deren beſiegt, wer, glaubt Ihr, iſt wohl der beſſere? Ich 
meinerſeits wuͤrde dem Sieger den Preis zuerkennen. Und 
Ihr?“ „Mir ſcheint, du willſt mir auflauern, um mich dann 
beim Wort zu nehmen.“ „Ich ſage die reine Wahrheit, ich 
will Euch nur beweiſen, daß der, welcher Euren Gatten be⸗ 
ſiegte, ein beſſerer Ritter iſt als jener war.“ Nun brach der 
Zorn der Herrin los und Lunete eilte wieder zu Iwein, der 
bekuͤmmert daruͤber war, daß er den Anblick der Schloß⸗ 
herrin entbehren mußte. Dieſe ſorgte ſich indeſſen doch 
darum, wie ſie ihre Quelle verteidigen ſollte, und ſie bereute 
ihre harten Worte gegen Lunete. Am anderen Morgen ent⸗ 
ſchuldigte ſie ſich bei ihr und fragte ſie nach Name und Art 
des Siegers. „Ich werde ihn“, ſagte fie, „Dafür buͤrge ich 
dir, zum Herrn uͤber mich und mein Land machen. Aber es 
muß ſo geſchehen, daß uͤber mich keine uͤble Nachrede ent⸗ 


47 


Bar — 
ein 


fteht, etwa: das iſt die, die den Mörder ihres Gatten ge⸗ 
nommen hat.“ „Gewiß, Herrin, Ihr werdet den edelſten 
und vornehmſten und ſchoͤnſten Mann bekommen, der je aus 
dem Stamme Abels geboren wurde.“ „Wie heißt er denn?“ 
„Herr Iwein.“ „Bei Gott, der iſt nicht uͤbel. Er iſt von 
edler Geburt, ich weiß wohl, er iſt der Sohn des Koͤnigs 
Urian.“ „So iſt es.“ „Und wann kann ich ihn haben?“ 
„In fuͤnf Tagen.“ „Das iſt zu lange, er ſollte ſchon da ſein. 
Er ſoll heute Nacht oder doch ſpaͤteſtens morgen kommen.“ 
Lunete verſprach nun, den Ritter herbeizuſchaffen und beriet 
ihre Herrin, wie ſie ihre Barone mit ihrer ſchnellen Wieder⸗ 
verheiratung verſoͤhnen koͤnne: es muͤßte doch jedem ein⸗ 
leuchten, daß die Quelle einen neuen Verteidiger haben muͤſſe. 

Iwein wurde alſo vor die Schloßherrin gefuͤhrt, um von 
ihr, wie die liſtige Lunete ſagte, ins Gefaͤngnis geworfen zu 
werden, und er folgte demuͤtig und krank vor Liebe und Sehn⸗ 
ſucht. Und hatte die Jungfrau nicht recht, wenn ſie ihn einen 
Gefangenen nannte? Denn wer liebt, iſt in Ketten. Ge⸗ 
beugten Hauptes trat Iwein vor die Schloßherrin, er faltete 
die Haͤnde und ließ ſich vor ihr auf die Knie nieder. „Herrin, 
ich bitte nicht um Gnade. Gern will ich alles leiden, was Ihr 
mit mir vorhabt, und ich will Euch noch dafuͤr danken.“ „Und 
wenn ich Euch toͤten laſſe, wie Ihr meinen Herrn getoͤtet 
habt?“ „Wenn Euer Herr mich angriff, welches Unrecht tat 
ich, mich zu verteidigen?“ „Wenn Ihr Euch ſchuldlos fuͤhlt, 
warum wollt Ihr dann meinen Willen uͤber Euch ergehen 
laſſen? Setzt Euch und ſteht mir Rede!“ „Herrin, mein 
Herz treibt mich dazu!“ „Und wer trieb Euer Herz?“ 
„Herrin, meine Augen!“ „Und wer die Augen?“ „Die hohe 
Schoͤnheit, die ich an Euch ſah!“ „Die Schoͤnheit, was hat 
die damit zu tun?“ „Herrin, ſie heißt mich lieben!“ „Lieben? 
Und wen?“ „Euch, teure Frau!“ „Mich? Und wie?“ „So, 
daß ich nur noch an Euch denke, daß ich Euch mehr liebe als 
mich ſelbſt, daß ich fuͤr Euch leben oder ſterben will!“ „Und 
werdet Ihr meine Quelle ſchuͤtzen?“ „Gegen die ganze 
Welt!“ „Dann ſind wir alſo einig.“ 


48 


Darauf führte fie ihn in den Saal zu den Baronen, wel: 
chen ſeine ritterliche Geſtalt gewaltig in die Augen ſtach und 
welche ihn ohne Widerrede als ihren Herrn anerkannten. 
Noch am gleichen Tage vermaͤhlte ſich Herr Iwein mit 
Laudine von Landuc, der Tochter des ſangesberuͤhmten Her⸗ 
zogs Landunet. 

Am Tage darauf kam Koͤnig Artus mit ſeinen Begleitern 
zur Wunderquelle und zum Stein. „Nun?“ ſpottete Kei, 
„was iſt aus Iwein geworden, der ſich nach dem Mahle vom 
Weine berauſcht ruͤhmte, ſeinen Vetter raͤchen zu wollen. Er 
iſt feige geflohen!“ „Gnade, Herr Kei, verſetzte Gawein, 
„wenn Herr Iwein nicht hier iſt, ſo hat er ſicherlich einen 
Entſchuldigungsgrund.“ Kei ſchwieg und der Koͤnig goß 
Waſſer aus dem Becken auf den Stein unter der Tanne, und 
ſogleich begann es in Stroͤmen zu regnen. Alsbald erſchien 
Herr Iwein bewaffnet im Walde. Kei bat den Koͤnig, als 
erſter mit dem Huͤter der Quelle kaͤmpfen zu duͤrfen und 
dieſe Bitte wurde ihm ſogleich gewaͤhrt. Herr Iwein aber 
verſetzte ihm einen Stoß von ſolcher Heftigkeit, daß er einen 
Purzelbaum von ſeinem Sattel herab ſchoß und ſein Helm 


am Boden rollte. Iwein ließ ihn liegen und trat vor den 


Koͤnig, indem er Keis Roß am Zuͤgel fuͤhrte. „Herr,“ ſprach 
er, „nehmt dieſes Roß. Ich wuͤrde uͤbel tun, wenn ich etwas 
von Eurer Habe zuruͤckbehalten wollte.“ „Und wer ſeid Ihr?“ 
fragte Koͤnig Artus, „ich kenne Euch nicht, wenn ich nicht 
Euren Namen hoͤre oder Euch unbewaffnet erblicke. Da gab 
ſich Iwein zu erkennen und Kei war aͤußerſt niedergeſchlagen, 
zumal da er noch kurz zuvor uͤber ihn geſpottet hatte. Gawein 
aber freute ſich hundertmal mehr als alle anderen, daß er 
ſeinen Gefaͤhrten wiedergefunden hatte. Nun mußte Iwein 
dem Koͤnig ſein Abenteuer erzaͤhlen, aber als er ſeinen Be⸗ 
richt beendet hatte, erſuchte er Artus, er moͤge mit all ſeinen 
Rittern bei ihm Herberge nehmen. Der Koͤnig erwiderte, 
gern wolle er ihm fuͤr eine Woche Ehre, Freude und Geſell⸗ 
ſchaft verſchaffen. Iwein dankte dem Koͤnig und nun be⸗ 
gaben ſich alle zur Burg, nachdem zuvor ein Bote an Laudine 


4 Franz. Märchen 1 49 


abgeſchickt worden war, der fie von dem bevorſtehenden Be⸗ 
ſuch in Kenntnis ſetzen ſollte. Durch die gaffende Menge 
ging die Schloßherrin, umgeben von tanzenden Jungfrauen, 
in ein Hermelingewand gehuͤllt und mit einer rubingeſchmuͤck⸗ 
ten Krone auf dem Kopfe, dem Koͤnig entgegen und bewill⸗ 
kommnete ihn. Den Tag beſchloß ein großes Feſt und Ga⸗ 
wein dankte es Lunete durch mannigfache Gunſtbezeigungen, 
daß ſie ſeinen Freund vom Tode gerettet hatte. Die ganze 
Woche verging unter Feiern, Jagden und Beſichtigen der 
Schloͤſſer. Als aber der Koͤnig nicht mehr laͤnger ver⸗ 
weilen wollte, ließ er alles zur Abreiſe ruͤſten. 

Man hatte ſich die ganze Woche bemuͤht, Iwein zu ver⸗ 
anlaſſen, daß er mitziehe. „Wie?“ hatte Gawein zu ihm ge⸗ 
ſagt, „gehoͤrt Ihr auch zu denen, die weniger taugen, ſobald 
ſie beweibt ſind? Verflucht ſei, wer nur heiratet, um ſich zu 
verliegen, man ſoll umgekehrt tuͤchtiger werden durch den 
Umgang mit ſchoͤnen Frauen. Brecht die Feſſel, die Euch 
bindet, dann wollen wir beide wieder zu Turnieren reiten, 
damit niemand Euch eiferſuͤchtig ſchilt. Jedes Gut wird be⸗ 
gehrenswerter, wenn man ſeinen Genuß hinausſchiebt, 
ſchoͤner iſt es, ein geringes Gluͤck nach einem Aufſchub zu 
koſten, als ein großes alle Tage. Spaͤte Liebesfreude gleicht 
einem brennenden gruͤnen Buſch, der um ſo heißer brennt, 
je laͤnger er zoͤgert, Feuer zu fangen.“ So lange redete Ga⸗ 
wein auf ſeinen Freund ein, bis dieſer ihm verſprach, mitzu⸗ 
ziehen. Aber zuvor muͤſſe er ſeine Herrin fragen, ob ſie ihm 
Urlaub gewaͤhren wolle, um nach Britannien zuruͤckzukehren. 
Er ſprach alſo zu Laudine: „Meine teuere Frau, die Ihr mein 


Herz und meine Seele ſeid, wollt Ihr mir um Eurer und 


meiner Ehre willen etwas verfprechen?” „Lieber Herr,” ver⸗ 
ſetzte ſie, „Ihr moͤgt mir befehlen, was Euch gut duͤnkt!“ 
Nun bat ſie Iwein um Urlaub, dem Koͤnig zu folgen und 
zu Turnieren zu reiten, damit man ihn nicht traͤge ſchelte. 
Sie ſprach: „Ich gewaͤhre Euch den Urlaub bis zu einem be⸗ 
ſtimmten Zeitpunkt. Aber meine Liebe, die ich zu Euch 
trage, wird ſich in Haß verwandeln, wenn Ihr dieſen Zeit⸗ 


50 


punkt, den ich Euch angeben werde, überfchreitet. Wenn Ihr 
Euch meiner Liebe fuͤrderhin erfreuen wollt, ſo ſeid darauf 
bedacht, in ſpaͤteſtens einem Jahre zuruͤck zu ſein, acht Tage 
nach dem Feſte St. Johannis. Los und ledig ſollt Ihr meiner 
Liebe werden, wenn Ihr an dieſem Tage nicht wieder bei 
mir ſeid.“ Iwein konnte ihr vor Gram kaum antworten: 
„Herrin, dieſe Zeitſpanne iſt zu lang. Koͤnnte ich eine Taube 
ſein, gar oft waͤre ich bei Euch! Ich bitte Gott, daß er mich 
nicht ſo lange verharren laͤßt. Aber was ſoll werden, wenn 
Krankheit oder Haft mich hindern?“ „Wenn Gott Euch vor 
dem Tode bewahrt, ſo wird Euch keine Verzeihung zuteil, 
wenn Ihr nicht mein zur rechten Zeit gedenkt. Nehmt dieſen 
Ring an Euren Finger, er wird Euch vor Kerker und Wunden 
bewahren. Wenn ein wahrhaft Liebender ihn traͤgt, ſo wird 
er dadurch ſo hart wie Eiſen: der Ring Toll Euer Schild und 
Harniſch fein!" Weinend trennte ſich Iwein von ihr, mit 
Traͤnen waren ihre Abſchiedskuͤſſe beſaͤt und von Zaͤrtlichkeit 
umduftet. 

Nun begann ein bewegtes Leben. Überall, wo man tur: 
nierte, waren Iwein und Gawein zu ſehen. So ging das 
Jahr voruͤber, und immer noch gelang es Gawein, ſeinen 
Freund zuruͤckzuhalten. Das andere Jahr brach an und es 
war ſchon zu Mitte Auguſt, als Koͤnig Artus Hoftag in 
Cheſter hielt. Gerade am Tage vorher waren die beiden 
Gefaͤhrten von einem Turnier zuruͤckgekehrt, bei welchem 


Iwein den Hauptpreis davongetragen hatte. Sie hatten 


nicht in der Stadt abſteigen wollen, ſondern hatten ihre Zelte 
außerhalb der Mauern aufgeſchlagen. Dort ſuchte ſie Koͤnig 
Artus auf und ſetzte ſich zwiſchen ſie auf das Lager. Da be⸗ 
gann Herr Iwein in Gedanken zu verfallen und nie, ſeit er 
von ſeiner Herrin Abſchied genommen hatte, war ihm ein 
Gedanke ſo ſchwer aufs Herz gefallen wie dieſer, denn er 
wußte wohl, daß er ſein Verſprechen nicht gehalten hatte und 
daß der Zeitpunkt uͤberſchritten war. Noch gruͤbelte er ſo, 
da ſah man auf ſchwarz⸗ und weißgeflecktem Roß eine 
Jungfrau heranreiten. Vor dem Zelte ſtieg ſie ab, aber nie⸗ 


4* 51 


mand kam, ihr zu helfen, niemand nahm ihr Roß in Hut. 
Als ſie den Koͤnig erblickte, ließ ſie den Mantel fallen und 
trat ins Zelt. Sie ſagte, ihre Herrin laſſe den Koͤnig gruͤßen 
und Gawein ebenſo und alle außer dem Verräter Iwein, 
dem Luͤgner und gleißneriſchen Schwaͤtzer, der ſie verlaſſen 
und betrogen habe. „Als Heuchler hat ſich der erwieſen, der 
ſich als wahrhaft Liebender ausgab und doch ein falſcher Ver⸗ 
raͤter war. Er hat ihr Herz geſtohlen und iſt damit geflohen. 
Herr Iwein hat meine Herrin dem Tode nahegebracht. Ach, 
ſie glaubte, er wolle ihr Herz bewahren und ihr nach Jahres⸗ 
friſt zuruͤckſtellen. Alle Tage des Jahres hat ſie in ihrer 
Kammer angekreidet und jede Nacht hat ſie die Tage ge⸗ 
zaͤhlt, die verſtrichen waren und die noch kommen ſollten. 
Doch du kamſt nicht. Ich will dich nicht anklagen, aber ſo viel 
will ich ſagen, daß uns der verraten hat, der dich mit unſerer 
Herrin verheiratete. Iwein, nun ſorgt ſie ſich nicht mehr um 
dich, ſondern fie befiehlt dir durch mich, daß du ihr nie wieder 
unter die Augen treteſt und ihren Ring nicht laͤnger be⸗ 
halteſt. Gib ihn zuruͤck, Verraͤter, dann geh, wohin du willſt!“ 

Wie Iwein vor Kummer wahnſinnig wurde, wie er durch 
eine Zauberſalbe geheilt wurde und dann nach endloſen 
Abenteuern und Gefahren ſchließlich doch ſeine Laudine 
zuruͤckgewann, das alles moͤgt ihr bei Meiſter Chriſtian ſelber 
nachleſen. 


8. Die Geburt des Schwanritters 

s geſchah einmal, daß der Koͤnig Oriant, welcher 
Ei maͤchtiger und ruhmvoller Herrſcher war, mit 
der Koͤnigin Beatrix, ſeiner Gemahlin, am Fenſter 
feines Schloſſes ſaß. Und fie blickten auf die Straße; da 
gewahrte der Koͤnig eine Frau, welche zwei Kinder trug, die 
Zwillinge zu ſein ſchienen. Der Koͤnig ſagte zur Koͤnigin: 
„Frau, es wundert mich ſehr, daß wir kein Kind haben. Seht 
da, die arme Frau, welche deren zwei hat, und ſogar ſehr 
ſchoͤne, Zwillinge, wie mir ſcheint.“ Als die Dame die 


52 


Worte ihres Gatten vernahm, ſprach fie voll Zorn und 
Gram: „Ach Herr, ich koͤnnte niemals glauben, daß eine 
Frau zwei Kinder auf einmal haben kann, wenn ſie nicht 
bei zwei Maͤnnern gelegen iſt.“ „Ha, Frau!“ ſagte der 
Koͤnig, „Ihr redet ſchlecht. Denn wiſſet, bei Gott iſt nichts 
unmoͤglich.“ Dann ließen ſie von dieſer Rede, bis der Koͤnig 
eines Tages bei ſeiner Gattin lag und ihr mit Gottes Hufe 
ſieben Kinder erzeugte. 

Der Koͤnig Oriant hatte eine Mutter, welche eine boͤſe 
alte Hexe war. Sie war ſehr betruͤbt, als ſie erfuhr, daß die 
Koͤnigin ſchwanger ſei. Die Koͤnigin trug ihre Buͤrde, bis 
Gott ihr erlaubte, an einem Tage mit ſieben Kindern nieder⸗ 
zukommen. Bei ihrer Entbindung hatte fie keine andere 
Frau bei ſich als die alte Matabrune, die Mutter des Koͤnigs 
Oriant, welche ein betruͤgeriſches und boͤſes Weib war. Sechs 
von den Kindern waren Soͤhne, das ſiebente aber war ein 
Maͤdchen, und aus allen ging ſpaͤterhin ein edles Geſchlecht 
hervor. Matabrune legte die Kinder in ihren Schoß und rief 
Marke, einen ihr Untergebenen, zu ſich und zu ſprach ihm: 
„Nehmt, Freund, und bringt dieſe Kinder an einen ſolchen 
Ort, daß man niemals wieder von ihnen reden hoͤre. Tragt 
Sorge, daß Ihr ſie toͤtet!“ Marke nahm die Kinder und trug 
ſie tief in den Wald, dort legte er ſie ins Gras. Die Kindlein 
laͤchelten ihn an. Als Marke ſie erblickte, hatte er großes Mit⸗ 
leid mit ihnen und ſprach: „Gott ſoll mich verlaſſen, wenn ich 
euch ein Leid antue!“ Er ließ alſo die Kinder dort und 
kehrte heim. Die alte Hexe ſchaute unter einer Stiege nach 
und fand eine Huͤndin, welche ſieben Huͤndlein geworfen 
hatte. Dieſe nahm ſie und ging zu ihrem Sohn. Als der 
Koͤnig Oriant ſie kommen ſah, erhob er ſich gegen ſie und 
ſprach: „Seid willkommen, Mutter! Was bringt Ihr Neues, 
Mutter?“ „Ach,“ ſagte die alte Matabrune, „lieber Sohn, 
ich bringe haͤßliche, ſchreckliche und boͤſe Nachricht. Da, ſeht, 
womit Euch Eure Gattin beſchenkt hat! Sie iſt mit dieſen 
ſieben Huͤndlein niedergekommen. Sie iſt die unzuͤchtigſte 
Frau, die je gelebt hat, und verweigert ſich keinem Manne. 


53 


En. 


Gar oft habe ich fie mit einem anderen als mit Euch über: 
raſcht. Aber um Eurer Ehre willen habe ich geſchwiegen. 
Jetzt aber hat ſie dieſe lieben Hunde geboren. Laßt ſie ver⸗ 
brennen! Denn es gab nie eine ſchlechtere Frau, als ſie iſt, 
und wenn Ihr es nicht tun wollt, ſo werde 85 ſie ſelber ver⸗ 
brennen!“ 

Als der Koͤnig die Hunde ſah und hoͤrte, was ſeine Mutter 
zu ihm ſprach, da wurde er ſehr traurig und ſagte: „Mutter, 
ich glaubte nie, daß es auf der Welt eine beſſere und zuͤch⸗ 
tigere Frau gibt als die meine. Ihr Fehltritt ſchmerzt mich 
arg. Aber, um Gottes willen, liebe Mutter, helft mir dies 
verheimlichen, denn ich habe ſie geheiratet und habe ihr ver⸗ 
ſprochen, ich wolle ihr treu und gnaͤdig ſein. Und wie koͤnnte 
ich ſie verbrennen laſſen oder zuſehen, wie ſie verbrannt 
wuͤrde?“ „Lieber Sohn,“ ſagte die Alte, „Ihr zoͤgert zu 
lange. Ich werde ſie in einen Kerker werfen laſſen.“ Da rief 
die Alte zwei ihrer Diener und trat zu dem Bette der guten 
Beatrix. „Du ſchmutzige, unzuͤchtige Dirne,“ ſagte ſie zu 
ihr, „jetzt tritt deine Schamloſigkeit ans Licht; ſagteſt du doch, 
daß eine Frau keine zwei Kinder haben koͤnne, ohne ſich zwei 
Maͤnnern hingegeben zu haben. Nun koͤnnte mein Sohn 
ſagen, daß du bei ihrer ſieben gelegen biſt. Nicht um das 
ganze Gold von Rußland wuͤrde er darauf verzichten, daß 
du morgen verbrannt wirſt.“ „Die heilige Jungfrau“, 
verſetzte die Koͤnigin, „wird nicht zulaſſen, daß ich auf ſolche 
Weiſe umkomme, ſo wahr ich in Zuͤchten gelebt habe!“ 
„Das nuͤtzt dir nichts, du Hure!“ ſagte die alte Matabrune. 
Da packten die boͤſen, verraͤteriſchen Diener die gute Koͤnigin 
und ſchleppten ſie in einen finſteren Kerker, wo die gute Frau 
weder Bett noch Linnen hatte. Darauf wurden die zwei 
Diener ſogleich geblendet und ſahen fuͤrderhin das Licht 
nicht mehr. Die Frau aber litt große Pein. 

Nun aber hoͤrt von den Kindern, welche im Walde an 
einem Fluß lagen, wo ſie Marke eingehuͤllt in ein Fell 
zuruͤckgelaſſen hatte. Jedes von ihnen hatte ein Kettlein um 
den Hals, und das war ihre Beſtimmung: wenn ſie dieſe 


54 


Kettlein verlieren würden, jo müßten fie geflügelte Schwäne 
werden. Solange ſie dieſelben aber trugen, hatten fie 
menſchliche Geſtalt. Siehe, da kam ein Einſiedler, welcher 
ſchon ein Jahr im Walde gelebt hatte, dorthin. Er gewahrte 
die Kinder und bat unſeren Herrn, daß er ihnen nach ſeinem 
Gefallen Nahrung ſchicken möchte, davon fie leben könnten. 
Es dauerte nicht lange, da ſandte Gott eine Ziege, welche 
die Kinder mit Milch verſah, ebenſogut wie es eine Frau 
getan haͤtte. Der Eremit trug die Kinder in ſein Haus, und 
jeden Tag kam die Ziege dorthin. Und ſo naͤhrte er die Kin⸗ 
der lange Zeit. 

Da geſchah es eines Tages, daß der Einſiedler in den Wald 
gegangen war und eines der Kinder mit ſich genommen 
hatte. Der Foͤrſter Malquerre kam durch Zufall in das 
Haus des Einſiedlers, fand die ſechs ſchoͤnen Kinder und ſah 
die Kettlein, die ſie um den Hals trugen. Er ſagte zu ſich, 
wenn es mit dem Willen ſeiner Herrin geſchehe, ſo wolle er 
ihnen die Kettlein wegnehmen. Der Verraͤter begab ſich 
alſo zu einer Herrin und ſprach: „Herrin, ich habe ſechs 
wunderſchoͤne Kinder in jenem Walde gefunden, und ſie 
trugen ſechs Kettlein um den Hals. Herrin, wenn Ihr es mir 
erlaubt, ſo werde ich gehen und ſie ihnen nehmen.“ Als die 
Alte ſolches vernahm, wurde ſie ſehr bekuͤmmert, denn ſie 
merkte wohl, daß dies ihre Enkel waͤren, die Marke in den 
Wald gebracht hatte. Sie ſprach zu Malquerre: „Geht wie⸗ 
der in die Einſiedelei und nehmt ihnen die Ketten ab, und 
wenn fie euch Widerſtand leiſten, fo tötet fie!” Sogleich 
machte ſich Malquerre auf den Weg. Matabrune rief Marke, 
ſie wolle mit ihm reden; und er kam. Da fuͤhrte ſie ihn in 
ein Gemach und beſchwor ihn, daß er ihr der Wahrheit ge⸗ 
maͤß erzaͤhle, was er mit den ſieben Kindern gemacht habe, 
die ſie ihm anvertraut haͤtte, und wenn er luͤgen wuͤrde, ſo 
wolle ſie ihn in Stuͤcke zerreißen. Da ſagte der wackere Mann: 
„So wißt, Herrin, daß ich ſie lebendig im Walde zuruͤck⸗ 
ließ.“ Die Alte ließ * ergreifen und en die Augen aus⸗ 
reißen. | - 


55 


Malquerre wanderte fo lange, bis er in die Einſiedelei kam. 
Es traf ſich, daß der Eremit in den Wald gegangen war und 
eines der Kinder mit ihm. Als Malquerre die ſechs Kinder 
und ihre Ketten erblickte und bemerkte, daß niemand zugegen 
war, da wurde er ſehr froh. Er nahm die Kinder und jagte 
ſie aus dem Hauſe, und jedesmal, wenn er eines ergriff, riß 
er ihm ſeine Kette ab. Und jene wurden zu weißen Schwaͤ⸗ 
nen und flogen auf einen Teich ihres Vaters, des Koͤnigs 
Oriant von Illefort. Als der Verraͤter dieſes ſah, erſchrak er 
gewaltig. Darauf kehrte Malquerre zu ſeiner Herrin zuruͤck 
und brachte ihr die Kettlein. Matabrune ließ einen Gold⸗ 
ſchmied kommen und bat ihn, er moͤge aus den ſechs Ketten 
eine Trinkſchale verfertigen. Jener antwortete: „Gerne, 
Herrin!“ Darauf nahm er eine der Ketten und ſchmiedete 
ſie und verfertigte eine praͤchtige Schale daraus. Die uͤbri⸗ 
gen fuͤnf Ketten aber brachte der Goldſchmied in Sicherheit, 
denn er merkte wohl, daß ſie uͤberaus koſtbar waren. Als 
der Einſiedler und das Kind aus dem Walde zuruͤckkamen 
und die übrigen Kinder nicht mehr zu Haufe vorfanden, da 
wurden ſie gar betruͤbt und zornig und gebaͤrdeten ſich ganz 
verzweifelt. 

Kurz darauf ereignete es ſich, daß Matabrune zum Koͤnig 
Oriant, ihrem Sohne, ging und ſprach: „Lieber Sohn, du 
biſt zu ſehr beſchimpft; laß deine Frau verbrennen, denn es 
iſt ein gar zu todeswuͤrdiges Verbrechen, daß ſie mit einem 
Hunde ſchlief.“ Da wurde der Koͤnig ſehr traurig; er berief 
alle ſeine Barone, damit ſie ein Urteil uͤber ſeine Frau ſpre⸗ 
chen ſollten. Dieſe lag nun ſchon ſeit fünfzehn Jahren im 
Kerker und war in dieſer Zeit niemals ſatt geworden. Sie 
flehte inniglich zu Gott, daß er ſie aus dieſem Elend erloͤſen 
moͤge, denn der Hunger und die Not quaͤlten ſie gar ſehr. 
Als die Barone verſammelt waren, wurde das Urteil dahin⸗ 
gehend gefaͤllt, daß die Koͤnigin am folgenden Tage ver⸗ 
brannt werden ſollte, wenn ſie keinen Kaͤmpfer faͤnde, der 
ſie verteidigen wuͤrde. 

Da ereignete es ſich, daß unſer Herr Jeſus Chriſtus, der 


56 


nicht wollte, daß die Frau umkaͤme, einen feiner Engel zum 
Einſiedler in den Wald ſandte, welcher zu ihm folgender⸗ 
maßen ſprach: „Eremit, Gott befiehlt dir, daß du morgen 
fruͤhe deinen Knaben in die Stadt Illefort ſendeſt, damit er 
ſeine Mutter, welche die Gattin des Koͤnigs Oriant iſt, vor 
dem Feuertode rettet. Er und die ſechs anderen Kinder ſind 
Soͤhne des Koͤnigs Oriant und der Koͤnigin Beatrix. Mata⸗ 
brune hat ſie verleumdet, ſie habe ſieben Hunde geboren, 
und darum ſoll ſie morgen verbrannt werden, wenn ihr keine 
Hilfe kommt. Aber Ihr ſollt nicht zweifeln, daß ihr Gott 
helfen wird.“ Fernerhin befahl er, daß der Knabe getauft 
werde und den Namen Helias erhalte. Darauf verſchwand 
der Engel. Als der Tag angebrochen war, weckte der Ein⸗ 
ſiedler den Knaben und ſprach zu ihm: „Lieber Sohn, er⸗ 
hebe dich; du mußt nach Illefort gehen, deine Mutter vor 
dem Feuertode retten und von dem Verbrechen, deſſen ſie 
Matabrune beſchuldigt hat, reinigen. Ferner mußt du dich 
taufen laſſen und ein Chriſt werden, und du ſollſt den Namen 
Helias tragen.“ Der Eremit machte ihm einen Mantel aus 
Laub und bekleidete ihn damit; dann nahm er eine Stange 
in die Hand, und der Einſiedler begleitete ihn bis zum 
Waldesrande. Hier ſprach er zu ihm: „Lieber Sohn, ſei tapfer 
und verſtaͤndig! Wiſſe, daß du der Sohn des Koͤnigs Oriant 
biſt und ſei verſichert, daß Gott dir helfen wird.“ Darauf 
wies ihm der Einſiedler den Weg und zeigte ihm Illefort, wo⸗ 
hin er gehen muͤſſe. Dann trennte ſich der Einſiedler von 
ihm, und der Knabe ging, um ſeine Mutter von der Schuld, 


deren fie Matabrune bezichtigt hatte, zu reinigen. Mata⸗ 


brune hatte durch Zauber erfahren, daß die Koͤnigin durch 
eines ihrer Kinder gerettet werden ſollte, und ſie ſchickte ihm 
unverzüglich zwei Diener entgegen, die ihn töten ſollten. 


Der Knabe begegnete ihnen und fragte ſie, welcher von 


ihnen feine Mutter wäre, denn er hatte nie ein Weib ger 


ſehen. Die Diener hielten ihn fuͤr toll; ſie wußten jedoch, 
daß er es waͤre, um deſſentwillen ſie ausgeſandt waren. 
Einer zielte nach ihm, und der andere packte ihn. Da ſprach 


57 


das Kind: „Welches iſt Matabrune? Mein Vater ſagte mir, 
ich ſolle mich an ſie wenden, und ſo will ich es tun.“ Dann 
nahm er ſeinen Stock und zerſchlug dem einen die Schulter, 
darauf ſchlug er ihn ſo heftig, daß er ihm den Kopf zer⸗ 
ſchmetterte. Da wandte ſich der andere zur Flucht, und der 
Knabe kam ungehindert nach Illefort. 

Als der Knabe in Illefort angekommen war, wunderte 
er ſich hoͤchlich uͤber die Leute, die dort waren, und er ſprach, 
er haͤtte nie geglaubt, daß es ſo viele Einſiedler auf der Welt 
gaͤbe, denn nie hatte er ſo viel Volks geſehen. Darauf ge⸗ 
wahrte er den Koͤnig, der ſein Schwert umgeguͤrtet hatte und 
auf einem Roſſe ritt. Der Knabe hatte große Furcht. Als 
der Koͤnig ihn erblickte, verwunderte er ſich ſehr, denn er glich 
einem Narren. Der Knabe trat auf den Koͤnig zu und be⸗ 
fragte ihn uͤber alles, was er ſah, und der Koͤnig ſtand ihm 
gutmuͤtig Rede und Antwort. Der Knabe fragte ihn nach 
dem Pferd, dem Zuͤgel und dem Schwert ſowie nach anderen 
Dingen; dann vernahm er einen Schrei und fragte, was das 
bedeute. Der Koͤnig ſagte ihm: „Freund, ich habe eine Frau, 
welche ohne Treu und Zucht war, ſie hat mir ſieben Hunde 
geboren und meine Barone haben ſie verurteilt. Nun fuͤhrt 
man ſie zum Scheiterhaufen.“ — „Ha, guter Koͤnig,“ ver⸗ 
ſetzte der Knabe, „Ihr habt ſie zu Unrecht verurteilt, denn 
das, was Ihr ſagt, iſt niemals wahr, und niemals tat ſie 
ſolches. Vielmehr hat ſie irgend jemand, Eure Mutter oder 
ſonſt wer, der ſie nicht liebt, ſo treulos verleumdet. Wenn 
nun jemand kaͤme, der fuͤr ſie kaͤmpfen wollte und denjenigen 
beſiegen wuͤrde, der ſie eines ſolchen Vergehens zeiht, waͤre 
es dann nicht billig, daß die Frau ihrer Feſſeln los und ledig 
würde?" — „Sicherlich, ja,“ ſprach der König, „und ich wäre 
ſehr froh darüber.” — „Herr,“ erwiderte der Knabe, „ich bin 
gekommen, um fuͤr die Frau zu kaͤmpfen, und ich will ſie 
verteidigen!“ Als der Koͤnig ſeinen Sohn alſo reden hoͤrte, 
wurde er ſehr froh, aber er erkannte ihn nicht. Da ging der 
Koͤnig zu ſeiner Mutter und ſprach: „Mutter, es waͤre grau⸗ 
ſam, dieſe Frau zu verbrennen. Bei Gott! Laßt ſie in Ruhe, 


58 


SJ ine he, 


denn Ihr ſuͤndigt, wenn Ihr fie dieſes Vergehens anklagt. 
Wenn Ihr aber darauf beſteht, daß es ſo iſt, ſo muͤßt Ihr einen 
Kämpfer ſuchen, der beftätigt, was Ihr gegen fie vorgebracht 
habt. Denn die Frau hat einen Kaͤmpfer gefunden, der ſie 
gut verteidigen wird.“ Als Matabrune dieſes hoͤrte, wurde 
ſie zornig, denn ſie ſah ein, daß ſie einen Kaͤmpfer haben 
muͤſſe. Sie ging zu Malquerre und ſprach zu ihm: „Mal⸗ 
querre, lieber Freund, du mußt dieſen Kampf gegen den 
Knaben beſtehen. Und wenn der Knabe tot und die Frau 
verbrannt iſt, ſo werden wir ſuchen, meinen Sohn umzu⸗ 
bringen, dann bin ich Herrin und Koͤnigin in Illefort, und dann 
werden wir beide miteinander unſere Luft haben. — „Herrin,“ 
erwiderte er, „Ihr muͤßt ſchwoͤren. Denn wenn ich ſchwoͤren 
wollte, jo würde ich einen Meineid leiſten.“ — „Malquerre,“ 
ſagte Matabrune, „darum ſorge dich nicht! Ich verbiete es 
dir, daß du die Wahrheit ſagſt.“ — „Herrin,“ entgegnete 
Malquerre, „ich werde Euern Befehl erfuͤllen.“ Darauf 
begab ſich Matabrune zum Koͤnig und ſprach: „Nun, Koͤnig, 
laß deinen Knaben wappnen!“ — „Gern, Mutter!“ — 
„Herr,“ ſprach der Knabe, „ich will zuerſt getauft werden, 
denn mein Vater, der Einſiedler, ſagte mir, ehe ich von ihm 
ſchied, daß ich getauft werden und den Namen Helias er⸗ 
halten ſolle.“ Da ließ man den Knaben taufen, und er erhielt 
den Namen Helias. Es waren aber mehrere Barone am 
Hof, die ſprachen: „Um Gottes willen, Koͤnig, behaltet den 
Knaben bei Euch, denn er iſt wunderſchoͤn, und Ihr muͤßt 
wiſſen, daß er Euch aͤhnlich ſieht.“ Darauf ließ der Koͤnig 
den Knaben bewaffnen und mit reicher Ruͤſtung bekleiden. 
Auch Malquerre wurde praͤchtig ausgeruͤſtet. Dann trug man 
die Heiltuͤmer herbei, und zuerſt ſchwur Malquerre, daß er 
die Koͤnigin habe bei einem Hunde liegen und ſieben Huͤnd⸗ 
lein zur Welt bringen ſehen. Darauf wollte er das Heiltum 
kuͤſſen, aber er vermochte es nicht, ſondern er ſchwankte, und 
ſogleich ſagten die Barone, daß er meineidig waͤre. Nun 
ſchwur der Knabe Helias und ſagte, daß alles erlogen ſei, daß 
die Koͤnigin nie an ſolche Schandtat gedacht und daß ſie 


59 


jederzeit brav und züchtig mit dem König, ihrem Herrn, ge: 
lebt habe. Alle insgemein beteten fuͤr Helias, daß Gott ihm 
helfen moͤge, Malquerre, den Verraͤter, zu vernichten. 

Siehe, da trat der Knabe zu ſeiner Mutter und ſprach: 
„Herrin, vertraut auf Gott und ſeine Mutter, denn wiſſet 
wohl, daß ich mit Gottes Hilfe Euch von dem Vergehen 
reinigen werde, deſſen Euch die alte Matabrune geziehen 
hat.“ Die Dame dankte ihm innig. Darauf beſtieg Helias 
ſein Roß, und der Kampf begann. Schließlich wurde Mal⸗ 
querre beſiegt. Als die alte Hexe Matabrune ſah, daß Mal⸗ 
querre beſiegt war, floh ſie auf ihr Schloß Malbruiant, denn 
ſie wußte wohl, daß ihr Sohn, der Koͤnig, ſie ſehr haßte. Als 
der Kampf beendet war, ſagte der Knabe zum Koͤnig: „Herr, 
ich habe mit Gottes Hilfe im Kampf geſiegt. Die Frau muß 
befreit werden.“ Da Malquerre ſah, daß er beſiegt war, rief 
er dem Knaben zu: „Knabe, toͤte mich nicht, ſondern wiſſe, 
daß Matabrune all dieſe Frevel veranlaßt hat. Sie hieß mich 
die Ketten vom Halſe der Kinder reißen, die deine Bruͤder 
waren.“ Der Knabe antwortete: „Du haſt ſchlecht gedient 
und du ſollſt deinen Lohn empfangen.“ Da zog er ſein 
Schwert und hieb ihm den Kopf ab. 

Nach dem Kampfe trat der Koͤnig zur Koͤnigin und ſprach: 
„Herrin, vergebt mir um Gottes willen, daß ich meine Pflicht 
gegen Euch vernachlaͤſſigt habe; aber meine Mutter hat all 
dies veranlaßt.“ „Herr,“ verſetzte die Koͤnigin, „ich vergebe 
Euch aus ganzem Herzen!“ Darauf wollte die Frau den 
Knaben kuͤſſen, aber dieſer entzog ſich ihr und ſprach: „Herrin, 
das habe ich im Walde nicht gelernt, denn nie ſah ich eine 
Frau oder Jungfrau, ſondern nur wilde Tiere!“ Als die 
Barone dies hoͤrten, lachten ſie laut. „Herr,“ ſprach der 
Knabe alsdann, „laßt Marke kommen, denn ihm ſind von 
Matabrune um meinet⸗ und meiner Bruͤder willen die Augen 
ausgeriſſen worden.“ „Herr,“ ſagte Marke, „da bin ich.“ Da 
wandte ſich Helias zu ihm, hauchte ihm auf die Augen, und 
durch Gottes Kraft wurde er ſogleich wieder ſehend. Der 
Koͤnig aber und die Barone verwunderten ſich ſehr. Darauf 


60 


fragte der König den Knaben, wer er waͤre und woher er 
kaͤme. Der Knabe gab ſich ihm als ſein Sohn zu erkennen 
und erzaͤhlte ihm alles, was vorgefallen war. „Herr,“ ſagte 
Helias alsdann, „kommt mit mir und Ihr ſollt große Wunder 
unſeres Herren ſchauen.“ Sie gingen zum Teich und Helias 
lockte die Schwaͤne herbei. Dieſe flogen herzu und liebkoſten 
ihn mit den Fluͤgeln. Darauf gab er jedem ſeine Kette und 
ſie nahmen ihre menſchliche Geſtalt wieder an. Nur einer 
war darunter, dem ſie fehlte, der ſchlug mit den Fluͤgeln, riß 
ſich mit dem Schnabel die Federn aus und gebaͤrdete ſich 
ganz verzweifelt. Als der Koͤnig und die Koͤnigin dieſes ſahen, 
beweinten ſie ihr Kind, das ſie auf dieſe Weiſe verloren 
hatten. 

Am anderen Tage wurden die Kinder getauft und Koͤnig 
Oriant und Koͤnigin Beatrix freuten ſich ihres Nachwuchſes. 
Der Koͤnig entbot ſeine Barone und kroͤnte unter großen Feſt⸗ 
lichkeiten ſeinen Sohn Helias zum Koͤnig. 

Aber Helias graͤmte ſich, daß ihm Matabrune entkommen 
war; er rief ſein Heer zuſammen, zog vor Malbruiant, wo 
die Alte hauſte, und belagerte die Stadt. Die Einwohner be⸗ 
reuten es alsbald, die alte Hexe aufgenommen zu haben; ſie 
gingen zu Helias und uͤberlieferten ihm die Stadt. Der Koͤnig 
Helias zog in die Stadt ein, ging ins Schloß und ließ die Alte 
feſſeln. Darauf befahl er, daß ein großes Feuer angezuͤndet 
wuͤrde, und er warf Matabrune ſelbſt hinein. Da wurde die 
alte Hexe verbrannt. Der König hatte feine Mutter herbei⸗ 
holen laſſen, und ſie kam gern zu ihm und war ſehr froh, daß 
die Alte verbrannt war, die ihr ſoviel Leids und ſo e 
Unrecht angetan hatte. 


9. Die Manekine 
s lebte einſt ein weiſer und gerechter Koͤnig, der über 
ganz Ungarn herrſchte; ſeine Gattin war eine arme⸗ 
niſche Koͤnigstochter von hoher Schoͤnheit und uͤber⸗ 


menſchlicher Guͤte, lange haͤtte man wandern muͤſſen, um 
ihresgleichen zu ſuchen. In ihrer zehnjaͤhrigen Ehe hatte die 


61 


Königin nur einer Tochter das Leben geſchenkt, welche Joie 
hieß, weil durch ihre Geburt das ganze Land erfreut wurde. 
Der Tod, der auch die Großen der Erde nicht verſchont, warf 
die Koͤnigin, noch ehe ſie gealtert war, aufs Lager und ver⸗ 
wandelte die Roſenfarbe ihres Leibes in Leichenblaͤſſe. Da 
ſprach ſie zu ihrem Gatten: „Herr, ich bitte Euch, daß ihr 
keine Frau nach mir heiratet. Wenn aber die Edlen Eures 
Landes nicht wollen, daß das ungariſche Reich unſerer Tochter 
verbleibt, und wenn Ihr Euch, um einen maͤnnlichen Erben 
zu erhalten, zu neuer Ehe entſchließen muͤßt, ſo bitte ich Euch, 
daß Ihr nur eine Frau heiratet, welche mir gleicht.“ Das 
beſchwur der Koͤnig und dann ſchied die Koͤnigin aus dieſem 
Leben. 

Kurz darauf verſammelten ſich die Barone und der aͤlteſte 
von ihnen ſprach: „Das Koͤnigreich Ungarn wuͤrde in Be⸗ 
draͤngnis geraten, wenn ein Weib es in ſeinen Haͤnden hielte. 
Deshalb laßt uns zum Koͤnig gehen und ihn von Herzen 
bitten, daß er nach unſerem Rat eine neue Gattin nehme.“ 
So taten ſie, aber der Koͤnig antwortete, er habe ſeiner toten 
Gemahlin verſprochen, nie eine Frau zu nehmen, welche ihr 
nicht an Schoͤnheit und Guͤte gleichkaͤme. Als die Barone 
ſolches hörten, wählten fie zwoͤlf Boten aus, welche ausziehen 
ſollten, um eine der toten Koͤnigin aͤhnliche Jungfrau zu 
ſuchen. Die Boten erſchauten die Tochter von manchem 
Koͤnig und von manchem Grafen und litten manche Pein, 
aber das Ziel ihres Suchens erreichten ſie nicht. Als der 
Koͤnig beim heiligen Weihnachtsfeſte zur Tafel ſaß, kamen die 
Boten zuruͤck und berichteten, daß ſie nirgends eine Frau ge⸗ 
funden haͤtten, welche der Verſtorbenen gleiche. Nun ge⸗ 
ſchah es aber, daß einer der Grafen die ſchoͤne Koͤnigstochter 
beim Mahle bediente, und als er ſie anblickte, da ſchien es 
ihm, als ſei ſie ihre Mutter ſelber, nur daß ſie um vieles 
juͤnger war. Nach dem Eſſen ſagte er alſo zu den Baronen: 
„Ihr Herren, nie wird man ein ſolches Weib finden, wie es 
der Koͤnig ſucht, es ſei denn, daß er ſeine Tochter heiratet.“ 
Da nickten die Barone zuſtimmend, aber der Koͤnig, dem ſie 


62 


ihre Meinung vortrugen, lehnte ein ſolches Anſinnen ab. 
Wie aber die Großen des Landes auf der Wiederverheiratung 
beſtanden und wie auch die Praͤlaten und Biſchoͤfe ihren 
Dispens erteilten, da beſann ſich der Koͤnig und bat dann, 
ihm bis Lichtmeß Friſt zu gewaͤhren. 

Einſt trat der Vater unangemeldet in Joiens Gemach, er 
ergriff ihre Hand und ſetzte ſich neben ſie. Darauf ſchaute er 
ihr ins Geſicht und bemerkte, daß die Natur nie ein ſchoͤneres 
Weib gebildet hatte. Als er aber von ihr ging, war der Funke 
ſuͤndiger Liebe in ſeiner Bruſt entzuͤndet. Eines Tages ließ 
er ſeine Tochter vor ſich kommen und ſprach zu ihr: „Liebe 
Tochter, erzuͤrne dich nicht uͤber das, was ich dir jetzt ſagen 
werde!“ „Vater,“ entgegnete dieſe, „Euer Wille iſt mir nie 
mißfaͤllig.“ „Liebe Tochter,“ hub der König wieder an, „ich 
habe deiner Mutter auf ihrem Totenbette verſprochen, daß 
ich nach ihr keine andere Frau heiraten wolle als eine ſolche, 
die ihr gliche. Aber nur du allein kommſt ihr auf der weiten 
Erde gleich. Sieh, meine Barone wollen nicht, daß das 
ungariſche Reich ohne maͤnnlichen Erben bleibe, deshalb hat 
die Geiſtlichkeit mir die Erlaubnis erteilt, mich mit dir zu 
vermaͤhlen: du ſollſt gekroͤnte Koͤnigin von Ungarn ſein!“ 
„Vater, antwortete die Jungfrau, „laßt dieſe Worte! Ich 
wuͤrde lieber den Tod erleiden, als meiner Seele Seligkeit 
verlieren.“ „Toͤricht haſt du mir geantwortet,“ rief der Vater 
voll Zorn, „wenn du dich meinem Willen nicht fuͤgen willſt, 
ſo werde ich dich zwingen!“ Ohne Abſchied ging er hinaus 
und die Jungfrau kehrte auf den Tod betruͤbt in ihre Kammer 
zuruck. 

Lichtmeß kam und Barone, Ritter und Geiſtliche verſam⸗ 
melten ſich wieder am Hofe. Der Koͤnig ſagte ihnen, daß er 
ihrem Willen, ein anderes Weib zu nehmen, willfahren wolle, 
und alle waren ſehr froh daruͤber. Joie aber hatte durch eine 
Spaͤherin erfahren, daß die Großen des Landes kommen 
wuͤrden, ſie vor den Koͤnig zu holen. Als ſie dieſes hoͤrte, ge⸗ 
riet ſie in große Furcht und wußte nicht, was ſie tun ſollte. 
Sie trennte ſich von ihren Gefaͤhrtinnen, ohne daß dieſe es 


63 


Bi, 
1 
ö 


merkten, und eilte von Saal zu Saal. Endlich gelangte fie in 
einen Kuͤchenraum, welcher mit der Hinterwand an einen 
Fluß grenzte. Alle die Kuͤchenknechte waren ins Schloß ge⸗ 
gangen, um dem Hoftag zuzuſchauen, ſo daß Joie ganz allein 
war. Auf dem Anrichtetiſch lag ein großes ſcharfes Kuͤchen⸗ 
meſſer, das ergriff ſie und bat die Gottesmutter, daß ſie ihr 
Kraft verleihe. Schon hoͤrte ſie, wie die Menge vor ihrer 
Kammer laͤrmte, wie man kam, um ſie vor den Koͤnig zu 
holen, da faßte ſie das Meſſer feſter und mit einem kraͤftigen 
Schlag trennte ſie ihre linke Hand vom Arme und warf ſie 
in den Fluß, dann ſchwanden ihr vor Schmerz die Sinne. 
Als ſie wieder zu ſich kam, wickelte ſie den Stumpf in ein 
Tuch und trat mit totenblaſſem Antlitz in ihre Kammer, wo 
vier Grafen ihrer warteten. „Eine gute Nachricht bringen wir 
Euch, Jungfrau,“ redeten ſie dieſe an, „freuet Euch, Ihr 
ſollt Koͤnigin von Ungarn werden. Der Koͤnig erwartet 
Euch im Schloß und traͤgt Euch durch uns auf, unverzuͤglich 
vor ihm zu erſcheinen.“ Schweigend und bleich folgte die 
Jungfrau den vier Grafen vor den Koͤnig, eine Schar Maͤgde 
begleitete ſie. Der Koͤnig nahm Joie bei der Hand und um⸗ 
armte ſie, dann bemerkte er das Blut an ihrem Arm. „Toch⸗ 
ter,“ ſprach er, „was iſt Euch geſchehen?“ „Herr, erwiderte 
ſie, „wohl weiß ich, was Ihr von mir verlangen wollt, aber 
Koͤnigin werde ich nicht. Seht, mir fehlt die linke Hand, 
und nach unſerem Geſetz darf ein Koͤnig keine Frau ehelichen, 
der eines ihrer Glieder fehlt.“ Als der Koͤnig und die Barone 
den Stumpf ſahen, da wurde ihre Freude in Leid verwandelt. 
Der Koͤnig merkte wohl, daß ſie ſolches aus freien Stuͤcken 
getan hatte, um ſich ſeinem Willen zu entziehen, und er be⸗ 
fahl voll Zorn ſeinem Seneſchall, daß er die Jungfrau heute 
uͤber drei Tage zum Feuertode fuͤhre. Die Barone erſchraken 
ſehr, aber ſie wagten nicht, ihren Kummer zu zeigen. Da 
ging der Hoftag in Trauer und Klagen auseinander, und der 
Koͤnig zog ſich auf ein fernes Schloß zuruͤck. Der Seneſchall 
blieb zurüd, um Joie, die im Gefängnis ſchmachtete, zum 
Scheiterhaufen zu bringen. Die Nachricht, daß Joie ver⸗ 


64 


brannt werben follte, verbreitete ſich im ganzen Lande, und 
beſonders die Armen, denen ſie oft Brot und Kleider ge⸗ 
geben hatte, waren von Zorn und Gram erfuͤllt. Der Sene⸗ 
ſchall beſchloß, die Jungfrau zu retten; er ließ ein Fahrzeug 
mit Fleiſch und Wein fuͤllen, dann ließ er drei Roſſe ſatteln, 
Joie mußte das eine beſteigen und der Seneſchall und der 
Kerkermeiſter ritten zu ihren Seiten. So verließen ſie im 
Dunkel der Nacht die Stadt und ritten ſo lange, bis ſie ans 
Ufer des Meeres kamen. Da ſprach der Seneſchall zu der 
Jungfrau: „Ihr wißt, Herrin, daß mir der Koͤnig bei meinem 
Leben befahl, Euch ins Feuer zu werfen. Aber das Mitleid, 
das ich fuͤr Euch empfinde, laͤßt nicht zu, daß ich Euch unter 
ſolchen Qualen ſterben ſehe. Ich will Euch in einem ſegel⸗ 
und maſtloſen Boot ausſetzen und Euch dem Schutze Gottes 
anheimſtellen, er moͤge Euch geleiten und bewahren.“ „Ich 
bin Euch dankbar, verſetzte die Jungfrau, „daß Ihr meinen 
Leib vor dem Feuer gerettet habt, denn lieber will ich er⸗ 
trinken, wenn es Gott gefaͤllt, als verbrennen. Ferner bitte 
ich den wahren Gott von Herzen, daß er meinem Vater die 
Suͤnde, die er an mir tat, vergeben moͤge, und daß er ihm 
mehr Freuden verleihen möge, als mir beſchieden find.” Der 
Seneſchall fuͤhrte ſie weinend in das Schiff, dann befahl er 
ſie Gott und der heiligen Jungfrau und ſtieß den Nachen ins 
Meer. 


Am neunten Tage landete die Jungfrau mit Gottes Hilfe 
an der Kuͤſte Schottlands. Es war gerade Funkenſonntag, 
und die Einwohner des Landes trieben Kurzweil am Meeres⸗ 
ufer. Unter ihnen befand ſich auch der Profoß. Er hatte ſein 
Geſicht zum Meer gewendet und bemerkte den Nachen, der 
ohne Segel und Maſt herantrieb. Als das Boot an Land 
kam, begab ſich die Menge zum Strande und der Profoß 
begruͤßte die Fremde: „Jungfrau, der wahrhaftige Gott gebe 
Euch Gluͤck und Freude!“ „Herr,“ entgegnete fie, „der, den 
Ihr anrieft, moͤge Euch erhoͤren!“ „Jungfrau, berichtet uns, 
wo Eure Heimat und wie Euer Name iſt!“ „Herr, ich bin 


b Franz. Märchen I N 65 


eine Unglüdliche, die hier ans Ufer trieb. Wenn es Euch 
gefällt, jo rettet mich; mehr kann ich Euch nicht ſagen.“ 
„Wenn Euch jemand Unrecht tat, Schoͤne, ſo ſeid Ihr hier 
in guter Hut. Ich will Euch zu meinem Herrn fuͤhren, der 
Koͤnig in dieſem Lande iſt, er iſt jung und ſchoͤn. Bei ſeiner 
Mutter wird es Euch wohlergehen und an nichts fehlen.“ 
Der Profoß nahm die Jungfrau mit ſich heim und fuͤhrte ſie 
am anderen Tage nach Dondieu, wo der König mit feiner 
Mutter weilte. Dieſer ſaß gerade mit zweiunddreißig ſeiner 
Barone bei der Tafel, als der Profoß, die Jungfrau an der 
Hand haltend, eintrat. „Herr,“ ſagte er, „eine ſchoͤne Beute 
bringe ich Euch hier. Nehmt ſie, die ein Schiff hertrieb, in 
Gnaden auf!“ Der Koͤnig wandte ſich liebevoll an die 
Fremde und fragte ſie nach ihrer Herkunft und ihrem Schick⸗ 
ſal, ſie aber ſagte, ſie wolle lieber ſterben, als ihr Ungluͤck er⸗ 
zaͤhlen. Da der Koͤnig ihre Traͤnen ſah, drang er nicht weiter 
in ſie, ſondern fuͤhrte ſie ſeiner Mutter zu. So blieb ſie am 
Hofe und wurde bald ihrer Guͤte und Schoͤnheit wegen all⸗ 
gemein beliebt; da man aber ihren Namen nicht wußte, 
nannte man ſie die Manekine, das heißt Einhand. Je laͤnger 
ſie am Hofe verweilte, in deſto hoͤherem Maße kehrte ihre 
fruͤhere Schoͤnheit wieder, und je ſchoͤner ſie wurde, deſto mehr 
fuͤhlte ſich der junge Koͤnig zu ihr hingezogen, bis die Bande 
der Liebe, die ihn feſſelten, fo ſtark wurden, daß er fie nicht 
mehr zerreißen konnte. Auch ihr Herz war von Liebe er⸗ 
fuͤllt, aber keiner von beiden kannte die Gefuͤhle des anderen. 
So verging ihnen ein ganzes Jahr unter ſchlafloſen Naͤch⸗ 
ten, aber der Koͤniginmutter, welche das ſchlechteſte und 
liſtenreichſte Weib von der Welt war, entging es nicht, daß 
ihre Herzen Liebe zueinander trugen und ſie ſprach zornig 
zu Manekine: „Es ſcheint mir, daß mein Sohn dich von 
Herzen liebt. Ich verbiete dir, wenn dir dein Leben lieb iſt, 
ihm in Zukunft Geſellſchaft zu leiſten. Ich werde dich toͤten 
laſſen, wenn er ſich noch einmal mit dir ſehen laͤßt.“ Als am 
dritten Tage der Koͤnig wieder in ihr Zimmer trat, zitterte 
die Jungfrau vor Furcht und weinte. Der Koͤnig merkte 


66 


wohl, daß fie in Kummer war und er fragte fie nach der 


Urſache ihres Grams. Da erzaͤhlte ſie ihm das Verbot der 
boͤſen Alten. „Freundin,“ erwiderte er, „beruhigt Euch! Ich 
will Euch vor ihr ſchuͤtzen und will Euch nicht länger verheim⸗ 
lichen, was ich bisher verborgen hielt. So wißt denn, mein 
ſuͤßes Lieb, daß Ihr mein Herz und mein Leben ſeid, all 
mein Gut, meine Geſundheit und meine Freude, daß ich 
heute und immerdar Euch gehoͤre.“ Die Jungfrau verbarg 
ihre Freude uͤber dieſe Worte und antwortete zuͤchtig und 
beſcheiden, ſie ſei zwar zu niedrig fuͤr ſeine Liebe, doch wage 
ſie nicht, eine ſo große Ehre auszuſchlagen. Darauf kuͤßte ſie 
der Koͤnig wohl zwanzigmal auf den Mund, dann fuͤhrte er 
ſie in ſein Schloß und ließ den Kaplan rufen; dieſer aber 
legte ihre Haͤnde ineinander und vermaͤhlte ſie. Als die 
Mutter dies erfuhr, ſprach ſie: „Verflucht ſei er, wenn er ſie 
genommen hat, und jeder, der ihn noch als Koͤnig achtet. 
Gar zu niedrig hat er gehandelt, daß er eine Landſtreicherin, 
eine Hergelaufene geheiratet hat, eine Frau mit nur einer 
Hand!“ Vierzehn Tage darauf wurde Pfingſten gefeiert, 
und an dieſem Tage wollte der Koͤnig ſeine junge Gemahlin 
kroͤnen laſſen. Zu dieſer Feier berief er alle ſeine Vaſallen 
aus Schottland, Cornwall und Irland und die Nachricht von 
ſeiner Vermaͤhlung verbreitete ſich pfeilgeſchwind im ganzen 
Lande. Als die Nachtigallen ſangen und die Wieſen bluͤhten, 
da fuͤllten die Ritter, die Grafen und Barone mit ihren 
Damen die Zelte, und drei Tage lang wurde die Hochzeit 
gefeiert. Die Mutter des Koͤnigs aber reiſte am naͤchſten 
Tage voll Grimm auf ihr Landgut, denn ſie gluͤhte vor Neid 
und Haß gegen die junge Koͤnigin. 

Fuͤnf Monate mochten ſeitdem vergangen ſein, da ſprach 
der Koͤnig eines Tages zu ſeiner Gemahlin: „Ich bitte Euch, 
liebe Freundin, daß Ihr mir um meiner Ehre willen eine 
Reiſe gewaͤhrt: in Frankreich findet ein großes Turnier ſtatt, 
dem ich beiwohnen muß.“ „Dieſe Reiſe erſchreckt mich,“ er⸗ 
widerte die Manekine, „denn ich bin allein in dieſem Lande 
und Eure Mutter haßt mich.“ „Ich werde Euch in ſolcher 


5 


67 


1 


Hut laſſen, daß Ihr weder meine Mutter noch ſonſt jemanden 
zu ſcheuen braucht.“ Der Koͤnig hatte einen Seneſchall, der 
ſein treueſter Ratgeber war, dieſen berief er nebſt zwei an⸗ 
deren Rittern zu ſich und ſprach: „Ihr Herren, ich gehe auf 
kurze Zeit in ein anderes Land, um Ehre und Ruhm zu er⸗ 
werben. Ihr werdet bei der Koͤnigin bleiben und ſie mit 
eurem Leben ſchuͤtzen. Vor allem werdet ihr ſie vor meiner 
Mutter behuͤten, damit dieſe ihr kein Leids antut.“ Darauf 
nahm er Abſchied von ſeiner Gattin und trat mit großem Ge⸗ 
folge die Fahrt an. 

Die Koͤnigin, welche ihn bis zum Meere begleitet hatte, 
kehrte in Geſellſchaft ihrer drei Huͤter zuruͤck. Es gab nichts 
mehr auf der Welt, was ſie erfreuen konnte, ſeit ſie den An⸗ 
blick ihres Gemahls entbehren mußte, doch ſie troͤſtete ſich, 
ſo gut ſie es vermochte, wegen der Leibesfrucht, die ſie trug. 
Endlich gebar ſie den ſchoͤnſten Knaben, den die Natur je⸗ 
mals gebildet hat. Überall im Lande verbreitete ſich die 
Kunde, daß die Koͤnigin entbunden habe und der Seneſchall 
berief feine zwei Gefährten zu ſich: „Ihr Herren,“ ſagte er, 
„wir muͤſſen unverzuͤglich einen Boten an den Koͤnig nach 
Frankreich ſchicken, der ihm die erfreuliche Nachricht uͤber⸗ 
bringe.“ Darauf nahm er ein Pergament, denn er verſtand 
Romaniſch und Latein, und begann zu ſchreiben, wie folgt: 
„Dem Koͤnige von Schottland, ſeinem Herrn, dem Gott 
Freude und Ehre gebe, entbietet Gruß und Freundſchaft der 
Seneſchall, den er zuruͤckließ, ſein Land und ſein Weib zu 
ſchirmen. Ich tue Euch zu wiſſen, daß meine Herrin mit 
einem Knaben niederkam, wie ihn ſchoͤner kein Menſch je 
erſah, und Eure Liebſte iſt bei guter Geſundheit. Das Kind⸗ 
lein aber heißt Johannes. Solches tun wir Euch zu wiſſen. 
Aber kehrt um Gottes willen, wenn es Euch gefaͤllt, ſchleu⸗ 
nigſt zuruͤck, denn meine Herrin hat große Sehnſucht nach 
Euch und vergeht ſchier vor Gram.“ Darauf verſiegelte er 
den Brief und uͤbergab ihn einem Boten. Dieſer machte ſich 
auf den Weg und gelangte am zweiten Tage nach Evoluic, 
wo die Mutter des Koͤnigs ſich aufhielt. Der Bote trat in ihr 


68 


—— — — — — — 


—— 2 


| Haus, denn er wußte nichts von dem Haſſe, den fie gegen die 


junge Koͤnigin trug. Die Alte begruͤßte den Boten und fragte 
ihn, wohin er gehe. Als ſie den Zweck ſeiner Reiſe erfahren 
hatte, ließ ſie ihm einen ſtarken Wein reichen, und er trank 
ſo lange, bis er ſeiner Sinne nicht mehr maͤchtig war. Da 
lachte die boͤſe Alte, und waͤhrend der Trunkene ſchlief, durch⸗ 
ſuchte ſie ſeine Taſchen, bis ſie die Kapſel mit dem Briefe 
fand, dann rief ſie ihren Schreiber und ließ ſich den Brief 
vorleſen. Der Inhalt mißfiel ihr und fie ließ einen anderen 
anfertigen, in welchem zu leſen war, daß der Seneſchall 
ſeinem Herrn Gruß entbiete und daß er ihm voll Zorn und 
Schmerz unfrohe Nachricht zu wiſſen tue: „Herr, Eure Gattin 
hat entbunden, aber nie im Leben ſah man ein ſo ſcheußliches 
Geſchoͤpf wie das, welches ſie unter ihrem Herzen trug. Es 
hat vier Fuͤße, iſt ganz behaart und ſeine Augen liegen tief 
im dicken Kopf. Sobald es geboren war, entſchluͤpfte es wie 
eine Schlange ſeinen Waͤrterinnen, und dieſe wagten kaum, 
es wieder zu ergreifen. Alle Eure Untertanen ſind in 
Schrecken und Verwunderung. Nun tut uns Euren Willen 
kund, was mit einem ſolchen Erben geſchehen ſoll.“ Darauf 
verſiegelte ſie den Brief wieder, legte ihn in die Kapſel und 
trug dieſe wieder dahin, wo ſie ſie gefunden hatte. Als der 


Bote ausgeſchlafen hatte, machte er ſich wieder auf den Weg, 
und die boͤſe Alte befahl ihm, auf dem Ruͤckwege wieder bei 


ihr vorzuſprechen. 

Der Bote gelangte nach Frankreich, ſuchte ſeinen Herrn 
auf und uͤbergab ihm den Brief. Der Koͤnig brach das Siegel 
auf und faſt ſchwanden ihm die Sinne, als er den Inhalt des 
Schreibens las. Damit die Leute ſeine Verwirrung nicht be⸗ 
merken ſollten, zog er ſich in ſein Gemach zuruͤck und las den 
Brief immer wieder von neuem. Er raufte ſeine Haare, zer⸗ 
riß fein Gewand, und Tränen entſtroͤmten feinen Augen. 
Als er ſich ein wenig beruhigt und mit ſeinen Begleitern Rats 
gepflogen hatte, nahm er Pergament und Tinte und ſchrieb: 


„Der Koͤnig von Schottland gebietet den dreien, denen er 


ſeine Geliebte in Hut gab, daß dieſe in ihrem Wochenbette 
69 


gut gepflegt werde. Wenn ihnen ihr Leben lieb iſt, follen fie 
ſeine teure Gattin und das, was ſie geboren hat, ſo wert 
halten wie ihren eignen Leib. Zu Faſten wird der Koͤnig 
zurüdfehren und dann feinen weiteren Willen kundtun.“ 
Darauf verſiegelte er den Brief und uͤbergab ihn dem Boten, 
welcher ſogleich den Ruͤckweg antrat. | 

Als die boͤſe Alte ihn kommen ſah, war fie ſehr froh; fie 
erwiderte freundlich ſeinen Gruß und fragte ihn nach dem 
Wohlergehen des Koͤnigs. Darauf ließ ſie ihm wieder ſtarken 
Wein auftragen, und er trank ſo lange, bis er vor Trunken⸗ 
heit in Schlaf verfiel. Als die dunkle Nacht gekommen war, 
ſchlich ſich die Alte in die Kammer des Boten, nahm ihm den 
Brief und ließ ihn ſich von ihrem Schreiber vorleſen. Als ſie 
hoͤrte, daß der Koͤnig ſeine Heimkehr zu Faſten in Ausſicht 
ſtellte und daß bis dahin die Manekine gut gepflegt, bedient 
und geehrt werden ſollte und ihre Leibesfrucht mit ihr, da 
wurde ſie mißmutig und ließ ſogleich ein anderes Schreiben 
aufſetzen. Der Schreiber mußte antworten, daß der Koͤnig 
ſeinem Seneſchall gebiete, er ſolle unverzuͤglich die Koͤnigin 
zum Feuertode fuͤhren, ſobald ſie ihr Wochenbett verlaſſen 
habe, und mit ihr das, was ſie geboren habe. Denn er habe 
wenig erfreuliche Neuigkeiten uͤber die Manekine erfahren, 
wohl wiſſe er, warum ſie nur eine Hand habe und nicht um⸗ 
ſonſt ſei ſie ſo verſtuͤmmelt. „Verbrennt ſie ohne Zaudern, 
wenn Euch Euer Leben lieb iſt!“ ſo ſchloß das Schreiben. Als 
es vollendet war, legte der Schreiber das Wachs wieder auf, 
ohne daß das Siegel verletzt wurde und verſchloß den Brief 
in die Kapſel des ſchlafenden Boten. 

Nach dreimonatlicher Abweſenheit kehrte der Bote nach 
Dondien zuruͤck und überreichte dem Seneſchall das Schrei⸗ 
ben. Die drei Beſchuͤtzer erkannten das Siegel des Koͤnigs 
und erbrachen den Brief, als ſie ihn aber geleſen hatten, da 
verwunderten ſie ſich ſehr und weinten und ſeufzten. Dann 
berieten ſich die drei Getreuen untereinander und ſprachen: 
„Den Willen unſeres Herrn muͤſſen wir erfuͤllen, wenn wir 
auch Kummer und Mitleid im Herzen tragen.“ Die Nach⸗ 


70 


richt, daß der König befohlen habe, fein Weib und fein Kind 
zu verbrennen, verbreitete ſich bald im Lande und alles Volk 
verwunderte ſich und fluchte dem Koͤnig. Der Koͤnigin aber 
verheimlichte man den Befehl, bis ſie ihr Wochenbett, das 
einen vollen Monat dauerte, verlaſſen hatte. Eines Tages 
rief ſie den Seneſchall zu ſich und ſprach: „Seneſchall, mein 
Herz iſt gramerfuͤllt uͤber das lange Ausbleiben meines ge⸗ 
liebten Herrn. Iſt der Bote noch nicht zuruͤck? Wiſſet, daß 
mein Herz ſchlimme Nachricht ahnt. Ich werde nie mehr froh 
ſein, bis ich meinen Herrn wiederſehe. Oh, ſagt es mir, wenn 
Ihr etwas von ihm wißt!“ Der Seneſchall antwortete mit 
Traͤnen in den Augen: „Oh, liebe Frau, es iſt ſo weit ge⸗ 
kommen, daß der Koͤnig Euch haßt, wenn ich auch nicht weiß, 
warum. Lange haben wir es Euch verheimlicht, aber einmal 
muͤßt Ihr es erfahren. Unſer Herr hat uns wiſſen laſſen, daß 
wir, wenn uns unſer Leben lieb iſt, Euch und Euren Knaben 
auf dem Scheiterhaufen verbrennen muͤſſen. Da er zu den 
Faſten zuruͤckkehrt und Euch dann nicht mehr lebend vorfinden 
will, ſo muß innerhalb dreier Tage ſein Befehl vollzogen 
ſein.“ Da erſchrak die junge Koͤnigin und ihr Herz krampfte 
ſich zuſammen. „Was habe ich getan, großer Gott,“ klagte 
ſie, „daß ich ſo harten Tod erleiden ſoll? Womit hat es mein 
Kind verdient, daß es ſterben muß?“ Dann fiel ſie vor dem 
Seneſchall auf die Knie und bat ihn, ihr Kind zu ſchonen, 
wenn er auch mit ihr taͤte, was er wolle. Der Seneſchall ver⸗ 
prach ihr, ſich mit ſeinen beiden Gefaͤhrten zu beraten. Da 
beſprachen ſie ſich miteinander, und der Seneſchall riet, ſie 
wollten die Maneline fo ziehen laſſen, wie fie gekommen ſei, 
auf einem maſt⸗ und ſegelloſen Schiff, und fie der Hut Gottes 
anheimſtellen. Ferner wollten ſie Bilder aus Holz ſchnitzen 
laſſen, die der Koͤnigin und ihrem Soͤhnlein glichen und dieſe 
vor allem Volke verbrennen, damit ſie ſich vor Strafe be⸗ 
wahrten. Als dieſe Vorbereitungen beendet waren, hießen 
ſie die Koͤnigin mit ihrem Kind auf einen Zelter ſteigen und 
fuͤhrten ſie in die Verbannung. Am dritten Tage kamen ſie 
an das Ufer des Meeres, wo das Schiff bereit ſtand. „Lieber 


Herr,” fagte die Königin, „ich danke Euch, daß Ihr mich vor 
dem Feuer bewahrt habt. Ich bitte Euch, gruͤßt meinen 
Herrn, den Koͤnig, und ſagt ihm, daß ich ihn immer noch uͤber 
alles auf der Welt liebe. Gott vergebe ihm ſeine Schuld und 
ſchenke ihm Ehre und Gluͤck. Sehet, die Liebe der Menſchen 
iſt eitel, ſo verleihe mir Gott ſeine Huld, die unwandelbar iſt 
und ohne Haß.“ Der Seneſchall fuͤhrte ſie weinend in das 
Schiff, dann befahl er ſie Gott und der heiligen Jungfrau und 
ſtieß den Nachen ins Meer. 

Am neunten Tage landete die Barke am Ufer des Tiber. 
Ein Senator nahm die Manekine mit ihrem Kinde auf. Als 
der Koͤnig heimkehrte, erfuhr er den Betrug und ließ ſeine 
Mutter lebendig einmauern, dann machte er ſich auf die 
Suche nach ſeiner Frau. Nach ſiebenjaͤhriger Wanderung ge⸗ 
langte er nach Rom und der Trauring fuͤhrte das Wieder⸗ 
erkennen zwiſchen den beiden Gatten herbei. In Rom fand 
ſich auch Joiens Vater ein, welcher, von Gewiſſensbiſſen ge⸗ 
quaͤlt, beim Papſt Vergebung fuͤr ſeine Suͤnden ſuchen wollte. 
Schließlich fand die Koͤnigin durch ein Wunder in einer Quelle 
ihre abgehauene Hand, welche auf das Gebet des heiligen 
Vaters ſich wieder mit ihrem Arm vereinigte. 


| 10. Der Fiſchfang des Wolfes 
hr Herren! Es war um jene Zeit, da der Sommer 
zu Ende geht, um dem rauhen Winter Platz zu 
machen. Reinhart der Fuchs war in ſeinem Bau; 
er hatte nichts zum Beißen und zum Brechen und wußte 
nicht, woher er etwas nehmen ſollte. Der Not gehorchend 
machte er ſich alſo auf den Weg und ſtrich durch ein Binſen⸗ 
geſtruͤpp zwiſchen dem Wald und dem Fluß, bis er die 
Landſtraße erreichte. Dort angekommen duckte er ſich hinter 
eine Hecke und wartete auf Abenteuer. Siehe, da kamen 
Kaufleute, welche Fiſche vom Meere her brachten. Sie 
hatten eine Ladung friſcher Heringe, denn letzte Woche war 
der Wind zum Fiſchfang guͤnſtig geweſen, und auch an⸗ 


72 


dere Arten zuter Fiſche: von Neunaugen und Aalen waren 
ihre Koͤrbe voll. Reinhart war noch einen Bogenſchuß 
weit von ihnen entfernt. Als er den mit Fiſchen beladenen 
Wagen erblickte, lief er ein wenig voraus, doch ſo, daß die 
Kaufleute ihn nicht bemerkten, denn er wollte fie täufchen. 
Dann legte er ſich mitten auf den Weg und ſtellte ſich 
tot: er kniff die Augen zu, biß die] Zähne zuſammen und 
hielt den Atem an. Der eine Kaufmann ſah ihn und rief 
ſeinem Gefaͤhrten zu: „Sieh, iſt das ein Fuchs oder ein 
Koͤter?“ „Es iſt ein Fuchs,“ entgegnete jener, „pack ihn ges 
ſchwind, den Hurenſohn, damit er uns nicht entwiſcht, denn 
er iſt ſchlau. Er ſoll uns ſeinen Pelz laſſen!“ Die Kaufleute 
liefen — der eine hinter dem andern her — auf Reinhart zu. 
Sie fanden ihn am Boden hingeſtreckt und drehten und wen⸗ 
deten ihn nach allen Seiten ohne Furcht, daß er ſie beißen 
moͤchte. Sie ſchaͤtzten den Ruͤcken und den Hals, der eine 
ſagte, er ſei drei Groſchen wert, doch der andere erwiderte: 
„Bei Gott, er iſt mindeſtens viere wert und das iſt noch 
billig! Wir haben nicht viel geladen; werfen wir ihn auf 
unſeren Karren! Seht nur, was fuͤr eine ſaubere, weiße Kehle 
er hat!“ Mit dieſen Worten warfen ſie ihn auf das Waͤgelchen 
und fuhren weiter. | 

Reinhart aber machte ſich über die Körbe her. Mit den 
Zaͤhnen oͤffnete er den einen und entnahm ihm mehr als 
dreißig Heringe: da war der Korb leer. Er fraß ſie mit Ge⸗ 
nuß ohne Salz und Salbei, dann oͤffnete er den anderen Korb. 
Er ſteckte ſeine Schnauze hinein und zog drei Netze voll Aale 
hervor. Der Schlaumeier packte die Stricke mit den Zaͤhnen, 
warf ſich die Netze auf den Ruͤcken und uͤberlegte ſich nun, 
wie er wieder vom Wagen herunterkommen ſollte. Erſt 
kniete er und ſpaͤhte, dann ſchnellte er ſich los und ſprang mit 
einem Satz vom Wagen herab auf die Straße, waͤhrend er 
um den Hals geſchlungen ſeine Beute trug. Nachdem er 
ſeinen Sprung getan hatte, rief er den Kaufleuten zu: „Gott 
behuͤte euch! Dieſer Haufen Aale iſt mein, den Reſt koͤnnt 
ihr behalten.“ Als die Kaufleute ſolches hoͤrten, erſchraken 


78 


fie und riefen: „Seht den Fuchs!“ Sie ſprangen vom Wagen 
herab und hofften Reinhart noch zu erwiſchen, aber umſonſt. 
„Wehe!“ ſagten fie und rangen die Hände, „das iſt ein ſchoͤner 
Schaden! Wir Toren haben Reinhart geglaubt! Nun hat er 
uns die Koͤrbe aufgebunden, hat ſich ſatt gefreſſen und nimmt 
uns noch drei Netze voll Aale mit. Moͤge er daran platzen!“ 
„Ihr Herren! Wozu der Laͤrm? Ihr koͤnnt reden, was ihr 
wollt. Ich bin Reinhart und werde ſchweigen.“ 

Als die Kaufleute die Verfolgung aufgegeben hatten, ging 
Reinhart geradeswegs in ſeine Burg, wo ihn ſeine Ange⸗ 
hoͤrigen, die der Hunger quaͤlte, mit Ungeduld erwarteten. 


Hermeline, ſeine treffliche Gattin, ſprang ihm entgegen, und 


die Bruͤder Percehaie und Malebranche eilten auf ihren Vater 
zu, welcher in kurzem Trab, dick, vollgefreſſen und heiter 
daherkam, die Aale um ſeinen Hals geſchlungen. Reinhart 
trat in ſeinen Bau und ſperrte vorſorglich die Tuͤre ab von 
wegen der Aale. Seine Kinder putzten ihm indes die Stiefel 
ab und haͤuteten die Fiſche, dann ſchnitten ſie dieſelben in 
Stuͤcke und ſteckten dieſe auf kleine Bratſpieße aus Haſel⸗ 
gerten. Hierauf wurden die Kohlen angeblaſen und die Fiſche 
auf die Glut gelegt. 

Waͤhrend die Aale brieten, ſiehe, da kam Herr Yſengrin, 
der Wolf, des Weges, welcher ſchon ſeit dem fruͤhen Morgen 
umhergelaufen war, ohne nur das geringſte gefangen zu 
haben. Hungrig ſchlich er ſich durch das Holz auf Reinharts 
Bau los; denn er ſah aus der Kuͤche, in welcher die Aale 
am Spieße gedreht wurden, Rauch aufſteigen. Dfengrin 
witterte den Duft, der ihm fremd war: er kraͤuſelte die Naſe 
und leckte ſich den Bart; darauf trat er zu einem Fenſter, um 
zu erſpaͤhen, was es da gaͤbe. Die Frage war nur, wie er 
dahinein gelangen koͤnne, denn gegen Bitten pflegte Rein⸗ 
hart unempfaͤnglich zu ſein. Der Wolf lief unſtaͤt umher, hier 
und da einen ſehnſuͤchtigen Blick nach der Burg werfend, 
welche ihm unzugaͤnglich blieb. Schließlich beſchloß er, ſeinen 
Gevatter zu bitten, er moͤge ihm um Gottes willen ein wenig 
von ſeinem Fleiſche abgeben. Er rief alſo durch ein Loch: 


74 


„Herr Gevatter, öffnet mir die Tür! Ich bringe Euch gute 
Nachricht!“ Reinhart hoͤrte und erkannte ihn wohl, dennoch 
hatte er taube Ohren für ihn. Yſengrin ſtand betruͤbt draußen 
und ſprach: „Offnet, lieber Herr!“ „Wer ſeid Ihr?“ fragte 
Reinhart laͤchelnd. „Ich bin es!“ verſetzte jener. „Wer ich?“ 
„Euer Gevatter!“ „Ach ſo, wir glaubten, Ihr waͤret ein 
Landſtreicher.“ „Nein,“ ſprach Yſengrin, „oͤffnet!“ „Ihr 
werdet Euch einen Augenblick gedulden muͤſſen, ſagte Rein⸗ 
hart, „bis die Moͤnche geſpeiſt haben, die ſich gerade zum 
Eſſen niederſetzen!“ „Wie? ſind das Moͤnche?“ „Vielmehr,“ 
entgegnete jener, „eher Canonici. Sie ſind vom Orden 
St. Benedikts und ich habe mich ihnen angeſchloſſen.“ „Um 
Gottes willen,” ſprach der Wolf, „redet Ihr die Wahrheit?“ 
„Bei der heiligen Barmherzigkeit!“ „Aber, ſagt mir, eßt Ihr 
Fleiſch?“ „Das iſt verpoͤnt, fagte Reinhart. „Was eſſen 
denn die Moͤnche?“ „Sie eſſen Weichkaͤſe und Fiſche. So 
empfiehlt es St. Benedikt!“ Yſengrin ſprach: „Davon wußte 
ich nichts. Aber gewaͤhrt mir Gaſtfreundſchaft. Es iſt ſpaͤt 
und ich weiß nicht, wohin ich mich noch wenden ſoll.“ „Gaſt⸗ 
freundſchaft?“ ſagte Reinhart, „redet nicht davon! Nur ein 
Moͤnch oder ein Eremit kann bei mir Unterkunft finden. Geht 
anderswo hin!“ Dfengrin ſah ein, daß er unter keinen Um⸗ 
ſtaͤnden eingelaſſen werden wuͤrde; trotzdem fing er wieder 
an: „Fiſche? Iſt das gutes Fleiſch? Gebt mir doch einen 
Brocken, nur um zu verkoſten!“ Der ſchlaue Fuchs nahm drei 
Stucke Aal, die auf den Kohlen brieten und inzwiſchen gar 
geworden waren. Ein Stuͤck aß er ſelbſt, die anderen brachte 
er dem Wolf und ſprach zu ihm: „Gevatter, tretet ein wenig 
näher und empfangt aus Naͤchſtenliebe von unſerer Speiſe. 
Aber wir erwarten, daß Ihr auch in unſeren Orden eintreten 
werdet!“ „Ich weiß es noch nicht, aber es iſt moͤglich!“ ver⸗ 
ſetzte Yſengrin, „jedoch, lieber guter Meiſter, gebt mir ge⸗ 
ſchwind das Eſſen!“ Mengrin erhielt es und verſchlang es in 
einem Happ. „Wie duͤnket Euch darum?“ fragte Reinhart. 
Der Feinſchmecker zitterte und brannte vor Gier. „Es moͤge 
Euch tauſendmal vergolten werden, Herr Reinhart!“ ſprach 


75 


er, „aber gebt mir nur noch ein einziges Stuͤck, füßer, lieber 
Gevatter, nur zum Anbeißen; dann will ich auch Eurem 
Orden beitreten.“ „Ich rate Euch ſehr, Moͤnch zu werden,“ 
antwortete der liſtige Reinhart, „denn bei Euren Anlagen 
werdet Ihr es noch vor Pfingſten zum Prior oder Abt brin⸗ 
gen.“ „Hätte ich dann Fiſche genug?“ „Soviel Ihr effen 
wollt; aber zuvor muͤßt Ihr Euch Haar und Bart ſcheren 
laſſen.“ Yſengrin begann zu brummen, als er vom Scheren 
reden hoͤrte. „Wenn es ſein muß, Gevatter, ſo ſchert mich 
geſchwind!“ Reinhart erwiderte: „Sogleich werdet Ihr eine 
große und breite Tonſur haben, nur muß erſt das Waſſer 
warm ſein.“ Der Fuchs ſtellte Waſſer aufs Feuer und ließ 
es kochen; dann kam er wieder und hieß den Wolf ſeinen Kopf 


durch ein Loch neben der Türe ſtecken. Yſengrin reckte den 


Hals vor und Reinhart goß ihm das kochende Waſſer uͤber 
den Schaͤdel. Der Wolf biß die Zaͤhne zuſammen und fuhr 
zuruͤck: „Reinhart!“ ſchrie er, „ich bin hin. Das war ein 


ſchlechter Streich, Ihr habt mir eine zu große Platte ge⸗ 


ſchoren.“ Reinhart ſtreckte die Zunge einen halben Fuß weit 
aus dem Maul: „Herr, ſo iſt es im Kloſter der Brauch,“ 
ſagte er, dann fuhr er fort: „Der heilige Orden erheiſcht es, 
daß wir in der erſten Nacht eine Probe beſtehen. Wir wollen 
fiſchen gehen.“ Yſengrin entgegnete: „Gern werde ich alles 
tun, was die Regel verlangt.“ Reinhart ſchluͤpfte durch einen 
Spalt und trat zu Dfengrin, der noch immer über feine Platte 
klagte, auf der keine Haut und kein Fell mehr geblieben war. 
Beide gingen von dannen, Reinhart voraus und der andere 
hinterher, bis ſie zu einem Weiher gelangten. 

Es war wenig vor Weihnacht, um die Zeit, da man die 
Schinken in Salz legt. Der Himmel war klar und ſternen⸗ 
hell, und der Teich, in welchem Yengrin fiſchen ſollte, war 
feſt zugefroren. Nur ein Loch war offen geblieben, welches 
die Bauern geſchlagen hatten, um ihr Vieh zu traͤnken, und 
neben dem Loch war ein Eimer ſtehen geblieben. Reinhart 
ging vergnuͤgt auf den Eimer zu, ſah ſeinen Gevatter an und 
ſprach: „Herr, dieſen nehmt! Hier gibt es eine Menge Fiſche, 


76 


und auf dieſe Weiſe pflegen wir fie zu fangen.“ „Bruder 
Reinhart!“ erwiderte Yſengrin, „bindet mir dieſen Eimer 
feſt an den Schwanz!“ Der andere nahm ihn und band ihn 
ſo feſt er konnte. „Bruder,“ ſagte er dann „jetzt haltet Euch 
ruhig, damit die Fiſche kommen.“ Dann druͤckte er ſich unter 
ein Gebuͤſch und ſteckte die Schnauze zwiſchen die Fuͤße, um 
zu beobachten, was jener anſtellen wuͤrde. Das Waſſer be⸗ 
gann zu gefrieren und der Eimer an Yſengrins Schwanze 
fror mit ein, ſo daß der Schwanz feſt an das Eis geheftet 
wurde. Nach einer Weile glaubte der Wolf, es ſei nun ge⸗ 
nug, und er verſuchte, den Eimer herauszuziehen. Lange 
zerrte er vergebens, dann rief er nach Reinhart, denn der 
Tag begann ſchon zu daͤmmern. Reinhart erhob den Kopf, 
oͤffnete die Augen und blickte ſich um: „Bruder,“ ſprach er, 
„laßt Eure Arbeit ſtehen, gehen wir heim, lieber Freund! 
Wir haben genug Fiſche gefangen.“ „Reinhart, es ſind zu⸗ 
viell“ rief ihm Dfengrin zu. „Ich habe fo viel gefangen, daß 
ich den Eimer gar nicht wieder herausziehen kann!“ Rein⸗ 
hart antwortete lachend: „Wer zuviel begehrt, verliert alles.“ 

Die Nacht war voruͤber, der Tag brach an, und die Sonne 
erhob ſich im Oſten. Alle Wege waren weiß vom Schnee. 
Herr Conſtant von Granches, ein behaͤbiger Ritter, hatte in 
der Naͤhe des Teiches genaͤchtigt und ſich nun ſamt ſeinem 
Jagdgefolge zufriedenen Gemuͤtes erhoben. Er nahm ſein 
Horn, rief den Hunden und ließ ſich ſeinen Sattel bringen, 
während der Jagdtroß laͤrmte und ſchrie. Reinhart hörte es 
und floh, bis er feinen Bau erreicht hatte. Yſengrin hingegen 
mußte bleiben, er zog und zerrte mit ſolcher Wut, daß ihm 
faſt die Haut barſt. Waͤhrend der Wolf ſich ſo abquaͤlte, kam 
ein Burſche des Weges, der zwei Hunde an der Leine fuͤhrte. 
Er erblickte Yſengrin, der mitſamt ſeinem Glatzkopf auf dem 
Eiſe angefroren war und ſchrie: „Hoho! Der Wolf! Herbei, 
herbei!“ Die Jager ſprangen ſamt den Hunden aus dem 
Hauſe. Herr Conſtant ſprengte auf ſeinem Roſſe hinterdrein 
und rief: „Laßt los, laßt die Hunde los!“ Die Hundefuͤhrer 
koppelten die Hunde ab, und dieſe ſtuͤrzten ſich auf den Wolf, 


77 


der ſich nach Kräften wehrte. Herr Conſtant zog ſein Schwert 
und ſchickte ſich an, den Wolf gut zu treffen. Dieſerhalb ſtieg 
er vom Pferde und ging uͤber das Eis hinuͤber auf ihn los. 
Von hinten wollte er ihn treffen, aber er verfehlte ihn, kam 
durch den Schwung ins Gleiten und fiel ſo heftig hin, daß 
ihm der Kopf blutete. Mit Muͤhe erhob er ſich und ging 
zornig wieder auf den Wolf los. Er gedachte ihn auf den 
Kopf zu treffen, aber der Schlag ging daneben: das Schwert 
traf nur den Schweif und ſchnitt ihn da, wo er angewachſen 
war, ratzibutz ab. Diengrin fühlte ſich frei, er ſprang davon, 
von den Hunden verfolgt und gebiſſen, den Schwanz jedoch 
mußte er zu ſeinem Schmerz als Pfand zuruͤcklaſſen. Er floh 
einen Abhang hinauf, und als er droben war, blieben die 
Hunde ermuͤdet ſtehen und kehrten um. Yſngrin aber eilte 
weiter, bis er den ſchuͤtzenden Wald erreicht hatte. Dort hielt 
er inne und ſchwur, er wolle ſich an Reinhart blutig raͤchen. 


11. Predigtmaͤrlein des 13. Jahrhunderts 
Der neue Adam 

in Eremit tadelte einſtmals Adam und grollte ihm, 
daß er ein ſo leichtes Gebot uͤbertreten habe, an⸗ 
ſtatt Mitleid mit ihm zu fuͤhlen. Sein Gefaͤhrte 
wollte ihn zuͤchtigen; er legte eine Maus zwiſchen zwei 
Schuͤſſeln und ſagte zu ihm: „Bruder, bis ich zuruͤckgekehrt 
bin, ſollſt du nicht nachſehen, was zwiſchen dieſen beiden 
Schuͤſſeln verborgen iſt.“ Als jener fort war, begann der 
andere nachzugruͤbeln: warum hat er mir dieſes Gebot 
auferlegt? ich muß doch einmal ſehen, was er zwiſchen die 
beiden Schuͤſſeln verſteckt hat. Er hob die obere Schuͤſſel 
auf, und die Maus entwich. Als der Gefaͤhrte zuruͤckkam 
und die Maus nicht mehr fand, ſagte er: „Du tadelteſt 
Adam, weil er ein ſo leichtes Gebot uͤbertreten habe, und 
du haſt ein noch leichteres nicht gehalten.“ Hierauf ließ der 
Eremit von ſeiner Anmaßung ab und nn feinen Groll 
mit Mitleid, 2 


78 


Der Engel und der Waldbruder 


inſt wurde ein Eremit vom Geiſte der Laͤſterung ver⸗ 

ſucht und gruͤbelte daruͤber nach, wie doch die Urteile 

Gottes ungerecht ſeien, wie die Guten in Kummer 
und die Schlechten in Freuden lebten. Da erſchien ihm ein 
Engel in Menſchengeſtalt und ſprach zu ihm: „Folge mir, 
denn Gott ſchickt mich, daß du mit mir geheſt und ich dir den 
verborgenen Sinn ſeiner Urteile zeige.“ Und er fuͤhrte ihn 
in das Haus eines biederen Mannes, der ſie wohlwollend und 
gaſtfreundlich aufnahm und mit allem Noͤtigen bemirtete, 
Am anderen Morgen aber entwendete der Engel ihrem Gaſt⸗ 
freunde einen Becher, welchen dieſer ſehr hoch ſchaͤtzte. Hier⸗ 
uͤber begann der Eremit zu murren, denn er glaubte, jener 
ſei nicht von Gott geſandt. Die naͤchſte Nacht verbrachten ſie 
im Hauſe eines Mannes, der ihnen ein ſchlechter Wirt war 
und der ſie unfreundlich behandelte. Dieſem gab der Engel 
den Becher, den er dem guten Gaſtgeber geſtohlen hatte. Als 
der Eremit ſolches ſah, wurde er noch betruͤbter und begann 
eine noch ſchlechtere Meinung von ſeinem Begleiter zu be⸗ 
kommen. Von dort weitergehend naͤchtigten ſie ein drittes 
Mal im Hauſe eines guten Mannes, der ſie mit großer Freude 
empfing und ihnen reichlich mit allem Notwendigen auf⸗ 
wartete. Am anderen Morgen gab er ihnen einen jungen 
Mann, ſeinen Diener, mit, daß er ihnen den Weg zeige. 
Dieſen ſtuͤrzte der Engel von einer Bruͤcke herab und er⸗ 
traͤnkte ihn im Waſſer. Als der Eremit ſolches ſah, wurde er 
traurig und aͤrgerlich. In der vierten Nacht nahm ſie ein 
trefflicher Mann aufs beſte auf, brachte ihnen mit heiterer 
Miene reichliche Speiſe und ließ ihnen geeignete Lagerſtaͤtten 
herrichten. Aber das kleine Soͤhnchen des Gaſtwirtes, das 
einzige, das er hatte, begann in der Nacht zu weinen und 
hinderte ſie am Schlafen. Da ſtand der Engel naͤchtlicher⸗ 
weile auf und erwuͤrgte den Knaben. Als der Eremit ſolches 
ſah, glaubte er, ſein Gefaͤhrte ſei der Satan ſelber und wollte 
ſich von ihm trennen. Jetzt endlich redete der Engel und 


79 


ſprach: „Deshalb hat mich der Herr zu dir geſchickt, daß ich 
dir den verborgenen Sinn ſeiner Urteile zeige, und damit 
du erfahreſt, daß nichts auf der Erde ohne Grund geſchieht. 
Jener wackere Mann, dem ich den Becher fortnahm, liebte 


ihn zu ſehr, bewahrte ihn neidiſch und dachte haͤufig an den 


Becher, wenn er an Gott haͤtte denken ſollen. Deshalb habe 
ich ihn ihm zu ſeinem Heile genommen und jenem ſchlechten 
Wirte, der uns in ſeinem Hauſe uͤbel aufnahm, gegeben, da⸗ 
mit er ſeine Vergeltung noch in dieſem Leben empfange, 
denn im Jenſeits wird ihm kein Lohn mehr zuteil werden. 
Jenen Diener aber habe ich ertraͤnkt, weil er ſich vorgenom⸗ 
men hatte, am folgenden Tage ſeinen Herrn zu toͤten, und 
ſo habe ich unſeren guten Gaſtgeber vor dem Tode errettet, 
ſeinen Diener aber vor einer Mordtat, damit er, ohnehin 
ſchon ein Moͤrder dem Vorſatze nach, um etwas weniger in 
der Hoͤlle beſtraft werde. Unſer vierter Gaſtfreund endlich 
tat viel Gutes, ehe er den Sohn hatte und bewahrte alles, 
was er an Lebensmitteln und Kleidung eruͤbrigte, fuͤr die 
Armen auf; als aber ſein Knabe geboren war, zog er ſeine 
Hand von den Werken der Barmherzigkeit zuruͤck und be⸗ 
ſtimmte alles für ſeinen Sohn. Ich habe ihm den Anlaß zur 
Habſucht genommen und gleichzeitig die Seele des unſchul⸗ 
digen Kindes ins Paradies gebracht.“ Als der Eremit ſolches 
hoͤrte, wurde er von jeder Verſuchung befreit und begann die 
Urteile Gottes, deren Sinn verborgen iſt, mit lauter Stimme 
zu preiſen. 


Der Wolf in der Vorratskammer 
8 wird erzählt, daß der Fuchs den mageren Wolf uͤber⸗ 
redete, ihm in eine Vorratskammer Stehlens halber 
zu folgen. Der Wolf aber fraß ſo viel, daß er durch die 
enge Offnung, die ihm Einlaß gewaͤhrt hatte, nicht mehr 
herauskonnte, und er mußte ſo lange faſten, bis er ſeine ehe⸗ 
malige Magerkeit wieder erreicht hatte. Er wurde indes uͤber⸗ 


raſcht und gepruͤgelt und mußte unter Zuruͤcklaſſung ſeines 
Pelzes fluͤchten. 


80 


— —— ä —— — — —— — 


Der buͤßende Rauber 


1: einem Haufe jenſeits des großen Sees bei Neuen⸗ 

(A in der Dioͤzeſe Lauſanne wohnte ein Geiftlicher 

namens Wilhelm, der wegen der Wunder, die Gott 
um ſeinetwillen gewirkt haben ſoll, fuͤr heilig gilt. Ein Ritter, 
der ihn beſuchte, fragte ihn, warum er ſich ſo durch Faſten, 
Traͤnen und Bußhemden abtoͤte und abmuͤhe. Der Geiſt⸗ 
liche antwortete, es drohe ihm am Tage des Gerichts ein 
Flammenmeer von der Groͤße des Sees, und es beduͤrfe der 
ganzen Kraft ſeiner Buße, um dem hoͤlliſchen Feuer zu ent⸗ 
gehen. Und er erzaͤhlte als Beiſpiel, daß ein Raͤuber, der 
ſeinen Gegnern entfloh, ſich in Geſtalt des Kreuzes zu Boden 
warf, als er ſah, daß kein Entrinnen mehr moͤglich ſei, und 
bekannte, er habe den Tod wohl verdient; weil er Gott be⸗ 
leidigt habe. Er weinte daruͤber, geſtand, daß er ein Suͤnder 
ſei und bat ſeine Verfolger, daß ſie, um Gott mit ihm zu ver⸗ 
ſoͤhnen, feine Glieder der Marter preisgaͤben. Einem Eremi⸗ 
ten, der ſchon viele Jahre in den Bergen buͤßend verbracht 
hatte, wurde offenbart, wie Engel die Seele dieſes Raͤubers 
unter Lobgeſaͤngen in den Himmel trugen. Dafuͤr wußte der 
Eremit Gott keinen Dank, ſondern er aͤrgerte ſich und be⸗ 
dachte, daß er, der ſich allen Kaſteiungen ausgeſetzt habe, auf 
gleichen Lohn fuͤr ſeine Buße Anſpruch habe. Als aber ſeine 
Tage gezaͤhlt waren, uͤberſchritt er einen Bach, glitt von der 
Bruͤcke und verſchwand in den Wogen, und Teufel trugen 
ſeine Seele zur Hoͤlle. 8 


Der Koͤnig und der Weiſe | 


in König hatte in feinem Lande einen weiſen und 
reichen Mann wohnen, fand aber keine Gelegenheit, 
aus ihm Geld herauszupreſſen. Da richtete er drei 
Fragen an ihn, die er loͤſen muͤſſe, wenn er nicht eine ge⸗ 
waltige Summe Geldes zahlen wolle. Die Fragen aber 
ſchienen unlösbar zu ſein. Die erſte war: wo der Mittelpunkt 
der Erde ſei? Die zweite: wieviel Maß Waſſer das Meer 
enthalte? Die dritte: wie groß die . Gottes 


6 Franz. Märchen I r 81 


ſei? Am beitimmten Tage nun wurde der Weiſe in Anweſen⸗ 
heit des geſamten Hofes aus dem Kerker, in welchem er ge⸗ 
fangen gehalten wurde, herbeigeholt, um ſich loszukaufen, 
wenn er nicht die erwaͤhnten Aufgaben loͤſe. Da ſtieß er mit 
dem Stab auf den Boden und ſagte: „Hier iſt der Mittelpunkt 
der Welt. Widerlege es, wenn du kannſt. Willſt du, daß ich 
das Maß des Meeres ausmeſſe, fo halte die Fluͤſſe und alle 
Waſſer an, damit ſie nicht ins Meer dringen, bis ich es aus⸗ 
gemeſſen und dir die Zahl der Maße geſagt habe. Die dritte 
Aufgabe werde ich loͤſen koͤnnen, wenn du mir deine Ge⸗ 
waͤnder abtrittſt, damit ich vom Thronſeſſel aus meine Ant⸗ 
wort gebe.“ Hierauf, als er ſich auf dem Thronſeſſel und in 
koͤniglichem Schmucke befand, ſagte er: „So hoͤret und ſehet 
die Erhabenheit von Gottes Erbarmung, denn ich war eben 
ein Sklave, nun bin ich ein Koͤnig geworden, eben war ich 
arm, nun bin ich reich, eben war ich in der Tiefe, nun bin 
ich erhöht, eben in Kerker und Ketten, nun aber in Freiheit.“ 
So iſt der Mittelpunkt der Barmherzigkeit Gottes uͤberall im 
gegenwaͤrtigen Leben, ſeiner Gnaden iſt keine Zahl und ſeine 
Erhabenheit und Allgegenwart aͤußert ſich darin, daß der 
Suͤnder aus den Feſſeln und Gefaͤngniſſen der Suͤnde durch 
den Weg der Buße zum Himmelreiche gelangt. 


Crescentia 


ir leſen, daß ein roͤmiſcher Kaiſer eine wunder⸗ 

ſchoͤne unde ngelreine Gemahlin hatte, welche er, 

da er in Amtsgeſchaͤften verreiſen mußte, mitſamt 

ſeinem Lande ſeinem Bruder zur Verwahrung uͤbergab. Der 
Bruder bedraͤngte fie, durch ihre Schönheit verlockt, mit Ber: 
ſprechungen, Drohungen und Gewalt. Da ſie ihn aber ver⸗ 
ſchmaͤhte und ſich tapfer gegen ihn wehrte, ſo verklagte ſie der 
Bruder nach der Ruͤckkehr des Kaiſers bei dieſem, indem er 
ſein Verbrechen auf ſie zu waͤlzen trachtete. Der Gatte 
ſchenkte dem Verleumder ohne weiteres Glauben, mißhan⸗ 
delte die Frau, als ſie ihm entgegeneilte, mit Fuͤßen und 
Faͤuſten und uͤbergab ſie zwei Sklaven, damit ſie ſie heimlich 


82 


in den Wald führten und enthaupteten. Dieſe wollten ihr, 
durch ihre Schoͤnheit verleitet, gerade Gewalt antun, waͤh⸗ 
rend ſie ſich aus Leibeskraͤften wehrte und die Hilfe der 
heiligen Jungfrau, der ſie ergeben diente, mit lauter Stimme 
anrief, als ein fremder Edelmann voruͤberkam. Er hoͤrte das 
Geſchrei, lief herzu, befreite ſie und toͤtete die Sklaven. Sie 
ſelbſt aber nahm er mit ſich und betraute fie mit den Ob⸗ 
liegenheiten einer Hausfrau, indem er ihr ſeinen Sohn zur 
Pflege überließ. Unterdeſſen bedraͤngte fie der Bruder ihres 
neuen Herrn. Da ſie aber nicht einverſtanden war, ſondern 


ſich tapfer mit den Faͤuſten wehrte und ihm blutige Striemen 


beibrachte, erwuͤrgte dieſer, während fie ſchlief, den neben ihr 
ruhenden Sohn des Bruders, um die ihm zugefuͤgte Unbill 
zu raͤchen. Daraufhin überlieferte fie ihr Herr einigen Schif⸗ 
fern, welche ſie in ewige Verbannung fuͤhren ſollten. Dieſe 
wollten ſie vergewaltigen und dann ins Meer werfen, ſetzten 
ſie aber auf ihre Bitte hin auf einer Inſel an Land, wo ihr 
die ſelige Jungfrau erſchien, die ſie troͤſtete und ihr ein ge⸗ 
wiſſes Kraut zeigte, welches die ſchlimmſten Krankheiten zu 
heilen vermochte, beſonders aber wurden die Ausſaͤtzigen 
durch dieſe Pflanze geheilt, vorausgeſetzt, daß ſie ihre Suͤnden 
beichteten. Das Geruͤcht von einer ſolchen Heilkraft drang 
bis zu den Ohren ihres Herrn. Er fuͤhrte ſeinen Bruder 


— jenen, der ihr hatte Gewalt antun wollen und das Kind 


getötet hatte und nun zur Strafe ausſaͤtzig geworden war — 
zu ihr. Sie erkannte beide und ſagte, ſelbſt unerkannt, daß 
es zu einer ſolchen Heilung zunaͤchſt der Beichte des Kranken 
in Gegenwart ſeines Bruders beduͤrfe. Da jener aber das 
vorher erwaͤhnte Verbrechen nicht erwaͤhnte, ſo nuͤtzte die 
Medizin nichts. Nun ſagte fie vor allem Volke, daß der 
Kranke bisher eine Suͤnde verheimlicht habe und daß infolge⸗ 
deſſen die Heilung verhindert werde. Da ermahnte ihn der 
Bruder und beſchwur ihn, alles zu geſtehen, und jener ent⸗ 
huͤllte fein Vergehen und wurde geheilt. Als der Kaiſer 
dieſes Wunder erfuhr, ließ er ſie, da ſein Bruder gleichfalls 
hochgradig ausſaͤtzig geworden war, zu ſich kommen und bat 


. 88 


ſie unter großen Ehrungen um die Heilung feines Bruders. 
Sie entgegnete, daß ſie ihn nur dann heilen koͤnne, wenn er 
ſeine Schuld vor aller Welt bekenne. Da er anderes geſtand, 
das, was er gegen ſie gefehlt hatte, aber verheimlichte, ſo 
wurde er nicht eher geheilt, bis er auf das Draͤngen des 
Kaiſers hin das gegen ſie begangene Verbrechen beichtete. 
Der Kaiſer war untroͤſtlich, da er ſie nicht erkannte. Als der 
Bruder geheilt war, berief ſie den Kaiſer zu ſich und beſaͤnf⸗ 
tigte ſeinen Zorn gegen jenen. Er aber erkannte ſie waͤhrend 
der Unterredung an gewiſſen Zeichen, nahm ſie wieder auf, 
und aller Schmerz wurde in Freude verwandelt. Die 
Kaiſerin wurde ſpaͤter Nonne und diente auf das Ergebenſte 
der ſeligſten Jungfrau Maria. 


12. Cleomades und das hoͤlzerne Pferd 

m Lande Afrika herrſchten einſt drei reiche Koͤnige. 

Ihre Laͤnder waren benachbart und die Koͤnige waren 

einander freundſchaftich zugetan. Sie waren aber 
alle drei erfahren in der ſchwarzen Kunſt und in der Stern⸗ 
kunde. Melocandis und Baldigant waren weiſe, edel, ſchoͤn 
und ritterlich, aber den dritten, welcher Crompart hieß, ver⸗ 
unzierte ein Buckel, ſeine Augen lagen tief im Kopf und das 
Kinn hing ihm auf der Bruſt. Dieſe drei Koͤnige hatten davon 
reden hoͤren, daß Koͤnig Marcadigas von Spanien drei 
wunderſchoͤne Toͤchter beſitze. Zu dieſen hatte ſie vom bloßen 
Hoͤrenſagen Liebe ergriffen, und ſie beſchloſſen, um ihre Hand 
anzuhalten. Crompart, der ſchlaue, riet: „Ihr Herren, Mar⸗ 
cadigas iſt wegen der gewaltigen Tapferkeit ſeines Sohnes 
Cleomades weit und breit gefuͤrchtet. Wir werden guttun, 
wenn wir uns ſein Wohlwollen mit reichen Geſchenken er⸗ 
kaufen.“ Da verfertigte Meliocandis eine Henne mit drei 
Kuͤchlein aus lauterm Gold, und dieſe Tierlein ſangen ſo 
ſchoͤn, daß ſuͤßere Melodien niemals vernommen wurden. 
Baldigant ſchuf einen Mann aus Gold, der eine Trompete 
in der Hand hielt, und jedesmal, wenn jemand Verrat oder 


84 


Unbill plante, fo blies der Trompeter, daß er ein ganzes Heer 
erwecken mochte. Koͤnig Crompart endlich erſann das koſt⸗ 
barſte Geſchenk. Es war ein Pferd aus Ebenholz, das ſeinen 
Reiter uͤberall hintrug, wohin er wollte; wenn man einen der 
ſtaͤhlernen Zapfen drehte, mit denen es an Stirn und Bruſt 
ausgeſtattet war, ſo flog das Tier in die Luft oder zu Tal, 
zur Seite oder geradeaus, und es durchſchnitt die Luft ſo 
ſchnell, daß niemand ihm mit den Augen folgen konnte. Mit 
dieſen drei Geſchenken kamen die afrikaniſchen Koͤnige in die 
große Stadt Sevilla, als gerade Koͤnig Marcadigas am Erſten 
des Monats Mai ſein Geburtstagsfeſt beging. Viele Barone 
hatten ſich zum Feſt am Hofe verſammelt und das Volk 
drängte ſich auf den Gaſſen, als die drei fremden Herrſcher 
ihren Einzug hielten. Cleomades, der Koͤnigsſohn, ging 
ihnen entgegen und begruͤßte ſie mit den geziemenden Ehren, 
darauf wurden ſie vor den Koͤnig geleitet. Dieſem boten ſie 
ihre Kleinodien dar, ohne ihm jedoch den wahren Zweck ihrer 
Fahrt zu enthuͤllen. „Wir fordern darfuͤr“, ſprach der liſtige 
Crompart, „nur eine Gegengabe fuͤr uns alle drei.“ „Und 
ich bewillige ſie euch,“ erwiderte der Koͤnig, „ſchont meiner 
Habe nicht! Waͤhlt unter meinen Burgen und Staͤdten, unter 
meinem Gold und meinen Edelſteinen, fordert kuͤhn, was 
euch gefaͤllt, ich verſpreche euch im voraus, daß es euer iſt.“ 
Der Bucklige hub wieder an: „Herr, Ihr macht uns froh, 
denn Ihr bewilligt uns reiche Gabe. So wiſſet: um Eurer 
Toͤchter willen verließen wir unſer Land und ſie verlangen 
wir von Euch. Ihr habt uns unſere Bitte im voraus gewaͤhrt, 
nun nehmt die Kleinodien, die wir Euch mitbrachten!“ Mar⸗ 
cadigas ſah, daß er hintergangen war und ſein vorſchnelles 
Verſprechen reute ihn wegen der Mißgeſtalt Cromparts, aber 
ein Koͤnig darf ſein Wort nicht brechen. Auch dem Koͤnigs⸗ 
ſohn mißfiel es, daß der Mann mit dem Schweinsruͤſſel eine 
ſeiner Schweſtern bekommen ſollte, er benachrichtigte die 
Jungfrauen und dieſe ſpaͤhten durch ein Loch in der Wand in 
den Saal. Die beiden erſten gefielen ihnen nicht uͤbel, aber 
als ſie den kleinen haͤßlichen Crompart ſahen, da fragten ſie 


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ſich angſtvoll, welcher von ihnen dieſer beſtimmt werden ſollte. 
Nachdem alles im Saale Platz genommen hatte und Ruhe 
geboten war, nahm Melocandis die goldene Henne und ſetzte 
ſie mit ihren Kuͤchlein mitten in den Saal, und ſiehe, alle vier 
ließen einen wunderlieblichen Geſang hoͤren. Dem Koͤnige 
gefiel die Gabe ſowohl wie der wohlgeſtaltete Spender und 
auch Cleomades erklaͤrte ſich zufriedengeſtellt. Melocandis 
verneigte ſich vor dem König und erhielt die aͤlteſte Tochter, 
die durch das Loch mit Wohlgefallen den edlen Ritter be⸗ 
trachtete. Dann trat Baldigant vor und uͤberreichte dem 
Koͤnig den Mann aus Gold, indem er ihn dabei uͤber deſſen 
Eigenſchaften unterrichtete. Er erhielt die zweite Tochter 
und neigte ſich dankend vor dem Herrſcher. Da geriet die 
jüngfte, welche Marina hieß, in große Not, denn ihr blieb 
nur der haͤßliche Zwerg uͤbrig. Cleomades, der ihre Traͤnen 
ſah, verſprach, er wolle es ſo einrichten, daß Crompart ſie nicht 
zur Frau erhalten ſolle, und uͤber dieſe Worte wurde ſie wie⸗ 
der ein wenig froh und laͤchelte. Waͤhrend ſie ſolches in der 
Kammer beſprachen, hatte aber der Bucklige ſchon ſo geſchickt 
mit dem Koͤnig geredet, daß dieſer ihm ſeine Tochter zuge⸗ 
billigt hatte. Cleomades verbarg ſeinen Zorn und ſprach leiſe 
zu ſeinem Vater: „Wollt Ihr Eure Tochter ewiger Trauer 
uͤberliefern, indem Ihr ſie dieſem mißgeſtalteten Geſchoͤpf 
zum Weibe gebt?“ „Ich nahm ſein Geſchenk und gab ihm 
mein Verſprechen. Koͤnige luͤgen nicht.“ „Herr,“ wandte 
Cleomades ein, „woher wißt Ihr, daß das Pferd die Eigen⸗ 
ſchaften beſitzt, die er an ihm ruͤhmt? Erprobt zunaͤchſt die 
Wahrheit ſeiner Worte und den Wert der Gabe!“ Der Koͤnig 
war damit einverſtanden und Cleomades ſetzte dem Zwerg 
ſeine Zweifel auseinander. „Wenn Ihr das Pferd beſteigen 
wollt,“ ſagte Crompart mit haͤmiſchem Lachen, „ſo ſollt Ihr 
erfahren, ob ich log. Ertappt Ihr mich auf Unwahrhaftigkeit, 
ſo moͤgt Ihr mit mir machen, was Ihr wollt.“ Der Treuloſe 
hatte wohl gemerkt, daß Cleomades die Heirat hintertrieb, 
und er ſuchte nach einer Gelegenheit, ſich an ihm zu raͤchen. 
Waͤhrend der Bucklige dieſe Worte ſprach, blies der goldene 


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Trompeter in fein Horn, weil gegen Cleomades Verrat ges 
plant wurde, aber niemand achtete auf den Ton. Das Roß 
wurde in den Hof gefuͤhrt und die Menge draͤngte ſich gaffend 
herum. Ein Sattel aus Ebenholz deckte das Zauberpferd und 
ſeine Steigbuͤgel hatten die Eigenſchaft, daß ſie ſich der Groͤße 
eines jeden Reiters anpaßten. Cleomades, begierig, das Ge⸗ 
heimnis zu erfahren, beſtieg den Ruͤcken des Tieres und drehte 
an einem Zapfen an deſſen Stirn. Wie der Sturmwind 
ſauſte das wunderbare Flugzeug durch die Luft davon, und 
die Zuruͤckbleibenden verloren es alsbald aus den Augen. Der 
Koͤnig wandte ſich zornig an Crompart: „Laßt das Pferd 
umkehren, es iſt ſchon zu weit fort. Mir ſcheint, es iſt nun hin⸗ 
reichend erprobt.“ „Herr,“ entgegnete der Verräter mit un⸗ 
ſchuldiger Miene, „es ſteht nicht in meiner Macht, das Roß 
zuruͤckzurufen, denn ich vergaß, Euren Sohn, als er aufſtieg, 
zu lehren, wie er umkehren koͤnne. Erſt als er fort war, fiel 
es mir ein. Es ſchmerzt mich ſehr, doch kann ich ihn Euch 
nicht wiedergeben.“ „Freund, ſprach der Koͤnig, „du wirſt 
nicht das Licht des Tages ſehen, bis ich meinen Sohn wieder⸗ 
habe. Wahrlich, uͤbel war ich beraten, da ich die Warnung 
des Blaͤſers nicht beachtete, und toͤricht handelte ich, daß ich 
Euch nicht ſelber Euer Roß verſuchen ließ.“ Der Zwerg ſuchte 
ſich zu verteidigen, aber das nuͤtzte ihm nichts; er wurde ge⸗ 
bunden und ins Gefaͤngnis geworfen, wo er Gelegenheit 
hatte, ſeine Hinterliſt zu bereuen. 

Den Koͤnigsſohn indeſſen trug das Zauberroß in kurzer Zeit 
ſo weit, daß er nicht mehr wußte, welche Laͤnder und Meere 
unter ihm voruͤbereilten. Wohl merkte er, daß Crompart ihn 
hintergangen hatte, um ſich ſeiner zu entledigen, aber ſein 
tapferes Herz verzagte darum nicht. Er erinnerte ſich, daß 
er den Buckligen einen Zapfen an der Stirn des Roſſes habe 
drehen ſehen, er taſtete oben und unten und fand ſchließlich 
einen Zapfen auf der rechten Seite des Tieres, den er be⸗ 
wegte: da wandte ſich das Pferd augenblicklich nach rechts. 
Nun verſuchte er einen Zapfen nach dem andern, bis er 
wußte, wie er die Maſchine, die durch die Zapfen ihre Be⸗ 


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wegung erhielt, ſteuern muͤſſe. Schließlich fand er auf der 
Bruſt des Holzpferdes einen Zapfen, der veranlaßte, daß das 
Flugzeug ſich ſo ſanft, wie ein Aprilregen auf die junge Saat 
fällt, zur Erde herabließ und ſtille ſtand. Er wußte jetzt, wie 
er in die Hoͤhe und abwaͤrts, wie er vorwaͤrts und ruͤckwaͤrts 
fliegen koͤnne, und gar gern waͤre er nach Spanien zuruͤck⸗ 
gekehrt, aber ſo weit hatte ihn das Roß ſchon getragen, daß 
er nicht mehr wußte, welche Richtung er einſchlagen muͤſſe, 
und zudem war er muͤde und hungrig, denn er reiſte nun 
ſchon einen Tag und eine Nacht mit ungeheurer Geſchwindig⸗ 
keit. Er gedachte alſo, zur Erde herabzugleiten, um ſich aus⸗ 
zuruhen. Er blickte unter ſich und gewahrte, daß er uͤber 
einer weiten Ebene ſchwebte, durch welche ſich ein Fluß 
ſchlaͤngelte. Ein feſtes und ſchoͤnes Schloß lag unter ihm, um⸗ 
geben von Waͤldern, Weinbergen und Wieſen. Von Kon⸗ 
ſtantinopel bis Oſterreich hätte man kein praͤchtigeres Schloß 
finden koͤnnen. Hier herrſchte ein Koͤnig mit Namen Car⸗ 
mans, der eine wunderſchoͤne Tochter beſaß. Neben dem 
Tor des Schloſſes bemerkte der Juͤngling einen hohen Turm, 
der aus Marmorſtein gehauen und mit Blei gedeckt war. 
Auf dieſen Turm zu nahm er ſeinen Flug und ſteuerte ſeine 
Maſchine ſo, daß er auf der Spitze desſelben landete. Er 
ſtieg vom Roß und erblickte ein kleines Pfoͤrtchen, durch wel⸗ 
ches er in das Innere des Schloſſes dringen konnte. Er ließ 
alſo ſein Flugzeug oben auf dem Dache und eilte die Stufen 
hinab, denn der Hunger trieb ihn. Durch eine Flucht von 
praͤchtigen Saͤlen irrte er, bis er in einen Raum gelangte, in 
welchem eine Tafel aus Ebenholz und verziert mit koſtbaren 
Steinen gedeckt war. Mancherlei Speiſen luden da zum 
Mahle, und in goldenen Pokalen funkelte der Wein. Fleiſch 
und Wein aber waren ein Opfer, welches die Bewohner 
dieſes Landes am erſten des Mai ihren Goͤttern darbrachten, 
um von ihnen Fruchtbarkeit zu erflehen. Der König und 
ſeine Großen hatten ein wenig von den Speiſen genoſſen, 
dann hatten ſie ſich in einen anderen Saal begeben, wo boͤh⸗ 
miſche Floͤtenſpieler und deutſche Geiger zum Tanze auf⸗ 


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ſpielten. Dort war der ganze Hof bis Morgengrauen in aus⸗ 
gelaſſener Luft verſammelt und fo blieb die Ankunft des 
Fliegers unbemerkt. Cleomades wuſch ſich ſeine Haͤnde an 
einem Waſſerſtrahl, der aus dem Maule eines ſilbernen 
Löwen hervorſprudelte und ſetzte ſich zum Mahl, während 
die Klänge der Fiedeln und Harfen aus dem Tanzſaal her⸗ 
uͤbertoͤnten. Als er ſich guͤtlich getan hatte, wandte er ſich zur 
offenen Tuͤr des Saales und trat in ein Gemach, in dem ein 
Mann von rieſenmaͤßigem Wuchſe, doch ohne Bart, ange⸗ 
kleidet auf einem Lager ſchlief, das von Waffen aller Art 
rings umgeben war. Der Juͤngling ſchlich ſich an dem 
Schlaͤfer vorbei und trat in einen Saͤulengang, der einen 
Blumengarten umgrenzte. Er ſtand ſtill und ſah ſich um. 
Das Gaͤrtlein zeigte keinen anderen Ausgang als eine Pforte 
aus Ebenholz; zu dieſer wandte ſich der Koͤnigsſohn und 
druckte auf die Klinke, worauf ſich die Tuͤre mühelos öffnete, 
Cleomades trat in ein Gemach von undenklicher Pracht; dieſes 
hatten der Koͤnig und die Koͤnigin fuͤr ihre Tochter Clarmon⸗ 
dine hergerichtet, welche fie über alles liebten. Sie zu be⸗ 
wachen diente der rieſenhafte Eunuch, der vor dem Gaͤrtlein 
ſchlief. Eine Unzahl von Kerzen erhellte den Raum und durch 
die Fenſter brach ſchon der junge Tag. Drei Betten ſtanden 
in der Kammer, in welchen drei Jungfrauen ruhten, aber auf 
der rechten Seite ſtand das ſchoͤnſte Lager, das je ein Menſch 
geſehen. Es war von Gold, und Hyazinthen, Topaſe, Ru⸗ 
binen und Saphire funkelten daran, weiße Felle waren uͤber 
die ſeidenen Decken gebreitet. In dieſem Bett ruhte die 
ſchoͤne Koͤnigstochter. Cleomades näherte ſich dem Lager, 
erblickte die anmutige Schlaͤferin und neigte ſich uͤber ſie. Als 
er ihre Wangen aus Milch und Purpur ſah, faßte er ſich ein 
Herz und kuͤßte ſie, worauf ſie erwachte und mit einem tiefen 
Atemzug ihre Augen oͤffnete. Sie erſchrak gewaltig, als ſie 
einen Mann vor ſich ſtehen ſah. Cleomades ließ ſich vor ihr 
auf die Knie nieder, um ſie zu begruͤßen, und ſie erwiderte 
ihm: „Lieber Herr, wie kommt Ihr hierher? In dies Ge⸗ 
mach darf kein anderer treten als der Koͤnigsſohn von Ar⸗ 


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kadien, mit dem ich in meiner Kindheit verlobt wurde, ohne 
ihn je geſehen zu haben. Sagt, ſeid Ihr der? Wenn nicht, 
ſo ſeid Ihr des Todes, und wenn Euer Leben fuͤnffache Kraft 
haͤtte.“ „Schoͤne Maid,“ ſprach der Koͤnigsſohn, „ich bin der, 
von dem Ihr ſpracht und werde alles tun, was Euch gefällt.” 
„Wer fuͤhrte Euch hierher?“ „Niemand weiß, daß ich kam. 
Die Sehnſucht nach Euch, meiner Braut, trieb mich hierher. 
Nun, nachdem ich Euch geſehen, will ich mich unverzüglich 
wieder entfernen, denn um nichts in der Welt moͤchte ich Euch 
laͤſtig ſein.“ Die Jungfrau wurde froh, denn ſie glaubte den 
Worten des Juͤnglings, der ihr überaus mohlgefiel. Seine 
Schoͤnheit ergriff ihr Herz mit den Flammen der Liebe und 
ebenſo fuͤhlte ſich unſer Held von Amors Pfeil verwundet. 
Clarmondine weckte nun ihre Dienerinnen und dieſe waren 
ſo ſprachlos vor Verwirrung uͤber die Anweſenheit des Frem⸗ 
den, daß ſie deſſen hoͤflichen Gruß mit keinem Wort erwider⸗ 
ten. Cleomades beſchloß, das Gemach zu verlaſſen, bis die 
Prinzeſſin ſich erhoben haͤtte; doch verſprach er nicht eher zu 
gehen, als es ihr gefiele. Der Juͤngling trat in den Blumen⸗ 


garten, wo er ſich liebeskrank niederließ und den Duft der 


Bluͤten einſog. Clarmondine kleidete ſich indeſſen an und er⸗ 
zaͤhlte dabei ihren drei Geſpielinnen von dem jungen Ritter, 
den ſie noch immer fuͤr ihren Verlobten hielt. Als ſie fertig 
waren, begaben ſie ſich alle vier zu dem Koͤnigsſohn in den 
Garten, und dieſer ſuchte zunaͤchſt in Erfahrung zu bringen, 
in welchem Lande er eigentlich ſei. Dabei ſah er die Jung⸗ 
frau mit verliebten Augen an und die Liebe ſchlug ihre Wur⸗ 
zeln in ihren Herzen. Schon lange ſaßen ſie ſo da in Ge⸗ 
ſpraͤche und ſtumme Blicke vertieft, da ſpaͤhte der Rieſe, der 
die Koͤnigstochter behuͤten ſollte, durch ein kleines Fenſter⸗ 
chen in den Garten. Er erſtaunte uͤber die Maßen, als er den 
Ritter ſah, und er wußte nicht, wie er hineingekommen ſei, 
denn er glaubte alle Eingaͤnge wohlverwahrt zu haben. So⸗ 
gleich eilte er zum Koͤnig, um ihm Bericht zu erſtatten. 
Dieſer geriet uͤber ſolche Nachricht in grenzenloſe Wut. 
Eilends begab er ſich an das Fenſter und gewahrte ein lieb⸗ 


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liches Bild: feine Tochter wand aus Blüten einen Kranz, 
während ihre Gefpielinnen die Blumen dazu pflüdten und 
der Juͤngling die Seide zuſammenflocht, um den Kranz zu 
binden. Der Koͤnig, raſend daruͤber, daß ein Mann bei ſeiner 
Tochter weile, ließ die aͤlteſte der Waͤrterinnen rufen, um von 
ihr Rechenſchaft zu fordern. Sie erzaͤhlte ihm alles, was ſie 
von Cleomades wußte, aber der Koͤnig merkte ſogleich die 
Unwahrheit ſeiner Worte, denn ſein kuͤnftiger Schwieger⸗ 
ſohn war ihm wohlbekannt. Haſtig trat er in das Gaͤrtlein, 
und die Liebenden ſprangen erſchrocken vor ihm auf. Der 
Juͤngling begruͤßte den Koͤnig, ohne Furcht zu zeigen, doch 
dieſer blieb ihm die Antwort ſchuldig und gebot, ihn augen⸗ 
blicklich zu feſſeln. Die Knechte legten Hand an den Koͤnigs⸗ 
ſohn, der ſich ohne Gegenwehr binden ließ. Die Jungfrau 
aber kniete vor dem Vater nieder und ſprach: „Herr, dieſer 
Mann tat mir kein Leid. Er iſt der arkadiſche Prinz, mein 
Verlobter, den Ihr mir ſelbſt zum Gatten beſtimmt habt.“ 
Der Koͤnig ſah an den Mienen ſeiner Tochter, daß ſie ſich 
keiner Schuld bewußt war. „Tochter,“ ſagte er, „es iſt nicht 
der, den Ihr meint. Nie ſah ich dieſen Mann. Wenn Euer 
Verlobter ins Land kaͤme, ſo ſollten ſich meine Schloͤſſer mit 
Scharen feſtlicher Säfte füllen. Doch dieſer iſt ein-Betrüger, 
der Euch Eure Ehre rauben will. Aber er ſoll es buͤßen, denn 
ich will ihn lebendig ſchinden laſſen, will ihm den Kopf ab⸗ 
ſchlagen, ihn verbrennen, haͤngen und lebendig begraben.“ 
Cleomades erſchrak, weil man ihn auf einer Luͤge ertappt 
hatte und ließ ſich gutwillig fortſchleppen. Die Mutter ſuchte 
Clarmondine zu troͤſten, aber ihr Herz war nicht in ihrem 
Leib, ſondern wanderte mit dem Koͤnigsſohn in den Kerker, 
und wo das Herz nicht iſt, da iſt jeder Troſt umſonſt. Cleo⸗ 
mades ſtand in Banden geſchlagen und von Bewaffneten 
umgeben im Hofe, als die Koͤnigin zu ihm trat, und trotz ſeiner 
Erniedrigung ſchien er ihr ſchoͤn und liebenswert. Man fragte 
den Juͤngling nach Name und Heimat, aber er ſchwieg hart⸗ 
naͤckig. Erſt als der Koͤnig ihm vorwarf, daß er der Ehre ſeines 
Kindes nachgeſtellt habe, antwortete er haſtig, daß er nichts 


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Boͤſes gegen die Prinzeſſin im Schilde geführt habe, und er 
erzaͤhlte eine halb wahre, halb erdachte Geſchichte, wie Feen 
ihn entfuͤhrt, ihn auf ein hoͤlzernes Zauberpferd geſetzt und 
hier abgeladen hätten. Er erflärte ſich bereit, dem König das 
Roß, das auf dem Turme ſtehe, zu zeigen. Dieſer wurde neu⸗ 
gierig und begehrte, das Tier zu ſehen; er ſchickte Cleomades 
mit einer Schar Bewaffneter auf den Turm, ſein Flugzeug 
zu holen. Der Juͤngling fand das Pferd im naͤmlichen Zu⸗ 
ſtand vor, wie er es verlaſſen hatte; er brachte es dem Koͤnig 
und dieſer betrachtete es mit Erſtaunen. Die Königin hatte 
Erbarmen mit dem jungen Mann und bat ihren Gemahl um 
Gnade. Dieſer haͤtte ihm gern verziehen, wenn ihn ſeine 
Luͤge nicht verdaͤchtig gemacht haͤtte. Er wandte ſich an ſeine 
Ratgeber und fragte ſie, was er mit dem Gefangenen tun 
ſolle. Die Meinungen gingen weit auseinander, aber ſchließ⸗ 
lich einigte man ſich dahin, daß er gehaͤngt werden ſolle. Da 
bedachte ſich Cleomades und ſprach: „Koͤnig, ich fuͤrchte den 
Tod nicht, aber da ich Euch nicht entgehen kann, bitte ich 
Euch um eine Gnade: haͤngt mich nicht wie einen Straßen⸗ 
raͤuber! Ich bin ein Ritter und verdiene einen ehrenvollen 
Tod. Laßt mich mein Pferd beſteigen und dann durchbohrt 
mich mit Euern Pfeilen und Schwertern.“ Der Koͤnig ge⸗ 
ſtand ihm dieſe Gnade zu, denn es war ihm gleichguͤltig, auf 
welche Weiſe er ums Leben kaͤme. Rings um das Roß ver⸗ 
ſammelten ſich die Knechte mit Spießen, Lanzen, Pfeilen, 
Schwertern und Stöden; große Steinblöde hielten fie im 
Schoß, um ſie auf den Gefangenen zu ſchleudern. Cleomades 
beſtieg freudigen Herzens ſein Gefaͤhrt, als er aber oben ſaß, 
legte er ſeine Hand an die Stirn des Tieres, drehte den 
Zapfen und ſogleich durchſchnitt die Maſchine die Luft, ſo 
daß die Zuruͤckbleibenden mit geoͤffneten Maͤulern daſtanden 
und meinten, der Leibhaftige habe ſie genarrt. 

Cleomades nahm feinen Flug nach Spanien, wo er mit 
größter Freude empfangen wurde. Seine erſte Bitte war, 
Crompart aus dem Gefaͤngnis zu entlaſſen, die Hand Ma⸗ 
rinas freilich habe er durch ſeine Treuloſigkeit verwirkt. Der 


92 


— * 


S 2 28 


K 


Bucklige war ſehr bekuͤmmert, als ihm der Koͤnig ſeine Toch⸗ 
ter verweigerte und er verließ ihn voll Scham und Trauer 
ohne Abſchied. Er entließ ſein Gefolge, das er in Sevilla 
zuruͤckgelaſſen hatte, er ſelber aber blieb in der Stadt, um 
eine guͤnſtige Gelegenheit abzuwarten, daß er ſich am Koͤnig 
und beſonders an Cleomades raͤchen koͤnne. Er kleidete ſich 
als Arzt und uͤbte das Gewerbe eines Heilkuͤnſtlers aus. Den 
Koͤnigsſohn indeſſen ließ die Liebe zu Clarmondine nicht 
raſten, und er glaubte nicht eher Ruhe zu finden, bis er ſie 
als feine Gattin heimgefuͤhrt habe. Als drei Tage verſtrichen 
waren, nahm er von ſeinem Vater Abſchied, um zu ihr zuruͤck⸗ 
zukehren. Er nahm denſelben Weg, den er gekommen war 
und ließ ſein Flugzeug unter einer Ulme in der Naͤhe von 
Koͤnig Carmans Schloß zu Boden gleiten, um dort in Furcht 
und Hoffnung den Anbruch der Nacht zu erwarten. Als der 
Mond aufgegangen war, beſtieg er ſein Roß wieder und flog 
ruhig und ſicher in die Burg. Er ließ den Turm zur Seite 
liegen und ſenkte ſein Gefaͤhrt in das Blumengaͤrtlein her⸗ 
nieder, wo ihn der Koͤnig letzthin uͤberraſcht hatte. Dort ſtieg 
er ab und verbarg das Pferd in einer Mauerniſche. Die Tuͤr 
der Schlafkammer der Prinzeſſin ſtand offen, um dem Duft 
der Bluͤten Eintritt zu gewaͤhren, und Cleomades gelangte 
ungehindert in das Gemach. Er blieb einen Augenblick ſtehen 
und überzeugte ſich zunaͤchſt, ob alles ſchlief, dann trat er an 
das Bett der Jungfrau und weckte ſie mit einem Kuß. Sie 
ſchlug mit einem Seufzer die Augen auf und ſprach: „Ach, 
wer hat mich gekuͤßt? Beim Licht der Kerzen erkannte ſie 
den Juͤngling ſogleich, aber ſie wußte nicht, ob ſie ſchweigen 
oder ſchreien ſolle, denn ſie mißtraute dem Fremden, obwohl 
ſie ihn liebte. „Herr,“ ſagte ſie, „ich ſollte Euch zuͤrnen, weil 
Ihr neulich eine Züge geredet habt. „Jungfrau, ich ſchwoͤre 
Euch, daß ich Euch heute die Wahrheit ſagen will. Cleo⸗ 
mades heiße ich und mein Vater herrſcht uͤber Spanien.“ 
Bei dieſen Worten jubelte Clarmondinens Herz, denn der 
Ruhm ſeiner Heldentaten war ſchon in ihr fernes Land ge⸗ 
drungen und vom Hoͤrenſagen hatte ſie den Vollbringer ſo 


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vieler edler Taten ſchon geliebt. Sie fragte ihn, warum er 
gekommen ſei, und er fluͤſterte ihr leiſe, leiſe, damit die 
Waͤrterinnen nicht erwachten, ſeinen Plan ins Ohr und bat 
ſie mit aufgehobenen Haͤnden, ſie moͤge mit ihm in ſeine 
ſchoͤne Heimat ziehen, um an ſeiner Seite als Koͤnigin zu 
herrſchen. „Herr,“ ſagte ſie, „ich ergebe mich in Euern Wil⸗ 
len. Aber ich fuͤrchte, mein Vater wird nicht in dieſe Heirat 
einwilligen, denn er hat mich ſchon fuͤr einen andern be⸗ 
ſtimmt.“ Es bedurfte geringer Überredungskunſt, um fie zur 
Flucht mit ihm zu bewegen. Darauf verließ Cleomades das 
Gemach, um ſie im Garten zu erwarten. Die Prinzeſſin 
weckte indeſſen ihre Geſpielinnen und erzaͤhlte ihnen, daß der 
beruͤhmte Ritter Cleomades gekommen ſei, um ſie mit ſich 
in ſein Land zu fuͤhren. Die Jungfrauen, die gleichfalls ſchon 
viel von der Tapferkeit des ſpaniſchen Koͤnigsſohnes gehört 
hatten, lobten ihre Wahl und redeten ihr zu, mit ihm zu 
fliehen. Darauf traten ſie alle vier in das Gaͤrtlein und die 
Waͤrterinnen trugen dem Paar einen Imbiß auf und baten 
den Koͤnigsſohn, ſie ſobald als moͤglich in ſein Land zu rufen. 
Die Prinzeſſin aber war bekuͤmmert, daß ſie ihre Eltern ver⸗ 
laſſen ſollte, und Cleomades mußte ihr verſprechen, daß er 
ihr noch einmal Gelegenheit geben wolle, ſie zu ſehen. Die 
Waͤrterinnen mahnten nun die Liebenden, nicht länger mehr 
zu verharren, denn König ECarmans hatte die Gewohnheit, 
bei Tagesanbruch ſich zu erheben und ſich mit ſeinem Gefolge 
im Schloßpark zu ergehen. Schon daͤmmerte der Tag herauf 
und die eine der Dienerinnen ſtieg auf den Turm, von dem 
aus man den Park uͤberſehen konnte. Da ſah ſie, wie der 
Koͤnig und die Koͤnigin ſich mit einer Schar von Damen und 
Rittern unter einer Pinie niedergelaſſen hatten. Hurtig ſtieg 
ſie wieder herab und bat den Koͤnigsſohn, unverzüglich feinen 
Plan auszufuͤhren. Der Juͤngling hob Clarmondine auf ſein 
Roß und band ſie feſt, um ſie vor dem Fallen zu bewahren, 
die Maͤgde befeſtigten Koͤrbe mit Speiſen und Wein an den 
Seiten des Flugzeugs und dann ſetzte er ſich ſelbſt vor die 
Prinzeſſin auf das Zauberpferd; er drehte den Zapfen, der 


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den Flug nach aufwaͤrts regelte, und ſchwebte mit feinem 
Lieb dem jungen Tag entgegen. Zunaͤchſt ſteuerte er ganz 
langſam und hielt ſich nahe am großen Turm, von wo man 
den Park, den die erſten Strahlen der Sonne beſchienen, 
überbliden konnte. König Carmans luſtwandelte dort mit 
ſeinen Begleitern. Da hub Cleomades von ſeiner luftigen 
Hoͤhe aus zu reden an: „Herr, ſucht Eure ſchoͤne Tochter nicht, 
denn Euer Suchen iſt umſonſt. Ich habe mich Eurer Tochter 
ergeben und ſie hat mir ihre Huld gewaͤhrt. Nun fliegen wir 
nach Spanien in mein Heimatland, unſer Hochzeitsfeſt zu 
halten. Und damit Ihr wißt, wer Eure Tochter entfuͤhrt: ich 
bin von edler Art und weit in ferne Lande drang meines 
Namens Ruhm, Cleomades heiße ich, mein Vater traͤgt die 
Krone Spaniens.“ Die Koͤnigin blickte in die Hoͤhe und rief: 
„Ach, mein Kind, wohin gehſt du?“ Dann fiel ſie bewußtlos 
vor Gram zu Boden. Waͤhrend die Herren und Damen des 
Hofes ſich um die ohnmaͤchtige Koͤnigin bemuͤhten, flog das 
Liebespaar in blitzſchneller Fahrt weſtwaͤrts, der Koͤnig Car⸗ 
mans aber faßte ſich an die Stirn und glaubte, ein ſchwerer 
Traum habe ihn gequaͤlt. 

Cleomades reiſte mit der Prinzeſſin ſo lange durch die Luft, 
bis an einem Dienstag Morgen die Sonne vor ihren Augen 
die Tuͤrme Sevillas vergoldete. Da ſprach der Koͤnigsſohn: 
„Nun freut Euch, ſuͤßes Lieb, wir ſind am Ziel!“ „Herr,“ 
ſprach die Jungfrau, „ich bitte Euch, Ihr wollet mich hier an 
einem geſchuͤtzten Orte abſteigen laſſen. Ich bedarf zunaͤchſt 
der Ruhe, ehe ich vor Eure Eltern trete, denn ich zittere vor 
Angſt und Kälte. Der Juͤngling trug fie in einen Garten 
von Pinien und Lorbeerbaͤumen, der ſich außerhalb der 
Mauern ausdehnte, und ſetzte ſie unter einem Olivenbaume 
ab. Die Jungfrau ſtreckte ſich ermattet auf den gruͤnen Raſen, 
und nachdem ſie ein wenig geruht hatte, begehrte ſie zu 
eſſen. „Wenn es Euch nicht mißfaͤllt, Liebſte,“ ſprach Cleo⸗ 
mades, „jo möchte ich jetzt meine Eltern und meine Schweſter 
aufſuchen und ſie bitten, Euch hier abzuholen.“ „Holt ſie, 
Herr, und laßt mich indes hier ruhen. Die Glieder ſchmerzen 


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mich und ich kann mich fo nicht vor dem Volke zeigen.“ „So 
erholt Euch, bis ich wiederkomme und lauſcht dem Sang der 
Voͤgel, die in den Zweigen zwitſchern!“ Cleomades eilte in 
fein väterliches Schloß und ließ die Jungfrau mit dem Pferd 
im Garten, die ſich mit Singen die Zeit vertrieb. Crompart, 
der Falſche, hatte ſich an dieſem Morgen fruͤh erhoben und 
erging ſich in dem naͤmlichen Garten, um Heilkraͤuter zu 
ſammeln. Er hoͤrte das Lied der Jungfrau und wandte ſich 
der Gegend zu, aus der die Toͤne kamen. Clarmondine er⸗ 
ſchrak, als ſie das Scheuſal erblickte; ſie verſtummte augen⸗ 
blicklich und rief mit lauter Stimme nach ihrem Geliebten. 
Crompart freute ſich in ſeinem treuloſen Herzen, denn er 
glaubte, eine Gelegenheit zur Rache gefunden zu haben. 
Überdies gefiel ihm die Jungfrau, und er dachte, wenn er 
Marina nicht bekommen koͤnne, ſo wolle er wenigſtens dieſe 
zu ſeiner Liebſten machen. Als er ſie nach Cleomades rufen 
hoͤrte, erriet er den Zuſammenhang. „Erſchreckt nicht,“ ſagte 
er, „ich will Euch kein Leid tun!“ „Herr, mir graut vor Euch! 
Bitte, geht, denn gleich wird Cleomades zuruͤckkehren, dem 
ich angehoͤre.“ „Eben dieſer iſt es, der mich ſendet,“ ent⸗ 
gegnete der Zwerg liſtig, „er befiehlt Euch, daß Ihr zu ihm 
kommt; ich werde Euch auf dem Roß zu ihm tragen, denn er 
lehrte mich, es zu behandeln, und daran moͤgt ihr erkennen, 
daß ich ſein Vertrauter bin.“ Die Jungfrau glaubte den 
Worten des Schurken und erhob ſich. Der Bucklige ſetzte ſie 
auf das Zauberpferd und band ſie feſt, dann hing er Fleiſch 
und Wein an die Seite des Tieres und ſtieg ſelber auf. Hurtig 
drehte er den Zapfen, und in raſender Fahrt erhob ſich das 
Flugzeug in die Wolken. 

Hier muͤſſen wir unſer Liebespaar ſeinem Schickſal uͤber⸗ 
laſſen und geben es dem Leſer anheim, ſich ſelber auszumalen, 
welche Gefahren und Abenteuer die Liebenden noch zu be⸗ 
ſtehen hatten, bis ſie endlich wieder miteinander vereinigt 
wurden. 


96 


13. Altfranzoͤſiſche Marienlegenden 
Der Taͤnzer Unſerer lieben Frau 


3 war einmal ein Gaukler, der tanzend und ſpringend 

von Ort zu Ort zog, bis er der ewigen Wanderfahrt 

und aller Weltluſt muͤde ward. Da gab er all ſeine 
Habe hin und trat in das Kloſter zu Clairvaux ein. Der neue 
Laienbrüder war zwar ſchoͤn und ſtattlich von Geſtalt, doch 
die Braͤuche und Sitten des Kloſters kannte er nicht. Er hatte 
ja ſeine ganze Zeit mit Springen, Tanzen und Raͤderſchlagen 
verbracht und nie hatte ein Menſch den Gedanken gehabt, 
ihm das Vaterunſer, das Ave oder gar das Kredo zu lehren. 
Voll Demut ſtaunte er alles im Kloſter an, er ſah, wie die 
Bruͤder nie ihr frommes Schweigen brachen, und ſo ging auch 
er wie ein Stummer umher, bis er von den Bruͤdern verlacht 
und mit Zwang zum Reden gebracht wurde. Er ſah, wie 
jeder auf ſeine Weiſe dem Herrn diente, wie die Prieſter am 
Altar ihr heiliges Amt vollzogen, wie die Diakonen die Evan⸗ 
gelien laſen, wie die Kloſterſchuͤler im Chor den Pſalter ſan⸗ 
gen, und wie ſelbſt der kleinſte von ihnen ohne Zaudern das 
Vaterunſer aufſagen konnte. Da ſtand er beſchaͤmt: ach er 
allein, er konnte nichts! Oft ſtand er lauſchend vor den Zellen 
und hoͤrte Klagen und Weherufe von drinnen hervortoͤnen, 
und wie er den Grund des Weinens reiflich uͤberlegte, fand 
er, daß die da drinnen Gott für ihre Schuld um Gnade an⸗ 
flehten. „Ach,“ ſprach er, „was tue ich hier? Ich kann nichts 
als muͤßig ſtehen und gaffen! Ich bin das Brot nicht wert, 
das man mir gibt. Ach, wenn man es merkt, ſo werden ſie 
mich mit Schande verjagen, weil ich zu gar nichts nuͤtze bin!“ 
In ſeinem Gram fluͤchtete er aus des Tages Licht in eine 
unterirdiſche Kapelle, wo zwiſchen Kerzen das Bild der 
Gottesmutter ſtand. Dort verkroch er ſich ſorgenvoll in einen 
Winkel. Plöglich klang tief und voll die Münfterglode, welche 
die Bruͤder zur Meſſe lud. Er hob das Haupt und ſprang auf: 
„Soll ich hier liegen, während alle andern wetteifern, Unſere 
Frau zu loben? Was ſaͤum' ich noch? Bin ich nicht auch in 


7 Franz. Märchen 1 97 


mancherlei Kuͤnſten erfahren? Nach Kräften dient ihr ein 
jeder, ſo will auch ich tun, was ich kann!“ Raſch warf er die 
lange Kutte beiſeite und guͤrtete ſich fein duͤnnes Jaͤckchen um 
die Lenden. Dann trat er demutsvoll vor das Bild der 
Gottesmutter und ſprach: „Dir, Koͤnigin ob allen Koͤniginnen 
befehle ich Seele und Leib! Zu dir komme ich voll Vertrauen, 
oh nimm mit meinem Eifer vorlieb! Die ſchoͤnſten Spiele, die 
ich kann, waͤhle ich dir zur Luſt, ſo wie ein Boͤcklein auf der 
Heide vor ſeiner Mutter huͤpft und ſpringt. Du verſchmaͤhſt 
nie, was dir ein Herz aus Liebe bietet, ſieh, was ich habe, 
bring ich dir!“ Und waͤhrend droben die Hymnen erſchollen, 
beginnt er mit vollen Kraͤften zu tanzen, bald vor⸗ und bald 
ruͤckwaͤrts, auf und nieder, er geht auf den Haͤnden durch die 
Kapelle und uͤberſchlaͤgt ſich in der Luft, alle Arten von Taͤn⸗ 
zen ſpringt er mit kunſtgerechtem Schwung, und nach jedem 
Tanz verneigt er ſich vor dem Bilde: „Das tu' ich nur fuͤr 
dich, daß ſich dein Auge daran erfreue, erfreuſt du doch die 
ganze Welt!“ Und wiederum hebt er an, die Hand auf die 
Stirn gelegt, mit kleinen Schritten zierlich in der Runde zu 
gehen, dabei weint er und betet: „O Frau, dir ſinge ich Ehre 
und Preis mit Herz und Leib, mit Hand und Fuß. Da droben 
ſingen ſie Lobeshymnen: laß mich dein treuer Taͤnzer ſein 
und gib mir in deinem himmliſchen Palaſt eine kleine Woh⸗ 
nung, denn dein bin ich ganz und gar.“ Solange der Sang 
von oben klingt, tanzt er ruhelos, bis ihm der Atem vergeht 
und die Glieder den Dienſt verſagen: da ſinkt er in Ohnmacht 
taumelnd zu den Fuͤßen der Himmelskoͤnigin nieder. Und 
ſiehe: die Strahlende neigt ſich mit guͤtigem Laͤcheln hernieder 
und faͤchelt ihn mit ihrem Tuͤchlein, und mit ihrer ſuͤßen 
Gnadenhand kuͤhlt ſie das Feuer ſeiner Schlaͤfen. 

Ein Moͤnch hatte von draußen dieſe Vorgaͤnge mit ange⸗ 
ſehen und heimlich den Abt geholt. Dieſer ließ am anderen 
Tage den Laienbruder vor ſich laden. Der Arme erſchrak zu 
Tode, denn er glaubte, er ſolle wegen ſeines Muͤßiggangs 
vertrieben werden. Er fiel alſo voll Zagen vor dem Abt auf 
die Knie und ſprach: „O Herr, ich weiß, ich kann hier nicht 


98 8 


bleiben, doch ich will tun, was ihr befehlt. Ich will hinaus 
ins Elend gehen!“ Doch der Abt neigte ſich voll Ehrfurcht, 
kuͤßte ihn und bat ihn, zu Gott fuͤr ihn und die Bruͤder zu 
beten, damit ſie einſt von ſeinen Gnaden erben moͤchten. Da 


ward der Arme vor Freude krank und kam zu ſterben. Als 


aber ſein letztes Stuͤndlein gekommen war, da trugen der 
Engel Scharen den Taͤnzer Unſerer lieben Frau zum aller⸗ 
. Sternenzelt. | 


Der Judenknabe 


. ie Juden, die uberall in der Welt verſtreut find, hatten 
| ſich wie in jeder anderen guten Stadt, fo auch in 


Bourges niedergelaſſen und lebten dort nach ihrem 
Geſetz. Nun geſchah es, daß die ſchoͤne Oſterzeit nahte, und 
alle Welt feierte mit Glockentoͤnen und Geſaͤngen die Auf⸗ 
erſtehung des Herrn. Maͤnner, Frauen und Kinder eilten in 
freudiger Haſt zum Muͤnſter und ſiehe, ein kleiner Juden⸗ 
knabe folgte den Geſpielen in das Gotteshaus, wie er ihnen 
ſonſt zum Spiele nachlief. Er trat in den hohen Dom, da 
glaͤnzten die Bilder, gleißend von Gold, da funkelten die Ge⸗ 
faͤße, da gluͤhten die Kerzen, und Freude ergriff das Buͤblein, 
das zuvor nie ſolches ſah. Er tat den anderen Kindern alles 
nach: bald ſchlug er ſich an die Bruſt, bald bekreuzte er ſich 
und dann warf er ſich nieder in den Staub. Zwiſchendurch 
betrachtete er die Bilder und beſonders gefiel ihm eines: das 
war eine hoheitsvolle Frau, die einen laͤchelnden Knaben an 
ihrer Bruſt hielt. Als der Gottesdienſt zu Ende war, ging 
alt und jung zum heiligen Abendmahl, und jeder ſchlug ſich 
demuͤtig vor dem Sakrament fuͤr ſeine Miſſetaten an die Bruſt 
und flehte aus Herzensgrund um Erbarmen. Das Kind trat 
mit den andern Chriſten vor und empfing den Leib des Herrn, 
ohne zu wiſſen, was es tat. Dabei kam es ihm vor, als ob das 
Bild der glorreichen Jungfrau und Mutter aus ſeinem Rah⸗ 
men heraustrete und hinter dem Prieſter hergehend die 


Speiſe austeilen helfe. 


Indeſſen machten ſich Vater und Mutter auf die Suche 


7° 


99 


nach dem Knaben, Überall auf den Straßen fragten fie nach 
ihm und jammerten, denn ſie glaubten, er ſei ihnen genom⸗ 
men worden. Waͤhrend noch der Schmerz ihr Herz zerriß, 
traten die Chriſten, das Herz voll Feſtesfreude, aus dem 
Gotteshaus. Das Judenbuͤblein eilte heim und lief ſeinen 
Eltern entgegen. Da fragte der Vater mit boͤſem Blick, wo 
es geweſen ſei, und das Knaͤblein antwortete furchtſam, es 
ſei mit den andern Kindern im Dom des Herrn geweſen und 
habe vor dem goldenen Altar mit den andern geſpeiſt. Als 
der Vater hoͤrte, daß das Kind die Kommunion empfangen 
habe, da knirſchte er vor Wut mit den Zaͤhnen. Ganz in der 
Nähe ſtand ein Glasofen mit loderndem Feuer. Der Vater 
packte den Knaben unter den Armen und warf ihn in die 
Flammen, dann verſperrte er den Ofen von außen, damit der 
Koͤrper zu Aſche werde. Die Mutter des Knaͤbleins aber 
raufte vor Schmerz ihre Haare und ſchrie, ſo daß das Volk 
zuſammenſtroͤmte und nach der Urſache ihres wilden Ge⸗ 
barens fragte. Da erzaͤhlte ſie den Leuten die Miſſetat ihres 
Mannes. Die Leute oͤffneten den Ofen mit Gewalt und 
blickten in die flackernde Glut und ſiehe: der Knabe war heil 
und unverſehrt. Zwar zuͤngelten die Flammen an ihm her⸗ 
auf, von allen Seiten umleckte ihn das Feuer, aber er ſpielte 
mit den Funken, als ſeien es Bluͤmlein auf gruͤner Au. Da 
faßte die Menge freudiges Staunen, und ſie fragten das 
Knaͤblein, wie ihm bei der Marter zumute geweſen ſei? 
„Marter?“ erwiderte er, „ich fühlte keine! Als ſich der Ofen 
ſchloß, da erſchien die hehre Frau, die ich dort im Muͤnſter 
bei den Chriſten geſchaut, wie ſie dem Prieſter half, die Speiſe 
auszuteilen. Sie ſtand neben mir und hielt einen laͤchelnden 
Knaben an ihrer Bruſt, mitten im Feuer ſtand ſie, und mit 
ihrem weiten Mantel wehrte ſie die Flammen von mir ab. 
Ich habe weder Schmerz noch Pein gefuͤhlt. Wie durch einen 
bluͤhenden Garten ſchritt ſie durch die Glut, wahrhaftig, das 
muß eine gute und heilige Frau ſein!“ Als die Leute dieſes 
hoͤrten, da lobten ſie Gott und ſeine glorreiche Mutter. Der 
alte Jude wurde in den Ofen geworfen und zu Aſche ver⸗ 


100 


brannt, wie er es verdient hatte, die Mutter aber ließ ſich 
nebſt ihrem Soͤhnlein taufen, und das gleiche taten viele 
Juden um der ſeligſten Jungfrau Maria willen, die den 
Judenknaben vor dem Feuertod gerettet hatte. 


Die Nonne und der Ritter 


inſt lebte in einer Abtei, deren Sakriſtanin ſie war, 

eine Nonne von heiligmaͤßigem Wandel; ihr ganzer 
ar Sinn war auf gute Werke gerichtet, fie betete fleißig 
und ehrte Gott und ſeine Heiligen, vor allem aber verehrte 
ſie Tag und Nacht die Mutter Gottes. Jedesmal, wenn die 
gewohnte Stunde gekommen war, kniete ſie allein vor dem 
Bilde Unſerer lieben Frau nieder und bat ſie um Vergebung 
fuͤr ihre Suͤnden. Der Dienſt Mariens war ihre einzige 
Speiſe, und um die Dinge dieſer Welt ſorgte ſie ſich nicht. 
Ihre guten Werke wuͤrdigten ſie ſo, daß ſie eine Freundin 
Gottes und der heiligen Jungfrau, der ſie diente, wurde. So 
groß war ihre Begnadung, daß die Kranken zu ihr kamen und 
Geneſung fanden, wenn ihre Hand ſie beruͤhrte. Lange Zeit 
verharrte ſie ſo im Wohltun, bis der Teufel, der das Gute 
wo er kann vernichtet, ſie verſuchte und ſchließlich zu Fall 
brachte. Ein Ritter entfuͤhrte ſie aus dem Kloſter und ver⸗ 
lockte ſie durch Verſprechungen, daß ſie ſich ihm ganz zu eigen 
gab. Sie vergaß ihren Eid und warf ihr Ordensgewand vor 
dem Bild der Himmelskoͤnigin beiſeite, ſie floh das Licht und 
tauchte in die Finſternis. Wie ein Wanderer, dem die Kerze 
verloͤſcht, auf naͤchtlichen Pfaden in den Abgrund ftürzt, fo 
wandelte ſie die finſteren Wege der Welt, die ins endloſe 
Feuer fuͤhren. 

Zwei Jahre verharrte ſie in ſuͤndiger Fleiſchesluſt, aber 
dann erinnerte fie ich plotzlich ihrer Meiſterin und Freundin, 
der heiligen Jungfrau, welche ſie feige verlaſſen hatte. Sie 
ward freudenlos und krank, als ſie ihrer Untreue gedachte. Es 
kam ein Tag, da ihr Geliebter ſie mit harten Worten tadelte, 
ſie eine entlaufene Nonne ſchalt und ihr aus Eiferſucht ihren 
Fehl und ihren Wandel vorhielt. Schmerzbewegt erwiderte 


101 


fie ihm: „Ihr redet wahr! Ich bin noch ſchlechter, als jemand 
mich ſchelten koͤnnte. Nun iſt mir recht geſchehen, wohl habe 
ich Tadel verdient, da ich mich von Gott und der erhabenen 
Herrin abgewendet habe, die mich wuͤrdigte ihre Arztin zu 
ſein. Aber Gott iſt nicht tot. Wenn ich mich bemuͤhe, ihm 
wieder zu dienen und meine Suͤnden bereue, ſo kann mir 
vielleicht Vergebung werden, denn Gott verheißt dem reu⸗ 
muͤtigen Suͤnder Erbarmen.“ 

Wie eine Irrſinnige eilte ſie von binnen und lief fo lange, 
bis fie zu ihrer Rechten den Turm einer weißen Abtei ges 
wahrte. Dorthin wandte fie ſich und traf zufällig den Abt vor 
der Tuͤr, der ſich, als er ſie in Traͤnen ſah, vor ihr erhob. Sie 
warf ſich ihm zu Fuͤßen, er aber richtete ſie auf und vergoß 
Traͤnen des Mitleids. Weinend bekannte ſie ihm ihren Kum⸗ 
mer und ihre Schuld. Der gute Abt ſah durch ihr Antlitz in 
ihn Herz und ſprach: „Schweſter, oft wählt man den unrechten 
Weg und Gott laͤßt es zu, daß der ſtrauchelt, den er liebt, da⸗ 
mit er ſich neu geſtaͤrkt erhebe. So müßt auch Ihr Euch er: 
heben und Buße tun, durch die Ihr die Verzeihung Gottes 
und ſeiner Mutter finden werdet, die mit freigebiger Hand 
ihr Erbarmen dem reuigen Suͤnder ſpenden.“ „Herr, ich bin 
bereit, meinen armſeligen Leib zu geißeln, meinen Leib, der 
der Urgrund meiner Suͤnden iſt. Ach, wenn es ſein koͤnnte, 
daß ich wieder Gottes Freundin wuͤrde, nie wollte ich ihn 
wieder erzuͤrnen.“ „Liebe Freundin, ich werde Euch ſagen, 
wie Ihr Buße tun ſollt. Ich befehle Euch im Namen Gottes, 
daß ihr wieder in Euer Vaterhaus zuruͤckkehrt und dort in 
Einſamkeit und Buße lebt. Je mehr Ihr aber leidet, deſto 
groͤßere Gnade werdet Ihr erlangen. So ſehr ſollt Ihr Euch 
demuͤtigen, daß Ihr Eure Schweſtern um Verzeihung bittet.“ 
„Herr, das kann ich nicht! Lieber laſſe ich mich zerſtuͤckeln! 
Ich bin eine Edeldame dieſes Landes, und mein Vater wuͤrde 
mich toͤten, wenn er mich wiederſaͤhe. Die Gemeinen wuͤrden 
mit Fingern auf mich weiſen und uͤberall wuͤrde meine 
Schandtat bekannt. Gebt mir, Herr, eine Buße, die meinen 
Leib mehr quält und mir mein Leben härter macht!“ „Liebe 


102 


Freundin, Ihr müßt dies tun, Gott wird Euch tröften und 
ſtaͤrken. Eine andere Buße kann ich Euch nicht geben, geht 
in Frieden, und ich ſage Euch, daß ſich Eure Miſſetat zum 
Guten wenden wird.“ „So werde ich Eurem Befehle nach⸗ 
kommen, Herr! Ich lege mein Leben in Gottes und der 
heiligen Jungfrau Hand. Moͤge ihr Erbarmen uͤber mir Un⸗ 
würdigen erſcheinen, und ſende mir Gott baldigen Tod!“ Sie 
ging und zerraufte ſich mit den Haͤnden das Haar. Einſame 
Wege wanderte ſie und ſprach weinend ihr Gebet: „Herrin, 
Königin der Majeftät, füße Herrin! Im Tempel deiner Jung⸗ 
frauſchaft weilte Gottes Sohn und wollte ſich nicht von dir 
trennen, denn wie eine ſuͤße Blume duftet deine Reinheit. 
Bewahre meinen Leib und meine Seele, den Leib vor 
Schmach und Tod, die Seele vor Suͤnde! Ich bereue meine 
Schuld und gebe mich ganz in dein Erbarmen. Hab' Gnade, 
Herrin, dein bin ich ganz und gar!“ So ging ſie in Verzweif⸗ 
lung und wanderte ſo lange, bis ſie zu einer Huͤtte kam, die 
neben dem Kloſter, in welchem ſie gedient hatte, lag. Eine 
gute alte Frau, die in der Abtei beſchaͤftigt war, bewohnte das 
Haͤuslein. Hier wurde fie aus Naͤchſtenliebe beherbergt, und 
ſie ſpeiſte mit der Alten zu Abend. Nach dem Eſſen plau⸗ 
derten ſie uͤber dies und jenes, und ſchließlich redete die Nonne 
ohne Schleier ihre Hausfrau folgendermaßen an: „Wirtin, 
Eure Sakriſtanin, welche mit ſo großem Eifer im Kloſter 
diente und die Kranken zu heilen pflegte, wo iſt ſie? Ich habe 
viel Übles von ihr reden hoͤren: daß ein Mann ſie entfuͤhrt 
habe, dem ſie ſich in ſuͤndiger Luft hingab. Um Gottes willen, 
ſagt mir, was Ihr davon wißt!“ Die Alte erſchrak uͤber das 
Gehoͤrte und antwortete zornig: „Frau, Ihr ſeid toll, daß Ihr 
ſo von unſerer Sakriſtanin redet, Ihr verleumdet die beſte, 
die heiligſte, die meiſtgeliebte Frau, die je auf Erden lebte. 
Ihr braucht nicht lange nach ihr zu ſuchen, denn erſt heute 
habe ich ſie geſehen und ihren Segen empfangen da, wo ſie 
ihren Dienſt wie eine Heilige und ohne Fehl verſieht. Ihr 
ſeid nicht bei Sinnen, daß Ihr ſo von ihr redet. Seht, auf 
der Straße harren an zwanzig Kranke: Lahme, Blinde und 


103 


Beſeſſene, die alle den naͤchſten Tag erwarten, damit fie die 
Heilige mit einem Zeichen ihrer Hand heilen moͤge. Schweigt 
mit Eurer Torheit, denn uͤbel koͤnnte es Euch ergehen, wenn 
Euch andere Leute hoͤren.“ Als die Buͤßerin ſolches hoͤrte, 
verwunderte ſie ſich ſehr und wußte nicht, was ſie davon 
halten ſolle. Sie verbrachte die Nacht ſchlaflos in Gedanken, 
und ſobald die Morgenglocke laͤutete, erhob fie ſich, kleidete 
ſich an und ging in das wohlbekannte Kloſter. Eine milde 
Frau oͤffnete ihr, die Verlorene wich zuruͤck und ſprach: 
„Herrin, um Gott, wer ſeid Ihr?“ „Sagt mir zuerſt, liebe 
Freundin, wer Ihr ſeid,“ fragte die Pfoͤrtnerin. „Herrin, mit 
Schmach geſteh ich's ein. Ich war Sakriſtanin in dieſem 
Kloſter und gut tat ich meine Pflicht, bis der Teufel mich 
uͤberwand und mich all meiner Schaͤtze beraubt in die Schande 
ſtieß. Ich bin die, von der Gott ſich abwandte, weil ich um 
der Suͤnde des Fleiſches willen ihn und ſeine Mutter verließ. 
Um meine Meiſterin, der ich mich weihte, graͤme ich mich am 
meiſten, denn ſie berief mich zu großen Ehren. Nun bin ich 
durch eigene Schuld ihre Widerſacherin geworden, und kaum 
wage ich, ſie um Verzeihung anzugehen. Ich bin verflucht 
und ausgeſtoßen, von der Liebe Gottes ausgeloͤſcht. Um 
Gnade und Erbarmung zu erflehen komme ich her, aber 
ſchwerlich werde ich fuͤr meine raſende Luſt Vergebung finden. 
Herrin, nun habe ich Euch geſagt, wer ich bin. Um des Er⸗ 
loͤſers willen bitte ich Euch, ſagt mir jetzt Euren Namen!“ 
„Ich will ihn dir nennen: ich bin Maria, die Gott gebar. Du 
haſt meine große Guͤte ſchlecht vergolten. An deiner Statt 
habe ich die Zellen gefegt, die Glocken geläutet, die Tuͤren 
geoͤffnet, die Lampen entzuͤndet, und jedermann glaubte, du 
ſeieſt hier. Niemand weiß um deinen Fehltritt, denn dafür, 
daß du mir ſo treu gedient, habe ich deine Schmach verhuͤllt. 
Ich vergebe dir deine Sinnenluſt, aber huͤte dich, ein zweites 
Mal zu ſuͤndigen. Nun geh zu meinem Altar, dort findeſt du 
dein Ordenskleid, bekleide dich damit und fuͤrchte nichts!“ 
Außer ſich vor Freude warf ſich die Suͤnderin zu Fuͤßen der 
Gottesmutter in den Staub, doch dieſe entſchwebte, und ſie 


104 


hielt nur die Erde umfaßt, die fie kuͤßte, weil die Sohlen der 
Himmelskoͤnigin ſie beruͤhrt hatten. Dann wandte ſie ſich zum 
Altar, bekleidete ſich mit ihrem Nonnengewand und machte 
ſich daran, ihren Dienſt zu verſehen, wie ſie es fruͤher getan 
hatte. Niemand aber ahnte etwas von dem, was ſie verſchul⸗ 
det hatte. Mit Beten, Faſten, Kaſteiung und guten Werken 
brachte ſie ihre Jahre dahin, um die verſaͤumte Zeit wieder 
einzuholen, bis Gott der Herr ihre Seele zu ſich in ſein Reich 
nahm. 


Vom Dieb, der ſich jedesmal, wenn er zum Stehlen 
ging, Unſerer Frau empfahl 

8 war einmal ein Dieb, der eine ſonderbare Gewohn⸗ 

heit hatte: ſein Sinn war ſo ganz und gar vom Ge⸗ 

danken an die ſuͤße Mutter des Koͤnigs der Glorie er⸗ 
füllt, daß er ſich jedesmal, wenn er zum Stehlen ging, in ihre 
Hut empfahl. Und wenn er ſich ihr empfohlen hatte, ging er 
ruhigen Herzens zum Raub, als ob er dazu beauftragt ge⸗ 
weſen waͤre. Niemals aber beſtahl er die Armen und Be⸗ 
draͤngten, vielmehr tat er ihnen Gutes wo er konnte, aus 
Liebe zur Gottesmutter. Eines Tages wurde er beim Dieb⸗ 
ſtahl uͤberraſcht, und jedermann war ſich daruͤber einig, daß 
er haͤngen muͤſſe, denn er war weithin beruͤchtigt. Man legte 
ihm den Strick um den Hals und knuͤpfte ihn an den Galgen. 
Da rief er in ſeinem Herzen zu Unſerer lieben Frau, dieſe 
aber, die nie einen der ihrigen vergißt, kam ihm alsbald zu 
Hilfe. Ihre weißen Haͤnde breitete ſie unter ſeine Fuͤße und 
hielt ihn ſo zwei Tage lang, ſo daß er weder Schmerz noch 
Qual empfand. Am zweiten Tage kamen ſeine Henker, um 
nach ihm zu ſehen. Als ſie ihn lebendig und geſund fanden, 
ſprachen ſie: „Wir haben getrunken, ehe wir dieſen Dieb 
haͤngten; ſchlecht haben wir gearbeitet, der Strick mag nicht 
recht gebunden fein.” Sie ergriffen ihre Schwerter und woll⸗ 
ten ihn in die Gurgel ſtechen, aber ſie konnten ihm kein Leids 
tun, denn die Mutter des Erloͤſers hielt ihre Haͤnde ſchuͤtzend 
vor ihn. Da rief der Dieb: „Flieht, flieht, vergebens muͤht 


105 


ihr euch, denn wißt, daß meine Herrin, die heilige Maria, mir 
zu Hilfe kam. Sie iſt es, die mich ſtuͤtzt und ihre weiße Hand 
vor meine Kehle breitet. Die ſuͤße Herrin neigt ſich zu mir 

und laͤßt nicht zu, daß ihr mir wehe tut.“ Als die Henker dieſe 
Worte hoͤrten, banden ſie ihn los und ſagten dem Himmels⸗ 
koͤnig und ſeiner Mutter fuͤr dieſes Wunder Dank. Der Suͤn⸗ 
der aber trat am ſelbigen Tage als Moͤnch in ein Kloſter und 
diente von nun an in Demut Unſerer lieben Frau. 


Vom Koͤnig, der den Sohn ſeines Seneſchalls ver⸗ 
brennen wollte 


in Koͤnig von Agypten hatte einen Seneſchall 5 ihm 
lange gedient und dafuͤr reichen Lohn verdient hatte. 
Dieſem Seneſchall war ein Sohn erwachſen, der das 
Alter von fuͤnfzehn Jahren erreicht hatte. Der Knabe war 
verſtaͤndig fuͤr ſein Alter, und all ſein Sinnen war auf die 
Liebe zu Gott und der hl. Jungfrau gerichtet. Es geſchah 
aber, daß ſein Vater krank wurde und zu ſterben kam. Der 
Koͤnig erfuhr davon, ſuchte den Kranken auf und ſetzte ſich 
an ſein Lager. „Herr,“ ſprach der Seneſchall, „von Eurer 
Kindheit an habe ich Euch treu gedient, mehr als fuͤnfund⸗ 
dreißig Jahre lang war ich Euer Knecht. Ich fuͤhle, daß mein 
Ende naht, aber zuvor moͤchte ich Euch, lieber Herr, um eine 
Gnade bitten, die ihr mir um Gottes Willen gewaͤhren moͤgt. 
Wenn ich tot bin, ſo nehmt Euch meines Sohnes an und 
wollet an ihm meine treuen Dienſte vergelten!“ Der Koͤnig 
verſprach dem Sterbenden, er wolle ſeinen Sohn ſtets um 
lich halten und ihm Land und Lehen geben. Darauf hauchte 
jener ſeine Seele aus. 

Der Koͤnig hielt ſein Verſprechen. Er beſtellte dem 3 Juͤng⸗ 
ling einen Lehrmeiſter und zog ihn zuſammen mit ſeinem 
eigenen Sohne auf. Taͤglich kam er, die Knaben zu ſehen und 
ihnen Geſchenke zu bringen; er hatte beide ſehr lieb, und auch 
die jungen Leute waren einander in inniger Freundſchaft zu⸗ 
getan. Der Lehrmeiſter aber war voll Zorn und Neid dar⸗ 
uͤber, daß der Koͤnig den Fremdling ſo ſchaͤtzte, und er ſagte 


106 


in feinem treulofen Herzen: „Der König iſt nicht weile, daß 
er einen hergelaufenen Burſchen ſo wert hält wie feinen 
eigenen Sohn. Mir ſollte er wohltun und mich achten, denn 
ich bin an mancherlei Kuͤnſten reich, ſtatt deſſen verſchwendet 
er ſeine Liebe an einen, der ſie nicht verdient. Aber ich will 
ihn ausloͤſchen aus der Liebe des Koͤnigs.“ 

Eines Tages wandte er ſich an den Knaben und ſprach 
tadelnd zu ihm: „Mein Sohn, wenn der Koͤnig wieder her⸗ 
kommt und dich in ſeine Arme nimmt, ſo wende dein Haupt 
ab, denn dein Atem iſt ihm nicht angenehm.“ Bald darauf 
kam der Koͤnig, die Knaben zu beſuchen, und ſchloß beide in 
ſeine Arme; da wandte der Sohn des Seneſchalls, welcher an 
nichts Arges dachte, ſein Geſicht ab, um den Koͤnig nicht zu 
belaͤſtigen. Dies tat er fünf oder ſechsmal, bis der König es 
merkte und den Lehrmeiſter fragte, was das bedeuten ſolle. 
Der Treuloſe antwortete: „Herr, ich moͤchte Euch die Wahr⸗ 
heit ſagen, wenn ich nicht fuͤrchten muͤßte, Euch zu erzuͤrnen. 
So wißt denn: der Knabe hat mir geſtanden, daß er Euern 
Atem nicht ertragen kann.“ Der Koͤnig erſchrak uͤber dieſe 
Rede; er haßte von nun an den Knaben und ſchwur, ihm nicht 
mehr wohltun zu wollen, ja, er wollte ihn uͤberhaupt nicht 
mehr ſehen und beſchloß, ſich ſeiner zu entledigen. Der Ver⸗ 
raͤter aber freute ſich | in ſeinem Herzen. 

Der Koͤnig ließ einen Foͤrſter kommen und befahl ihm, daß 
er im Walde ein großes Feuer entzuͤnde; welchen er, der 
Koͤnig, aber als erſten dorthin ſenden werde, den ſolle er er⸗ 
greifen und in das Feuer werfen. So lieb ihm ſein Leben 
ſei, ſolle er dieſen Befehl vollziehen und die Ausfuͤhrung ge⸗ 
heim halten. Der Foͤrſter verſprach zu tun, wie ihm befohlen 
ſei, er kehrte heim und zuͤndete das Feuer mit eigener Hand 
an. Darauf ließ der Koͤnig den Burſchen rufen und gebot 
ihm, ſogleich ſein Pferd zu beſteigen, um eine Botſchaft zu 
uͤberbringen. Dabei trug er ihm auf, wohin er reiten und 
was er dem Foͤrſter ſagen ſolle. Der Juͤngling ſtieg ſogleich 
zu Roß und ritt eilends davon. Auf dem Wege empfahl er 
ſich Gott und der heiligen Jungfrau und betete, fie möchten. 


107 


ihm vor Gefahr bewahren. Während er fo in frommen Ge⸗ 
danken befangen war, hoͤrte er das Gloͤcklein eines Einſiedlers 
laͤuten und ſprach: „Ich will in die Kapelle gehen, um meine 
gewohnten Gebete zu ſprechen und wenn moͤglich eine Meſſe 
zu hoͤren. Mein Geſchaͤft iſt nicht ſo dringend, und bald wird 
der Gottesdienſt beendet ſein.“ Er wandte ſein Pferd nach 
rechts, ritt den Huͤgel, auf welchem die Klauſe des Eremiten 
ſtand, hinauf und betrat die Kapelle, waͤhrend der heilige 
Mann die Meſſe ſang. Als aber die Wandlung vollzogen 
wurde und der Juͤngling unter Traͤnen an ſeine Bruſt ſchlug, 
ſiehe, da ſchwebte eine weiße Taube hernieder, welche einen 
Brief in ihrem Schnabel trug. Dieſen ließ ſie auf den Altar 
niederfallen. Nachdem der Einſiedler den Gottesdienſt be⸗ 
endet hatte, kuͤßte er das Schreiben dreimal und oͤffnete es 
ſodann. Der Brief gebot dem Eremiten, er ſolle den Juͤng⸗ 
ling zuruͤckhalten, bis die Mittagsſtunde voruͤber ſei, denn 
Gott und die heilige Jungfrau, welche ihn in ihrer Hut haͤtten, 
wollten ihn aus Gefahr retten. Der Einſiedler trat auf den 
Juͤngling, der ſchon ſein Roß wieder beſteigen wollte zu und 
bat ihn, bis Mittag bei ihm zu verweilen. Nach laͤngerem 
Zoͤgern willigte dieſer ein und ließ fein Roß graſen; der hei⸗ 
lige Mann jedoch hielt ihn mit freundlichen Worten ſo lange 
feſt, bis die Sonne im Mittag ſtand. 

Der Lehrmeiſter, welcher nicht wußte, was aus dem Knaben 
geworden ſei, begab ſich unterdeſſen zum Koͤnig, und dieſer 
befahl ihm, unverzuͤglich in den Wald zu reiten und den 
Foͤrſter zu fragen, ob er des Koͤnigs Gebot erfuͤllt habe. Der 
Meiſter ritt in den Wald und ſprach zum Foͤrſter: „Der Koͤnig 
wuͤnſcht zu wiſſen, ob ſein Wille geſchehen iſt.“ „Nein,“ ver⸗ 
ſetzte jener, „noch nicht, aber gleich ſoll er geſchehen.“ Mit 
dieſen Worten packte der Foͤrſter den Schurken und warf ihn 
ins Feuer, wo er alsbald zu Aſche verbrannte. 

Alsbald kam der Knabe zu dem Feuer; dieſem rief der 
Foͤrſter von weitem entgegen: „Ich weiß wohl, was Ihr 
wollt! Geht, und ſagt dem Koͤnig, daß ich ſeinem Befehle 
nachgekommen bin.“ Sogleich wandte der junge Mann ſein 


108 


Roß, um dem König dieſe Botſchaft zu überbringen. Als 
dieſer die Wahrheit erfahren hatte, liebte er den Knaben noch 
inniger als fruͤher und ließ ihn zu großen Ehren gelangen. 


Von der Koͤnigin, die ihren Seneſchall toͤtete 


n Agypten lebte einſt ein König, der war jung, ſchoͤn 

und reich. Gar ſehr liebte er Hunde und Falken und 

trieb oft mit ihnen ſeine Luſt. Eines Tages war er zum 

Jagen in den Wald gegangen; als er aber die Spur eines 
Hirſches verfolgte, brach ein furchtbares Unwetter los. Jeder 
ſuchte ſich einen Unterſchlupf, und der Koͤnig blieb ganz allein; 
er ritt in ein Unterholz und verbarg ſich dort ſo lange, bis das 
Wetter ſich verzogen hatte. Der Koͤnig ritt nun durch den 
Wald und ſuchte ſeine Begleiter, aber er hoͤrte weder Horn 
noch Hund und wußte nicht, welchen Weg er nehmen ſollte. 
Schon brach die Nacht herein, da fand er einen Pfad, der, wie 
er glaubte, ihn zu einer Herberge fuͤhren muͤſſe. Und wirklich, 
wie er aus dem Walde trat, erblickte er einen Strom und ein 
Schloß daruͤber, und er dankte Gott, der ihm den Weg ge⸗ 
wieſen hatte. Muͤde klopfte er an die Pforte der Burg, die 
Zugbruͤcke wurde herabgelaſſen, und der Schloßherr ging dem 
ſpaͤten Gaſt, den er alsbald als ſeinen Lehnsherrn erkannte, 
entgegen, um ihn zu bewillkommnen. Im Saal begruͤßten 
ihn die Gattin und die Tochter des Ritters, eine Jungfrau 
von außergewoͤhnlicher Anmut. Als der Koͤnig die Maid er⸗ 
blickte, wurde ſein Herz bewegt, und er hielt ihre Schoͤnheit 
fuͤr wertvoller als alle ſeine Schaͤtze. „Wenn ſie meine Liebe 
nicht zuruͤckweiſt,“ ſagte er zu ſich ſelber, „ſo werde ich ſie zur 
Koͤnigin machen. So ſoll es ſein! Ich will ſie beſitzen!“ Das 
Abendeſſen wurde aufgetragen, und die Jungfrau, die den 
Funken der Liebe in ihres Herren Herzen entzuͤndet hatte, ſaß 
dem Koͤnig gegenuͤber. Nach einer ſchlafloſen Nacht trat der 
junge Koͤnig vor den Schloßherrn und trug ihm ſeinen Wunſch 
vor. Dieſer warf ſich ihm zu Fuͤßen und dankte ihm die Ehre 
unter Traͤnen; darauf wurde allſogleich die Verlobung ge⸗ 
feiert. Kaum war die Feier beendet, ſo drang das Gefolge 


109 


des Königs, das ihn den ganzen Tag gefucht hatte, in das 
Schloß, und alle freuten ſich, ihn geſund zu finden. | 

Der König hatte einen Seneſchall, der alle feine Geſchaͤfte 
beſorgte, aber der war ein habgieriger Mann und von nied⸗ 
riger Geſinnung. Sein Herr, der ihm in allem vertraute, er⸗ 
zählte ihm feine Verlobung mit der Tochter des Ritters. Er 
ließ ſeine Braut rufen, und als der Seneſchall ſie erblickte, 
erſtaunte er uͤber ihre Anmut und lobte gar ſehr den Entſchluß 
ſeines Herrn. Bald darauf nahm der Koͤnig Urlaub, nachdem 
er zuvor ſeiner Liebſten verſprochen hatte, er wolle uͤber drei 
Tage wiederkommen, doch nur im geheimen und unter vier 
Augen. Da beging die Jungfrau eine Torheit, die ſie viel 
Traͤnen koſten ſollte, ſie zeigte naͤmlich ihrem Geliebten, wie 
er heimlich in ihr Gemach gelangen koͤnne und gab ihm den 
Schluͤſſel zu einer verborgenen Pforte. Waͤhrend des Heim⸗ 
rittes geſtand der Koͤnig ſeinem Seneſchall, was er vorhabe. 
Dieſer tadelte ihn, daß er ſich und die Jungfrau der Schande 
ausſetzen wolle und drang ſo lange in ihn, bis er verſprach, 
die Sache auf ſich beruhen zu laſſen und den Schluͤſſel ſeinem 
Seneſchall uͤberantwortete. Als der Treuloſe das Schluͤſſe⸗ 
lein in der Hand hielt, keimte in ihm der verbrecheriſche Ge⸗ 
danke, er wolle zugreifen und das ſeltene Gluͤck, das ſich ihm 
biete, genießen. Er begab ſich alſo zur verabredeten Zeit, ge⸗ 
ſchuͤtzt vom Dunkel der Nacht, in das Schlafgemach der Rit⸗ 
terstochter und beſtieg mit dieſer, die nichts Boͤſes ahnte, das 
Lager. In dieſer Nacht verlor ſie ihre Jungfrauſchaft. Dann 
ſchlief der Schurke ein und begann zu ſtoͤhnen wie ein alter 
Mann. Da wunderte ſich die Maid und ſagte ſich, daß der 
Koͤnig ein junger Mann ſei, waͤhrend ſie dieſen groß und 
plump fand. Leiſe erhob ſie ſich vom Bett und entzuͤndete 
eine Kerze, da erkannte ſie den Schlaͤfer und ſprach: „Ich 
habe hier einen ſchlechten Freund, ſo will ich ihm auch eine 
ſchlechte Geliebte ſein, er ſoll ſich nicht ruͤhmen, bei mir ge⸗ 
legen zu fein.” Sie ergriff das Schwert des Seneſchalls und 
ſchnitt ihm damit das Herz entzwei. Alsdann holte ſie ihre 
Baſe, und die beiden ſchleppten die Leiche hinaus und warfen 


110 


—. Set, 9 


ſie in einen waſſerloſen Brunnen, in welchen ſie Erde und 
Schutt haͤuften, ſo daß niemand ahnen konnte, was die Tiefe 
barg. Der Koͤnig ließ im ganzen Lande ſeinen Seneſchall 
ſuchen, aber nichts verlautete von ihm, und ſchließlich wurde 
der Tote vergeſſen, wie denn das Leben den Lebenden gehoͤrt. 

Einer Verſammlung ſeiner Barone und Biſchoͤfe trug der 
Koͤnig ſeinen Heiratsplan vor, und es wurde beſchloſſen, daß 
die Hochzeit bald darauf im Schloſſe des Koͤnigs ſtattfinden 
ſolle. An dieſem Tage bat die junge Koͤnigin ihre Baſe, ſie 


moͤchte in der erſten Nacht bei dem Könige ruhen, damit dieſer 


den Verluſt ihrer Jungfrauſchaft nicht bemerken ſolle. Dieſe 
war damit einverſtanden, und als es Nacht geworden war, 


beſtieg ſie mit dem Koͤnig das Brautbett. Um Mitternacht 


entſchlummerten beide, da trat die Koͤnigin an das Bett, 
zupfte ihre Baſe an den Zehen und wollte ſie wecken, um den 
Platz wieder mit ihr zu tauſchen, aber die Treuloſe ſprach: 
„Ich werde mich nicht von der Stelle ruͤhren. Ich will den 
Koͤnig zum Gatten haben, denn ich habe dieſe Ehre wohl ver⸗ 
dient.“ Die junge Koͤnigin wurde von Verzweiflung ergriffen 
und legte Feuer an die Bettſtatt, nachdem ſie zuvor ihre Baſe 
mit einem Schleier gefeſſelt hatte. Das Feuer fand reiche 
Nahrung am Stroh und verbreitete ſich raſch. Sobald der 
Koͤnig fuͤhlte, wie die Flammen an ſeinen Ferſen leckten, 
ſprang er vom Lager und trachtete ſo ſehr danach, ſich zu 
retten, daß er ſeine Frau vergaß. Als er die Koͤnigin draußen 
geſund fand, freute er ſich ſehr, die andere aber verbrannte 
in ihrem Bett, ſo daß keine Spur von ihr zuruͤckblieb. 
Waͤhrend der Hochzeitsfeierlichkeiten blieb die Koͤnigin ſtill 
und traurig, denn in ihrem Herzen trug ſie die Erinnerung 
an die Mordtaten, die ſie begangen. Um ihre Schuld zu 
ſuͤhnen, ließ ſie zu Ehren der Gottesmutter ein Muͤnſter bauen 
und ſetzte einen Kaplan dorthin, der der Allerſeligſten Tag 
und Nacht dienen ſollte. Gar oft hoͤrte ſie ſelbſt unter Gebeten 
und Reuetraͤnen die heilige Meſſe und lobte die heilige Jung⸗ 
frau. Zwei Jahre lang ſchleppte ſie ihr Geheimnis mit ſich 
herum, endlich aber entſchloß ſie ſich, es zu beichten. Der 


111 


Kaplan war ein ſcheinheiliger Heuchler; als fie ihr Geſtaͤndnis 
beendet hatte, ſprach er zu ihr: „Fuͤr dieſe Tat habt Ihr den 
Tod verdient; wenn der Koͤnig davon erfaͤhrt, wird er Euch 
verbrennen laſſen. Ich will Euch aber das Leben retten, 
wenn Ihr Euch mir hingeben wollt.“ Die Frau erſchrak und 
antwortete: „Falſcher Prieſter! Ich ſuchte Buße und Troſt 
bei dir, und du verlangſt eine groͤßere Ubeltat von mir, als die 
iſt, die ich begangen habe. Ich will lieber im Feuer ver⸗ 
brennen, als den Eid brechen, der mich an meinen Herren 
bindet.“ Darauf ging der Kaplan zum Koͤnig und erzaͤhlte 
ihm, was die Koͤnigin gebeichtet hatte. Der Koͤnig ließ ſo⸗ 
gleich in dem Brunnen nachforſchen, und da die Leiche des 
Seneſchalls gefunden wurde, war auch ihr zweites Verbrechen 
erwieſen. Eine Verſammlung der Großen des Landes trat 
zuſammen und verurteilte die Koͤnigin zum Tod auf dem 
Scheiterhaufen. Da betete die Frau zur Mutter des Erloͤſers 
und ſprach: „Herrin, die Angſt packt mich ans Herz, und aus 
der Tiefe meiner Not ſchreie ich zu dir! Du, die du Weg und 
Leben biſt, Herrin, Freundin! ich flehe dich um Erbarmung 
an, erloͤſe mich vom Flammentod, oder wenn ich ſterben muß, 
rette meine Seele vor Verdammnis!“ 

Am naͤchſten Tage wurde die Koͤnigin, nur mit einem 
Hemde bekleidet, zum Scheiterhaufen gefuͤhrt, Scham und 
Reue erfuͤllte ihr Herz, aber ſie vertraute auf Gottes Erbar⸗ 
mung. In der Naͤhe des Schloſſes hauſte, wie ein Vogel in 
feinem Bauer, ein mehr als hundertjaͤhriger Einſiedler. Die⸗ 
ſem erſchien in der Nacht die Mutter Gottes und befahl ihm, 
er ſolle ſich morgen in aller Fruͤhe erheben, ſich ins Schloß 
aufmachen und dem Koͤnig entbieten, er duͤrfe ſein Weib nicht 
anruͤhren laſſen, denn er werde ein Wunder erleben, das ihm 
zeigen ſolle, daß ihr vergeben ſei. Als der Einſiedler ſeinen 
Auftrag ausgerichtet hatte, ließ der Koͤnig die Suͤnderin vor 
ſich fuͤhren, und dieſe erſchien mit gefeſſelten Haͤnden, ver⸗ 
bundenen Augen und aufgelöften Haaren, den weißen Leib 
mit einem duͤnnen Hemdlein bedeckt. Der fromme Klausner 
konnte ſich der Traͤnen nicht enthalten, als er dies Frauenbild 


112 


ſah; aber ſobald die Königin dem heiligen Manne gegenüber 
trat, fielen ihr die Ketten von den Haͤnden, und vom Him⸗ 
melszelt hernieder ſchwebte ein Purpurmantel, der ſich um 
ihre Schultern ſchlang, waͤhrend ein wallender Schleier ihr 
Haupt bedeckte. Da wußte der Koͤnig, daß ſein Weib eine 
Freundin Gottes ſei, und er dankte dem Erloͤſer und feiner 
ſuͤßen Mutter. Der falſche Prieſter wurde dem Scheiter⸗ 
haufen uͤberliefert, der Koͤnig aber diente ſeiner Gattin und 
hielt ſie treu und wert, waͤhrend dieſe nie der Wohltat vergaß, 
die ihr Gott und die heilige Jungfrau hatten angedeihen 
laſſen. 


14. Proſanovellen des 13. Jahrhunderts 
Aucaſſin und Nicolette 


<L::: der Sohn des Grafen von Beaucaire, liebte 
eine Jungfrau, welche Nicolette hieß. Sie hatte 
londe, dichtgelockte Haare, blaue, lachende Augen, 
ein laͤngliches Angeſicht, eine hohe wohlſtehende Naſe, Lip⸗ 
pen von zarterem Rot als Kirſchen und Roſen zur Sommers⸗ 
zeit und kleine weiße Zaͤhne. Ihre Bruͤſtlein waren hart und 
hoben ihr Gewand nicht hoͤher als es zwei Walnuͤſſe getan 
haͤtten. Sie war ſchlank um die Lenden, daß ihr ſie mit euren 
beiden Haͤnden haͤttet umſpannen koͤnnen, und die Maßlieb⸗ 
chen, die, von ihren Zehen geknickt, ihr auf den Reihen des 
Fußes fielen, waren geradezu ſchwarz gegen ihre Fuͤße und 
Beine: ſo weiß war das Maͤgdlein. Nicolette war aber eine 
Gefangene, die aus fremden Landen hergefuͤhrt war. Von 
Sarazenen hatte ſie der Vizegraf gekauft, er hatte ſie aus 
der Taufe gehoben und zu ſeinem Patenkinde gemacht. So 
kam es, daß der Graf, Aucaſſins Vater, unter keinen Um⸗ 
ſtaͤnden eine Verbindung ſeines Sohnes mit der Jungfrau 
dulden wollte. Dieſen hatte ſein Liebesgram ſo nieder⸗ 
gedruͤckt, daß er ſich aller ritterlichen Ubungen enthielt und 
nur ſeinen Gedanken an Nicolette nachhing. Nicht einmal 
die ewige Seligkeit kuͤmmerte ihn mehr: „Was habe ich 


8 Franz. Märchen I 113 | 


im Paradieſe zu tun?“ fagte er. „Ich will gar nicht hinein, 
wenn ich nur Nicolette habe, mein ſuͤßes Maͤdchen, das ich 
von Herzen liebe. Ins Paradies kommen nur jene alten 
Pfaffen und jene alten Kruͤppel und Lahmen, die Tag und 
Nacht vor den Altaͤren und in den alten Gruͤften hocken, 
die mit den alten abgeſchabten Kapuzen und den alten Lum⸗ 
pen angetan, die nackt ſind und barfuß und ohne Hoſen, 
und vor Hunger und Durſt, Froſt und Elend ſterben. Die 
kommen ins Paradies; mit denen habe ich nichts zu tun. 
Aber in die Hoͤlle will ich gehen! Denn in die Hoͤlle kommen 
die weiſen Meiſter und die ſchoͤnen Ritter, die in Turnieren 
und in gewaltigen Kriegen gefallen ſind, die guten Knappen 
und die freien Maͤnner. Mit dieſen will ich gehn! Auch 
kommen dahin die ſchoͤnen hoͤfiſchen Damen, die neben ihrem 
Herrn zwei oder drei Freunde hatten. Auch kommt dahin das 
Gold und das Silber, Pelz und Grauwerk und Harfner und 
Spielleute und die Koͤnige der Welt. Mit dieſen will ich 
gehn; aber Nicolette, mein ſuͤßes Lieb, muß bei mir ſein.“ 

Indeſſen bedraͤngte ein feindliches Heer die Burg des 
Grafen, und dieſer ſuchte Aucaſſin durch die Verſprechung, 
daß er Nicolette, welche in einen Turm eingeſchloſſen war, 
ſprechen und kuͤſſen duͤrfe, zur Teilnahme am Kampfe zu 
bewegen. Dieſe Ausſicht veranlaßte auch wirklich den Juͤng⸗ 
ling, in die Schlacht zu ziehen. Glaubt aber ja nicht, daß er 
daran dachte, Ochſen, Kuͤhe oder Ziegen zu rauben oder mit 
einem Ritter Hiebe zu wechſeln. Nein, durchaus nicht! Er 
war ſo in Gedanken an Nicolette, ſein ſuͤßes Lieb, verloren, 
daß er ganz der Zuͤgel vergaß und alles deſſen, was er haͤtte 
tun ſollen. Das Roß aber, das die Sporen gefuͤhlt hatte, 
trug ihn ins Gedraͤnge und ſtuͤrzte ſich mitten unter die 
Feinde. Dieſe legten Hand an ihn von allen Seiten, entriſſen 
ihm Schwert und Lanze, fuͤhrten ihn ſpornſtreichs als Ge⸗ 
fangenen fort und berieten ſich ſchon, welchen Tod ſie ihn 
ſterben laſſen wollten. Da aber bedachte ſich Aucaſſin, daß 
er ſein ſuͤßes Liebchen nicht mehr kuͤſſen koͤnne, wenn ihm 
der Kopf abgeſchnitten wuͤrde, er legte Hand ans Schwert, 


114 


richtete um ſich her ein Blutbad an und ſprengte im Galopp 


zuruͤck. | 

Nicolette fühlte ſich indeſſen vor den Nachſtellungen des 
Grafen in ihrem Turme nicht mehr ſicher und beſchloß, zu 
fliehen. An Bettlinnen und Handtuͤchern ließ ſie ſich herab, 
durchquerte unter großer Muͤhe und Drangſal den Burg⸗ 
graben und fluͤchtete ſich in einen Wald. Ohne Saͤumen 
ſchritt ſie dann / durch den tiefen dichten Tann / auf ver⸗ 
wachſnem Steige fort, / bis ſie kam an einen Ort, / wo ſich 
in der Wildnis Mitten / ſieben Waldespfade ſchnitten. / Sie 
haͤlt hier am Kreuzweg inne / und gedenkt des Freundes 
Minne, / ob ſich die ſo wahr erprobt, / wie ſein Wort es ihr 
gelobt. / Und aus friſchem Stechpalmgruͤn, / aus den Lilien, 
die dort bluͤhn, / bildet ſie mit ſchwankem Dach / ein ge⸗ 
flochtnes Laubgemach. / Und fie ſchwoͤrt bei Gottes Gnade: / 
„Kommt mein Freund auf dieſem Pfade, / ohne daß ſein 
Herz ihm kuͤndet, / wer dies blum ge Haus gegruͤndet, / und 
er mir die Liebe tut, / daß er hier ein Weilchen ruht, / dann 
iſt falſch, was er verſpricht, / und wir ſollen laͤnger nicht / 
Lieb und Liebchen heißen!“ Und wirklich traf Aucaſſin, als 
er einſt auf einem Ritt durch den Wald Erholung und Zer⸗ 
ſtreuung ſuchte, auf Nicolettes Blumenlaube: „Ha, bei Gott,“ 
rief er aus, „hier war Nicolette, mein ſuͤßes Lieb, und das 
baute ſie mit ihren ſchoͤnen Haͤnden. Um ihrer Huld und 
Liebe willen werde ich abſteigen und e die m über 
ruhen.“ 

Die Liebenden beſchloſſen nun, in ein anderes Land zu 
ziehen, Aucaſſin nahm die Jungfrau vor ſich auf ſein Roß, 
und ſie ritten zum Geſtade des Meeres, wo ſie Kaufleute 
trafen, die ſie willig in ihr Schiff aufnahmen. Doch als ſie 
auf hoher See waren, erhob ſich ein großer, gewaltiger Sturm 
und trieb ſie von Land zu Land, bis ſie an eine fremde Kuͤſte 
kamen. Sie liefen in den Hafen einer Burg ein und fragten, 
was das fuͤr ein Land ſei, und man ſagte ihnen, es ſei das 
Land des Koͤnigs von Torelore. Aucaſſin fragte, welch ein 
Mann das ſei und ob er Krieg fuͤhre. „Ja, einen großen 
8˙* 


115 


Krieg.“ Da nahm er Abſchied von den Kauffahrern, und dieſe 
befahlen ihn Gott. Er ſtieg auf ſein Roß, ſein Schwert um⸗ 
geguͤrtet und ſein Liebchen vor ſich, und ritt, bis er in die 
Burg kam. Er fragte nach dem Koͤnig, und man ſagte ihm, 
er liege im Kindbett. „Und wo iſt denn ſeine Frau?“ Man 
erwiderte, ſie ſei auf der Heerfahrt und mit ihr alle Leute 
des Landes. Als Aucaſſin das hoͤrte, verwunderte er ſich gar 
ſehr. Er kam in den Palaſt und ſtieg ab, ſowohl er als ſein 
Liebchen. Sie hielt ſein Roß; er aber ſtieg in den Palaſt 
hinauf, das Schwert umgeguͤrtet, und kam in das Zimmer, 
wo der Koͤnig lag. Aucaſſin war ganz allein; / in die Kam⸗ 
mer drang er ein / und gelangte bis zur Staͤtte, / wo der 
Koͤnig lag im Bette. / Er blieb ſtehn, als er ihn ſah: / „Sag, 
du Narr, was machſt du da?“ / Nun vernehmt, was der ge⸗ 
ſprochen: / „Herr, ich liege in den Wochen! / Wenn mein 
Monat iſt dahin / und ich ganz geneſen bin, / werd' ich in die 
Meſſe gehn, / wie's von altersher geſchehn. / Aber dann mit 
großem Schall / ſchlag ich meine Gegner all, / laſſe nicht vom 
Kriege.“ Als Aucaſſin den Koͤnig alſo reden hoͤrte, nahm er 
alle Decken, die auf ihm lagen, und ſchuͤttelte ſie auf den 
Boden. Er ſah hinter ſich einen Stock, ergriff ihn und ſchlug 
damit ſo auf den Koͤnig los, daß er ihn faſt umbrachte. „Ach, 
lieber Herr,“ rief der Koͤnig, „was wollt Ihr von mir? Seid 
Ihr verruͤckt, daß Ihr mich in meinem eigenen Hauſe ſchlagt?“ 
„Beim Herzen Gottes,“ ſprach Aucaſſin, „armſeliger Wicht, 
ich ſchlage Euch tot, wenn Ihr mir nicht gelobt, daß in Eurem 
Lande kein Mann mehr im Kindbett liegen ſoll!“ Er gelobte 
es ihm, und als dies abgetan war, ſagte Aucaſſin: „Herr, nun 
fuͤhrt mich zu Eurer Frau ins Heer!“ „Gerne Herr,“ ſprach 
der Koͤnig. Er ſtieg auf ein Roß und Aucaſſin auf das ſeine 
und Nicolette blieb in den Gemaͤchern der Koͤnigin. Der Koͤnig 
und Aucaſſin ritten zur Koͤnigin ins Feld, wo eben mit ge⸗ 
roͤſteten Holzaͤpfeln, Eiern und friſchen Kaͤſen eine Schlacht 
geliefert wurde. Aucaſſin ſchaute das mit an und verwun⸗ 
derte ſich hoͤchlichſt. Auf dem Sattel vorgeneigt, / haͤlt der 
Jungherr, ſtaunt und ſchweigt. / Vor ihm wogte weit und 


116 


e . 


breit / dieſer Heere heißer Streit, / die mit Apfeln, muͤrb⸗ 
gekochten / und mit friſchen Kaͤſen fochten. / Durch die Luft 
in hohem Bogen / große Wieſenſchwaͤmme flogen. / Wer mit 
Lärm am lautſten tobt, / wird als erſter Held gelobt. / Aucaſ⸗ 
ſin, der tapfre Mann / ſah die ſeltne Schlacht mit an / und 
begann zu lachen. Als Aucaſſin dieſes wunderliche Schau⸗ 
ſpiel ſah, ging er zum Koͤnig und redete ihn an: „Herr, ſind 
das Eure Feinde?“ „Ja, Herr!“ ſagte der Koͤnig. „Und 
wollt Ihr, daß ich Euch an ihnen raͤchen ſoll?“ „Ja,“ ſprach 
jener, „gerne!“ Da legte Aucaſſin Hand ans Schwert, ſtuͤrzte 
ſich mitten unter ſie, begann nach rechts und links um ſich 
zu hauen und toͤtete viele. Doch als der Koͤnig ſah, daß er 
ſie totſchlug, fiel er ihm in den Zuͤgel und rief: „Ach, lieber 
Herr, toͤtet ſie mir nicht ſo ohne weiteres!“ „Wie?“ ſprach 
Aucaſſin, „wollt Ihr denn nicht, daß ich Euch raͤche?“ „Herr,“ 
ſprach der Koͤnig, „das habt Ihr ſchon zuviel getan. Es iſt 
unter uns nicht Brauch, daß wir einander totſchlagen.“ Die 
Feinde wandten ſich zur Flucht, und der Koͤnig kehrte mit 
Aucaſſin ins Schloß Torelore zuruͤck. 

Die Leute des Landes aber rieten dem Koͤnig, Aucaſſin 
aus ſeinem Reiche zu jagen und Nicolette fuͤr ſeinen Sohn 
zuruͤckzubehalten; denn ſie ſcheine eine Frau von hohem 
Stande. Als Nicolette das hoͤrte, war ſie nicht ſehr froh dar⸗ 
uͤber und ſprach: „Komm ich, Herr von Torelor, / Eurem 
Volk ſo naͤrriſch vor, / daß ich ſolche Wuͤnſche haͤtte?“ / ſprach 
die holde Nicolette./ „Wenn, von meinem Reiz begluͤckt, / 
mich mein Liebſter an ſich druͤckt, / nenn’ ich alle Wonnen 
mein. / Ball und Tanz und Ringelreihn, / Fie del, Geig’ und 
Harfenſpiel, / und was ſonſt der Welt gefiel, / gilt mir nichts 
dagegen.“ | 

Aucaſſin lebte auf der Burg Torelore herrlich und in Freu⸗ 
den; denn er hatte Nicolette, ſein ſuͤßes Liebchen, bei ſich. 
Doch als er in dieſen Wonnen ſchwamm, kam ein Schiffsheer. 
Sarazenen uͤbers Meer daher, lief die Burg an und nahm 
ſie im Sturm. Sie raubten das Gut und ſchleppten Maͤnner 
und Weiber gefangen fort. Auch Nicolette und Aucaſſin er⸗ 


117 


griffen fie, banden dem Jungherrn Hände und Füße und 
warfen ihn in ein Schiff und Nicolette in ein anderes. Da 
erhob ſich ein Sturm über dem Meere, der fie trennte. Aucaſ⸗ 
ſin landete beim Schloß Beaucaire und erfuhr, daß ſeine 


Eltern, waͤhrend er in Torelore war, geſtorben ſeien. Die 


Burger fuͤhrten ihn in ſein Schloß und huldigten ihm, und er 
hielt ſein Land im Frieden. Das Schiff aber, darin Nicolette 
war, gehoͤrte dem Koͤnig von Karthago, und der war ihr 


Vater. Sie wurde alſo mit großer Freude im Sarazenen⸗ 


lande aufgenommen und ſollte einem Heidenkoͤnig zur Frau 
gegeben werden; aber ſie hatte keine Luſt, ſich zu vermaͤhlen. 
Sie verlangte eine Fiedel und lernte darauf ſpielen, und als 
man ſie eines Tages einem maͤchtigen Sarazenenfuͤrſten ver⸗ 
maͤhlen wollte, ſchlich ſie in der Nacht davon, faͤrbte ſich Haupt 
und Antlitz, daß ſie ganz dunkel wurde, ließ ſich Rock und 
Mantel, Hemd und Hoſen machen und kleidete ſich ſo in die 
Tracht eines Spielmanns. Dann nahm ſie die Fiedel, ging 
zu einem Schiffsmann und verhandelte mit ihm, daß er ſie 
in ſein Schiff nahm. Sie ſpannten die Segel aus und fuhren 
durch die hohe See, bis ſie nach dem Lande Provence kamen. 
Dort ſtieg Nicolette aus und wanderte fiedelnd durch das 
Land, bis ſie zum Schloß von Beaucaire kam, wo Aucaſſin 
wohnte. Sie trat vor Aucaſſin und ſang ihm ein Lied, das 
von Nicolettes Abenteuern ſeit ihrer Trennung von ihrem 
Liebſten handelte. Als die Jungfrau ſah, daß Aucaſſin ſie 
noch liebte, ſalbte ſie ſich mit einem Pflaͤnzlein, Schellkraut 
geheißen, und wurde wieder ſo ſchoͤn, als ſie je geweſen, dann 
ließ ſie Aucaſſin durch die Vizegraͤfin, ihre Pflegemutter, be⸗ 
nachrichtigen, daß Nicolette, ſein ſuͤßes Lieb, aus fernen Lan⸗ 
den gekommen ſei, ihn aufzuſuchen. Als nun Aucaſſin ver⸗ 
nommen, / daß ſein Lieb ins Land gekommen, / ward er 
aller Sorgen bar, / froͤhlich, wie er niemals war, / und in 
ungeduld'ger Haſt / eilt er in der Frau Palaſt. / In die Kam⸗ 
mer trat er ein, / und das holde Maͤgdelein / ſprang empor 
mit flinken Fuͤßen, / um ihn jubelnd zu begruͤßen. / Aucaſſin, 
der ſel'ge Mann / zog mit Armen fie heran, / hielt fie zärtlich 


118 


3 


feft umfangen, / kuͤßt ihr Augen, Mund und Wangen. / Alſo 
ließen ſie's die Nacht; / aber als der Tag erwacht, / führt der 
Graf in ſtolzer Schar / die Geliebte zum Altar, / und das 
Kind in Glanz und Ehre / ward zur Dame von Beau⸗ 
caire — / und ſie lebten ſonder Klage / lange wonnenreiche 
Tage. / Alles Gluͤck, das ſie begehrt, / war den beiden voll 
beichert. — / Mehr zu melden weiß ich nicht: / ſomit endet 
mein Gedicht, / endet Sang und Sage. 


Vom Kaiſer Conſtans 

inſt lebte in der Stadt Byzanz ein heidniſcher Kaiſer, 

welcher in der Sternkunde unterrichtet war und den 
Lauf der Planeten und des Mondes kannte; er ſah 
die Wunder des Himmels und glaubte an die Offenbarungen 
des boͤſen Feindes. Dieſer Kaiſer, welcher Moslin hieß, ging 
eines Nachts bei hellem Mondlicht unerkannt mit einem Rit⸗ 
ter durch die Straßen der Stadt. Da hoͤrte er, wie in einem 
Hauſe, an dem ſie vorbeigingen, ein Chriſtenweib in Kinds⸗ 
noͤten lag. Der Mann dieſes Weibes aber betete zu Gott; 
bald betete er, daß ſie entbinden moͤge und bald wieder, daß 
ſie nicht entbinden moͤge. Da verwunderte ſich der Kaiſer und 
ſprach zu dem Manne: „Sage mir, du Schurke, warum bitteſt 
du das eine Mal deinen Gott, daß er deine Frau entbinden 
laſſe und das andere Mal wieder, daß er ſie nicht entbinden 
laſſe?“ „Herr,“ entgegnete der Mann, „ich verſtehe viel von 
jener Wiſſenſchaft, die man Aſtrologie nennt, ich kenne den 
Lauf der Firfterne und Planeten und weiß wohl, daß das 
Kind, wenn es zu unrechter Stunde geboren wird, ein grau⸗ 
ſamer Tod erwartet.“ „Sage mir,“ ſprach der Kaiſer, „was 
dir die Sterne kuͤnden!“ „So wiſſet, Herr, daß dieſer neu⸗ 
geborene Knabe dereinſt die Kaiſerstochter, welche vor acht 
Tagen das Licht erblickte, heiraten wird, und er wird Kaiſer 
und Herr dieſer Stadt und der ganzen Welt werden.“ Darauf 
ging der Kaiſer mit dem Ritter weiter, und er befahl ſeinem 
Begleiter, das Kind heimlich wegzunehmen, ſo daß es nie⸗ 
mand bemerke. Der Ritter ging in das Haus, wo gerade zwei 


119 


Frauen mit der Wartung der Woͤchnerin beſchaͤftigt waren, 
waͤhrend das Kind in Tuͤchlein gewickelt auf einem Seſſel lag. 
Der Ritter ergriff das Kind, legte es auf eine Schuͤſſel und 
brachte es dem Kaiſer, ohne daß man es merkte. Da ließ der 
Kaiſer mit einem Meſſer den Leib des Knaͤbleins vom Magen 
bis zum Nabel aufſchneiden, und er ſagte zu ſeinem Begleiter, 
nun würde dieſer Hundeſohn feine Tochter nicht mehr hei⸗ 
raten und nicht mehr Kaiſer werden. Darauf wollte der 
Kaiſer dem Kinde das Herz aus dem Leibe reißen, aber der 
Ritter wehrte es ihm und ſprach: „Herr, um Gottes willen, 
was wollt Ihr tun? Das ſchickt ſich nicht für Euch, und wenn 
man es erfuͤhre, wuͤrde man Euch tadeln. Laßt ihn nur, er 
iſt mehr als tot. Wenn Ihr aber wollt, daß noch ein uͤbriges 
geſchehe, ſo will ich ihn ins Meer werfen und ertraͤnken.“ 
„Ja,“ ſprach der Kaiſer, „werft ihn hinein, denn ich haſſe ihn 
uͤber die Maßen.“ Der Ritter wickelte das Kind in eine 
ſeidene Decke und trug es zum Meere. Als er aber am Ufer 
ſtand, fühlte er Mitleid mit dem Kinde und fagte, es folle 
nicht ertraͤnkt werden; er ließ es alſo in ſeiner Huͤlle auf 
einem Miſthaufen vor dem Tore eines Moͤnchskloſters liegen, 
in welchem die Moͤnche gerade ihre Morgenmeſſe ſangen. 
Als die Moͤnche ihren Gottesdienſt beendet hatten, fanden 
ſie das ſchreiende Kind und trugen es zu ihrem Abt. Dieſer 
ſah, daß es ein ſchoͤner Knabe war und beſchloß, es aufzu⸗ 
ziehen. Er ließ es auskleiden und gewahrte, daß ſein Leib 
vom Magen bis zum Nabel geſpalten war. Daher ließ er, 
als es Tag geworden war, die Arzte rufen und fragte ſie, 
um wieviel Gold ſie das Kind heilen wollten. Sie forderten 
hundert Byzantinermuͤnzen. Darauf ließ der Abt das Kind 
taufen und nannte es Conſtans, weil es ſoviel gekoſtet hatte. 
Die Arzte aber bemuͤhten ſich fo lange um das Kind, bis es 
geheilt war, denn ſein zartes Fleiſch wuchs bald wieder zu⸗ 
ſammen, wenn auch die Narbe blieb. Der Abt ließ den Knaben 
von einer Amme ernaͤhren und dieſer wuchs heran und ge⸗ 
langte zu großer Schoͤnheit. Mit ſieben Jahren ſchickte ihn 
der Abt in die Schule und bald uͤbertraf er ſeine Gefaͤhrten 


120 


an Fleiß und Wiſſen. Da der Abt bemerkte, wie ftattlich der 
Knabe heranreifte, ließ er ihn auf allen ſeinen Reiſen mit ſich 
reiten. Einſt geſchah es, daß der Abt von Amts wegen eine 
Unterredung mit dem Kaiſer hatte, welcher gerade auf einem 
Schloſſe außerhalb der Stadt verweilte. Der Abt begab ſich 
mit ſeinen Kaplaͤnen, ſeinen Schildknappen und ſeinem Ge⸗ 
folge dorthin, und auch Conſtans befand ſich darunter. Waͤh⸗ 
rend der Abt mit dem Kaiſer redete, mußte ihm der Juͤng⸗ 
ling ſeinen Filzhut halten. Der Kaiſer betrachtete den Knaben 
und bemerkte, daß er fo ſchoͤn war, wie er nie zuvor einen ge⸗ 
ſehen hatte. Er fragte den Abt nach der Herkunft des Kindes, 
und dieſer erzaͤhlte, wie es die Moͤnche vor fuͤnfzehn Jahren 
mit zerſchnittenem Leib auf dem Miſte liegend gefunden 
haͤtten. Als der Kaiſer dieſes hoͤrte, da wußte er, daß er der 
Knabe ſei, dem er einſt den Bauch geſpalten hatte, um ſein 
Herz herauszureißen, und er bat den Abt, er moͤge ihm den 
Burſchen uͤberlaſſen. Der Abt antwortete, er muͤſſe zuerſt 
den Konvent befragen, dann ſolle er ihn gern haben. Die 
Moͤnche rieten, man moͤge den Knaben nur ſchnell dem 
Kaiſer ſchicken, damit er ſich nicht erzuͤrne. Nach kurzer Zeit 
wurde der Juͤngling alſo dem Kaiſer uͤberliefert und dieſer 
empfing ihn voll Zorn, daß ſolch ein hergelaufener Land⸗ 
ſtreicher ſeine Tochter heiraten ſolle; er uͤberlegte aber in 
ſeinem Herzen, wie er ihn mit Liſt aus der Welt ſchaffen 
koͤnne, ohne daß es ruchbar wuͤrde. 

Der Kaiſer hatte um dieſe Zeit an den Grenzen ſeines 
Landes zu tun, er nahm Conſtans mit ſich, und als ſie am 
Ziele waren, ſchrieb er folgenden Brief an den Burggrafen 
von Byzanz: „Ich, der Kaiſer von Byzanz und Herr von 
Griechenland, tue zu wiſſen, daß der, welcher an meiner 
Statt das Reich beſchuͤtzt, ſobald er dieſen Brief zu Geſicht 
bekommt, den Überbringer desſelben auf der Stelle toͤtet 
oder töten läßt, fo ihm fein Leben lieb iſt.“ Solches ſtand in 
dem Briefe zu leſen, den Conſtans nach Byzanz tragen mußte, 
doch dieſer wußte nicht, daß er ſeinen Tod trug. Der Juͤng⸗ 
ling nahm alſo den verſchloſſenen Brief, machte ſich auf den 


121 


Weg und gelangte nach vierzehn Tagen in die Hauptſtadt. 
Als er durch das Tor ritt, war es gerade Mittagszeit, und er 
dachte bei ſich, er wolle mit dem Überbringen des Briefes 
warten, bis der Burggraf geſpeiſt haͤtte. Und da es gerade 
um St. Johannis und ſehr heiß war, ſo trat er in einen 
Garten, ließ ſein Roß weiden und legte ſich in den Schatten 
eines Baumes, wo er alsbald einſchlummerte. 

Es geſchah aber, daß die ſchoͤne Kaiſerstochter, als ſie vom 
Mahle aufgeſtanden war, ſelbviert mit ihren Gefaͤhrtinnen 
in den Garten ging, und ſie begannen einander zu haſchen, 
ſo wie die Maͤgdlein es bisweilen der Kurzweil halber zu tun 
pflegen. Dabei gelangte ſie zu dem Baume, unter welchem 
Conſtans ſchlief, und ſeine Wangen leuchteten purpurn wie 
Roſen. Als die Jungfrau ihn erblickte, betrachtete ſie ihn mit 
Wohlgefallen und glaubte, daß ſie nie in ihrem Leben ein ſo 
ſchoͤnes Menſchenbild geſehen habe. Dann rief ſie ihre Ver⸗ 
traute und hieß die anderen den Garten verlaſſen. Die ſchoͤne 
Kaiſerstochter nahm ihre Geſpielin bei der Hand und fuͤhrte 
fie dahin, wo der Schlaͤfer lag. „Siehe,“ ſprach fie, „das iſt 
der ſchoͤnſte Juͤngling, den ich jemals ſah, und er traͤgt einen 
Brief. Ich wuͤßte gar zu gern, was darin geſchrieben ſteht.“ 
Die beiden Maͤgdlein naͤherten ſich dem Burſchen und nah⸗ 
men ihm ſeinen Brief fort, den die Kaiſerstochter ſofort auf⸗ 
brach. Als ſie ihn aber geleſen hatte, begann ſie zu weinen 
und ſagte: „Das ſind traurige Sachen! Aber wenn ich wuͤßte, 
daß du ſchweigen kannſt, ſo wuͤrde ich dieſe traurige Nach⸗ 
richt in eine freudige verwandeln.“ Die Geſpielin mußte 
ſchwoͤren, daß fie nichts ausplaudern wollte, und dann nahm 
die Kaiſerstochter ein Pergament, auf dem das kaiſerliche 
Siegel eingepraͤgt war und ſchrieb wie folgt: „Ich, Koͤnig 
Moslin, Kaiſer von Griechenland und Herr der Stadt Byzanz 
entbiete meinem Burggrafen Gruß. Ich befehle Euch, daß 
Ihr dem Überbringer dieſes Briefes meine ſchoͤne Tochter 
unverzuͤglich nach unſerer Sitte zur Gattin gebt, denn ich habe 
fuͤr wahr erfahren, daß er von hohem Range iſt und durch⸗ 
aus wuͤrdig, meine Tochter zu ehelichen. Die ganze Stadt 


122 


und das ganze Land foll feiern und es ſich wohlergehen 
laſſen.“ So ſchrieb die Kaiſerstochter, und als ſie fertig war, 
ging ſie wieder in den Garten und ſchob den Brief in die 
Kapſel des ſchlafenden Boten. Darauf begann ſie mit ihren 
Geſpielen zu ſingen und zu laͤrmen, um ihn zu erwecken. Er 
erwachte alsbald und erſchrak, als er ſich von den Maͤgdlein 
umringt ſah, die Kaiſerstochter aber begruͤßte ihn freundlich 
und fragte ihn, wohin er wolle. Sie erbot ſich alsdann, ihn 
zum Burggrafen zu geleiten und fuͤhrte ihn an der Hand 
ins Schloß, wo viele Leute verſammelt waren, die ſich alle 
von ihren Sitzen erhoben. Sie trat mit dem Juͤngling in das 
Gemach des Burggrafen, oͤffnete die Kapſel und kuͤßte Brief 
und Siegel ihres Vaters. Darauf zog ſie ſich mit dem Burg⸗ 
grafen in ein Nebenzimmer zuruͤck, entfaltete den Brief und 
las ihn dem Burggrafen vor, dabei tat ſie, als ob ſie uͤber die 
Maßen erſtaunt waͤre. „Herrin,“ ſagte der Graf, „wir muͤſſen 
den Willen Eures gnaͤdigen Vaters erfuͤllen, ſonſt werden wir 
gar ſehr getadelt werden.“ „Oho,“ erwiderte die Jungfrau, 
„wie kann ich in Abweſenheit meines Vaters verheiratet wer⸗ 
den? Das waͤre doch ſonderbar und ich bin ganz und gar 
nicht damit einverſtanden!“ „Euer Vater befiehlt jo," ſagte 
der Graf, „da gibt es keine Widerrede!“ Dann beſprach ſich 
der Burggraf mit den Baronen und zeigte ihnen den Brief, 
ſie aber rieten alle, daß der Befehl des Kaiſers alſogleich voll⸗ 
zogen werde. So heiratete alſo der Juͤngling die Kaiſers⸗ 
tochter und die Hochzeit dauerte vierzehn Tage; es herrſchte 
große Freude in Byzanz, und in der ganzen Stadt tat man 
nichts als eſſen, trinken und Kurzweil treiben. 

Der Kaiſer blieb lange fern, als er aber ſein Geſchaͤft be⸗ 
endet hatte, kehrte er in die Hauptſtadt zuruͤck. Als er auf 
zwei Tagereiſen herangekommen war, kamen ihm Boten aus 
der Stadt entgegen, die fragte er, wie es drinnen ſtehe. Da 
ſagten ſie ihm, daß es nichts gebe als Freude und Kurzweil. 

„Warum das?“ fragte der Kaiſer. „Warum, Herr? Wißt 
Ihr denn das nicht?“ „Ich weiß von nichts, ſo rede doch!“ 
Da berichtete der Bote, was ſich in der Abweſenheit des 


123 


Kaiſers zugetragen habe. Dieſer erſchrak und fragte, wie: 
viel Zeit ſchon ſeit der Hochzeit verſtrichen ſei. „Herr,“ fagte 
der Bote, „es iſt möglich, daß Eure Tochter ſchon ſchwanger 
iſt, denn er hat ſie ſchon vor mehr als drei Wochen ge⸗ 
heiratet.“ „Da es ſich nun einmal fo verhält,“ verſetzte der 
Kaiſer, „ſo muͤſſen wir es hinnehmen, zumal da wir nichts 
mehr daran aͤndern koͤnnen.“ Und als er in die Stadt kam, 
legte er feine Hände auf das Haupt feiner Kinder und ſeg⸗ 
nete ſie, dann ließ er ſeinen Schwiegerſohn zum Ritter 
ſchlagen und vermachte ihm nach ſeinem Hinſcheiden ſein 
ganzes Reich. 


Amicus und Amelius 


n einem deutſchen Schloſſe wurde zur Zeit des Fran⸗ 
kenkoͤnigs Pippin, einem edlen und frommen Ritter, 
ein Sohn geboren. Weil das Kind ihr einziges war, 
ſo verſprachen die Eltern Gott und dem heiligen Petrus und 
Paulus, ſie wollten es in Rom vom Papſte taufen laſſen, 
wenn ſie am Leben blieben. Zur ſelben Zeit hatte der Graf 
von Antwerpen ein Geſicht waͤhrend der Schwangerſchaft 
ſeiner Frau, in welchem er ſah, wie der Heilige Vater in Rom 
viele Kindlein taufte und im Glauben ſtaͤrkte. Dieſen Traum 
deutete man ihm dahin, daß er einen Sohn bekommen werde, 
den er vom Papſte taufen laſſen muͤſſe. Das Kind wurde 
geboren und mit Sorgfalt auferzogen, als es aber zwei Jahre 
alt war, da trug es ſein Vater nach Rom. In der Stadt Lucca 
traf er den deutſchen Ritter, welcher zum gleichen Zwecke nach 
Rom zog, und fie taten ſich zuſammen; die Kindlein aber 
ſchloſſen innige Freundſchaft und aßen und ſchliefen mitein⸗ 
ander. Die Knaben wurden in der Kirche des Heilandes vom 
Papſte getauft und der Grafenſohn erhielt den Namen 
Amelius, während der Rittersſohn Amicus genannt wurde. 
Nach der heiligen Handlung ließ der Papſt zwei mit Gold und 
Edelſteinen verzierte Holzbecher bringen, welche einander 
völlig gleich waren, die gab er den Kindern und ſprach: 
„Nehmt dieſe Gabe zur Erinnerung daran, daß ich euch in 


124 


der Kirche des Heilandes getauft habe!“ Dann kehrten die 
Eltern wieder voll Freude heim, jeder in ſein Land. 

Dem deutſchen Rittersſohn gab Gott große Weisheit, und 
als er das Mannesalter erreicht hatte, da raffte ein Fieber 
ſeinen Vater hinweg. Nach dem Tode des Vaters taten ihm 
ſeine Neider aus Haß mancherlei Unrecht, doch er trug ge⸗ 
duldig, was man ihm antat. Schließlich trieben ſie es ſo weit, 
daß ſie ihn ſamt ſeinen Getreuen vom vaͤterlichen Erbe ver⸗ 
jagten, und er ſprach zu ſeinen Begleitern: „Aus Haß haben 
mich meine Neider von meinem Erbe vertrieben, aber ich 
baue auf die Hilfe Gottes. Gehen wir an den Hof des Grafen 
Amelius, der mein Freund und Gefaͤhrte wurde. Dieſer wird 
uns mit ſeiner Habe reich machen. Tut er das nicht, ſo ziehen 
wir zu Hildegard, der Koͤnigin und Gattin des Frankenkoͤnigs 
Karl, welche gewoͤhnlich die Enterbten unterſtuͤtzt.“ Sie be⸗ 
gaben ſich alſo an den Hof des Grafen, doch ſie fanden ihn 
nicht, denn er war nach Deutſchland gegangen, um ſeinen 
Freund uͤber den Tod des Vaters zu troͤſten. Als der Graf 
denſelben nicht antraf, ging er voll Unmut fort und beſchloß, 
nicht eher heimzukehren, bis er ſeinen Gefaͤhrten Amicus ge⸗ 
funden habe. Ebenſo ſuchte dieſer ſeinerſeits den Grafen ohne 
Unterlaß. Dabei kam er mit ſeinen Begleitern in das Haus 
eines Edelmannes, wo er beherbergt und bewirtet wurde. 
Der Edelmann aber ſagte zu den Getreuen des Ritters: 
„Bleibt bei mir, ihr Herren, ich will eurem Herrn um ſeiner 
großen Weisheit willen meine Tochter geben und euch alle 
will ich reich an Gold und Gut machen.“ Dieſer Rat gefiel 
ihnen und ſie feierten mit großen Feſten die Hochzeit des 
Amicus. 

Als ſie ein Jahr und ein halbes dort verweilt hatten, ſprach 
Amicus zu ſeinen Getreuen: „Wir haben uͤbel gehandelt, daß 
wir es ſolange unterlaſſen haben, Amelius zu ſuchen.“ Und 
er ließ zwei ſeiner Gefolgsleute und ſeinen Becher zuruͤck und 
machte ſich auf gen Paris. Der Graf aber hatte Amicus 
ohne Unterlaß zwei Jahre lang geſucht und zog gleichfalls 


nach Paris. Auf dem Wege dorthin traf er einen Pilger, den 


125 


fragte er nach Amicus, dem Landfluͤchtigen. Obwohl ihm 
der Pilger keine Auskunft geben konnte, ſchenkte er ihm doch 
ſeinen Mantel und bat ihn, fuͤr den Erfolg ſeines Suchens zu 
beten. Am naͤmlichen Abend traf Amicus den Pilger und 
fragte ihn nach dem Grafenſohn von Antwerpen. „Spottet 
Ihr meiner,“ ſprach da der Pilger voll Unmut, „Ihr ſelbſt 
ſeid doch Amelius und habt mich erſt heute nach Eurem Ge⸗ 
faͤhrten Amicus gefragt!“ So aͤhnlich ſahen die Freunde 
einander. 

Am anderen Morgen war Amelius wieder von Paris auf⸗ 
gebrochen und ſaß mit ſeinen Rittern in einer bluͤhenden 
Wieſe am Seinefluß beim Mahl. Als ſie aber Amicus mit 
ſeinen bewaffneten Begleitern heranreiten ſahen, da ſpran⸗ 
gen ſie auf, waffneten ſich und ritten ihnen entgegen. In⸗ 
deſſen ſprach Amicus zu ſeinem Gefolge: „Ich ſehe fraͤnkiſche 
Ritter, welche in Waffen auf uns zukommen. Kaͤmpft tapfer 
und verteidigt euer Leben!“ Dann gingen beide Teile mit 
gefaͤllten Lanzen und entbloͤßten Schwertern aufeinander 
los, aber ehe ſie zuſammenprallten, fuͤgte es Gott, daß ſie 
ihre Roſſe anhielten. „Wer ſeid Ihr, Ritter,“ ſprach Amicus, 
„da Ihr Amicus, den Verbannten, und ſeine Begleiter toͤten 
wollt?“ Jetzt erkannte Amelius ſeinen Gefaͤhrten und gab 
ſich ihm zu erkennen. Sie ſtiegen beide vom Roſſe, um⸗ 
armten einander und dankten Gott, daß er ſie endlich zu⸗ 
ſammengefuͤhrt habe. Darauf gingen ſie an den Hof des 
Frankenkoͤnigs Karl; dieſer empfing fie freundlich und machte 
Amicus zu ſeinem Schatzmeiſter, Amelius aber zu ſeinem 
Seneſchall. 

Nach dreijaͤhrigem Aufenthalt am Hofe zu Paris ſprach 
Amicus eines Tages zu ſeinem Freund: „Lieber Gefaͤhrte, 
mich verlangt danach, meine Frau zu beſuchen, welche ich 
daheim zuruͤckließ. Ich werde zuruͤckkehren, ſobald ich es ver⸗ 
mag. Bleibe du am Hofe, aber huͤte dich, die Koͤnigstochter 
zu beruͤhren und nimm dich vor dem treuloſen Ardri in 
acht!“ Aber als Amicus fort war, warf Amelius feine Augen 
auf die ſchoͤne Koͤnigstochter und vergaß das Gebot ſeines 


126 


Gefährten. Und das war nicht weiter merkwuͤrdig, denn er 
war weder heiliger als David noch weiſer als Salomo. Unter⸗ 
deſſen kam der treuloſe Ardri, der ihn beneidete, zu ihm und 
ſprach: „Du weißt alſo nicht, daß Amicus geflohen iſt, weil 
er den Schatz des Koͤnigs beſtohlen hat?“ So draͤngte er ſich 
an ihn, daß Amelius mit ihm Freundſchaft ſchloß und ihm 
fein Geheimnis enthüllte. Eines Tages, als der Graf dem 
Koͤnig das Waſſer zum Haͤndewaſchen reichte, ſprach der falſche 
Ardri zu Karl: „Nehmt kein Waſſer von dieſem Schurken, 
mein Herr und Koͤnig, denn er iſt des Todes mehr wert als 
des Lebens, weil er der Koͤnigstochter die Bluͤte der Jung⸗ 
frauſchaft genommen hat.“ Bei dieſen Worten des Ver⸗ 
raͤters fiel Amelius zitternd zu Boden und konnte kein Wort 
hervorbringen. Der Koͤnig jedoch hob ihn wohlwollend auf 
und ſprach: „Erhebe dich, Amelius und fuͤrchte dich nicht, 
ſondern verteidige dich gegen dieſen Vorwurf!“ Da erhob 
ſich der Graf und ſprach: „Mein Herr und Koͤnig, glaubt 
nicht den Luͤgen des falſchen Ardri. Ich weiß, daß Ihr ein 
gerechter Richter ſeid, darum bitte ich Euch, mir Friſt zu ge⸗ 
waͤhren, daß ich mich mit meinen Freunden beraten kann. 
Dann will ich mich gegen dieſen Vorwurf verteidigen und 
mit dem Verraͤter vor dem ganzen Hofe kaͤmpfen.“ Der 
Koͤnig gewaͤhrte beiden eine Friſt bis zum Abend, und als 
die Friſt abgelaufen war, da wies Ardri einen Grafen Herbert 
vor, der fuͤr ihn buͤrgen wollte, aber Amelius fand keinen 
Fuͤrſprecher. Er bat daher um eine neue Friſt und ſie wurde 
ihm auf Bitten der Koͤnigin gewaͤhrt, doch unter der Bedin⸗ 
gung, daß Hildegard fuͤr immer vom Bette ihres Gemahls 
geſchieden bleiben ſollte, wenn Amelius nicht rechtzeitig 
zuruͤckkehrte, denn ſie ſchien mitſchuldig an dem begangenen 
Unrecht. Amelius ritt aus der Stadt und traf auf ſeinen 
Freund, welcher gerade an den Hof zuruͤckkehren wollte. „Ich 
habe dein Gebot ſchlecht befolgt,“ ſprach er zu ihm, „denn ich 
habe mich der Koͤnigstochter wegen dem Tadel ausgeſetzt und 
habe einen Zweikampf gegen den treuloſen Ardri angenom⸗ 
men.“ „Tauſchen wir unſer Gewand!“ erwiderte Amicus, 


127 


„du gehſt in mein Haus und ich will für dich gegen den Ver⸗ 
raͤter Ardri kaͤmpfen.“ Sie tauſchten ihre Kleider und ihre 
Roſſe, und Amicus ging in der Geſtalt des Amelius an den 
Koͤnigshof, waͤhrend letzterer in der Geſtalt des Gefaͤhrten 
in deſſen Haus zog. Als das Weib des Amicus ihren ver⸗ 
meintlichen Gatten zuruͤckkommen ſah, da lief ſie ihm ent⸗ 
gegen und wollte ihn umarmen, er aber ſtieß ſie von ſich und 
ſprach, er trage Kummer im Herzen. Abends beſtiegen ſie 
das gemeinſame Lager, aber Amelius legte ſein Schwert 
zwiſchen ſich und die Frau und ſprach zu ihr: „Huͤte dich, 
mich anzuruͤhren, ſonſt ſtirbſt du von dieſem Schwert!“ 

Der fuͤr den Zweikampf angeſetzte Zeitpunkt war ge⸗ 
kommen und die Koͤnigin erwartete Amelius mit Ungeduld. 
Schon frohlockte der Verräter, da trat Amicus in der Geſtalt 
ſeines Gefaͤhrten vor den Koͤnig und ſprach: „Gerechter 
Richter, ich bin bereit, gegen den falſchen Ardri zu kaͤmpfen, 
um mich, die Koͤnigin und ihre Tochter von dem Makel, mit 
dem man uns befleckt hat, zu reinigen.“ „Wenn du im 
Kampfe ſiegſt, Graf,“ ſagte der Koͤnig, „ſo werde ich dir 
meine Tochter zur Frau geben.“ Am andern Tage traten 
Amicus und Ardri bewaffnet in die Schranken in Gegen⸗ 
wart des Koͤnigs und des geſamten Hofes. Die Koͤnigin aber 
und ihre Frauen beteten fuͤr den Kaͤmpfer der Koͤnigstochter. 
Darauf ſchwur Ardri, daß ſein Gegner die Koͤnigstochter ge⸗ 
ſchaͤndet habe, dieſer aber ſchwur dawider, er habe ſie nie 
beruͤhrt. Sie kaͤmpften von der dritten bis zur neunten Stunde, 
dann wurde Ardri beſiegt und Amicus hieb ihm das Haupt 
ab. Der Koͤnig freute ſich, daß ſeine Tochter von dieſem 
Vorwurf gereinigt war und er gab ſie dem Sieger nebſt 
vielem Silber und Gold und einer Stadt am Meer, in wel⸗ 
cher ſie wohnen ſollten. Amicus ritt zu ſeinem Weibe und 
Amelius feierte Hochzeit mit der Koͤnigstochter und zog mit 
ihr in jene Stadt am Meer. 

Bald darauf geſchah es mit Zulaſſung Gottes, daß Amicus 
ausſaͤtzig wurde und das in ſolchem Grade, daß er fein Lager 
nicht mehr verlaſſen konnte, denn Gott zuͤchtigt, wen er liebt. 


128 


Sein Weib begann ihn zu haſſen und ſuchte ihn zu erdroſſeln, 


daher rief Amicus zwei ſeiner Diener zu ſich und ſprach: 


„Nehmt mich von meiner Frau fort, packt meinen Becher ein 
und bringt mich auf mein Schloß in Deutſchland!“ Als ſie 
aber dorthin kamen, trieb man fie mit Schlägen von hinnen. 
Nun bat Amicus Gott um den Tod und befahl ſeinen Dienern, 
ihn nach Rom zu fuͤhren. Dort verweilten ſie der Jahre drei, 
dann aber brach in Rom Hungersnot und Seuche aus und 
die Diener wollten nicht mehr bei ihrem Herrn verharren. 
Da bat ſie dieſer, ſie ſollten ihn in jene Stadt tragen, wo 
Amelius wohnte. Vor dem Hauſe des Grafen begann 
Amicus mit ſeiner Klapper zu ſchlagen, wie es die Sitte der 
Ausſaͤtzigen iſt. Als Amelius den Ton hoͤrte, befahl er feinem 
Diener, dem Kranken Brot und Fleiſch zu bringen und einen 
Becher Wein. Der Diener kam zuruͤck und ſprach: „Bei Gott, 
Herr, wenn ich Euren Becher nicht in der Hand hielte, ſo 
wuͤrde ich glauben, der Kranke haͤtte ihn genommen, ſo aͤhn⸗ 
lich ſah ihm der ſeinige.“ Sogleich ließ Amelius den Kranken 
hineinfuͤhren und erkannte ſeinen Freund, welcher ihn vor 
dem Tode gerettet und ihm die Koͤnigstochter verſchafft hatte. 
Man bettete den Kranken auf ein weiches Lager, und er blieb 
bei ihnen, und ſie pflegten ihn, bis Gott ſeinen Willen an ihm 
ergehen ließe. 

Eines Nachts lagen Amicus und Amelius in einer Kammer, 
da ſchickte Gott ſeinen Engel Rafael zu Amicus und hieß ihn 
reden wie folgt: „Amicus, ſchlaͤfſt du?“ Jener glaubte, fein 
Gefaͤhrte rede zu ihm, und er erwiderte: „Ich ſchlafe nicht, 
mein Freund!“ „Mit Recht nennſt du dich Freund der 
Himmliſchen, hub der Engel wieder an, „denn du gleichſt 
Job und Tobias an Geduld. Wiſſe, ich bin Rafael, der Engel 
des Herrn, der mich ſendet, dir das Heilmittel fuͤr dein Leiden 
zu verkuͤnden, denn er hat dein Gebet erhoͤrt. Du ſollſt 
Amelius, deinem Gefaͤhrten, ſagen, er moͤge ſeine beiden 
Kinder töten und dich mit ihrem Blute waſchen, auf daß du 
die Geſundheit des Leibes wiedererlangſt!“ Nach dieſen Wor⸗ 
ten verſchwand der Engel, Amelius aber hatte im Schlaf die 


9 Franz. Märchen I 129 


Worte gehört, er erwachte und ſprach: „Wer hat mit dir ge: 
redet? „Niemand,“ verſetzte Amicus, „ich habe nach meiner 
Gewohnheit zu Gott gebetet.“ „Das war es nicht, ſondern es 
hat jemand zu dir geſprochen!“ Nun erzählte der Kranke dem 
Freunde unter Traͤnen, was der Engel von ihm verlangt 
habe. Der Graf war zuerſt zwar unmutig und erſchrocken, 
dann aber bedachte er bei ſich, wie Amicus einſt an ſeiner 
Statt am Koͤnigshofe dem Tode getrotzt habe, und er beſchloß, 
ihn zu retten. Sobald ſeine Gemahlin in die Fruͤhmeſſe ge⸗ 
gangen war, nahm er ſein Schwert und trat in die Kammer, 
in der die Kinder ſchliefen. Er warf ſich uͤber ſie und ſprach 
weinend: „O, meine Kinder, ich bin Euer Vater nicht mehr, 
ſondern Euer Moͤrder!“ Die Kinder erwachten von den 
Tränen ihres Vaters und laͤchelten ihn an. Er aber hieb 
ihnen die Köpfe ab und wuſch feinen Freund mit ihrem Blute. 
Da wurde Amicus von der Miſelſucht geheilt und die 
Freunde gingen in den Dom, um Gott zu danken, und die 
Glocken begannen von ſelbſt zu laͤuten. Die Graͤfin war 
freudig erſtaunt, als ſie den Gaſt geſund ſah, ſie ließ ihn in 
praͤchtige Gewaͤnder huͤllen und dann ſetzten ſie ſich zum 
Mahl. Um die dritte Stunde wollte die Graͤfin ihre Kinder 
ſehen, um mit ihnen zu ſcherzen, doch der Gatte wehrte es 
ihr und ſprach: „Laß die Kinder ſchlafen, Frau!“ Und er 
ſchlich ſich allein in ihre Kammer, um uͤber ihren Leichen zu 
weinen. Aber ſiehe: ſie lagen geſund im Bett und lachten 
ihm entgegen. Nur die Schnittſtelle wand ſich rings um den 
Hals wie ein roter Faden. Da nahm ſie der Graf auf den 
Arm und trug ſie zu ihrer Mutter: „Freut Euch, Frau, denn 
Eure Kinder, die ich auf das Gebot des Engels getoͤtet hatte, 
ſind am Leben, und von ihrem Blut iſt Amicus geheilt!“ 


Die Geſchichte von der ſchoͤnen Johanna 
A der Grenze zwiſchen Flandern und Hennegau lebte 


ein tapferer Ritter, der hatte eine edle Dame zur 
Frau, welche ihm eine wunderſchoͤne Tochter geboren 
hatte. Die Jungfrau, welche Johanna hieß, war allmaͤhlich 


130 


reif zur Ehe geworden, aber ihr Vater ritt lieber zu Turnieren, 
als daß er ſich um die Verheiratung ſeiner Tochter gekuͤmmert 
haͤtte. Der Ritter hatte einen Schildknappen mit Namen 
Robert, den beſten, der im ganzen Lande zu finden war, 
denn er brachte oft ſeinem Herrn die Turnierpreiſe durch 
ſeine Kuͤhnheit und Geſchicklichkeit zu. An dieſen wandte ſich 
die Dame, daß er den Sinn ſeines Herrn auf die Verhei⸗ 
ratung von deſſen Tochter lenken moͤge. Als ſie wieder ein⸗ 
mal vom Turniere heimritten, ſprach der Ritter: „Robin, du 
und die Herrin, ihr laßt mich keinen Augenblick in Ruhe mit 
der Verheiratung meiner Tochter. Aber ich finde nieman⸗ 
den im ganzen Lande, dem ich fie geben möchte!” „O Herr,“ 
erwiderte Robert, „es gibt keinen Ritter in Eurem Lande, 
der ſie nicht mit Vergnuͤgen nehmen wuͤrde.“ „Robin, lieber 
Freund, die taugen alle nichts, ich moͤchte ſie keinem von 
ihnen geben. Ich kenne niemanden, der ihrer wuͤrdig waͤre, 
außer einem einzigen und der iſt kein Ritter.“ Da Robert 
auf der Heiratsfrage beharrte, ſo ſprach ſein Herr nach einer 
Weile: „Robin, du haſt mir gut gedient und dich als einen 
Ehrenmann erwieſen. Du haſt mich erſt zu dem gemacht, 
was ich bin und mir viel Land erwerben helfen. Deshalb 
will ich dir meine Tochter geben, wenn du ſie willſt.“ „Um 
Gott, Herr,“ warf Robert ein, „was redet Ihr da? Ich bin 
zu arm, um eine ſo vornehme Jungfrau zu heiraten. Es ſind 
Ritter genug da, die ſie gern nehmen wuͤrden!“ „Robin, 
keinem Ritter will ich ſie geben, ſondern dir, wenn du ſie 
willſt, und vierhundert Acker Landes dazu.“ Die Mutter war 
zwar zuerſt nicht mit dieſem Heiratsplan einverſtanden, aber 
ſchließlich mußte ſie ſich doch fuͤgen; der Ritter ließ ſeinen 
Kaplan holen und die Jungfrau wurde mit Robert verlobt. 
Am folgenden Tage wurde Robert zum Ritter geſchlagen 
und am dritten ſollte die Hochzeit gefeiert werden. Als die 
Zeremonie des Ritterſchlags beendet war, ſagte Robert zu 
ſeinem Herrn: „Herr, ich habe gelobt, daß ich am Tage, da 
ich Ritter werde, eine Wallfahrt nach St. Jacob von Com⸗ 
poſtella antreten wolle. Dieſerhalb muß ich gleich morgen 
9* 


131 


früh aufbrechen, denn um nichts in der Welt würde ich mein 
Geluͤbde unerfuͤllt laſſen.“ Ein Ritter hörte dieſe Worte und 
tadelte Herrn Robert gewaltig, daß er ſeine junge Frau 
allein laſſen wolle. „Wenn Ihr nach St. Jacob geht“, ſagte 
der Ritter, welcher Raoul hieß, „ohne Eure Frau zuvor zu 
beruͤhren, ſo werde ich Euch zum Hahnrei machen, ehe Ihr 
heimkommt und werde Euch bei Eurer Ruͤckkehr dafuͤr den 
Beweis erbringen. Ich ſetze mein Land gegen das Eurige.“ 
„Ich bin ſicher“, entgegnete Herr Robert, „daß meine Frau 
nicht treulos gegen mich handeln wird. Ich gehe die Wette 
ein.“ Darauf begaben ſie ſich zu ihrem Herrn und unter⸗ 
breiteten dieſem ihre Wette. Am anderen Morgen wurde 
Herr Robert mit der ſchoͤnen Johanna vermaͤhlt, aber gleich 
nachdem die Meſſe geſungen war, verließ er das Schloß und 
ſeine junge Gattin und wanderte gen St. Jacob. 

Raoul war in einiger Verlegenheit, wie er es anfangen 
ſolle, die Wette zu gewinnen und bei der jungen Frau zu 
liegen, denn dieſe lebte in der Abweſenheit ihres Gemahls 
ſehr zuruͤckgezogen und ging nur aus, um im Muͤnſter fuͤr die 
baldige Ruͤckkehr ihres Gatten zu beten. Er ſprach alſo mit 
der Alten, welche die ſchoͤne Frau bediente und verſprach ihr 
viel Geld, wenn ſie es ſo einrichten wolle, daß er mit ihrer 
Herrin insgeheim zuſammentreffen koͤnne, um mit ihr ſeinen 
Willen zu tun. Zugleich druͤckte er der Alten vierzig Sous 
fuͤr ein neues Kleid in die Hand. Die Alte ſchob das Geld 
vergnuͤgt ein und verſprach, ſie wolle mit ihrer Herrin reden. 
Als die Dame vom Muͤnſter zuruͤckkam, ſprach ſie zu ihr: 
„Herrin, ſagt mir doch: hatte Euer Gatte Euch beruͤhrt, ehe 
er nach St. Jacob ging?“ „Warum fragt Ihr danach, Frau 
Herſent?“ „Herrin, ich glaube, Ihr ſeid noch Jungfrau.“ 
„Das bin ich auch, Frau Herſent!“ „Das iſt ſchade, Herrin,“ 
ſprach Frau Herſent, „wenn Ihr wuͤßtet, welche Freuden die 
Liebe bereitet! Ich wundere mich, daß Ihr die Liebesfreuden 
nicht ſo ſchaͤtzt, wie es die anderen Frauen tun. Aber wenn 
Ihr wollt, ſo will ich Euch welche verſchaffen, denn ich kenne 
einen edlen Ritter, der Euch gern lieben wuͤrde; er iſt reich 


132 


und viel ſchoͤner als der ehrloſe Feigling, der Euch ſchnoͤde 
im Stich gelaſſen hat.“ „Frau Herſent“, erwiderte Johanna, 
„laßt dieſe Worte! Ich habe keine Luſt, mich ſelbſt zu ent⸗ 
ehren.“ Herr Raoul kam zu der Alten und ſie erzaͤhlte ihm, 
was ſie zu ihrer Herrin geſagt und was dieſe ihr geantwortet 
habe. „Frau Herſent“, ſagte der Ritter, „ſo ziemt es ſich 
fuͤr eine zuͤchtige Frau zu antworten. Aber Ihr muͤßt noch⸗ 
mals mit ihr reden. Hier ſind zwanzig Sous zu Stoff fuͤr 
ein neues Oberkleid.“ Die Alte nahm das Geld und ſprach 
haͤufig mit ihrer Herrin von dem Anliegen des Ritters; aber 
es half alles nichts. Die Zeit floß dahin und man erfuhr, daß 
Robert von St. Jacob zuruͤckkehre und ſchon nahe bei Paris 
ſei. Herr Raoul, welcher fuͤrchtete, ſein Land zu verlieren, 
machte ſich nochmals an die Alte. Dieſe ſagte, mit Reden 
koͤnne man nichts erreichen, aber ſie wolle es ſo einrichten, 
daß er allein mit ihrer Herrin im Hauſe ſei, dann koͤnne er an 
ihr ſeinen Willen tun und wenn es ſein muͤſſe mit Gewalt. 
Wenige Tage, bevor Herr Robert zuruͤckkehren mußte, be⸗ 
reitete die Alte ihrer Herrin ein Bad. Zugleich beſtellte ſie 
Herrn Raoul und ſchickte das ganze Geſinde aus dem Hauſe. 
Herr Raoul trat in die Kammer, als die junge Frau badete, 
und begruͤßte ſie, doch ſie erwiderte ſeinen Gruß nicht und 
rief: „Herr Raoul, Ihr ſeid nicht edel! Wißt Ihr, ob mir 
Eure Gegenwart angenehm iſt? Pfui uͤber einen zuchtloſen 
Ritter!“ „Gnade, Herrin!“ ſprach Raoul, „ich vergehe vor 
Sehnſucht nach Euch! Um Gottes willen, habt Erbarmen mit 
mir!“ „Herr Raoul, ich will Eure Dirne nicht werden, und 
wenn Ihr mich nicht in Ruhe laßt, ſo werde ich meinem 
Vater ſagen, was Ihr von mir verlangt, denn ich bin keine 
ſolche!“ „Wirklich nicht?“ Herr Raoul naͤherte ſich ihr, um⸗ 
fing ſie mit ſeinen ſtarken Armen und riß ſie aus dem Bade, 
um ſie auf das Bett zu ſchleifen. Als er ſie aber aus dem 
Bade zog, da bemerkte er, daß ſie auf dem rechten Ober⸗ 
ſchenkel ein ſchwarzes Mal hatte. Schon wollte er ſie auf 
das Lager werfen, da verhakte ſich ſein Sporn in ein Ge⸗ 
webe und er fiel ſamt ſeiner Beute zu Boden. Johanna 


133 


ſprang geſchwind auf, ergriff einen Stock und ſchlug Herrn 
Raoul ins Geſicht, ſo daß er eine blutende Wunde davon⸗ 
trug. Der Ritter fuͤhlte den Schmerz und die Luſt nach dem 
Weibe verging ihm, er erhob ſich und verließ eilends die 
Kammer. Am Sonntag darauf kam Herr Robert zuruͤck und 


wurde mit hohen Ehren empfangen, es wurden große Feſte 


gefeiert und nachts lag Herr Robert bei ſeiner jungen Gattin. 
Tags darauf nach dem Mahle trat Herr Raoul zu Robert und 
ſagte, er habe ſein Land gewonnen, denn er habe ſein Weib 
fleiſchlich beruͤhrt. Der Beweis ſei: ſie habe ein ſchwarzes 
Mal am rechten Oberſchenkel. Als Herr Robert in der naͤchſter 
Nacht mit ſeiner Frau das Lager beſtieg, erblickte er an ihrem 
Schenkel das ſchwarze Mal und verfiel darob in ſchweren 
Kummer. Er ging am anderen Morgen zu Herrn Raoul und 
geſtand ihm in Anweſenheit ſeines Schwiegervaters, daß er 
die Wette verloren habe. Darauf begab er ſich in den Stall, 
ſattelte ſein Pferd und verließ ohne Abſchied das Schloß. 

Als Johanna erfuhr, daß ihr Gemahl ſie verlaſſen habe, 
verfiel ſie in Schmerz und Zorn, denn ſie wußte nicht den 
Grund ſeines Verhaltens, bis ihr Vater ihr ſagte, er wuͤnſchte, 
fie ſei noch unvermaͤhlt, denn fie habe ihm und feiner ganzen 
Familie Schmach angetan. Umſonſt beteuerte die Dame ihre 
Unſchuld, und als es Nacht geworden war, packte ſie ihre 
ganze Habe in einen Reiſeſack, nahm einen alten Gaul und 
ritt hinter ihrem Herrn her, nachdem ſie zuvor ihre Haare 
Jabgeſchnitten und ſich wie ein Schildknappe gekleidet hatte. 
So lange ritt ſie, bis ſie nach Paris kam und von dort ſchlug 
fie den Weg nach Orléans ein. Ehe fie in dieſe Stadt ge⸗ 
langte, traf ſie Herrn Robert. Sie begruͤßte ihn und fragte 
ihn, wohin er gehe. „Ach, lieber Freund, das weiß ich ſelber 
nicht, ich gehe, wohin mein Schickſal mich fuͤhrt, welches mir 
uͤberaus feindlich iſt, denn ich habe das verloren, was ich auf 
der Welt am meiſten liebte und mein Land dazu.“ „Herr,“ 
erwiderte der vermeintliche Knappe, welcher ſich Johannes 
nannte, „ich ziehe in die Stadt Marſeille, wo es, wie ich 
hoffe, Krieg gibt. Dort will ich bei einem Edelmann das 


134 


Waffenhandwerk erlernen. Es ſcheint mir Herr, daß Ihr ein 
Ritter ſeid, ich wuͤrde Euch gern dienen, wenn Ihr mich an⸗ 
nehmen wollt.“ „Das wuͤrde ich gern, Hans, aber ich habe 
fo wenig Geld, daß ich bald genoͤtigt fein werde, mein Roß 
zu verkaufen. Womit ſoll ich dich erhalten?“ „Herr, darum 
ſorgt Euch nicht! Ich habe bei einem Turnier zehn Pfund 
gewonnen, damit will ich Euch aushelfen!“ Herr Robert 
nahm alſo den Knappen in ſeinen Dienſt und ſie gelangten 
nach Marſeille, wo ſie ſieben Jahre lang verweilten. Wenn 
Herr Robert im Bette lag, ſo ſchlief der Knappe angekleidet 
zu ſeinen Fuͤßen, und als ihnen das Geld ausging, verkaufte 
Hans ihre beiden Pferde. Fuͤr den Erloͤs aber erwarb er 
Mehl und Koͤrbe und backte ſo gutes franzoͤſiſches Brot, daß 
er mehr verkaufte, als die zwei beſten Baͤcker der Stadt zu⸗ 
ſammen. Darauf mietete er ein großes Haus, kaufte Wein 
und nahm wohlhabende Reiſende in Herberge; damit ver⸗ 
diente er ſo viel Geld, daß Herr Robert ſich wieder ein Roß 
kaufen und ein ritterliches Leben fuͤhren konnte. 

Es ereignete ſich, daß Herr Raoul von einer gefaͤhrlichen 
Krankheit befallen wurde, da beichtete er ſeine Miſſetat, und 
der Prieſter gab ihm zur Buße auf, eine Wallfahrt in das 
heilige Land zu unternehmen. Als er mit Gottes Hilfe 
wiederhergeſtellt war, brach er auf und gelangte nach Mar⸗ 
ſeille, wo er ein Schiff beſteigen wollte. In Marſeille uͤber⸗ 
nachtete er im franzoͤſiſchen Gaſthof, den Johanna unter⸗ 
hielt. Als ſie ihn ſah, erkannte ſie ihn ſogleich an der Narbe, 
die ſie ihm beigebracht hatte und fragte ihn nach dem Ziel 
ſeiner Reiſe. Da erzaͤhlte er ihr offen und der Wahrheit ge⸗ 
maͤß ſeine Miſſetat, denn er glaubte nicht, daß in der fremden 
Stadt ſeine Verhaͤltniſſe bekannt waͤren. Johanna ſchwieg 
bei ſeinen Worten und ließ ſich auch gegen Herrn Robert 
nichts anmerken. Herr Raoul reiſte über das Meer, erfüllte 
ſein Geluͤbde und kehrte uͤber Marſeille in ſeine Heimat 
zurüd, | 

Als das achte Jahr ihres Aufenthaltes in der Provence an⸗ 
brach, ſagte Johanna zu Herrn Robert: „Herr, wir waren 


135 


lange hier und haben genügend Geld verdient. Wir wollen 
in Euer Land zuruͤckkehren, wo Euch, wie ich hoffe, gute Nach⸗ 
richten erwarten. Herr Robert war damit einverſtanden und 
nach drei Wochen gelangten ſie auf ihr Schloß. Der Ritter 
wurde von ſeinem Schwiegervater herzlich empfangen, wenn 
dieſer es auch bedauerte, keine Nachricht von ſeiner Tochter 
zu erhalten. Am andern Tage erzaͤhlte Herr Robert ſeinem 
Knappen von der Wette und auf welche Weiſe er ſein Land 
verloren habe. „Herr,“ ſagte Johanna, „Ihr muͤßt ihn als 
Betruͤger zum Zweikampf fordern!“ Als alle beim Mahle 
ſaßen, ſprach ſie zu ihrem Vater: „Herr, Ihr ſeid der Lehns⸗ 
herr Roberts, welcher einſt Eure Tochter heiratete. Dieſer 
hat ſein Land auf Grund einer Wette verloren, aber Herr 
Raoul hat nie Teil an Eurer Tochter gehabt, er hat ehrloſen 
Verrat begangen, das will ich Euch beweiſen, indem ich mit 
ihm kaͤmpfe.“ Da ſprang Herr Robert auf: „Lieber Hans, 
niemand ſoll mit ihm kaͤmpfen, als ich allein!“ Dann gab 
Robert ſeinem Herrn den Einſatz und Raoul tat ſchweren 
Herzens das gleiche, um nicht als Betruͤger angeſehen zu 
werden. Johanna aber begab ſich zu ihrer Baſe und zog ſie 
ins Vertrauen; fie blieb bei ihr und benutzte die Zwiſchenzeit, 
um ſich zu pflegen und zu ſchmuͤcken, bis ſie ihre alte Schoͤn⸗ 
heit wiedergewann. Als der fuͤr den Zweikampf angeſetzte 
Tag gekommen war, ritten die beiden Gegner in die Schran⸗ 
ken. Sie kaͤmpften lange und heiß, aber zuletzt zerbrach Herrn 
Raouls Schwert und Herr Robert ſprach, er werde ihn toͤten, 
wenn er nicht eingeſtehe, daß er ein Betruͤger ſei. „Habt Er⸗ 
barmen mit mir, Ritter,“ ſprach der Beſiegte, „ich will Euch 


Euer Land zuruͤckerſtatten und das meinige dazu geben, denn 


ich habe Euer Eigentum wider Recht und Billigkeit erworben, 
da ich Eure edle Frau verleumdete.“ Herr Robert erklaͤrte 
ſich zufriedengeſtellt und bat ſeinen Lehnsherrn, dem Miſſe⸗ 
taͤter zu verzeihen, welcher das Land auf ewig zu verlaſſen 
gelobte. Als Johanna erfahren hatte, daß ihr Gatte im 
Kampf geſiegt habe, kleidete ſie ſich in ein purpurnes Ge⸗ 
wand mit goldener Stickerei und war ſo ſchoͤn, daß es auf 


136 


— ͤ ͤ—ükueꝛ2— 


—.— — 2 


der Welt nichts Schoͤneres gegeben hätte, Dann ließ ſie 
ihren Vater holen und er erkannte ſie ſogleich und weinte vor 
Freude. Darauf rief er Herrn Robert und erzaͤhlte ihm, daß 
ſeine Gattin zuruͤckgekommen ſei. Der Ritter eilte auf ſie 
zu und ſie umarmten und kuͤßten einander. Am andern 
Morgen berichtete Herr Robert ſeiner Frau von ſeinem 
treuen Schildknappen, um den er ſehr in Sorge ſei, weil er 


ſeit vierzehn Tagen nichts mehr von ihm gehoͤrt habe, und er 


ſagte, er wolle nicht eher ruhen, bis er ihn wiedergefunden 
habe. „Herr, ſagte Johanna, „ich kenne Euren Schild⸗ 
knappen wohl, denn er tat nicht das geringſte, das ich nicht 
müßte.” „Eure Worte ſetzen mich in Erſtaunen, Frau!“ „So 
wißt denn, daß ich jener Hans bin, den Ihr ſuchen wollt. Ich 
bin Euch nachgefolgt, ich war ſieben Jahre mit Euch in der 
Fremde und habe Euch nach Kraͤften als meinem Herrn ge⸗ 
dient, und ich glaube, daß meine Dienſte wohl angebracht 
waren.“ Da zog Herr Robert ſein Weib, deſſen ganze Treue 
er erſt jetzt erkannte, in feine Arme und fie lebten glücklich 
miteinander bis an ihr Ende. 


15. Aus den Lais der Marie de France 
Lanval 

in anderes Lied erzaͤhlt uns von einem ſchoͤnen 

bretoniſchen Koͤnigsſohn, namens Lanval. 

Einſt zu Pfingſten hielt Koͤnig Artus Hof im 
Schloſſe von Carduel. Er lag im Kampfe mit den Schotten 
und Pikten, die England mit Raub und Brand verheerten und 
gedachte, die Grafen und Barone ſeiner Tafelrunde fuͤr ihre 
Kriegstaten zu belohnen. Frauen und Lehen gab er den 
Helden, nur einer, Lanval, wurde vergeſſen. Dieſer war 
zwar von koͤniglichem Geſchlechte, doch lag ſein Erbland allzu 
fern, und er hatte ſeine ganze Habe verausgabt, um am Hofe 
des Koͤnigs Artus leben zu koͤnnen. Ber 
Eines Tages ritt der Vergeſſene trüben Sinnes aus dem 
Schloſſe, bis er zu einem Fluſſe gelangte, der durch Wieſen 


137 


daherſtroͤmte. Er flieg ab, löfte dem Roß den Gurt und ließ 
es graſen. Er ſelber legte ſich in den Schatten und blickte ver⸗ 
droſſen und ſorgenvoll den Wogen des Fluſſes nach. Da 
traten zwei Fräulein zu ihm, wie fie nie ein Auge fchöner 
ſah. Ein purpurnes Gewand umſpannte ihre Lenden, und 
die altere der beiden trug ein goldenes Becken, während die 
juͤngere ein Handtuch hielt. Sie gingen auf den ruhenden 
Ritter zu, der ſich ſogleich erhob und den Frauen entgegen⸗ 
ging. Die eine der Frauen ſagte: „Unſere ſchoͤne Gebieterin 
ſchickt uns her, Sir Lanval, Euch zum Heile. Kommt mit uns 
und nehmt uns als ſicheres Geleit zu ihrem Zelte!“ Herr 
Lanval ließ ſein Roß im gruͤnen Felde graſen und folgte den 
Frauen zum Luſtgezelt. Das war ſo herrlich, daß die Koͤnigin 
Semiramis und ſelbſt der maͤchtige Kaiſer Auguſtus zu arm 
geweſen waͤren, um es zu kaufen. Ein goldener Adler 
ſchmuͤckte ſein Dach, Goldſeile ſpannten ſeine Waͤnde, ge⸗ 


knuͤpft an goldene Haken, die im Raſen ſteckten. Eine Jung⸗ 


frau lag im Zelte, vor deren Schoͤnheit der Lilie Glanz und 
der Roſe Gluͤhen hinſchwanden. Reich glaͤnzten die Tuͤcher 
des Bettes, auf dem die Schoͤne nur mit dem Hemde be⸗ 
kleidet lag, waͤhrend Hermelin und Purpur nur halb ihre 
Reize verhuͤllte. Wie Weißdorn bluͤhte ihr Antlitz und ihre 
Bruſt. Die ſchoͤne Maid rief den Ritter zu ſich, und er ſetzte 
ſich an ihr Bett. „Aus weiten Landen komm ich her,“ ſprach 
ſie, „um deinetwillen, ſuͤßer Freund. Und wenn du ritter⸗ 
lich und brav biſt, ſo ſoll kein Kaiſer noch Fuͤrſt mehr Freuden 
ſchauen in dieſem Leben als du, denn ich bin ganz dein.“ 
Sein Herz flammte auf in ſeliger Begier und er erwiderte: 
„Wenn Ihr mich, Schoͤne, zum Liebſten waͤhlen wollt, ſo 
werde ich vollbringen, was Ihr mir zu befehlen geruht. Ich 
diene Euch mit Herz und Hand und verlaſſe um Euretwillen 
Heimat und Freunde. Mein einziger Wunſch auf der Welt 
iſt, nie von Euch getrennt zu werden.“ Die Fee gab dem 
Gluͤcklichen Seele und Leib hin und verlieh ihm als Wunder⸗ 
gabe, daß alles, was er ſich wuͤnſchte, auf der Stelle vor ihm 
erſcheine. „Doch“, ſagte ſie zu ihm, „eines mahne ich dich, 


138 


3 SEEN 


— —-— 3 r 1 O 


Freund! Hehle unfere Liebe und bleib ſtumm. Wuͤrden die 
Menſchen unſerer Minne gewahr, ſo waͤre ich auf immer fuͤr 
dich verloren, und nie wuͤrdeſt du mich wieder in deine Arme 
ſchließen.“ Eilends verſprach er ihr, nie das Geheimnis zu 
verraten. Bis zum Abend blieb er bei ihr, dann trieb ſie 
ihn von dannen: „Auf, ſuͤßer Freund, nicht länger darfſt du 
verweilen! Doch hoͤre zuvor noch dieſes: wann du auch nach 
mir verlangſt, kein Ort wird auf der Erde ſein, wo ich nicht 
ſogleich erſcheine und dir in Liebe angehoͤre, keinem Menſchen 
ſichtbar als dir allein.“ Er kuͤßte ſie noch einmal, dann brach⸗ 
ten die beiden Botinnen Waſſer und Tuͤcher, umhüllten den 
Ritter mit neuen Gewaͤndern und trugen dem Liebespaar 
ein koͤſtliches Mahl auf. Nach der Mahlzeit führten fie Lanval 
ſein Roß geſattelt und gezaͤumt herbei, er ſprang darauf und 
ritt zum Artushofe zuruͤck, dabei bedenkend, ob ſein Erlebnis 
Wirklichkeit oder Traum geweſen ſei. 

Von nun an lebte Lan val in Saus und Braus, veranſtaltete 
große Feſte und hatte Reichtuͤmer in Huͤlle und Fülle. Kein 
hilfsbeduͤrftiger Ritter war in der Stadt, der ſich nicht ſeiner 
Gaſtfreundſchaft erfreut haͤtte, die Gefangenen kaufte er los 
und den Spielleuten gab er Kleider. Und ſtets bei Tag und 
Nacht durfte er im ſtillen ſeine Liebſte ſchauen und genießen. 

Bald nach dem Feſte St. Johannis des Taͤufers zogen 
dreißig Ritter nach einem ſchattigen Garten nahe beim Turm 
der Koͤnigin zur Kurzweil, und Gawain, der darunter war, 
ſprach: „Bei Gott, ihr Herren, wir handelten ſchlecht, daß 
wir Lanval nicht einluden, mitzureiten.“ Und ſie zogen vor 
Lanvals Herberge und fuͤhrten ihn mit zum Spiele. Die 
Koͤnigin erblickte ihn vom Fenſter aus, ihr Auge hing an 
ſeiner bluͤhenden Geſtalt, und ſie ließ ſogleich nach ihrem Ge⸗ 
folge ſenden, um ſich gleichfalls in den Garten zu begeben. 
Die Ritter gingen den Frauen entgegen und fuͤhrten die 
Schoͤnen plaudernd an der Hand. Lanval erging ſich abſeits 
im Garten, denn es draͤngte ihn, die Liebſte zu empfangen 
und nichts anderes ſchien ihm begehrenswert. Die Koͤnigin 
ſah ihn einſam und trat zu ihm: „Lanval“, ſagte ſie, „ich habe 


139 


Euch ſtets geachtet, Ihr ſeid mir lieb und wert und mein 
ganzes Herz gehoͤrt Euch, nun ſagt mir: bin ich auch Euch 
teuer? Euch will ich meine Minne weihen, erfreut Euch 
meiner Liebe und Huld!“ Lanval entgegnete: „Nach Eurer 
Minne duͤrſte ich nicht. Ich bin des Koͤnigs treuer Mann und 
will es bleiben. Eure Liebe ſoll mich nicht zum Verrat an 
ihm verleiten.“ Da zuͤrnte die Frau und ſprach: „Ich weiß 
wohl, daß Euch Frauenminne nicht behagt, Ihr ſeid ſchmach⸗ 
voller Luſt ergeben. Ha, Feigling, das ſollt Ihr in der Hoͤlle 
Brand buͤßen!“ Nun ſchleuderte ihr Lanval unbedacht dieſe 
Worte entgegen: „Ich lache Eurer Luͤge, Frau! Mein iſt das 
ſchoͤnſte Weib der Welt, das in treuer Liebe ſich mir ver⸗ 
einigt, und die aͤrmſte Dienerin an meiner Liebſten Hofe iſt 
bluͤhender und tugendſamer als Ihr, Frau Koͤnigin!“ Da 
ſtand das ſtolze Weib auf und ging grimmig hinweg. Sie legte 
ſich herzenskrank zu Bette und ſchwur, es nicht eher zu ver⸗ 
laſſen, bis ihr der König volle Gerechtigkeit widerfahren ließe. 

Der Koͤnig kehrte indeſſen froh von der Jagd zuruͤck und 
trat in das Zimmer ſeiner Gemahlin. Sie erhob die Haͤnde 
flehend zu ihm und rief: „Lanval hat mich mit Schimpf be⸗ 
laden, er hat meine Minne begehrt und als ich ihm wehrte, 
hat er mich geſcholten und verhoͤhnt. Einer Freundin ruͤhmte 
er ſich, deren letzte Magd mich an Schoͤnheit und Zucht uͤber⸗ 
treffe.“ Da ſchwur der Koͤnig einen hohen Eid, daß Lanval 
ſterben muͤſſe, wenn er keine Rechenſchaft ablegen koͤnne. 
Drei Ritter ſandte er zu Lanval, der jammernd allein in 
ſeinem Hauſe ſaß. Er hatte ſeinen Schwur gebrochen, das 
Geheimnis ausgeplaudert, und vergebens rief er den Namen 
der holden Frau, ſie zeigte ſich nicht mehr. Er verwuͤnſchte 
ſeinen Mund und ſein Herz und haͤtte faſt Hand an ſich ſelber 
gelegt. Gern folgte er daher den Rittern, die ihn zum Koͤnig 
tiefen, denn den Tod ſcheute er nicht mehr. Stumm vor 
Sorge und Gram ſtand er vor dem Koͤnige. Dieſer rief ihm 
zornig zu: „Vaſall, Ihr ſchwatzt unbeſonnen und habt mein 
Haupt mit Schimpf beladen. Sehr ſtolz muß Eure Liebſte 
ein, wenn ihre niedrigſte Magd mehr wert iſt als die Königin.” 


140 


Der Held verwahrte fich hoch und teuer, daß er nach der Minne 
der Koͤnigin begehrt habe, er wiederholte ſeine Worte und 
ſtellte alles dem Urteil des Hofes anheim. Der Koͤnig berief 
ſeine Barone, um nach Rechten die Sache zu Ende zu fuͤhren, 
doch dieſe hielten ſich in dieſem Falle zu richten nicht fuͤr be⸗ 
fugt, und ſchlugen vor, Lanval ſolle ſich mit Buͤrgen verſehen, 
um ſich der Geſamtheit der Vaſallen auf einem Reichstage 
zu ſtellen. Lanval ſah ſich beſorgt nach Buͤrgen um, da trat 
Gawain vor und ſetzte ſein Land und Lehen zum Pfande 
ein. Die Ritter geleiteten Lanval wieder heim und ver⸗ 
ſuchten, ihn zu troͤſten. 

Am feſtgeſetzten Tage verſammelte ſich die Schar der Ba⸗ 
rone vor dem Koͤnig und der Koͤnigin, und die Buͤrgen fuͤhrten 
Lanval vor. Zoͤgernd gingen die Vaſallen zu Gericht, denn 
fie fühlten Mitleid mit Lan val, nur wenige wollten den Mann 
aus fremdem Lande verderben, um ſich der Gunſt des Königs 
zu verſichern. Laut ſprach da der Fuͤrſt von Cornwall: „Wir 
richten niemandem zu Gefallen. Das Recht ſpaͤht nicht nach 
Gunſt und Dank, ſondern ſchreitet gerade aus. Ihr edlen 
Herrn, der Koͤnig beſchuldigt ſeinen Lehensmann, er habe 
geſchworener Treue vergeſſen und ſeine eigene Freundin 
ſolchermaßen geruͤhmt, daß unſere Herrin zornig ward. Ich 
ſchlage vor, daß Lanval ſeine Liebſte zum Zeugnis beibringe. 
Iſt ſie ſo ſchoͤn, wie er behauptet, ſo iſt er mit Unrecht ver⸗ 
klagt und ſoll der Herrin Huld wieder genießen; doch ſchafft 
er den Beweis uns nicht, ſo ſoll er dem Hofe unſeres Herrn 
als Verbannter auf ewig fernbleiben.“ Sie baten alſo 
Lanval, zu feiner Dame zu ſenden, damit fie ame, ihm ihren 
Schutz zu verleihen. Er aber ſprach: „Wie kann ich das, da 
ſie meiner vergeſſen hat?“ Artus draͤngte, und die Koͤnigin 
wurde ungeduldig. Schon wollten die Barone zum Urteil 
ſchreiten, da ſahen fie zwei Fräulein herankommen. Auf 
Zeltern ſaß das holde Paar, und um ihre ſchoͤnen weißen 
Glieder floß purpurne Seide. Gawain wies mit der Hand 
nach den Fraͤulein: „Nun freut Euch, Lanval! Da ſeht, iſt 
Eure Dame nicht dabei?“ Doch Lanval ſchuͤttelte betruͤbt 


141 


das Haupt: „Ich kenne dieſe Fräulein nicht!“ Vor Artus 
ſchwangen ſich die Damen vom Roß und ſprachen: „Gott, 
der Nacht und Tag geſchaffen hat, nehme Artus' Haus in 
ſeine Hut! Herr Koͤnig, laßt uns Zimmer mit koͤſtlichen 
Teppichen anweiſen, denn unſere Herrin folgt uns auf dem 
Fuße nach!“ Artus gewaͤhrte es und rief zwei Ritter, um 
die Damen ins Schloß zu fuͤhren und alles wuͤrdig zu be⸗ 
reiten. Dann befahl er den Baronen, nicht laͤnger zu zau⸗ 
dern, er dringe ſtreng auf den Beſchluß. Die Richter ſetzten 
ſich aufs neue zur Beratung, und ihre Stimmen laͤrmten hin 
und her. Waͤhrend ſie noch ſtritten, kam ein anderes Fraͤu⸗ 
leinpaar auf ſpaniſchen Maultieren daher; glaͤnzend wallten 
ihre Maͤntel, und die Vaſallen fragten mit heiterer Miene, 
ob nun Herrn Lanvals Freundin genaht ſei? Doch Lanval 
antwortete kurz: „Die beiden Fräulein ſah ich nie, ich kenne 
ſie nicht und liebe ſie nicht.“ Auch dieſe beiden Damen ſtiegen 
vor Artus ab, und viele Stimmen prieſen den Reiz ihrer 
Zuͤge und den Schmelz ihrer Haut. Wirklich uͤberſtrahlten 
ſie weit die Koͤnigin an Anmut. Die aͤltere neigte ſich artig 
vor dem Koͤnige und ſprach: „Herr Koͤnig, weiſet uns Zimmer 
fuͤr unſere Herrin an, die uns auf dem Fuße nachfolgt!“ 
Auch dieſe Frauen fuͤhrte man ins Schloß, und als ſie ge⸗ 
gangen waren, rief Artus: „Nun iſt es hohe Zeit, daß die 
Barone ſich entſcheiden! Ich leide keinen laͤngeren Verzug!“ 
Auch die ungeduldige Koͤnigin zuͤrnte uͤber den Aufſchub. 
Doch noch war die Beratung nicht beendet, da nahte eine 
Jungfrau hoch zu Roſſe des Palaſtes Toren. Sie war ſo 
ſchoͤn, wie kein Weib auf Erden. Auf einem weißen Zelter 
ritt die holde Frau, dem ſtolzeſten Tiere, das je gelebt. Sein 
Hals und Kopf war glatt, und kein Koͤnig haͤtte den Wert des 
prächtigen Schmuckes bezahlt, von dem das Roß erglaͤnzte. 
Ein weißes Hemd umhuͤllte ſchmiegſam die Glieder der Frau, 
rechts und links geſchnuͤrt, und wo die Nadeln ineinander⸗ 
griffen, ſchien die zarte Haut hindurch. Sanft woͤlbte ſich 
ihre Hüfte, und ihr Nacken war weißer als friſchgefallener 
Schnee. Weichgewellt fiel ihr blondes Haar von der klaren 


142 


Stirn zuruck und leuchtete im Sonnenlicht wie Goldfaͤden 
ſo hell. Des Mantels dunkler Purpur wallte im Wind von 
ihren Schultern; auf der Rechten hielt ſie einen Sperber, und 
ein Windſpiel lief neben dem Roſſe her. Hinter ihr ritt ein 
Edelknecht mit einem Horn aus Elfenbein. So nahte ſie, 
und die Bürger liefen herzu, jo daß die Straßen von ſtaunen⸗ 
dem Gedraͤnge erfuͤllt wurden. Wer ſie ſchaute, dem er⸗ 
gluͤhte der Wunſch der Sehnſucht im Herzen. Gawain trat 
zu Lanval und ſprach: „Auf, Herr Bruder! Nun ſollt Ihr 
das ſchoͤnſte Frauenbild ſchauen, das auf Erden wallt.“ Da 


beugte ſich Lanval ſeufzend vor und erhob das Haupt. Das 


Blut ſtieg ihm ins Antlitz, als er erwiderte: „Ja, das iſt ſie, 
die mich geliebt, und wenn ihr Herz mir nicht verzeiht, ſo 
macht ein Ende und laßt mich ſterben! Nur ſie vermag mich 
zu erlöfen!” Die Dame ritt in das Schloß, das nie fo holden 
Gaſt geborgen hatte. Die Barone blickten mit Staunen auf 
ſie, als ſie vor Artus Thron vom Roſſe ſtieg. Sie ließ den 
Mantel herabwehen und ſtand allen ſichtbar da. Artus erhob 
ſich und begruͤßte ſie, und alle ſtanden auf, um ihr zu dienen. 
Ihr Lob erſcholl aus jedem Munde, und als die Blicke ſich 
ſatt geweidet hatten, ſprach die hohe Frau: „Nun richtet, 
ihr Herren! Ich war dem Manne, uͤber den ihr entſcheiden 
ſollt, in Minne ergeben. Ihm ſoll kein Leid geſchehen, denn 
falſch iſt, was die Königin ſagt: niemals ſtand fein Begehren 
nach ihr, und wenn ihr mich ehren wollt, ſo vergebt ihm, daß 
er mit meiner Huld prahlte.“ Da war keiner in der Schar der 
Barone, der Lanval nicht ganz und gar freigeſprochen hätte. 
Die ſtolze Frau aber wandte ſich, um wegzureiten. Ver⸗ 
gebens lud ſie Artus ein, zu bleiben, und groß und klein 
folgte ihr, um ihr gefaͤllig zu ſein. Lanval ſtand auf einem 
Marmortritt, der bei der Halle Tor ragte, um den Reitern 
beim Aufſteigen Hilfe zu gewaͤhren. Und als die Frau vorbei⸗ 
ritt, ſchwang er ſich raſch hinter ihr in vollem Sprung auf das 
edle Roß. Mit feiner Liebſten ritt er davon, weit über Länder 
und Meere, nach Avalun, ins Land der ewigen Jugend, und 
nie hat man wieder etwas von ihm gehoͤrt noch geſehen. 


143 


Vonec 


lebte einmal im Lande der Bretonen ein grimmiger 

alter Edelmann im Schloſſe zu Caerwent am Ufer 

eines Stromes, der in ſeinem Alter noch ein Weib 

nahm, um nicht ohne Erben ſterben zu muͤſſen. Das Weib 

war von hoher Art und von ſtolzem Leib, und mancher war 

in Liebe zu ihr entbrannt. Daher ſperrte ſie der Alte, um ſie 

zu huͤten, in einen Turm und gab ihr ſeine Schweſter, eine 

grauhaarige Witwe, zur Bewachung, und ſo ſtreng wachte 

dieſe uͤber die junge Frau, daß dieſelbe nicht einmal mit ihrer 

Bedienung plaudern durfte. Sieben Jahre lang blieb ſie ſo 

einſam im Turm und verſeufzte in Traͤnen ihre Zeit, indes 
ihre Schoͤnheit langſam verbluͤhte. 

Einſt im April, da der Voͤglein neues Lied im Walde er⸗ 
ſcholl, erhob ſich der Herr bei Tagesanbruch, um zur Jagd zu 
reiten. Er befahl der Alten, das Tor hinter ihm zu ſchließen; 
ſie tat es und ging dann in ein Nebengemach, um ihr Fruͤh⸗ 
gebet zu ſprechen. Die junge Frau ſah die Sonnenſtrahlen 
durchs Fenſter lachen und begann jammernd an ihre Bruſt 
zu ſchlagen: „Weh mir! Zum Leid bin ich geboren! Nur der 
Tod wird mich aus dieſem Turm befreien. Ein Tor iſt der 
alte eiferfüchtige Mann, daß er mich ſo eingeſchloſſen haͤlt, 
und verflucht ſei meine Sippe, die mich dieſem Wuͤterich ver⸗ 
maͤhlt hat. Ach, oftmals hoͤrte ich in vergangener Zeit von 
Abenteuern ſingen, wie manches Herz heiteren Troſt im 
Kummer fand. Da durfte die Frau ihren Liebſten heimlich 
ſchauen, kein Merker ward ihres Gluͤcks gewahr, er blieb allen 
Lauſchern verborgen. Ach, wenn es ein ſolches Wunder gibt, 
ſo laß, o Gott, auch mich es erleben!“ Kaum hatte ſie dieſe 
Worte geſprochen, als ein Schatten ins Gemach fiel, und 
ſiehe, ein Habicht flog zum engen Fenſterbogen herein und 
ließ ſich vor der Dame nieder; und ſogleich entwand ſich ein 
ritterlich ſchoͤner Mann den Federn. Die Frau ſah ihn er⸗ 
ſchrocken an und verhuͤllte bebenden Herzens ihr Haupt in den 
Kleidern. Der Fremde aber begruͤßte ſie ſittſam: „Fuͤrchte 


144 


dich nicht, edle Frau! Der Habicht ift von guter Art! Wenn 
dir das Wunder auch unerklaͤrlich bleibt, faß dir ein Herz und 
ſchenke mir deine Liebe! Denn wiſſe, daß ich dieſerhalb her⸗ 
gekommen bin. Wie lange ſchon hing mein ſehnend Herz an 
dir! Kein Weib hab' ich auf Erden mehr geliebt als dich, und 
keines werde ich in Zukunft mehr lieben. Doch war es mir 
verwehrt, dich zu ſehen, bis du ſelber mein begehrteſt. Nun 
darf ich's, da du den Bann gebrochen haſt. So nimm mich 
denn zu deinem Liebſten!“ Als die Frau dieſe holden Worte 
vernahm, entwich ihr Schreck. Sie faßte ſich, enthuͤllte ihr 
Haupt und ſprach: „Wenn Ihr ein Chriſt ſeid, will ich Euch 
gerne bei mir ſehen!“ Er ſtand ſo herrlich vor ihr, ein Mann, 
wie ſie noch keinen ſah. „Du redeſt recht,“ ſagte der Ritter, 
„ich moͤchte um keinen Preis der Welt, daß du um meinet⸗ 
willen in deinem Herzen einen Argwohn truͤgeſt. Ich glaube 
an Gott, der uns von Adams Sünde erlöfte, und wenn du 
mir nicht glauben willſt, ſo rufe den Kaplan, daß er mir den 
Leib des Herrn reihe!” Dann legte ſich der Ritter zu ihr aufs 
Lager, und als ſie genug geplaudert hatten und des Lachens 
und Spielens muͤde geworden waren, reichte er ihr die Hand 
zum Abſchied: „Nun fahr' ich in mein Heimatland!“ Sie bat 
ihn, daß er oftmals wiederkehren möge. „Zu jeder Stunde,“ 
ſprach der Ritter, „werde ich wiederkommen, wann es dir 
gefaͤllt. Du aber ſorge, daß niemand unſer Tun erſpaͤht! Huͤte 
dich vor der Alten, denn ſie wird Tag und Nacht lauern. Ent⸗ 
deckt ſie unſeren Liebesbund, ſo erfaͤhrt dein Gatte alles. 
Wenn ihr das gelingt, ſo iſt mir der Tod gewiß.“ Der Ritter 
ging, und die eingeſchloſſene Frau blieb in großem Gluͤck 
zuruͤck. Sie ſprang am Morgen geſund und ſorgenfrei vom 
Bett, pflegte emſig ihr Geſicht und ihren Leib, und ihre 
fruͤhere Schoͤnheit kehrte zuruͤck. Nun duͤnkte ſie es ſanfter 
hier zu leben, als draußen Freuden nachzujagen, denn ſooft 
ſie es wuͤnſchte, erſchien ihr Ritter, mit dem ſie ſich ſelig ver⸗ 
einte. Sobald ihr Zwingherr ſie verließ, tagte ihr heimliches 
Liebesfeſt. Durch ihres Herzens Heiterkeit wandelte ſich als⸗ 
bald ihr ganzes Ausſehen und Gebaren, und der erfahrene 


10 Franz. Märchen 1 145 


Greis nahm dieſe Veränderung mit Mißtrauen wahr. „Steh' 
mir Rede!“ herrſchte er ſeine Schweſter an, „mich wundert, 
daß mein Weib ſo geputzt einhergeht. Was bedeutet das?“ 
„Ich weiß es nicht,“ entgegnete dieſe, „keine Seele kann ihr 
nahen, es iſt unmoͤglich, daß ſie einen Liebſten empfaͤngt. Nur 
merke ich, daß ſie jetzt oͤfter gern allein bleibt, als ſie es fruͤher 
zu tun pflegte.“ „Wohlan,“ ſprach der Alte, „ſo ſchaff uns 
Licht! Sobald du ſie morgens fruͤh wach ſiehſt, tuſt du, als 
gingeſt du aus dem Gemach. Erſpaͤhe dann von geheimer 
Staͤtte aus, woher es kommt, daß ſie ſo froh iſt.“ Drei Tage 
darauf ruͤſtete ſich der Herr zu einer Fahrt und ſprach: „Ich 
muß zum Koͤnig, der mich eilends an ſeinen Hof berief, doch 
will ich nicht zu lange ausbleiben.“ Er ging und verſchloß das 
Haus, indes ſich die Alte leiſe hinter einem Vorhang verbarg, 
von wo aus ſie alles uͤberſehen konnte, was im Schlafgemach 
vorging. Kaum war die Dame erwacht, ſo dachte ſie auch 
ſchon mit Sehnſucht ihres Geliebten, und gleich darauf flog 
ihr ſchoͤner Freund durch das Fenſter zu ihr herein, und es 
war große Luſt unter ihnen, bis die Zeit der Trennung kam, 
und ſie wieder Abſchied nehmen mußten. Das Weib hatte 
alles mit angeſehen, und es duͤnkte ſie fuͤrchterlich, daß er bald 
Menſch, bald Vogel war. Ungeſaͤumt meldete ſie alles dem 
alten Ritter, der ſich in der Naͤhe gehalten hatte. Er vernahm 
die Kunde mit Ingrimm und dachte auf hinterliſtigen Mord. 
Um vor dem Gaſte Frieden zu bekommen, ließ er vier ſtarke 
Spieße von blankem Stahle ſchmieden mit ſcharfen Spitzen 
und meſſerglatten Schneiden. Die rammte er heimlich in die 
Mauer vor dem Fenſter, durch das der Ritter ſeinen Weg zu 
nehmen pflegte, wenn er zur Frau geflogen kam. Schon vor 
Sonnenaufgang erwachte der Greis in der naͤchſten Nacht und 
gab vor, er wolle jagen. Die Alte oͤffnete ihm das Tor und 
ging dann wieder zu Bett, um bis zum Morgen zu ruhen. 
Nun hoffte die Arme, ſich des Geliebten freuen zu koͤnnen, 
an dem ſie in inniger Liebe hing: „Kaͤme jetzt mein Liebſter 
zu mir, ſo koͤnnte er in Muße bei mir ſein!“ Kaum hatte ſie 
dieſe Worte ausgeſprochen, als ſie ſchon den Liebſten nahen 


146 


hörte. Durchs Fenſter kam er hereingeflogen, in welchem die 
ſcharfen Spieße ſteckten, und einer von ihnen durchſtach ihn, 
daß ihm das Blut vom Herzen ſtroͤmte. Er fühlte es: das war 
der Todesſtoß; er machte ſich von den Stacheln frei, ſank 
ſterbensmatt aufs Bett, und ſein Blut faͤrbte die Linnen rot. 
Halb von Sinnen ſah die Frau das Blut aus ſeiner Wunde 
fließen, er aber ſprach: „Mein Lieb, nun iſt's geſchehen, was 
ich weisſagend dir enthuͤllte. Um deiner Minne willen muß 
ich ſterben, dein Lachen hat mir den Tod bereitet.“ Da fiel 
ſie vor Leid in Ohnmacht und lag lange Weile wie leblos. Er 
muͤhte ſich vergebens, ſie zu troͤſten: „Kein Klagen kann mein 
Schickſal wenden. Laß ab davon! Denn dir wird ein Kind 
entſtehen, ein junger Degen, ſtark und kuͤhn, der wird dich von 
allem Leid befreien, und Yonec ſollſt du ihn nennen. Er wird 
unſer beider Not raͤchen und unſeren Feind toͤten. Nun aber 
darf ich nicht laͤnger ſaͤumen, das Blut entfließt raſch, ich muß 
fort!“ 

Mit ſtummem Gruß floh er im Schmerz, und ſchreiend 
folgte ſie ihm auf den Ferſen nach, durchs Fenſter flog er fort, 
und ſie ſprang ihm nach, wohl zehn Ellen in die Tiefe, nur 
mit einem duͤnnen Hemdlein bekleidet. Sie folgte der Spur 
des Blutes, das aus ſeinen Wunden troff. Bald gelangte ſie 
zu einem Bergeshang, in welchem ein Felſentor ſich öffnete. 
Durch dieſes ging die blutige Faͤhrte, und obwohl Nacht und 
Grauen den Eintritt verwehrten, trat ſie ohne Zaudern hin⸗ 
ein. Sie ſchritt im Finſtern weiter, bis ſie taſtend den Aus⸗ 
gang fand. Da lag ein wunderſchoͤnes Land vor ihr, doch 
mitten durch den Blumenhain zog ſich ein Streif von bluti⸗ 
gem Tau. Sie folgte dieſem Schmerzenspfad, bis ſie in eine 
Bergſtadt gelangte. Ringmauern liefen um die Stadt und 
ihre Tuͤrme, Tore und Palaͤſte ergluͤhten in Silberſchein. 
Forſten und beſchilfte Graͤben dehnten ſich rings um die Burg, 
und die Haupttore deckte ein Strom, auf dem unzaͤhlige 
Schiffe dahinglitten. Das untere Tor war geoͤffnet. Die 
Frau trat ein und ſtieg, immer der Blutſpur folgend, zum 
Palaſt hinauf. Kein Menſch war auf den oͤden Gaſſen zu 


10 


147 


ſehen; ſorgenvoll trat fie ins Schloß, deſſen weite Treppe vom 
Blute troff. Sie ſchritt durch eine Kammer: ein Unbekannter 
lag darin und ſchlief. Sie eilte hindurch und gelangte in ein 
zweites Gemach: auch hier lag ein anderer Mann im Schlaf. 
So drang ſie in ein drittes Zimmer, und ſiehe, da lag von 
Kerzen umſtrahlt auf praͤchtigen, blutgetraͤnkten Decken der 
Mann, dem ſie ihr Herz geſchenkt hatte. Das Bettgeſtell war 
ganz von Gold, und auf den Leuchtern brannten Tag und 
Nacht die Kerzen. Ihr Freund erkannte ſie, als ſie auf der 
Schwelle ſtand, mit ſchwankenden Knien trat ſie an ſein Bett 
und ſank uͤber ihm ohnmaͤchtig nieder. Er fing ſie auf und 
neigte ſich zu ihr, und wie ſie erwachend ſich regte, verſuchte 
er, ihr Troſt einzuſprechen. „Geliebte, hoͤre mich! Um Gottes 
willen, geh von hinnen! Ich ſterbe, noch ehe der Morgen 
graut: dann erhebt ſich hier Jammer und Klage, und trifft 
man dich, ſo mußt du dem Lande mit Qualen meinen Tod 
buͤßen, denn es iſt dem Volke bekannt, daß ich um deinet⸗ 
willen ſterbe. Geh und haͤufe nicht Angſt zu meinem Schmerz!“ 
„Nein“, rief ſie verzweifelt, „lieber will ich mit dir ſterben, 
als daß mein Gatte mich tötet!” Auch Hierfür wußte er Troſt: 
„Nimm dieſen Ring und bewahre ihn gut! Er ſchuͤtzt dich vor 


dem Zorn des Alten, denn alles, was vorher geſchehen, wird 
er durch des Ringes Kraft vergeſſen, auch wird er dich nicht 


mehr eingeſchloſſen halten. Nun, Liebſte, nimm noch dieſes 
Schwert und halte es gut verwahrt! Denn keinem andern 
ſoll es gehören, als unſerem Sohn, wenn er zu Mannesjahren 
erwachſen iſt. Wenn ihr einſt vor meinem Grabmal ſteht, ſo 
gib ihm dies Schwert in die Hand und kuͤnde ihm die Wahr⸗ 
heit, dann wirſt du ſehen, was er tut.“ Da ſie faſt unbekleidet 
war, umhuͤllte er ſie mit einem Prachtgewande, dann befahl 
er ihr zu ſcheiden. Sie ging und nahm Ring und Schwert 
mit ſich, doch noch keine halbe Meile war ſie von der Stadt 
des Ritters entfernt, da hoͤrte ſie die Glocken dumpf erklingen 
und die Burg von Klagen widerhallen: da wußte ſie, daß ihr 
Freund verſchieden war. Klagend taſtete ſie ſich mit der Hand 
durch das Felſentor und kam zu ihrem Manne zuruͤck, der ſie 


148 


von nun an in Frieden leben ließ: vergeſſen war, was fich 
begeben hatte, und kein ſcheltend Wort ſprach er mehr zu ihr, 
unbewacht blieb ſie fuͤrderhin. 

Ein Sohn war ihrer Liebe Frucht, der wuchs wohlbehuͤtet 
auf; Yonec hieß er, und im ganzen Lande kam ihm kein 


anderer Jungherr gleich. Er war ſchoͤn, kuͤhn im Streite und 


mild bis zur Verſchwendung. Als er zum Manne empor⸗ 
gewachſen war, erhielt er den Ritterſchlag. Einſt wurde das 
Feſt St. Aarons zu Caerleon begangen, da traf bei dem alten 
Ritter wie gewoͤhnlich die Ladung ein, mit ſeinen Freunden 
und Vaſallen zum Feſte zu erſcheinen. In praͤchtigem Aufzug 
fuhr er mit Weib und Sohn zum Koͤnigshof. Auf wohl⸗ 
bekannten Pfaden ritten ſie, und ein Knabe wies ihnen den 
Weg. Nachts gelangten ſie zu einem Schloß, dem keines auf 
Erden an Pracht glich. Ein ſchoͤnes Muͤnſter war darin, in 
welchem fromme Kloſterherren dienten; hier wurden die 
Reiſenden beherbergt. Der Abt lud ſie zu ſich und bewirtete 
ſie, und am anderen Morgen wollten ſie gleich nach der Meſſe 
weiterreiten. Doch der Abt bat ſie, zunaͤchſt das Kloſter zu 
beſichtigen, und ſie konnten ihm ſeine Bitte nicht abſchlagen. 
Der Abt geleitete ſie in den Kapitelſaal. Da ragte ein hohes 
Grabmal von ſeidenen Prachtgeweben umwallt, zwanzig 
Leuchter brannten im Kreiſe und gluͤhten in reinſtem Goldes⸗ 
glanz. Amethyſtene Rauchfaͤſſer durchwuͤrzten Tag und Nacht 
die Luft an dieſem wunderbaren Monument. Die Gaͤſte woll⸗ 
ten Kunde haben, wer hier ſo prunkvoll begraben liege und 
fragten die Kloſterleute nach der Bedeutung dieſes Pompes. 
Da weinten alle in der Runde und ſprachen unter Traͤnen: 
„Hier liegt ein hochberuͤhmter Held, der ſtaͤrkſte und beſte, den 
die Welt geſehen. Er war Koͤnig dieſes Landes und fand in 
Caerwent um eine Frau den Tod. Noch ſteht ſein Thron ver⸗ 
waiſt, denn er befahl uns, ſeinen Sohn, den ihm die fremde 
Frau gebar, zu waͤhlen, und ſein harren wir ſeit langer Zeit.“ 
Da ſchrie die Frau vor Schmerz auf und wandte ſich an 
Donec: „Haft du's gehört, mein Sohn? Gott ſchickte uns hier⸗ 
her. Es iſt dein Vater, der hier ruht. Er ſtarb von dieſes 


149 


E 


Alten Zorn. Nimm hier dies gute Schwert, das ich dir lange 
aufbewahrte!“ Nachdem ſie alles getreulich erzaͤhlt hatte, wie 
ſie mit dem Ritter ſich vereinigt hatte, wie er kam und wie 
er ſchied, und wie der Alte ihn ermordet hatte, da ſank ſie im 
Schmerz auf das Grab, und ihr Mund verſtummte fuͤr ewig. 
Als Yonec ſah, daß fie tot war, hieb er mit einem Schwert⸗ 
ſtreich dem Alten den Kopf vom Rumpfe und raͤchte mit 
dieſem Schlag feiner Eltern Tod. Da wurde Yonec als König 
des Landes auf den Thron erhoben, die Leiche der Frau aber 


wurde in einem praͤchtigen Sarge neben ihrem Liebſten ber 


ſtattet. Gott wolle ihren Seelen gnädig fein! 


Frene 

inſt wohnten im Bretonenland zwei nitterliche Nach⸗ 

barn, welche beide vermaͤhlt waren, und dem einen 
dieſer Herrn gebar ſein Weib Zwillinge. Der Vater 
ließ alsbald dieſe frohe Kunde ſeinem Freunde und Nachbarn 
zukommen und bat ihn, Pate des Soͤhnleins zu werden. Der 
Ritter ſaß gerade bei der Tafel, als der Bote kam, um ſich des 
Auftrags ſeines Herrn zu entledigen. Der Graf dankte dem 
Boten und ſchenkte ihm ein Roß als Botenlohn; ſeine Gattin 
aber, welche ein falſches und neidiſches Weib war, laͤchelte 
ſpoͤttiſch und ſprach: „Bei Gott, mich wundert, daß der gute 
Mann Euch Botſchaft ſendet, wie ſein Haus beſchimpft wurde. 
Weiß doch jedermann, daß ein Weib, welches ſeinem Manne 
die Treue hält, niemals Zwillinge gebaͤrt.“ Zwar tadelte ihr 
Mann ihre unuͤberlegten Worte, doch die Rede wurde von 
vielen gehoͤrt und weit im Bretonenlande verbreitet; auch der 
Ritter, dem die Zwillinge geboren waren, erfuhr davon, er 
faßte Argwohn gegen ſein Weib und hielt ſie ſeitdem in 
ſtrengem Gewahrſam. 

Auch fuͤr die, welche das ſchlimme Wort geſprochen hatte, 
kam alsbald die Stunde der Entbindung, und es geſchah, daß 
ſie zweier Maͤgdlein genas. Da jammerte ſie und rief: 
„Wehe! Mein Hochmut kommt zu tiefem Fall! Wie ſoll mein 
Herr von meiner Ehre denken, da ich ſagte, daß eine Frau 


150 


! 


niemals Zwillinge gebären könne, die nicht Untreue gegen 
ihren Gemahl beging. Nun kehrt mein Wort auf mich ſelbſt 
zuruͤck. Soll ich nicht ewig geſchaͤndet ſein, ſo muß eines der 
Kinder ſterben, lieber will ich am juͤngſten Tage den Mord 
buͤßen, als daß ich hienieden Hohn und Schimpf trage!“ Die 
Lieblingszofe der Dame aber ſprach zu ihr: „Wollt Ihr mir 
eines der Kinder geben, ſo will ich Euch von der Laſt befreien, 
niemand ſoll Euch ſchmaͤhen und nie ſollt Ihr Euer Kind 
wiederſehen; ich will es vor einem Muͤnſter ausſetzen, dort 
mag es ein wackerer Mann finden und aufziehen.“ Darauf 
huͤllten ſie das Kind in Linnen und ſchoben es in einen koſt⸗ 
baren tuͤrkiſchen Teppich; die Mutter aber knuͤpfte ihm einen 
edelſteingeſchmuͤckten Goldreif um den Arm, damit ſeine edle 
Herkunft offenbar wuͤrde. Als die Welt in tiefer Nacht lag, 
eilte die Zofe in die naͤchſte Stadt, und unfern des Tores ge⸗ 
wahrte ſie die Kirche eines Frauenkloſters. Dorthin eilte ſie, 
legte das Kind in das Laub einer Eſche, die das Tor uͤber⸗ 
ſchattete und ſtellte es der Hut Gottes anheim. Als die Zeit 
der Fruͤhmeſſe gekommen war, erhob ſich der Pfoͤrtner, ent⸗ 
zuͤndete die Lampen und zog den Glockenſtrang. Dann oͤff⸗ 
nete er das Tor und gewahrte einen bunten Schimmer im 
Eſchenlaub, er taſtete hin und fand das Maͤgdlein. Eilends 
trug er den Fund ſeiner Tochter zu, deren Gatte juͤngſt ver⸗ 
ſtorben war, und die einen Saͤugling ernaͤhrte. Dieſe behielt 
das Kind und pflegte und wartete es, aber an Ring und 
Teppich ſahen ſie, daß es von edler Art war. Die Abtiſſin 
ſelber trug das Maͤgdlein, das ſie als Nichte annahm, zur 
Taufe, und da man es unter einer Eſche gefunden hatte, ſo 


nannte man es Frene.t Das Kind wuchs im Kloſter auf und 


wurde lieblich von Angeſicht und Gebaͤrden, wohlgeſtaltet und 
rein von Sitten, und wer die Jungfrau erblickte, nannte ſie 
den Preis der Frauen. 

In der Stadt Dol lebte ein tapferer Ritter mit Namen 
Gurun. Dieſer vernahm vom Lobe Frenens, und heiße 
Sehnſucht befiehl ihn. Als er einft von einem Turnier zurüd- 
1 altfranzoͤſiſch fraisne, „Eiche“ | u 


151 


kehrte, flieg er bei der Abtiſſin ab und ließ ſich die Viel⸗ 
geprieſene zeigen. Er fand ſie ſo ſchoͤn und klug, daß er 
glaubte, vergehen zu muͤſſen, wenn er nicht ihre Huld er⸗ 
werben koͤnne. Er ſchenkte dem Kloſter Laͤndereien und er⸗ 
warb ſich dadurch das Recht, haͤufiger dort einzukehren. 
Schließlich gelang es ihm, die Scheu der Jungfrau zu beſiegen 
und er ſprach zu ihr: „Glaubſt du dem Zorn der Abtiſſin zu 
entrinnen, wenn fie erfährt, daß wir uns lieben? Folge 
meinem Wort und flieh bei Zeiten mit mir! Gott weiß, daß 
ich dich nicht beruͤcken will, ſondern dich lieben und treu be⸗ 
ſorgen.“ Sie folgte ihm ohne Widerſtreben, und ſie flohen 
nach ſeinem Schloß; nur den Teppich und den Ring, ihre 
einzige Habe, nahm ſie mit. Der Ritter liebte ſie und hing an 
ihr mit Seele und Leib, und das Hausgeſinde ehrte ſie, weil 
ſie auch mit dem Geringſten freundlich war. Die Vaſallen 
aber hofften ſchon lange auf einen Erben ihres Herrn, der 
einſt nach ihm Zucht und Recht bewahren und ſein erlauchtes 
Geſchlecht erhalten ſollte, ſie hielten ihm vor, daß es ihm uͤbel 
ausgelegt werden wuͤrde, wenn er um ſeines Liebchens willen 
keinen rechtmaͤßigen Erben zeugen wolle und drohten ihm, ſie 
hielten ſich aller Pflicht fuͤr ledig, wenn er ſich dem Willen des 
Landes widerſetze. Der Ritter mußte ſich alſo fuͤgen. „So 
ratet,“ ſprach er, „welche ich nehmen ſoll!“ „Herr,“ antwor⸗ 
teten die Vaſallen, „wir ſprachen ſchon mit einem maͤchtigen 
Grafen, der ein Toͤchterlein zur alleinigen Erbin hat. Ihr 
Name iſt Coudre / und keine ſchoͤnere lebt im ganzen Lande. 
Laßt die Eſche ſtehen und nehmt der Haſel guten Kern, nie 
hat eine Eſche Frucht getragen.“ Die Sache wurde durch die 
Vaſallen ausgemacht, man draͤngte die arme Frene zur Seite, 
um der reichen Erbin Platz zu machen. Die treue Maid 
murrte nicht, ſtill diente ſie dem Geliebten weiter und ehrte 
ſein Volk mit Gruß und Wort. Das Geſinde aber graͤmte ſich, 
daß es die huldreiche Herrin verlieren ſollte. Der Hochzeitstag 
wurde mit Pracht geruͤſtet, und es gab prunkvolle Feſte und 
große Luſtbarkeit. Frene ging geſchaͤftig hin und her; wenn 
1 altfranzoͤſiſch coldre, „Haſel“ | 


152 


auch weinend in ſtummer Pein, zeigte fie doch nach außen 
weder Gram noch Groll und diente den Gaͤſten mit Sorgfalt. 
Dieſe hatten Mitleid mit dem Fraͤulein, und ſelbſt die Mutter 
der Braut, die gefuͤrchtet hatte, der Ritter moͤchte es ihret⸗ 
wegen ſeinem Weibe gegenuͤber an der rechten Liebe fehlen 
laſſen, lobte ihr Tun im ſtillen und fuͤhlte Erbarmen mit ihr: 
„Ach, daß um meines Kindes willen dich Arme das Gluͤck 
fliehen muß! Wuͤßt ich doch Rat, ich huͤlf dir gern!“ Abends 
ging Frene ins Schlafgemach, um dem jungen Paar das 
Hochzeitsbett zu ruͤſten. Sie warf den Mantel ab und wies 
dem Kaͤmmerer, wie es ihr Herr am liebſten haͤtte. Als die 
Decke uͤbergezogen werden ſollte, ſah ſie, daß dieſelbe alt und 
verblichen war, geſchwind lief ſie daher zu ihrem Schrein, 
holte ihren Teppich und breitete ihn uͤber des Brautlagers 
Kiſſen. Nachdem der Erzbiſchof die Staͤtte geweiht hatte, trat 
die Mutter mit der Braut ein, um ihre Tochter ins Hochzeits⸗ 
lager zu betten. Da bemerkte die Frau den bunten Teppich, 
der vom Lager niederwallte, und erkannte den Stoff, in den 
ſie einſt ihr Kind gewickelt hatte. Reue und Gram ergriff ſie, 
und ſie fragte den Kaͤmmerling: „Sag mir bei deiner Treue, 
woher kommt dieſer Teppich?“ „Das Fraͤulein,“ erwiderte 
jener, „hat ihn mitgebracht, ihm wird er gehoͤren.“ Die Dame 
rief nun Frene, und dieſe nahte ihr beſcheiden und legte hoͤf⸗ 
lich den Mantel ab. Die Dame fragte ſie haſtig: „Verhehlt 
mir nichts, mein Kind! Woher iſt dieſer Teppich?“ Darauf 
entgegnete das Fraͤulein: „Herrin, meine Muhme, die mich 
in jungen Jahren aufzog, gab ihn mir. Sie ſprach, ich ſolle 
ihn treu bewahren, ebenſo wie ein Ringlein, das mir von 
denen, die mich zu ihr ſandten, mitgegeben wurde.“ „Kann 
ich den Ring ſehen, Kind?“ Schnell war ſie mit dem Reif⸗ 
lein wieder da, und als die Frau das Kleinod erblickte, da war 
ihr letzter Zweifel geſchwunden: „So ſag ich's denn, und alle 
Welt mag es vernehmen: du biſt mein Kind, das ich verlor!“ 
Vor Freude ſchwanden ihr die Sinne, und als ſie wieder zu 
ſich kam, ſchickte ſie ſogleich nach ihrem Herrn. Sie fiel ihm 
zu Fuͤßen und rief, indem ſie ſeine Knie umklammert hielt: 


153 


„ Vergebt mir, Herr, was ich verbrach!“ Er wußte den Sinn 
ihrer Worte nicht zu deuten: „Was ſoll das, liebe Fran? Wir 
lebten immer friedlich! So ſagt mir doch, was Euch bedruͤckt, 
ich vergebe es Euch im voraus!“ „Da Ihr meine Suͤnde ver⸗ 
ziehen habt, ſo will ich Euch alles verkuͤnden!“ Und ſie er⸗ 
zaͤhlte ihm ihre Miſſetat und ſchloß mit den Worten: „Hier 
ſeht Ihr Ring und Teppich liegen; wißt, daß ich mein Kind 
wiederfand, das meine Torheit einſt dem Elend uͤberließ. 
Hier ſteht ſie vor Euch, die arme Maid, getreu wie Gold, die 
von dem Ritter, der heute ihre Schweſter gefreit hat, in 
großen Kummer kam.“ Der Vater ſprach: „Kein Freuden⸗ 
tag kam dieſem gleich, der uns aufs neue dies Kind beſcherte, 
bevor wir unſere Schuld verdoppelten. Komm, Tochter!“ 
Da ward ihr Antlitz vor Seligkeit rot, und der Vater und der 
Erzbiſchof geleiteten ſie zu Herrn Gurun, der ſich aus Herzens⸗ 
grunde uͤber dieſe Nachricht freute. Der Erzbiſchof aber ſchied 
die Neuvermaͤhlten, und Herrn Gurun ward ſein treues Lieb 
zum Weib gegeben, der der Vater die Haͤlfte ſeines Gutes 
ſchenkte. Er und die Mutter blieben zur Hochzeit, und auf 
dem Heimweg ritt Coudre wieder mit ihnen, der ein vor⸗ 
nehmer Nachbar als Gatte erwaͤhlt wurde. 


Eliduc 


Ä in Ritter von edlem Sinne, namens Eliduc, lebte einft 
in der Bretagne, der hatte ſich Guildeluec zur Gattin 
auserwaͤhlt, ein Weib von hohem Stamme, und beide 

lebten lange Zeit zufrieden und in treuer Liebe. Der Held 
ſtand im Dienſte des Bretonenkoͤnigs und erwarb ſich vor 
allen andern des Herren Gunſt und Wohlgefallen. Dadurch 
zog er ſich die Mißgunſt der Neider zu, die Tag und Nacht 
dem Koͤnig anlagen, bis ſie ſein Ohr gewannen. Der Koͤnig 
befahl ihm ploͤtzlich, von nun an ſeinen Hof zu meiden und 
blieb taub gegen ſeine Bitten, den Verleumdern keinen Glau⸗ 
ben zu ſchenken. Da wußte Herr Eliduc, daß ſeine Zeit um 
war und ritt gedankenvoll nach Hauſe. Er berief ſeine 
Freunde und tat ihnen kund, wie ihn unverſchuldete Ungnade 


154 


getroffen habe. Darauf vertraute er fein Eheweib den Ge⸗ 
ſippen an und bat ſie, dieſelbe treu zu bewahren. Als es aber 
zum letzten Abſchied kam, brach die Frau in laute Klagen aus. 
Er troͤſtete ſie und ſchwur ihr mit heiligen Eiden, er wolle ihr 
niemals die Treue brechen; dann ſetzte er mit wenigen Be⸗ 
gleitern uͤber das Meer und landete zu Totney an der eng⸗ 
liſchen Kuͤſte. 

Um dieſe Zeit wurde England von mehreren Königen 
regiert, die untereinander in ſtaͤndigem Streite lagen. In 
Exeter ſaß ein ſtolzer Herrſcher, der nur ein Toͤchterlein ſein 
eigen nannte, um dieſe hatte ein Nachbar geworben und war 
abgewieſen worden. Aus dieſem Grunde war er mit Heeres⸗ 
macht eingebrochen und verwuͤſtete das Reich des Alten. Zu 
dieſem König kam Herr Eliduc und bot ihm feine Dienſte an. 
Der Herrſcher nahm ihn ehrenvoll auf und wies ihm Herberge 
bei einem reichen Buͤrger an. Der Ritter gab große Feſte 
und ſchaͤrfte ſeinen Mannen ein, daß ſie vierzig Tage lang kein 
Geld und keine Zehrung annehmen ſollten. Noch war der 
Held keine drei Tage in der Stadt Exeter, da erhob ſich ein 
Geſchrei: „Der Feind! Schon fuͤllen ſeine Scharen ringsum 
das weite Land, ſchon ruͤckt er gegen die Burgſtadt vor und 
wird noch heute unſere Mauern berennen!“ Herr Eliduc 
wappnete ſich und ſammelte den geringen Reſt von Kaͤmp⸗ 
fern, die noch zur Verteidigung uͤbriggeblieben waren; mit 
dieſen verbarg er ſich in einem Hohlwege und uͤberfiel den 
Feind, als er von einem Pluͤnderungszuge heimkehrte. Die 
Schar der Gegner wurde zerſprengt, und es wurden mehr 
Gefangene gemacht, als ihr eigenes Haͤuflein ſtark war. Der 
Koͤnig ſah den Trupp mit Beute beladen zuruͤckkommen, ein 
Knappe ſprengte voraus und ruͤhmte, wie der fremde Held 
des Feindes Macht gebrochen habe. Erfreut dankte der Koͤnig 
dem Degen, der aber lieferte ihm die Gefangenen aus und 
verteilte die Beute unter ſeine Begleiter. Von nun an tat 
der Herrſcher ihm vielerlei Ehren an und hielt ihn ſamt ſeinem 
Gefolge ein ganzes Jahr zu Gaſt. 

Von dieſen ritterlichen Taten erfuhr die ſchoͤne Guilljadun, 


165 


die Koͤnigstochter. Da fie aus aller Munde Elidues Lob Härte, 
ließ ſie die Neugier nicht ruhen: ſie ſandte ihm ihren Kaͤm⸗ 
merer, um ihn in ihr Gemach zu bitten. Eliduc begab ſich 


eilends zu dem Koͤnigskind und redete in zierlichen Worten 


zu ihr. Sie fuͤhrte ihn zum Rande des Lagers, und waͤhrend 
er von mancherlei Dingen plauderte, ſah ſie ihn ſchweigend 
an und fand ihn ohne Fehl und Tadel. In ihre Sinne fiel 
der Machtſpruch der Liebe: „Den liebe du und keinen mehr!“ 
und ſie ward blaß und ſeufzte. Nach einer Weile nahm er 
Urlaub von ihr, und ſie wagte ihn nicht zu halten, noch ihm 
ihre Liebe zu zeigen. 

Eliduc kehrte zwieſpaͤltigen Herzens in ſeine Herberge zu⸗ 
ruͤck: wohl ſtrebte ſein Herz zu der Koͤnigstochter hin, die ihn 
ſo huldreich empfangen hatte, und es reute ihn, daß er ſchon 
ſo manchen Tag in ihres Vaters Land geweſen war, ohne ſie 
zu ſehen, dann aber faßte ihn wieder Scham, da er der Gattin 
gedachte, der er beim Scheiden Treue geſchworen hatte. Das 
Koͤnigskind aber dachte nur mehr an ihn und lag die ganze 
Nacht, ohne Schlaf zu finden. Als das Morgenrot daͤmmerte, 
rief ſie ihren Kaͤmmerer und klagte ihm ihr Leid. „Raubt er 
Euch ſo die Ruhe,“ erwiderte der treue Mann, „ſo ſendet ihm 
eine Botſchaft und ein Geſchenk. Freut Euer Gruß den edlen 
Herrn und nimmt er Eure Gabe an, ſo zweifelt nicht, daß er 
Euch liebt.“ Der Rat gefiel der Jungfrau, und ſie gab dem 
Kämmerer einen Ring und einen Gürtel, um ihn Herrn Eli: 
duc mit tauſend Gruͤßen zu uͤberbringen. Indes ſie noch angſt⸗ 
beklommen harrte, kehrte der Bote zuruͤck. „Ich brachte ihm, 
wie es Euer Wille war, Geſchenk und Gruͤße. Er nahm den 
Gurt und ſchlang ihn ſchweigend um die Huͤften, das Ring⸗ 
lein ſteckte er ſogleich an den Finger, doch weiter ſprachen wir 
kein Wort.“ Nun wußte ſie nicht mehr als zuvor, und ſie be⸗ 
ſchloß, ihm ſelber ihre Liebe zu geſtehen. 

Eliducs Sinn ſchwankte zwiſchen der Gattin, der er Treue 
ſchwur, und der Koͤnigstochter, die ſein Herz gefangen hielt, 
und ruhelos ſprengte er zum Schloſſe, um die Geliebte zu 
ſchauen. Der Koͤnig ſaß gerade mit einem fremden Herrn 


156 


beim Schach, und Guilljadun ſchaute dem Spiele zu. Als der 
Ritter eintrat, ſprach der Vater: „Kommt dieſem edlen Herrn 
mit Huld und Hoͤflichkeit entgegen, Tochter, es leben wenig, 
die ihm gleichen.“ Ihr Herz lachte bei dieſen Worten und ſie 
fuͤhrte den Ritter abſeits. Sie ſaßen ſtumm beiſammen mit 
gluͤhenden Herzen und blitzenden Augen, ſie fuͤrchtete ſich, ihn 
anzureden, und er wagte nicht das Schweigen zu brechen. 
Endlich begann er, ihr fuͤr ihr Geſchenk zu danken: „Nie ward 
mir holdere Gabe,“ ſagte er, „als die, welche ich von Eurer 
Hand gewann.“ Da erroͤtete ſie und ſprach: „Ich ſandte Euch 
den Ring, weil all mein Sinnen nach Euch ſteht, Euch den. 
Guͤrtel, weil mein Leben in Eurer Macht iſt; ich liebe Euch 
allein auf Erden, Ihr ſollt mein Herr und Gatte ſein, und 
kann ich Euch nicht gehoͤren, ſo ſoll mein kein andrer Mann 
genießen!“ Er antwortete verwirrt: „Eure Liebe begluͤckt 
mich, ſuͤße Maid! Doch ſtehe ich in Eures Vaters Sold und 
ſchwur ihm nicht zu ſcheiden, bis ſeine Feinde uͤberwunden 
ſind. Iſt dies geſchehen, ſo kehre ich in mein Land zuruͤck.“ 
Sie ſagte, ſie ergebe ſich und ihre Zukunft vertrauensvoll in 
ſeine Haͤnde, und ſie gaben einander ihr Wort und legten ihre 
Hände ineinander. Von nun ab kam Herr Eliduc oft, um dem 
Maͤgdlein zu dienen, doch ihrer Herzen Bund blieb rein von 
kuͤhneren Wuͤnſchen. 

Herr Eliduc hatte alle Gegner des Koͤnigs unterworfen und 
das ganze Land befreit, und man pries allerwaͤrts ſeine Klug⸗ 
heit und ſeine Freigebigkeit. Da erſchienen eines Tages 
Boten des Bretonenkoͤnigs. In deſſen Land war der Feind 
eingefallen, und es reute ihn, daß er feinen beſten Mann ver⸗ 
loren hatte, dadurch daß er Verleumdern Gehoͤr ſchenkte. Er 
hatte die Verraͤter mit Schimpf vom Hof verjagt und be⸗ 
ſchwur ihn nun in ſeiner Not, bei ſeinem einſtigen Lehenseid, 
ihm beizuſtehen. Herr Eliduc vernahm die Botſchaft und 
graͤmte ſich gar ſehr um ſein Lieb, doch die Geſchenke und 
Verſprechungen des engliſchen Koͤnigs vermochten ihn nicht 
zuruͤckzuhalten, denn ſeine Ehre verlangte es, daß er ſeinem 
bedraͤngten Lehnsherrn zu Hilfe eile. Doch verſprach er 


157 


wiederzukommen, fobald der König feiner Hilfe beduͤrfe. 
Nachdem ihm dieſer reiche Geſchenke gegeben hatte, bat der 
Ritter, von der Koͤnigstochter Abſchied nehmen zu duͤrfen, 
was der Vater gern gewaͤhrte. Kaum hatte die Jungfrau die 
Botſchaft erfahren, als ihre Wangen verblichen und ſie ohn⸗ 
maͤchtig zu Boden ſank. Er neigte ſich zu ihr und hielt ſie um⸗ 
ſchlungen, bis ſie wieder zu ſich kam. „Um Gottes willen, 
ſuͤßes Lieb, hoͤre meine Worte geduldig an! Fort muß ich in 
mein Heimatland, ſchon gab mir dein Vater Urlaub, ſo ſag 
nun du mir deinen Willen!“ „Bleibſt du nicht hier,“ erwiderte 
das Fraͤulein, „ſo nimm mich mit dir! Und tuſt du das nicht, 
ſo toͤte ich mich!“ Er mahnte ſie ſanft: „Noch ſtehe ich in des 
Koͤnigs Pflicht und braͤche frevelnd meine Treue, wenn ich 
ſeine Tochter rauben wollte. Doch ſage mir, wann ich wieder⸗ 
kehren ſoll. Keine Macht der Welt wird mich daran hindern, 
an dein Herz zu eilen.“ Sie nannte ihm den Tag, da ſie ſeiner 
warten wollte, dann tauſchten ſie Goldringe und kuͤßten ein⸗ 
ander zaͤrtlich zum Abſchied. | 

Die treue Guildeluec empfing ihren Gatten zärtlich, doch 
er ging ſorgenvoll einher und zählte die Tage, die ihn vom 
Anblick der Liebſten trennten, er ſchloß ſich ab und ſuchte die 
Einſamkeit. Seine Frau wußte nicht, wie ihm geſchehen ſei 
und fragte ihn, ob Verleumder ihn an ihrer Treue zweifeln 
gemacht haͤtten. Er entſchuldigte ſich mit ſeinen Lehnsmann⸗ 
pflichten und zog in den Kampf. Als der Feind zurüdg edrängt 
und der Friede geſchloſſen war, beſtieg er ſogleich ein Schiff 
und kehrte nach England zuruͤck. 

In einem entlegenen Hauſe ſtieg er unerkannt ab und 
ſandte feinen Kämmerer zur Königstochter: „Sag ihr, daß, 
wenn der Tag zu Ende geht, ſie ſich mit dir aus den Toren 
ſchleichen ſoll. Dann eile ich ihr auf geheimen Pfaden mit 
offenen Armen entgegen.“ Der Kaͤmmerer fand bei dem 
Fraͤulein Zutritt und raunte ihr ſeine Botſchaft ins Ohr. Sie 
erſchrak vor Freude und weinte, als aber die Nacht herein⸗ 
gebrochen war, entwich ſie heimlich. Ihr ſeidenes, goldgeſtick⸗ 
tes Gewand umhuͤllte fie mit einem Maͤntelein und klam⸗ 


158 


ee ee rn at — za 


merte ſich aͤngſtlich an die Hand des Fuͤhrers. Vor einem 
Forſte erwartete ſie der Held; froͤhlich hob er ſie auf ſein Roß, 
ſchwang ſich dann ſelber in den Sattel und ſprengte zum Hafen. 
Schon daͤmmerte vor ihren Blicken die bretoniſche Kuͤſte 
auf, da kam ein Sturm herangeflogen, die Segel riſſen und 
es ſplitterte der Maſt. Das Schiff ſchwankte, und der Tod 
drohte ihnen im Sturmesgrimm. Ploͤtzlich rief der Schiffs⸗ 
junge: „Herr, was nuͤtzt unſer Beten? Werft die in die wilde 
See, die Ihr in Euren Armen hegt, Ihr, der Ihr daheim ein 
Eheweib habt, und ſogleich wird ſich das Unwetter legen.“ 
Als die Koͤnigstochter das Schreckenswort vernahm, daß ihr 
Freund vermaͤhlt ſei, da fiel ſie leblos auf ihr Angeſicht. Er 
ſchrie in wildem Schmerz auf, ſchlug den frechen Schwaͤtzer 
mit einem Ruder zu Boden, ergriff dann mit ſtarker Hand 
das Steuer und lenkte das Schiff in den Hafen. 

An abgelegenem Orte, mitten im wilden Tannenwald, lag 
eine kleine Kapelle, die ſich ein Klausner einſt erbaut hatte. 
Herr Elivuc legte die tote Maid vor ſich aufs Roß und ritt 
langſam und leidbeſchwert in den dunklen Tann. Seine Be⸗ 
gleiter wollten ein Grab ſchaufeln, doch er bat ſie, die Leiche 
auf des Altars Stufen zu betten. Da legten ſie die Jungfrau 
auf ein Lager von weichen Teppichen, noch einmal kuͤßte ſie 
der Ritter und ſprach: „Weh, Lieb, daß du mich je erblickteſt! 
Du warſt zur Koͤnigin beſtimmt, wenn nicht dein Herz ſo treu 
geweſen waͤre, dies Herz, das ſo ganz mein eigen war. Weh, 
daß du ſo arglos mir vertrauteſt! Nie wieder will ich Waffen 
tragen, ſondern mich in eine Moͤnchskutte kleiden, damit deine 
Gruft taͤglich von meinen Klagen widerhalle!“ Dann befahl 
er ſein treues Lieb dem Herrn und ſeiner Engel Scharen und 
ritt heim auf ſein Schloß, wo ihn ſein Weib liebevoll empfing. 
Er aber laͤchelte hinfort nicht mehr, noch kam ein freundlich 
Wort über feine Lippen. Alltaͤglich nach der Meſſe wanderte 
er weit durch den gruͤnen Forſt zum Kirchlein, in welchem 
ſeine Liebſte ruhte. Und wunderbar! Wenn auch kein Atem 
ihren Buſen hob, ſo blieb ihre Haut doch weiß und roſig. 
Lange weinte und betete er uͤber ihr, dann wendete er ſeine 


159 


N . 


Schritte wieder heimwaͤrts. Der Gattin fielen feine heim: 
lichen Gaͤnge auf, und ſie ſandte ihm einen Spaͤher nach. Der 
ſah, wie Herr Eliduc in die Kapelle trat und drinnen weinte 
und betete. Als die Frau die ſeltſame Maͤr erfuhr, ſprach ſie: 
„Heute gedenkt mein Herr an den Koͤnigshof zu reiten. Wir 
wollen gehen und ſelber Nachſchau halten, was ihn in der 
Kapelle feſſelt. Ich glaube nicht, daß er um den alten Klaus⸗ 
ner, der dort begraben liegt, ſolchen Schmerz im Herzen 
traͤgt.“ Mit ihrem Diener ritt die Frau durch den Hag. Sie 
trat in die oͤde Zelle und ſah auf des Altars Stufen die Jung⸗ 
frau liegen, die einer friſchen Roſe glich. Sie hob das Tuch, 
das ſie umwallte, auf und ſchaute den ſchlanken Leib und die 
weißen Haͤnde. Nun wußte ſie, warum ihr Herr ſo traurig 
war. Sie zeigte dem Burſchen das Wunderbild: „Sieh, wie 
ſie daliegt, ein Juwel von lichter Schoͤnheit! Das iſt die 
Liebſte meines Herrn. Sie war ſo hold, nun wundert's mich 
nicht mehr, daß ihm alle Freude fernbleibt. Aber auch ich 
muß klagen vor Mitleid und Liebe, denn aus meinem Leben 
entſchwand das Gluͤck!“ Waͤhrend die Frau ſo ſprach, ſiehe, 
da ſchluͤpfte ein Wieſel aus ſeinem Bau und huſchte uͤber die 
Tote. Der Knabe aber erſchlug das Tierlein mit ſeinem 
Stecken und warf es vor die Tuͤr. Da kam das Weibchen des 
Wieſels, lief um ſeinen Kopf, beſchnuͤffelte es und zupfte an 
ſeiner Pfote, als es aber ſah, daß das Maͤnnlein tot ſei, lief 
es alsbald in den Tann und brach mit ſeinen Zaͤhnen ein 
purpurrotes Bluͤmlein ab. Dieſes legte es in das Schnaͤuz⸗ 
lein des toten Tieres, worauf ſich dieſes ſogleich erhob und 
lebend und geſund davonſprang. Hurtig jagte der Knabe dem 
Tier die Blume ab, und die Frau ſchob dieſelbe mit ihrer 
zarten Hand der Jungfrau durch die Lippen. Nach kurzer 
Friſt hub die Maid zu ſeufzen an, blickte um ſich und ſprach 
leiſe: „Mein Gott, wie lange habe ich geſchlafen!“ Als die 
Frau dies Wunder ſah, dankte ſie Gott und bat die Jungfrau, 
ihr ihr Schickſal zu erzaͤhlen. Nachdem ſie alles erfahren hatte, 


fuͤhrte ſie troͤſtend das Koͤnigskind aus dem Walde und brachte 


es heim auf ihr Schloß. 
160 


Zur Nachtzeit kam Herr Eliduc nach Haufe, und als er fein 
holdes Lieb geſund wieder fand, da war ihm Luſt und Leben 
zuruͤckgegeben; er beugte ſich zu der Jungfrau, um ſie zu 
kuͤſſen, und ſie hing ſich an ihn und kuͤßte ihn wieder. Als die 
Hausfrau das ſtille Gluͤck der beiden ſah, ging ſie ganz leiſe 
aus dem Gemach, ließ ihr Roß ſatteln und ritt davon. Herr 
Eliduc vermaͤhlte ſich, da ſeine Gemahlin den Schleier ge⸗ 
nommen hatte, mit der Koͤnigstochter, aber nachdem ſie 
einige Jahre in treuer Liebe gelebt hatten, entſagten ſie der 
Welt und traten in ein Kloſter. Frau Guildeluec nahm die 
junge Frau wie eine Schweſter auf, und ſie beteten beide fuͤr 
die Seele Herrn Eliducs, der viel gefehlt und viel e 
hatte. 


16. Die Herzmaͤre 

8 waͤre zu weitlaͤufig, wenn wir erzählen wollten, wie 

der Burggraf von Coucy für die ſchoͤne Herrin von 

Fayel entbrannte, wie er ſich ihr naͤherte und Er⸗ 
hoͤrung fand, wie dann eine neidiſche Spaͤherin den Verdacht 
ihres Gatten erweckte, und wie dieſer vor Eiferſucht faſt ver⸗ 
ging, ohne jedoch eine greifbare Spur in die Hand zu be⸗ 
kommen. Eines Tages ſagte der Herr von Fayel zu feiner 
Gattin, er ſei geſonnen, eine Fahrt ins heilige Land anzu⸗ 
treten, bei welcher ſie ihn begleiten ſolle. Sie antwortete zu⸗ 
ſtimmend, um keinen Verdacht zu erwecken, doch im Innern 
war ſie voll Unruhe. Was tat ſie? Als reiſenden Kraͤmer 
verkleidet ließ ſie ihren Geliebten auf ihre Burg kommen und 
hatte auf dieſe Art Gelegenheit, ihm die Plaͤne ihres Mannes 
und die Sorgen ihrer Liebe mitzuteilen. Der Kaſtellan tröftete 
ſie und verſprach, er wolle ſich gleichfalls am Kreuzzug be⸗ 
teiligen. Kurz darauf weilte er am engliſchen Hofe und zeich⸗ 
nete ſich ſo in Turnieren aus, daß Koͤnig Richard ihn bat, er 
moͤge ihn auf der von ihm geplanten Kreuzfahrt begleiten. 
Das war gerade das, was der Burggraf gewuͤnſcht hatte. 

Ein Spielmann aus dem Vermandois, der aus England 


11 Franz. Märchen I 161 


zuruͤckkam, kehrte in Schloß Fayel ein und berichtete, wie 
Richard von England das Kreuz genommen haͤtte und mit 
ihm eine große Anzahl franzoͤſiſcher Ritter, darunter auch 
Renaud von Coucy. Der Schloßherr konnte bei dieſer Nach⸗ 
richt ſeine Freude nicht verbergen, und ſeine Gattin zeigte 
nicht minder große Befriedigung, beide allerdings aus ver⸗ 
ſchiedenen Gruͤnden: die Dame wollte die Reiſe, von der ſie 
weitgehende Gelegenheit zu Zuſammenkuͤnften mit dem Ge⸗ 
liebten erhoffte, beſchleunigt wiſſen, ihr Gemahl dagegen ſah 
ſeine Liſt gelungen. Am Feſte des heiligen Johannes kam ein 
Kardinal in die Gegend. Herr und Frau von Fayel begaben 
ſich in den Gottesdienſt und hoͤrten die Meſſe. Der Kardinal 
predigte das Kreuz, und eine Menge der Zuhoͤrer ſcharte ſich 
um das heilige Zeichen, um ihre Seelen zu retten. Auch die 
Herrin von Fayel erhob ſich, um das Kreuz zu nehmen, aber 
ihr Gatte hielt ſie mit den Worten zuruͤck: „Frau, fuͤr diesmal 
werdet Ihr das Kreuz nicht nehmen, denn ich fuͤhle mich zu 
ſchwach, um die Muͤhen einer ſolchen Fahrt zu tragen.“ Die 
Dame verbarg geſchickt ihr lebhaftes Mißvergnuͤgen; aber als 
ſie daheim war, konnte ſie ihren gewaltigen Schmerz nicht 
mehr bei ſich halten, den ſie daruͤber empfand, daß ſie da⸗ 
bleiben mußte, waͤhrend ihr Geliebter, auf deſſen Kreuzfahrt 
ſie ſelbſt gedraͤngt hatte, in fernen Landen kaͤmpfen wuͤrde. 
Erſt der Gedanke, daß der Freund ſeine Ruͤckkehr unter dieſen 
Umſtaͤnden moͤglichſt beſchleunigen wuͤrde, gab ihr ihre Ruhe 
wieder, und ſie ſandte dem Kaſtellan ein Schreiben, das ihn 
von dem unvorhergeſehenen Ausgang der Sache unterrichten 
ſollte. Bei Empfang dieſes Briefes brach der Burggraf vor 
Gram nieder. So ſehr hatte er ſich in der Hoffnung gewiegt, 
daß ſeine Dame die Reiſe uͤbers Meer mitmachen werde, daß 
er immer um fie fein koͤnne, fie ſprechen dürfe, und nun 
alles aus! Aber bleiben durfte er nicht: der Gatte wuͤrde da⸗ 
durch Verdacht ſchoͤpfen und die Arme erſt recht bewachen, 
und außerdem ſtand ſeine Ehre auf dem Spiel. 

In der Verkleidung eines blinden Bettlers, auf einen Stab 
geſtuͤtzt, wankte er zum letzten Abſchied. Die Dame erwartete 


162 


ihn mit ihrer Zofe, auf einer Steinbank an dem Hinterpfoͤrt⸗ 
chen ſitzend, durch das er fo häufig feine heimlichen Gänge 
getan hatte. Die Zofe fuͤhrte den Ritter in ein Gemach, in 
dem er ſeine Verkleidung ablegte, dann trat er in die Keme⸗ 
nate, wo die Schloßherrin ihn begruͤßte. Sie fuͤhrte ihn zu 
einer mit Teppichen bedeckten Bank, und der Ritter hub an: 
„Gott iſt mein Zeuge, Herrin, daß nichts im Leben mich mehr 
ſchmerzen kann als dieſe Trennung.“ Bei dieſen Worten 
ſanken ſie einander in die Arme, und der Burggraf fuhr fort: 
„Wenn ich der nahen Abfahrt denke, bricht mein Herz. Aber 
wohin ich auch gehe, dies Herz iſt Euer; denn meine einzige 
Luſt wird ſein in fernen Landen, Tag und Nacht von Euch zu 
traͤumen, und die Hoffnung, einmal wieder meinem ſuͤßen 
Lieb zu nahen, wird meine Muskeln ſtaͤhlen. Die Hoffnung 
ſoll mein Troſt ſein, denn ſonſt bleibt mir keiner.“ „Auch fuͤr 
mich,“ antwortete die Dame, „iſt jede Freude tot, denn mein 
Herz reiſt mit Euch weit uͤber Meere und Wuͤſten.“ Der 
Sinne beraubt fiel ſie in die Arme des Kaſtellans, und beide 
ſaßen ſtumm vor Qual, aber dann druͤckte er ſie wieder an 
ſein Herz und bedeckte ſie mit Kuͤſſen. „Herrin,“ ſagte die 
Zofe, „Ihr ſolltet Euren Freund ermutigen, ſtatt deſſen 
nehmt Ihr ihm allen Troſt; das iſt nicht wohlgetan. So bannt 
Euren Gram und blickt wieder ein wenig heiterer!“ Die Frau 
erholte ſich, ſie ſtreifte ihren Ring vom Finger und ſteckte ihn 
dem Ritter an die Hand, dann nahm ſie eine große Schere, 
ſchnitt mehrere Straͤnge ihres Haares ab, huͤllte dieſelben mit 
Sorgfalt ein und gab ſie dem Kaſtellan, welcher ſie als koſt⸗ 
bares Pfand ihrer Zaͤrtlichkeit bis zu ſeiner Ruͤckkehr aufzu⸗ 
bewahren verſprach. Sie blieben zwei Tage beieinander, da 
der Schloßherr in Geſchaͤften abweſend war; aber die Spiele 
der Liebe erfreuten ſie nicht mehr, denn die Stunde der 


Trennung ſtand ſtets vor ihrer Seele. Das Scheiden kam, 


und Renaud von Coucy ritt von Fayel fort, die Bruſt voll 
Qual und Schmerz. 

Einzig von ſeinem Knappen Gobert begleitet, brach er auf, 
denn er wollte nicht von ſeinen Gedanken, die alle ſeiner Ge⸗ 


. 163 


liebten geweiht waren, abgelenkt werden. Schließlich gelang: 
ten die beiden Kreuzfahrer nach Marſeille, wo ſich der eng⸗ 
liſche Koͤnig bereits mit ſeiner ganzen Ritterſchaft aufhielt 
und die letzten Vorbereitungen zur Abreiſe traf. Das Ge⸗ 


ſchwader ging unter Segel, und Gott gab ihm ſo guten Fahr⸗ 


wind, daß die Überfahrt alsbald beendet war. Sie landeten 
in Akko, wo ſie von der Chriſtengemeinde mit offenen Armen 
empfangen wurden, denn ihre Hilfe war dringend noͤtig, be⸗ 
drohte doch die Raſerei der Sarazenen die Stadt mit Not und 
Tod. Alle Kreuzfahrer waren ungeduldig, und beſonders 
Koͤnig Richard brannte darauf, ſeine Tapferkeit mit der des 
Feindes zu meſſen und ſich Ruhm zu erwerben. Das war 
keine leere Prahlerei, denn alsbald verjagte er an der Spitze 
ſeiner Truppen die Sarazenen und verfolgte ſie ſo lange, bis 
ſie ihm zum Kampfe ſtandhielten. In dieſem moͤrderiſchen 
Kampfe zeichnete ſich Renaud von Coucy als wuͤrdiger Strei⸗ 
ter aus. Auf ſeinem Helm trug er zum Andenken an ſeine 
Herrin, der fein Herz gehörte, die in Gold gefaßten Haar: 
ſtraͤhne, deren Anblick den Sarazenen furchtbar wurde. 
Schon war der Burggraf faſt zwei Jahre in Palaͤſtina, als 
eines Tages die Sarazenen Koͤnig Richard in einem Schloß, 
wo er, wie ſie erfahren hatten, der Ruhe pflegte, uͤberfallen 
wollten. Sobald man ihrer anſichtig wurde, ſaß Renaud mit 
mehreren anderen Rittern auf und griff hitzig die verhaßte 
Schar an. Es gelang ihnen, den Feind mit großen Verluſten 
in die Flucht zu ſchlagen, und ſchon ſtroͤmte dieſer in auf⸗ 
gelöften Reihen zuruͤck, als der Burggraf von einem vergif- 
teten Pfeil getroffen wurde, welcher tief in ſeine Seite drang. 
Er wankte in den Buͤgeln und fiel beſinnungslos zu Boden. 
Sogleich ſtanden ſeine Begleiter von der Verfolgung ab und 
trugen den Verwundeten ins Schloß. Koͤnig Richard hoͤrte 
die Kunde mit Bedauern, er begab ſich ſogleich zu dem Ritter 
und ließ alle ſeine Arzte rufen. Dieſe maßen die Tiefe der 
Wunde, zogen das Eiſen heraus, und als ſie die Verletzung 
wohl gepruͤft und mit warmem Waſſer gewaſchen hatten, 
ſagten ſie dem Koͤnig, der Kaſtellan wuͤrde in drei Wochen 


— 


164 


völlig geheilt fein, wenn nicht der Pfeil vergiftet geweſen 
wäre. Dann allerdings koͤnne nichts die Wirkung des Giftes 
aufhalten, und der Tod des Verwundeten ſei gewiß. Dieſer 
ſiechte lange Zeit dahin und wurde blaß und mager, alle 
Mittel der Arzte waren nutzlos, und ſein Koͤrper verfiel unter 
ihren Augen. Es war aber nicht die Wunde, die dem Burg⸗ 
grafen die meiſte Qual verurſachte, ſondern der Wunſch, ſeine 
Geliebte noch einmal vor ſeinem Ende zu ſehen, brannte ihn. 
Der Ritter wollte ſobald als moͤglich wieder uͤber das Meer 
ſegeln, er hoffte geheilt zu werden, wenn er ſeine Heimat 
wiederſehen wuͤrde, ſicher wuͤrde ihm der Anblick ſeiner Dame 
die Geſundheit wiedergeben. Es traf ſich, daß gerade zwei 
Kardinaͤle in Begriff waren ſich einzuſchiffen. Sogleich nahm 
der Burggraf Urlaub vom Koͤnig und ſeinen Baronen, denn 
er konnte und wollte ſeine Abreiſe nicht laͤnger verſchieben. 
Leicht erhielt er die Erlaubnis, in ſein Vaterland zuruͤck⸗ 
zukehren, und niemand tadelte ihn wegen ſeines Entſchluſſes. 
Nachdem er ſeine Vorbereitungen getroffen hatte, begab er 
ſich zum Hafen, beſtieg das Fahrzeug und nahm den ihm an: 
gewieſenen Platz ein, darauf wurden die Segel ausgeſpannt 
und das Schiff verließ das heilige Land. 

Auf dem offenen Meer fuͤhlte ſich der Ritter zunaͤchſt ein 
wenig beſſer, denn der Wunſch, feine Geliebte wiederzuſehen, 
hielt ſeine Kraͤfte aufrecht, obwohl ſein Leiden ſtaͤndig Fort⸗ 
ſchritte machte. Seine Qualen verdoppelten ſich, er wurde 
von Tag zu Tag ſchwaͤcher und ſah ſich ſchließlich gezwungen, 
ſein Lager nicht mehr zu verlaſſen. Als der Kaſtellan fuͤhlte, 
daß ſein Ende nahe, ließ er ſich den Kaſten bringen, der ſei⸗ 
nen teuerſten Schatz enthielt, die Haarſtraͤhne, die er oft mit 
Wohlgefallen betrachtete. Er bedeckte die ſilberne Doſe, 
welche die koſtbaren Straͤnge enthielt, mit Kuͤſſen: „O Gott!“ 
ſagte er, „wie teuer ſind mir dieſe goldenen Locken, mit denen 
mich mein ſuͤßes Lieb beſchenkt. Ach, der Tod will den zaͤrt⸗ 
lichen Freund von ſeiner treuen Geliebten ſcheiden.“ Darauf 
befahl er ſeinem Knappen, einen Schreiber zu holen, dem er 
folgende Saͤtze in die Feder diktierte: „Seiner ſuͤßen, teuern 


165 


3 * 


Dame ſchickt der, der aller Orten und bis zum letzten Hauch 
ihr treuer Diener war, dies Liebeszeichen und ſeine Gruͤße, 
die ſeine letzten ſind. Herrin! Ich war immer Euer Lehns⸗ 
mann, Euer Diener, Euer Ritter, immer Euch treu ergeben 
von dem Augenblicke an, da ich Euch verließ, jenem Augen⸗ 
blick, der die Quelle von ſoviel Kummer war. Niemals, 
Herrin, werde ich Euch wiederſehen, aber Euer Herz ſchwebt 
um mich. Als ich Euer Schloß verließ, habt Ihr mich mit 
einem bezaubernden Kleinod beſchenkt, den glaͤnzenden 
Straͤhnen Eures goldenen Haares, die mich nicht einen Augen⸗ 
blick verlaſſen haben. Zum Entgelt ſende ich Euch mein Herz, 
denn nach Rechten kommt es Euch zu, Euch, fuͤr die es immer 
ſchlug. Nie ſtarb ein Liebender fo ohne Troſt wie ich, denn 
nach ſo langer Trennung ſcheidet uns der unerbittliche Tod, 
ehe ich Euch noch einmal in die Arme ſchließen konnte. Du 
ſuͤßes Geſchoͤpf, du ragſt über allem, was die Welt an Voll⸗ 
endung und an Anmut kennt. Dein Herz iſt ein Born von 
lauterem Gold. Uuter den Schönheiten der Erde ſtrahlſt du 
wie ein Diamant, wie ein Saphir; du gluͤhſt wie eine Roſe 
in Purpurglut, unvergleichlich an ſuͤßem Duft. Du biſt die 
Vollendung, du traͤgſt alles was gut und ſchoͤn iſt, in Fülle. 
Du birgſt in dir alle Guͤter, Reichtuͤmer und Schaͤtze, und der 
Gedanke an dich ließ mich zum Strahlenkranz des Ruhmes 
greifen. Und dich ſoll ich niemals wiederſehen, niemals 
wieder kuͤſſen, niemals wieder umarmen! Ach, das Feuer 
unſerer Freude iſt ausgeloͤſcht, der Tod rafft mich hinweg. 
Es kann nicht anders ſein, und ſo empfehle ich meine Seele 
Gott dem Herrn und bitte meinen Schoͤpfer, daß er ſie im 
Reiche ſeiner Himmel mit der deinigen vermaͤhle, damit 
wir vereint die Wonnen der Ewigkeit durchkoſten.“ Oft 
raubte ihm der Schmerz die Beſinnung, waͤhrend er dieſe 
Worte ſprach. Als der Brief endlich vollendet war, faltete 
er ihn ſelbſt zuſammen und preßte ſein Siegel darauf, das 
er dann ſogleich ins Meer warf. Dann rief er ſeinen Knappen 
Gobert und feinen Diener Hideur und ſagte zu ihnen mit 
verloͤſchender Stimme: „Ich fuͤhle, daß mir nur mehr wenige 


166 


— Wp 


Augenblicke zu leben bleiben. Schwoͤrt mir, daß ihr ſogleich 
nach meinem Tode meinen Leib oͤffnen werdet, mein Herz 
daraus entnehmt und es wohl einbalſamiert zugleich mit 
dieſem Brief und dieſen Straͤhnen nach Fayel tragt wo ich 
ſo vieler Freuden Gaſt war. Ich ſage dies euch beiden, damit 
wenn der eine vielleicht ums Leben kaͤme, der andere meinen 
Auftrag erfuͤllen mag. Dies iſt es, was ihr zu tun habt: ihr 
ſollt meine Herrin in meinem Namen ein letztes Mal gruͤßen. 
Eure Botſchaft wird ſie in ein Meer von Leid tauchen, denn 
keinen Menſchen auf der Welt liebte ſie ſo heiß wie mich. 
Dann werdet ihr ihr allen Troſt erteilen, deſſen ſie beduͤrfen 
wird, und werdet ſie bitten, ſich zu beruhigen, denn all ihr 
Gram iſt vergebens. Ihr werdet ihr dieſes Kaͤſtlein geben 
und ihr ſagen, daß ich ihr dieſe Straͤhne mit meinem Herzen 
zugleich zuruͤckſchicke, meinem Herzen, das ihr gehoͤrte ſeit 
dem Tag, da ich zuerſt ſie erſah, das ihr gebuͤhrt und bei ihr 
bleiben ſoll, damit ſie nie ihre Gedanken von mir wendet.“ 
Nun wurde er ſo ſchwach, daß ſich ſein Geſicht mit Todesblaͤſſe 
bedeckte. Seine Diener glaubten, daß er ſeinen Geiſt ver⸗ 
haucht habe, denn ſchon lag er in den Schlingen des Todes. 
Sie legten ihm ein Stuͤck Brot in den Mund, wodurch er 
ſeine Sinne wiedergewann, und ſogleich weilten ſeine Ge⸗ 
danken wieder bei ſeiner Dame, der ſeine letzten Worte gal⸗ 
ten: „Leb wohl, mein ſuͤßes Lieb, leb wohl, Liebe und 
Leben! Ach, warum kann ich das Leben, das mir entſchwin⸗ 
det, nicht feſtklammern und an mich reißen! Die Erde iſt ein 
Paradies, wenn wir lieben. Die Liebe hat mir Freuden ohne 
Zahl gewaͤhrt, ſie war der Urquell aller meiner Ehren. Mit 
allen ihren Schaͤtzen hat mich die Liebe uͤberhaͤuft, und ich 
kann ihr mit nichts entgelten, als daß ich ihr lobſinge. Liebe! 
Du biſt der Gott des Diesſeits, du umfaͤngſt uns ganz, und 
wir ſind alle voll von dir, nichts kann deine Macht ver⸗ 
mindern. Ach, waͤre es mir erlaubt, mein Leben feſtzuhalten, 
jeder kuͤnftige Augenblick ſollte dem Dienſt der Liebe geweiht 
ſein, die kein Leid verurſacht, das ſie nicht mit Wonnen 
tauſendfach vergilt. Freude, Treue, Edelmut, Guͤte, Ehren 


167 


und alle Güter der Welt find das Erbe der Liebe, das fie 
denen austeilt, die treu ihr dienen.“ In dieſem Augenblick 
unterbrach ihn die Gewalt des Schmerzes, er erblaßte und 
verlor das Bewußtſein. Lange blieb er ſo, dann erwachte 
er noch einmal, und nun hatten ſich ſeine Sinne vom Irdi⸗ 
ſchen abgewendet. „Herr des Himmels,“ ſagte er, „ſei mir 
gnaͤdig und wuͤrdige mich deiner alliebenden Erbarmung.“ 


Dann ließ er den Kardinal holen, der ſich ſogleich zu dem 


Sterbenden begab, ſeine Beichte entgegennahm und ihm den 
Leib des Herrn reichte. „Freund,“ ſagte der Kardinal, „wirf 
alle Furcht von dir, denn wer wie du im Dienſte Chriſti ſtirbt, 
deſſen Suͤnden ſind ausgeloͤſcht. Glaube und vertraue, dann 
ſei verſichert, daß du gerettet biſt.“ Schon atmete der Kaſtel⸗ 
lan nur mehr mit Muͤhe, und es koſtete ihn eine letzte An⸗ 
ſtrengung, um dieſe Worte auszuſprechen: „Gobert, bring 
meiner Herrin mein Lebwohl!“ Dann verſchied er. 

Als Gobert ſah, daß ſein Herr tot ſei, gab er ſich ſeinem 
heißen Schmerz hin, er rang die Haͤnde und raufte ſich unter 
Weinen und Jammern die Haare. Er ruͤhmte nacheinander 
die Ehrliebe, den Geiſt, die Tapferkeit, die Freigebigkeit und 
alle Eigenſchaften, mit denen ſein Herr ausgeſtattet geweſen 
war und welche einen vollkommenen Ritter aus ihm gemacht 
hatten. Niedergebeugt vom Schmerz machten ſich Gobert 
und Hideur ſodann daran, den letzten Willen des Burggrafen 
zu erfuͤllen. Sie oͤffneten ſeinen Koͤrper und balſamierten 
ihn ein, nachdem ſie das Herz daraus entnommen hatten. 
Als ſie in Brindiſi angekommen waren, wurde die Leiche 
ans Land gebracht, wo ihr der Kardinal in wuͤrdiger Weiſe 
die letzten Ehren erwies. Gobert richtete ſein Augenmerk 


nun darauf, Mittel und Wege zu finden, daß er in ſein Vater⸗ 


land zuruͤckkehren koͤnne. Nachdem er die ganze Habe des 
Ritters unter die Armen verteilt hatte, machte er ſich gemein⸗ 
ſam mit Hideur auf den Weg und raſtete nicht eher, bis er 
das Ziel ſeiner Reiſe erreicht hatte, wo er ſich von ſeinem 
Begleiter trennte. Gobert ritt durch Regen und Sonnen⸗ 
ſchein und war nur mehr drei Meilen vom Schloß Fayel 


168 


ek 


entfernt. Hier machte er einige Tage Halt, um Nachrichten 
einzuziehen und eine guͤnſtige Gelegenheit zur Ausfuͤhrung 
ſeines Auftrags abzuwarten. Er kannte einen wenig be⸗ 
gangenen Schleichweg, welchen er oͤfters heimlich mit ſeinem 
Herrn zuruͤckgelegt hatte. Dieſen glaubte er in Sicherheit 
beſchreiten zu koͤnnen, aber er hatte eine verhaͤngnisvolle 
Begegnung. Der Herr von Fayel ſtand ihm plößlich gegen⸗ 
uͤber, und er konnte ihm auf keine Weile ausweichen. Der 
Schloßherr erkannte den Knappen ſogleich wieder, und der 
Zorn raubte ihm die Sprache, denn er wußte wohl, daß dieſer 
Knappe als Unterhaͤndler zwiſchen dem Kaſtellan und ſeiner 
eigenen Gattin zu dienen pflegte. Als er ein wenig ruhiger 
geworden war, redete er ihn folgendermaßen an: „Nachdem 
ihr, du und dein Herr, mich entehrt habt, iſt es ſehr kuͤhn von 
dir, wieder in dieſer Gegend zu erſcheinen. Bringſt du wie⸗ 
der Briefe oder Auftraͤge? Bei Gott, du trifftſt es ſchlecht, 
denn du wirſt dem Tode nicht entgehen. Mit meinen eigenen 
Haͤnden will ich dich aufhaͤngen, wenn es auch nur waͤre, um 
deinem Herrn Trotz zu bieten. Du ſollſt meiner Rache nicht 
entgehen!“ „Gnaͤdiger Herr,“ antwortete Gobert demuͤtig, 
„zuͤrnt mir nicht. Wenn der Burggraf Eure Gattin liebte, 
was kann ich dafuͤr?“ Dieſe Worte beruhigten Fayel ein 
wenig und er erwiderte: „Gut, woher kommſt du, wohin 
gehſt du? Sag mir die Wahrheit oder ich knuͤpfe dich auf 
der Stelle an dieſen Baum. Wo haſt du den Kaſtellan ge⸗ 
laſſen? Iſt er wieder diesſeits des Meeres?“ „Ja, Herr, 
aber er iſt tot, und ſeine Leiche liegt in Brindiſi; was mich 
betrifft, ſo kehre ich in meine Heimat zuruͤck. Mehr habe ich 
Euch nicht zu ſagen, Herr, nun laßt mich um Gotten willen 
ohne Schaden ziehen. Was haͤttet Ihr davon, wenn Ihr 
mich toͤten wolltet, wuͤrdet Ihr dadurch Eure Schmach 
raͤchen?“ „Nein, nein, bei Gott! So entgehſt du mir nicht! 
Noch biſt du in meiner Gewalt. Entkleide dich ohne Wider⸗ 
rede, ich will wiſſen, was du bei dir traͤgſt. Wenn du irgend 
etwas haſt, was mich angeht, ſo werde ich dich auf die Folter 
ſpannen laſſen, wenn ich aber nichts finde, ſo kannſt du in 


169 


Frieden ziehen.“ Dieſe Worte feßten Gobert in Furcht. 
„Lieber Herr, ich bitte Euch, erbarmt Euch meiner! Hoͤrt 
mich einen Augenblick an, ich will Euch die ganze Wahrheit 
geſtehen, aber verſprecht mir, mein Leben zu ſchonen.“ 


Fayel verſprach es ihm, und der Knappe fuhr fort: „Herr, 


Chriſtus bewahre mich vor Eurem Zorn! Der Kaftellan iſt 
während der Überfahrt auf der Ruͤckkehr von Palaͤſtina, wo 
er tödlich verwundet wurde, geſtorben, aber vor feinem Tode 
hat er mir befohlen, ſeine letzten tauſendfachen Gruͤße ſeiner 
Herrin zu uͤberbringen und mit ihnen ſein Herz, welches die⸗ 
ſes Kaͤſtlein birgt. Hier iſt es, teurer Herr, bei meiner Seele, 


ich habe nichts hinzuzufügen, und Ihr wißt nun alles.“ 


Der Herr von Fayel ergriff das Kaͤſtlein haſtig, und in ſeiner 
Ungeduld den Inhalt kennenzulernen, ließ er den Deckel 
aufklappen, ohne ſich um Schloß und Schluͤſſel zu kuͤmmern. 
Der Anblick des Herzens und der Locken bereitete ihm leb⸗ 
hafte Genugtuung. Er nahm den Brief, las ihn von vorn 
bis hinten und legte ihn dann wieder in die naͤmlichen Falten 
ohne das Siegel jedoch zu verletzen. Dann ſagte er zu Gobert: 
„Du kannſt von Gluͤck ſagen, Gobert, daß ich dich heute nicht 
haͤngen laſſe. Geh, verlaſſe auf der Stelle mein Gebiet und 
kehre unter keinem Vorwand hierher zuruͤck, denn wenn ich 
dich jemals wieder hier antreffe, laſſe ich dich unverzuͤglich 
aufknuͤpfen.“ Gobert wandte ſich mit grambeſchwerter 
Seele von hinnen, waͤhrend der Herr von Fayel gerades⸗ 
weges in ſein Schloß zuruͤckkehrte. 

Der Schloßherr rief augenblicklich ſeinen Kuͤchenmeiſter 
und befahl ihm, ſeine ganze Kunſt darauf zu verwenden, 
Haͤhne und Kapaunen mit einer erleſenen Tunke zuzurichten, 


da er heute Gaͤſte bewirten wolle. „Aber,“ fuͤgte er hinzu, 


„mit der naͤmlichen Tunke wirſt du ein beſonderes Gericht 
aus dieſem Herzen bereiten, welches du deiner Herrin und 
ſonſt niemandem vorſetzen ſollſt.“ „Herr, mit Gottes Hilfe 
werde ich Euern Befehlen genau nachkommen, deſſen ſeid 
ſicher.“ Der Koch bereitete ſein Mahl auf die allererleſenſte 
Art. Als die Tafel gedeckt war, ſetzte man ſich zu Tiſch. Die 


170 


—— ſ— — — —¼ ——— ͤ ͤ—. 


Diener trugen zunaͤchſt eine Fülle von ausgewählten Spei⸗ 
fen auf, welche fie allen Gäften darboten, darauf wurde das 
Herz allein der Herrin von Fayel gereicht, waͤhrend ein 
anderes aͤhnlich ausſehendes Gericht um die Tafel herum⸗ 
gegeben wurde, von welchem jeder nach Gefallen nahm. 
Die Dame lobte die Speiſe, die man ihr gereicht hatte, und 
geſtand, daß ſie niemals etwas ebenſo Koͤſtliches gegeſſen 
habe. „Warum,“ ſetzte ſie hinzu, „richtet unſer Koch nicht 
oͤfters etwas Ahnliches an? Zweifellos iſt die Zubereitung 
dieſes Fleiſches zu koſtſpielig.“ „Frau, wundert Euch nicht 
uͤber die Guͤte dieſes Fleiſches, denn nicht um alles Gold 
Arabiens koͤnnte man ſich ſeinesgleichen verſchaffen.“ „Und 
wie nennt man es, lieber Herr? Sagt es mir doch, bitte!“ 
„Frau, erſchreckt nicht, die Speiſe, die Ihr eben genoſſen 
habt, war, ich verſichere es Euch, das Herz, das Ihr am 
meiſten von allem Irdiſchen geliebt habt. Es war das des 
Kaſtellans von Coucy, welches eigens fuͤr Euch bereitet wurde. 
Es iſt Euch allein aufgetragen worden, und wir andern haben 
alle von einem aͤußerlich aͤhnlichen Gericht gegeſſen. Ihr 
habt den Burggrafen geliebt, als er noch lebte, ich habe aus 
dieſem Grunde bis zum heutigen Tage Schmach und Qual 
gelitten, und um mich zu raͤchen, habe ich Euch ſeine Herz 
eſſen laſſen.“ Die Herrin von Fayel erſtarrte vor Schreck, 
aber ſie antwortete verſtaͤndig: „Nein, Herr, ich kann Euern 
Worten keinen Glauben ſchenken, denn ſeit mehr als zwei 
Jahren iſt der Kaſtellan außer Landes. Er iſt mit aller Ritter⸗ 
ſchaft uͤbers Meer, um fuͤr das Kreuz zu ſtreiten.“ Fayel 
wandte ſich an ſeinen Diener: „Bring jenes Kaͤſtlein, ich will 
ihr beweiſen, daß ich die Wahrheit ſage.“ Fayel ergriff das 
ſilberne Kaͤſtlein, öffnete es vor den Augen feiner Frau, 
zeigte ihr die Haarlocken und las ihr den Brief von Anfang 
bis zu Ende vor, nachdem er ſie deſſen Siegel hatte pruͤfen 
laſſen. „Erkennt Ihr dieſes Wappen? Es iſt das des Burg⸗ 
grafen von Coucy.“ Dann gab er ihr den Brief in die Hand 
und ſprach dabei: „Frau, es iſt wirklich ſein Herz, daß Ihr 
gegeſſen habt, daran zweifelt nicht!“ „Bei Gott, Herr, 


171 


diefer Gedanke macht mich ſchaudern, aber da es ſich nun 
einmal ſo verhaͤlt, ſo ſchwoͤre ich Euch, daß Zeit meines 
Lebens keine andere Speiſe mich mehr naͤhren ſoll, daß ich 
nach dieſem Stuͤck Fleiſch, das mir ſo teuer war, kein anderes 
mehr koſten will. Das Leben iſt mir nun eine zu ſchwere 
Laſt. Mag mich der Tod von dieſer Laſt befreien!“ Nach 
dieſen Worten brach ſie ohnmaͤchtig zuſammen, und ihr 
Antlitz fiel auf die Tiſchplatte, waͤhrend das Blut in ihren 
Adern zu Eis erſtarrte. Man trug ſie hinaus und legte ſie 
auf das Lager, wo ſie blaß und entſtellt bewegungslos liegen 
blieb. Als ſie ihre Sinne wieder ein wenig geſammelt hatte, 
ſtieß ſie einen langen Seufzer aus: „Ach, was iſt mir doch 
geſchehen! Großer Gott, was iſt mit mir geworden? Weh 
mir, ich habe meinen ſuͤßen Freund verloren, der ſo ver⸗ 
ſtaͤndig und ſo edel war, den treueſten, den zaͤrtlichſten von 
allen, die da liebten. Und ich, ich habe ſeine Fahrt gewollt, 
das verdoppelt meine Qual, das zerreißt mir das Herz! Weh 
mir, all meinen Troſt ſetzte ich auf ſeine Ruͤckkehr, mit Sehn⸗ 
ſucht habe ich ſie erhofft! Was ſoll mir das Leben noch, da 
ich nun weiß, daß er von mir genommen iſt, jetzt iſt in alle 
Ewigkeit die Freude fuͤr mich tot. Ach, in ſeinem Schmerz 
hat er mir ſein Herz geſendet zum Beweis, daß es ganz mir 
gehoͤrte. So ſoll auch das meine denn ihm geweiht ſein. 
Und man ſoll ſehen, daß es ihm gehoͤrt, denn mein Leben 
ſoll mit dem ſeinen enden.“ Von neuem verfiel ſie in 
Schwaͤche und verblieb lange Weile in wortloſem Schmerz. 
Als ſie wieder zu ſich gekommen war, ſprach ſie noch einige 
Worte der Trauer um ihren toten Freund, aber bald wurde 
ihr Schmerz grenzenlos, ſie zerfleiſchte ſich, rang ihre Haͤnde, 
ihre Augen blickten wirr und verkuͤndeten ihr nahes Ende. 
Sie konnte dieſe ſchreckliche Marter nicht laͤnger ertragen, 
und mit der Bitte, daß Gott ihr verzeihen moͤge, hauchte ſie 
ihre Seele aus. Ihr Koͤrper blieb ſtarr. Gott wolle ſein Er⸗ 
barmen ihr zuteil werden laſſen. 


172 


17. Aus den Fabeln des Mittelalters 
Die Haſen und die Froͤſche 


s wird erzaͤhlt, daß die Haſen einſt Rats pflogen 
und dabei zu dem Entſchluſſe gelangten, ſie woll⸗ 
ten ihren Wald verlaſſen und in ein anderes Land 
ziehen, dieweil ſie in unaufhoͤrlicher Sorge lebten. Hunde 
und Menſchen naͤmlich hielten ſie in Furcht, und dieſer 
Zuſtand ſchien ihnen nicht mehr ertraͤglich. Ein alter weiſer 
Haſe meinte zwar, es ſei toͤricht, die Heimat, in der ſie von 
Kindesbeinen an gelebt, und die Freundſchaft im Stiche zu 
laſſen, aber das andere Volk wollte ihm keinen Glauben 
ſchenken, und ſo machten ſich denn alleſamt auf den Weg. 
Es geſchah aber, daß ſie an einen Teich gelangten, an deſſen 
ſchlammigten Ufern ſich eine Froſchverſammlung nieder⸗ 
gelaſſen hatte. Als die Froͤſche die Haſenſchar nahen ſahen, 
erſchraken fie dergeſtalt, daß fie alle mit einem Plumpſer ins 
Waſſer ſprangen. Dieſes bemerkte der alte weiſe Haſe, er 
rief ſeine Gefaͤhrten zuſammen und ſprach: „Da ſchaut her, 
ihr Herren! Erſt durch die Froͤſche, die Furcht vor uns haben, 
muͤſſen wir innewerden, daß wir eine große Torheit be⸗ 
gehen, wenn wir unſern heimatlichen Wald verlaſſen, um 
anderswo groͤßere Sicherheit zu ſuchen. Nie im Leben wer⸗ 
den wir ein Land finden, wo wir nichts zu fuͤrchten brauchen. 
Kehren wir alſo um, wir werden gut daran tun.“ Und als⸗ 
bald machten die Haſen kehrt und wanderten in ihr Land 
zuruͤck. Dieſe Fabel moͤge die, ſo ihre Heimat verlaſſen wol⸗ 
len, lehren, daß ſie nirgends eine Gegend finden werden, wo 
es keine Sorge und keine Muͤhe gibt. 


Der Bauer und der Kobold 
E ſo erzaͤhlt man, fing ein Bauer einen Ko⸗ 
bold und hielt ihn laͤngere Zeit gefangen. Dieſer 
gab ihm drei Wuͤnſche frei, wenn er ihn loslaſſen 


wuͤrde, denn er wollte von den Menſchen nicht erblickt wer⸗ 
den. Der Bauer war einverſtanden damit und gab ſeinem 


173 


4 
. 


Weibe, als er heimgekehrt war, zweier Wuͤnſche Gewalt, 
waͤhrend er den dritten fuͤr ſich behielt, doch ſchenkten ſie 
beide der Sache wenig Beachtung. 

Laͤngere Zeit war ſchon verſtrichen, ohne daß ſie einen 
Wunſch geaͤußert haͤtten, da geſchah es eines Tages, daß ſie 
beim Mittagsmahl das Ruͤckgrat eines Schafes benagten, aus 
welchem das Mark hervorlugte. Die Frau haͤtte das Mark 
gar zu gern gegeſſen, aber mit den Haͤnden konnte ſie es nicht 
erreichen. Sie wuͤnſchte ſich alſo, daß der Bauer einen 
Schnabel bekaͤme wie ein Wiedehopf, und kaum war der 
Wunſch ausgeſprochen, ſo war er auch ſchon erfuͤllt. Der 
erſtaunte Bauer hatte nichts Eiligeres zu tun, als ſich ſeinen 
Schnabel wieder wegzuwuͤnſchen, und auf dieſe Weiſe 
hatten ſie ſchon zwei der Wuͤnſche vergeudet, ohne den ge⸗ 
ringſten Nutzen davon zu haben. So geht es, wenn die 
Dummen ſich zu ſehr auf die Worte der Schlauen verlaſſen, 
die ſie doch nur zum Narren halten und betruͤgen wollen. 


Der Wolf und das Zicklein 

ine Ziege wollte einſt auf die Weide gehen und rief 
zuvor ihr Zicklein zu ſich. Sie verbot ihm ernſtlich, 
unter Todesſtrafe kein Tier hineinzulaſſen, bis ſie 
zuruͤckkaͤme möge es auch noch fo ſehr bitten und betteln. 
Dann ging ſie fort. Der Wolf aber hatte ſie im Walde ver⸗ 
ſchwinden ſehen, er begab ſich ſogleich zum Zicklein und hieß 
es die Tuͤre oͤffnen; dabei verſtellte er ſeine Stimme, als ob 
er die Ziege waͤre. Das Zicklein hoͤrte zwar die Stimme 
der Mutter, aber es ſah, daß der Klopfende ihre Geſtalt 
nicht habe und entgegnete: „Mach dich fort, Spitzbube! 
Wohl weiß ich, daß du nicht meine Mutter biſt!“ Haͤtte das 
Zicklein den Wolf in ſein Haus aufgenommen, ſo wuͤrde 
er es mit Haut und Haaren verſchlungen haben. Man ſoll 
alſo keinem Luͤgner un und nicht auf ſchlechten Rat 
hoͤren. 


174 


18. Mittelalterliche Schwaͤnke 

Die Geſchichte von den Rebhuͤhnern 

eute will ich euch einmal an Stelle einer Fabel 
eine wahre Geſchichte erzaͤhlen. Sie handelt von 
einem Bauern, der hinter feiner Hecke zufällig zwei 
Rebhuͤhner fing. Er gab ſich alle Muͤhe, ſie herzurichten, 
ſeine Frau mußte ſie aufs Feuer ſetzen und am Bratſpieße 
drehen, waͤhrend er ſelbſt zum Pfarrer eilte, ihn einzuladen. 
Dabei blieb er ſo lange aus, daß die Rebhuͤhner inzwiſchen 
gar wurden. Die Frau legte den Bratſpieß zur Seite und 
ſchnitt ſich ein kleines Stuͤcklein von der knuſprigen Haut 
des Vogels ab, denn ſie naſchte gar zu gern. Nachdem ſie 
einmal gekoſtet hatte, gedachte ſie, ſich guͤtlich zu tun, ſie 
machte ſich uͤber das eine Huhn her und verzehrte ſeine 
beiden Fluͤgel. Dann ging ſie mitten auf die Straße, um zu 
ſehen, ob ihr Mann noch nicht kaͤme. Da ſie ihn noch nicht 
erblickte, ging ſie wieder in die Kuͤche und bedachte bei ſich, 
daß man den fluͤgelloſen Reſt niemandem mehr vorſetzen 
koͤnne, und es ſei geſcheiter, wenn ſie ihn auch noch fruͤh⸗ 
ſtuͤckte. Nun kamen ihr freilich Bedenken, was fie ſagen 
ſollte, wenn man ſie nach dem Verbleib des Rebhuhnes 
fragen wuͤrde, doch ſie fand bald eine Ausrede: ſie wuͤrde 
ſagen, als fie den Braten vom Feuer genommen hätte, ſei 
die Katze gekommen, haͤtte ihn ihr aus der Hand geriſſen 
und mir nichts dir nichts davon geſchleppt. Nachdem ſie 
ſich ſo uͤberlegt hatte, wie ſie am beſten ſich herausreden 
koͤnnte, trat ſie wieder auf die Straße und ſpaͤhte nach 
ihrem Gatten. Sie ſah ihn noch nicht kommen, wohl aber 
begann ihr der Mund gewaltig nach dem zweiten, noch uͤb⸗ 
rigen Huhn zu waͤſſern. Sie glaubte, ſie muͤſſe naͤrriſch 
werden, wenn ſie nicht ein ganz, ganz kleines Stuͤcklein 
davon bekommen haͤtte. Alſo ſchnitt ſie dem Tier, ritſch 
ratſch, den Hals ab, verzehrte ihn aus lauter Naſchgeluͤſte und 
ſchleckte ſich hernach alle zehn Finger ab. „Ich Armſte,“ 
ſagte fie, „was ſoll ich tun? Was werde ich ſagen, wenn alles 


175 


futſch iſt? Aber wie kann ich mich halten, wenn mich fo ſehr 
danach verlangt? Mir iſt es Wurſt, ich eſſe alles!“ 

Der Bauer blieb ſo lange aus, bis die Frau ſatt war, dann 
kam er heim und rief in grobem Tone: „Heda! Sind die 
Huͤhner gar?“ — „Ach Herr,“ entgegnete die Frau, „wir 
ſind uͤbel daran, denn die Katze hat ſie gefreſſen.“ Da ſprang 
der Bauer uͤber die Schwelle, ſtuͤrzte wie ein Toller auf ſie 
los und hätte ihr die Augen ausgekratzt, wenn fie nicht ein⸗ 
gelenkt hätte: „Es iſt ja nur Scherz, es iſt ja nur Scherz! 
Verſchwinde, Satanas! Sie ſind zugedeckt, damit ſie warm 
bleiben.“ — „Beim heiligen Knickerich!“ ſchwur der Gatte, 
„ich haͤtte dir ſonſt auch ein anderes Lied aufgepfiffen. Nun 
aber geſchwind meinen guten Maſerholzkrug und das beſte 
weiße Tiſchtuch her, wir wollen in der Weinlaube auf der 
kleinen Wieſe drunten decken.“ — „Aber zuvor nehmt Euer 
Meſſer da, welches das Schaͤrfen ſehr noͤtig hat, und gebt 
ihm ein wenig Schneide an jenem Stein draußen im Hof!“ 
Der Bauer ging hinaus, das bloße Meſſer in der Hand. In 
dieſem Augenblicke trat der Kaplan ein, welcher miteſſen 
wollte. Er eilte auf die Frau zu und umarmte ſie zaͤrtlich, 
doch dieſe machte ſich los und rief: „Flieht, Herr, flieht: es 
geht Euch an den Kragen. Mein Mann iſt gerade hinaus⸗ 
gegangen, um ſein großes Meſſer zu ſchaͤrfen. Er hat geſagt, 
er wolle Euch die Hoden abſchneiden, wenn er Euch erwiſchen 
würde.” — „Um Gottes willen,“ erwiderte der Prieſter, 
„was redeſt du da? Wir wollen zwei Rebhuͤhner eſſen, die 
dein Gatte heute fruͤh gefangen hat.“ — „Beim heiligen 
Martin,“ entgegnete die Frau, „hier ift kein Rebhuhn und 
kein ſonſtiger Vogel im Hauſe. Ich waͤre ja froh, wenn Ihr 
uns die Ehre geben wolltet, aber mir grauſt vor dem, was 
Euch droht. Da ſchaut nur hinaus, wie er ſein Meſſer ſchleift.“ 
— „Ich ſehe es, ſtammelte der Prieſter ſchreckensbleich, „bei 
meiner Kappe, ich glaube gar, du redeſt die Wahrheit.“ Und, 
haſt du nicht geſehen, war er draußen. Die Falſche aber 
ſchrie nach ihrem Mann: „He, Herr Gombaut, he, kommt 
her!“ — „Was haft du, zum Teufel?“ fragte dieſer. „Was ich 


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— ——— 22. cc — — 


habe? Gleich ſollt Ihr es erfahren. Wenn Ihr Euch nicht 
gehoͤrig auf die Socken macht, ſo werdet Ihr einen Verluſt 
zu beklagen haben, denn bei der Treue, die ich Euch ſchulde: 
der Pfarrer iſt mit den Rebhuͤhnern davon!“ Wuͤtend lief 
der Biedere, das Meſſer noch in der Hand, dem Kaplane 
nach. „So ſollt Ihr nicht davonkommen!“ rief er, als er ihn 
erblickte und fügte ſchnaufend hinzu: „Ganz warm tragt Ihr 
mir ſie davon, aber Ihr ſollt ſie hier laſſen. So wartet doch! 
Ihr waͤret ein ſchlechter Gaſt, wenn Ihr ſie allein genießen 
wolltet!“ Der Pfarrer blickte ſich um und ſah den nad) 
eilenden Bauern mit dem Meſſer in der Fauſt, und er glaubte, 
es waͤre ſein Tod, wenn er ſaͤumen wuͤrde. Er machte ſich 
alſo eilends davon, und der Bauer lief ihm nach, um ſeine 
Huͤhner wiederzubekommen. Aber ſchon war der Pfarrer 
zu Hauſe und ſperrte mit Ungeſtuͤm die Tuͤre zu. Der Bauer 
kehrte zu ſeiner Frau zuruͤck und fragte ſie: „Nun ſage mir, 
wie du die Rebhuͤhner losgeworden biſt?“ — „Gott helfe 
mir,“ ſagte ſie, „kaum hatte mich der Pfarrer geſehen, ſo 
fragte er mich, ob ich ihm die Liebe antun wolle, ihm die 
Voͤgel zu zeigen, denn er moͤchte ſie gar zu gerne ſehen. 
Ich fuͤhrte ihn alſo dahin, wo ich ſie verſteckt hatte. Sogleich 
ſtreckte er die Haͤnde aus, packte ſie und entwiſchte, aber ich 
konnte ihn nicht verfolgen, denn ich mußte doch erſt dich be⸗ 
nachrichtigen.“ — „Es iſt möglich, daß du die Wahrheit ſagſt,“ 
antwortete der Bauer, „aber laſſen wir die Sache auf ſich 
beruhen!“ So wurde der Pfarrer ebenſo wie Gombaut, der 
die Rebhuͤhner fing, betrogen. Dieſe Geſchichte zeigt wieder 
einmal, daß die Frau zum Betruͤgen geſchaffen iſt. Sie 
macht Wahrheit zur Luͤge und Luͤge zur Wahrheit. 


Von der Braunen, der Kuh des Pfarrers 


Pinft ging an einem Feſte unſerer lieben Frau, wie 
man erzaͤhlt, ein Bauer mit feinem Weibe in die 
Kirche, um zu beten. Ehe die Meſſe begann, ſtieg 

der Pfarrer auf die Kanzel und predigte; er ſagte, daß der, 
welcher aus Liebe zu Gott etwas hingaͤbe, ſeinen Lohn er⸗ 


12 Franz. Märchen I 


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halten würde, denn Gott würde das, was er aus gutem 
Herzen hingegeben habe, doppelt zuruͤckzahlen. „Hoͤre, liebe 
Schweſter,“ ſagte der Bauer nach der Kirche zu ſeinem 
Weibe, „der Pfarrer hat geſagt: wer aus Liebe zu Gott 
gibt, dem wird Gott ſeine Gabe vervielfaͤltigen. Wir koͤnnen 
unſere Kuh nicht beſſer anbringen, als wenn wir ſie aus 
Liebe zu Gott dem Pfarrer ſchenken. Übrigens gibt ſie 
auch wenig Milch.“ — „Herr,“ ſagte die Baͤuerin, „ich bin 
wohl einverſtanden, daß er ſie bekommt und aus dem 
gleichen Grunde.“ Dann gingen ſie heim, ohne weitere 
Worte uͤber die Angelegenheit zu verlieren. Der Bauer 
ging in den Stall, nahm ſeine Kuh beim Strick und fuͤhrte 
ſie zum Pfarrer. „Lieber Herr,“ ſagte er mit gefalteten 
Haͤnden, „aus Liebe zu Gott gebe ich Euch meine Blaͤß!“ 
Er gab dem Pfarrer den Strick in die Hand und verſicherte 
ihm, daß die Kuh feine ganze Habe ſei. „Freund,“ ent⸗ 
gegnete der Pfarrer, „du gibſt denen eine gute Lehre, die 
ſtets ihre Haͤnde ausſtrecken nach neuem Gewinn. Geh 
heim, du haſt ein gutes Werk getan. Moͤchten doch alle 
meine Schaͤflein ſo verſtaͤndig ſein wie du, dann haͤtte ich 
bald den ganzen Stall voll Vieh.“ Der Bauer berabſchiedete 
ſich vom Pfarrer, und dieſer befahl, man ſolle die Blaͤß mit 
ſeiner Braunen zuſammenbinden, um ſie zu gewoͤhnen. Der 
Knecht fuͤhrte die Blaͤß in den Garten, wo er die Pfarrers⸗ 
kuh vorfand; er koppelte beide zuſammen und kehrte wieder 
um. Die Kuh des Prieſters beugte den Kopf herab, denn 
ſie wollte graſen, aber die Blaͤß wollte das nicht leiden, ſon⸗ 
dern zerrte ſo feſt am Strick, daß ſie die andere aus dem 
Garten herauszog. Sie fuͤhrte ſie ſo lange durch Hoͤfe, Wie⸗ 
ſen und Felder, bis ſie mitſamt der Pfarrerskuh, die ſie mit 
Mühe mitſchleppte, in ihren Stall zuruͤckkam. Der Bauer 
ſchaute zum Fenſter heraus und erblickte ſie: „Ha!“ ſagte er, 
und ſein Herz pochte vor Freude, „Gott gibt freilich doppelt 
zuruͤck, was man aus Liebe zu ihm hingibt. Sieh, liebe Schwe⸗ 
ſter, da kommt unſere Blaͤß zuruͤck und zieht eine große 
Braune mit: nun haben wir zwei Kuͤhe für eine!” 


178 


!!. — !...... Te ET 


Berengar 


| inft lebte in der Lombardei ein Ritter, der die beſte 
Frau des Landes zur Gattin hatte. Er ſelber aber 

— war dumm, feige und großmaͤulig. Wenn er gut 
gegeſſen hatte, gab es keinen beſſeren Ritter als ihn, der nur 
zum Zeitvertreib drei bis vier Gegner mit dem Munde 
niedermetzelte. Alltaͤglich, wenn es Abend wurde, ließ er 
ſich praͤchtig wappnen; dann beſtieg er ſein Schlachtroß und 
ritt ganz allein in den Wald. Sobald er dort angekommen 
war, machte er halt und ſchaute ſich um, ob niemand ihn 
belauſche. Dann haͤngte er ſeinen Schild an einen Baum 
und verſetzte ihm mit dem bloßen Schwert gewaltige Schlaͤge, 
ſo daß die Stuͤcke davonflogen. Hierauf trat er den Heim⸗ 
weg an, den Schild um den Hals gehaͤngt und die Lanze 
geſenkt, als habe er wirklich ritterliche Taten vollbracht. 
So kam er heim und erzaͤhlte dem ſtaunenden Volke, er habe 
mit Mut und Kraft zwei Ritter getötet und ſich tapfer ge⸗ 
ſchlagen. Eines Tages hatte ihm ſein Weib einen funkelnagel⸗ 
neuen Schild und eine breite, lange, neue Lanze geſchenkt. 
Wieder ritt er damit in den Wald und hieb mit ſolcher Wucht 
auf den armen Schild, daß man haͤtte glauben koͤnnen, an 
dreißig Ritter kaͤmpften miteinander. Damit man ihm um ſo 
eher Glauben ſchenke, zerbrach er ſeine Lanze und brachte 
nur ein Trumm mit heim. Seine Frau verwunderte ſich ſehr, 
daß er ſo bald zuruͤckgekommen ſei, und doch war ſein Schild 
zerhauen, als kaͤme er von einem Tournier. „Herr,“ ſagte ſie, 
„Euer Schild beweiſt, wo Ihr geweſen ſeid!“ „Frau, ich 
traf ſieben ſtolze und tapfere Ritter, die mich bekaͤmpfen 
wollten. Vier von ihnen habe ich ſo verwundet, daß ſie das 
Aufſtehen vergaßen, und die drei andern ſind aus Furcht 
geflohen.“ Der Dame kam dies nicht ganz geheuer vor, und 
ſie beſchloß, ſich das naͤchſte Mal mit eigenen Augen von den 
Heldentaten ihres Mannes zu uͤberzeugen. Am naͤchſten 
Tage, als der Ritter zuruͤckkam, legte er ihr feine Arme um 
den Hals und ſprach: „Frau, bei St. Omer, Ihr muͤßt Euch 


12 * 


179 


gluͤcklich preiſen, da ihr den beſten Ritter von hier bis zur 
Normandie zum Gatten habt.“ „Herr, ich liebe Euch, aber 
noch mehr wuͤrde ich Euch lieben, wenn ich wuͤßte, daß Ihr 


mir die Wahrheit ſagt.“ „Frau, daran zweifelt nicht! Ich 


bin noch tüchtiger als ich mich preiſe, und habe mehr Mut 
und Kraft, als ich Euch ſage.“ Der Ritter umarmte und kuͤßte 


die Dame, dann gingen ſie zum Eſſen und, als ſie geſaͤttigt 


waren, ins Bett. Als die Sonne ſchon hoch am Himmel ſtand, 
erhob ſich der Ritter, legte Kleider und Schuhe an und for⸗ 
derte ſeine Waffen. Nachdem er ſeine Ruͤſtung angelegt 
hatte, ſprach er: „Fahr wohl, mein teures Lieb! Ich gehe, 
Aventiure in jenem Wald zu ſuchen. Wiſſet, wenn ich einen 
Mann treffe, der es wagt, mit mir zu tjoſtieren, jo wird er 
mir nicht entgehen: er muß tot oder gefangen ſein.“ „Herr,“ 
entgegnete die Dame, „bleibt dieſer edlen Worte eingedenk!“ 
Darauf beſtieg der Ritter ſein Schlachtroß und ritt in den 
Wald. Ä 

Die Dame aber nahm ſich vor, ihm nachzugehen um zu 
erſpaͤhen, wie es mit ſeinem Mut und ſeiner Ritterſchaft be⸗ 
ſtellt ſei. Sie kleidete ſich wie ein Ritter; den Harniſch auf 
der Bruſt, das Schwert gezogen und den Helm auf dem 
Kopf, ſo ſtieg ſie zu Pferd. Solange ritt ſie, bis ſie in den 
Wald kam, wo ſie alsbald ihren Gatten bemerkte, der gerade 
dabei war, ſeinen Schild zu zerfetzen, womit er einen ſolchen 
Laͤrm verurſachte, daß der ganze Wald davon widerhallte. 
Als die Dame ſeiner anſichtig wurde, rief ſie ihn ſchon von 
weitem an: „Vaſall, was ſuchſt du in meinem Walde? Und 
was raͤchſt du dich an deinem Schild, der dir nichts Boͤſes ge⸗ 
tan hat? Dieſer arme Schild kann ſich nicht verantworten, 
ſo will ich ſeine Verteidigung uͤbernehmen. Ihr muͤßt Euch 
unverzuͤglich mit mir ſchlagen, anders entkommt Ihr mir 
nicht!“ Der Ritter erſchrak wie noch nie; ſogleich hielt er im 
Schlagen inne und betrachtete ſich den, der ihm drohte. Vor 
Angſt entfiel das Schwert ſeiner Hand. Die Dame wandte 
ſich gegen ihn und hieb ihn mit der flachen Klinge auf den 
Helm, daß alles klapperte. Als der Ritter den Schlag fuͤhlte, 


180 


EB a RT 


glaubte er, er muͤſſe ſterben und fand ſchreckensſtarr, fo daß 
ihm ein kleines Kind die Augen haͤtte aus dem Kopf reißen 
koͤnnen, ohne daß er ſich gewehrt haͤtte. „Flink, Vaſall!“ 
feuerte ihn die Dame an, „kaͤmpft mit mir!“ Der Ritter 
bettelte um Gnade: „Gnaͤdiger Herr, ich ſchwoͤre Euch bei 
allen Heiligen, daß ich nie wieder dieſen Wald betreten werde 
noch auch meinem Schild je wieder ein Leid antue. Laßt mich 
nur auf mein Pferd ſteigen und davonreiten.“ „Ihr muͤßt 
andere Saiten aufziehen,“ erwiderte ſie, „wenn Ihr mir ent⸗ 
kommen wollt. Es gibt nur ein Mittel, wie Ihr dem ſicheren 
Tode entgehen koͤnnt: Ihr muͤßt meinen Hintern kuͤſſen. 
Eine andere Rettung gibt es fuͤr Euch nicht.“ „Gnaͤdiger 
Herr, ich werde Euer Gebot vollziehen. Steigt vom Roß 
herunter!“ Die Dame ſtieg ab, trat zu ihm und hob ihre 
Roͤcke auf. Der Ritter erſtaunte, denn nie in ſeinem Leben 
hatte er bei einem maͤnnlichen Weſen einen ſo ſeltſam ge⸗ 
formten Hintern geſehen. Trotzdem kniete er unverzuͤglich 
nieder und kuͤßte den ihm vorgehaltenen Koͤrperteil. Darauf 
fragte er den Fremden nach Name und Heimat. „Vaſall, was 
habt Ihr danach zu fragen? Ich komme aus fernen Landen 
und habe hier keine Sippe. Man nennt mich Berengar au 
long cul, und mein Wahlſpruch iſt: Schmach allen Feig⸗ 
lingen!“ Nach dieſen Worten beſtieg die Dame wieder ihr 
Roß und ritt heim. Sogleich ließ ſie ihren Liebhaber kommen, 
empfing ihn zaͤrtlich und legte ſich mit ihm ins Bett wo ſie 
ſich guͤtlich taten. Kurz darauf kam der Ritter zuruͤck und 
ſprach: „Ich habe die Welt von denen geſaͤubert, die meine 
Widerſacher waren. Sie liegen zerſchmettert am Boden.“ 
Nun betritt er das Schlafgemach und findet ſeine Gattin, die 
ihn nicht einmal einer Antwort wuͤrdigt, in den Armen ihres 
Liebhabers. Er wurde zornig und drohte: „Frau, ich werde 
Euch töten, weil Ihr bei einem fremden Manne liegt.“ Sie 
aber antwortete: „Schweig, Schlappſchwanz, und huͤte dich, 
je davon zu reden; denn wenn du den Mund noch einmal 
auftuſt, ſo gehe ich morgen fruͤh zu Herrn Berengar au long 
eul, der ſich zweifellos meiner annehmen wird.“ Als der 


181 


Ritter dies hörte, wunderte er ſich fo ſehr, wie er ſich noch 
nie in ſeinem Leben gewundert hatte. Er merkte, daß die 
Dame alles wußte, was ihm zugeſtoßen war, und ließ ſie in 
Zukunft gewaͤhren. 


Conſtant du Hamel 

err Conſtant von Hamel hatte eine Frau namens 
Iſabeau, die Beſte, Schoͤnſte und Kluͤgſte im ganzen 
Lande. Der Pfarrer des Ortes ließ es ſich angelegen 
ſein, um ihre Gunſt zu werben, oft ſprach er mit ihr und 
bat ſie um ihre Liebe; er ſagte, wenn ſie ſeine Liebſte werden 
wolle, ſo wuͤrde er ihr Gold und Edelſteine geben. Aber die 
Dame blieb ſeinen Werbungen gegenuͤber taub: „Herr, ich 
habe ſagen hoͤren, daß Pfaffenhuren Gottes Liebe verlieren.“ 
Der Pfarrer ließ nicht ab und bot ihr zwanzig Pfund Silber, 
wenn ſie ihm zu Willen ſein wolle, aber es nuͤtzte ihm alles 
nichts. Traurig machte er ſich von dannen, denn Amors 
Pfeil hatte ihn tief ins Herz getroffen. 

Nun hoͤrt vom Profoß der Stadt, der die Gefaͤngniſſe unter 
ſich hatte. Auch dieſer verſuchte die Frau und ſprach: „Ha, 
Herrin, es kraͤnkt mich, daß dieſer Flegel Euch in ſeiner Hut 
hat. Wenn ich an Eurer Stelle wäre, das hoͤlliſche Feuer 
ſollte mich brennen, wenn ich ihm nicht Hoͤrner aufſetzen 
wuͤrde. Seht, wie grob und ungeſchlacht er iſt: er raſiert 
ſich nicht, ſchert ſich nicht und waͤſcht ſich nicht. Nehmt mich 
zu Eurem Freund! Ich gebe Euch zehn Pfund Silber, wenn 
Ihr mir gefaͤllig ſein wollt!“ „Herr,“ erwiderte die Frau, 
„das darf nicht ſein. Behaltet Euer Geld, Herr Conſtant iſt 
Manns genug, mich zu ernaͤhren. Ich wuͤrde uͤbel tun, wenn 


ich ihm um Geld und Gut untreu werden wollte.“ Nieder⸗ 


geſchlagen uͤber ſeinen Mißerfolg kehrte der Profoß heim und 
gedachte ihres ſchlanken Leibes, ihres lieblichen Antlitzes, 
ihrer blauen Augen und ihres kleinen Muͤndleins. 

Andern Tags ging die Frau in die Meſſe. Auf dem Heim⸗ 
wege begegnete ihr der Foͤrſter, der den Wald des gnaͤdigen 
Herrn verwaltete, er war ein ſchoͤner, wohlgebauter Mann 


182 


Asse 


! 


und trug Bogen und Schwert. Er grüßte Die Dame und fie 
erwiderte höflich feinen Gruß. Darauf zog er einen Gold» 
ring vom Finger und ſprach: „Herrin, nehmt dieſen Ring 


und gebt mir Urlaub, Eure roten Lippen zu kuͤſſen, deren 


Suͤßigkeit mein Herz berauſcht.“ „Herr,“ erwiderte ſie, „be⸗ 
haltet Euren Ring! Ich will Euch nichts geſtatten, was 
meinem Mann mißfallen koͤnnte. Übrigens beklagt ſich Eure 
Frau, daß ſie nichts als Arger mit Euch haͤtte.“ Mit dieſen 
Worten ließ ſie ihn ſtehen und er ging gluͤhend wie ein Kohlen⸗ 
feuer davon. Haͤtte man ihm den Kopf mit einem Kuͤchen⸗ 
meſſer ohne Waſſer raſiert und ihm die Haare einzeln aus⸗ 
geriſſen, ihm waͤre nicht aͤrger geſchehen als jetzt. 

Eines Tages ereignete es ſich, daß der Foͤrſter, der Pfarrer 
und der Profoß zuſammen zum Trinken gingen. Als ſie vom 
Trinken warm geworden waren, ſagte der Profoß zum 
Pfarrer: „Herr, was duͤnkt Euch um Frau Iſabeau? Man 
koͤnnte ihretwegen ein Jahr lang faſten!“ „Wir ſind unter 
uns,“ fiel der Foͤrſter ein, „wer ihren Mund kuͤſſen duͤrfte, 
fuͤr den haͤtte der Tod keine Schrecken mehr!“ Der Pfarrer 
erwiderte: „Was faſten, ſterben? Ihr ſeid nicht bei Sinnen! 
Das braucht es nicht, um eine ſolche Frau zu umgarnen. Wer 
ſie lieben will, muß es anders anſtellen, mag ſie doch nie⸗ 
manden erhoͤren. Man muß ſie aus ihrem Haus treiben, ſie 
arm und elend machen, dann wird ſie ſchon zahm werden. 
Sind wir drei nicht maͤchtig genug, um Herrn Conſtant klein 
zu kriegen? Ihr muͤßt ihn von der einen Seite zwicken und 
ich zwicke ihn von der andern. Wenn wir drei zuſammen⸗ 
halten, ſo muͤſſen wir Erfolg haben.“ Mit dieſen Worten 
waren alle einverſtanden und ſie gingen ſeelenvergnuͤgt aus⸗ 
einander. 

Es kam der Sonntag und der Pfarrer predigte: „Alle die 
ihr in dieſem Gotteshauſe ſeid, um Gott dem Herrn zu dienen, 
Maͤnner und Frauen, hoͤrt! Seht da, Herrn Conſtant von 
Hamel, der mit Frau Iſabeau vermaͤhlt iſt. Er hat ſeine 
Baſe geheiratet und man hat dem Erzbiſchof daruͤber be⸗ 
richtet. Dieſer hat mich beauftragt, ihn morgen von ſeiner 


188 


Frau zu ſcheiden, und übermorgen muͤſſen fie die Gemeinde 
verlaſſen, denn das Geſetz duldet ſie hier nicht laͤnger. Herr 
Conſtant, verlaßt ſogleich die Kirche, denn ich kann keine 
Meſſe leſen, ſolange Ihr das Gotteshaus durch Eure ſuͤndige 
Gegenwart entweiht.“ Herr Conſtant verließ blaß vor Zorn 
und Scham den Dom und begab ſich in die Wohnung des 
Pfarrers. „Um Gottes willen, lieber Herr,“ redete er den 
Pfarrer an, als dieſer aus der Kirche kam, „gebt meine Habe 
der Kirche und laßt mich in Frieden leben!“ „Wieviel willſt 
du geben?“ „Herr, ich biete Euch ſieben Pfund!“ „Wann?“ 
„Am Mittwoch!“ „Dann eile dich, ſie zu bezahlen! Du mußt 
ſchon gewaltiges Gluͤck haben, wenn du ſo davonkommſt.“ 

Herr Conſtant kehrte heim und legte die Arme um den 
Hals ſeiner Frau: „Frau,“ ſagte er, „ich bin ſchlecht daran. 
Wenn wir zuſammenbleiben wollen, muß ich dem Pfarrer 
ſieben Pfund Silber geben, ſonſt treibt er uns aus der Ge⸗ 
meinde. Woher ſoll ich das Geld nehmen?“ „Sorg dich um 
nichts, Lieber,“ entgegnete die Frau, „ich werde ihn bezah⸗ 
len. Ich weiß wohl, was das bedeutet, aber kuͤmmere dich 
nicht, ſondern laß uns zum Eſſen gehen!“ 

Kaum waren ſie mit dem Eſſen fertig, ſo erſchien ein Bote 
des Profoſſen: „Erhebt Euch ſchnell, Herr Conſtant,“ ſagte er, 
„und folgt mir vor Gericht!“ Herr Conſtant ging alſo zum 
Profoß, und dieſer ſchnaubte ihn an, noch ehe er ihn begruͤßt 
hatte: „Schurke, der Galgen iſt fuͤr dich zu niedrig!“ Dann 
wandte er ſich an ſeinen Schreiber: „Geh und ſag dem 
gnaͤdigen Herrn, daß wir den Dieb erwiſcht haben, der ſeinen 
Weizen geſtohlen hat.“ Herr Conſtant verſicherte ſeine Un⸗ 
ſchuld, aber da kam er ſchoͤn an: „Das find Ausfluͤchte“, grollte 
der Profoß, „man hat deine Spur bis zum Tor deines Ge⸗ 
hoͤftes verfolgt.“ „Herr, irgend jemand muß mich verleumdet 
haben. Nehmt von meiner Habe, was Ihr wollt, und erſpart 
mir die Schande!“ „Was wuͤrdeſt du dem gnaͤdigen Herrn 
geben, wenn ich dich laufen ließe?“ „Herr, ich will ihm 
zwanzig Pfund Silber geben.“ „Gut, geh nach Hauſe, ich 
will für dich eintreten.“ 


184 


Während er noch auf dem Heimwege begriffen war, ſtuͤrzte 
ihm fein Verwalter Robert entgegen. „Was haft du? Was 
laͤufſt du ſo?“ fragte ihn fein Herr. „Herr, uns iſt Unglüd 
widerfahren! Der Foͤrſter treibt Eure Ochſen fort, er ſagt, 
Ihr haͤttet ihm vorige Woche naͤchtlicherweile drei Eichen aus 
dem Wald geſtohlen.“ „Gott!“ ſeufzte Herr Conſtant, „heute 
habe ich einen ſchlechten Tag!“ Dann warf er ſeinen Mantel 
ab und lief hinter dem Foͤrſter her: „Mein Gott, lieber Herr, 
hoͤrt mich!“ „Ha, Schuft, huͤte dich, mir naͤher zu kommen! 
Glaubſt du, mich mit einem Kaͤſe und fuͤnf Eiern zu beſaͤnf⸗ 
tigen? Es ſoll dir teuer zu ſtehen kommen, das Holz, das 
du mir um Mitternacht entwendet haſt!“ „Herr,“ rief Herr 
Conſtant in Wut, „Ihr luͤgt! Haͤtte ich nur eine Waffe, ich 
wollte Euch zu Brei zerſchlagen!“ „Was, Ruͤpel, drohſt du 
mir noch? Warte, das ſoll dir ſchlecht bekommen!“ „Herr,“ 
verlegte ſich der Arme nun aufs Bitten, „habt Mitleid mit 
mir! Ihr haͤttet keinen Nutzen davon, wenn Ihr mich vor 
Gericht ſchleppen wolltet! Hoͤrt! Ich habe hundert Groſchen 
in meiner Kammer, nehmt ſie und gebt mir meine Ochſen 
wieder!“ „Wann kann ich ſie haben?“ „Am Donnerstag!“ 
„Gewiß?“ „Ich verſichere Euch!“ „Gut, ich will mich damit 
zufrieden geben. Du kannſt dein Vieh wieder heimtreiben.“ 
Herr Conſtant kam ſchwankend nach Hauſe und ſagte nicht 
papp und nicht happ, ſondern ließ ſich ſtumm auf ein Bett 
fallen. „Herr, was iſt Euch geſchehen?“ fragte Frau Iſabeau. 
„Frau, ſeit ich geboren bin, ift es mir nicht fo ſchlecht ergangen 
wie heute.“ Dann erzaͤhlte er ſeiner Frau ſein Mißgeſchick 
und wie er ſich mit Geldverſprechungen losgekauft habe. „Ich 
habe wohl Grund, bekuͤmmert zu fein, ſchloß er, „denn wo⸗ 
her ſoll ich das Geld nehmen? Ich muß mein Korn ver⸗ 
kaufen, von dem wir den Winter uͤber leben wollten.“ „Herr, 
graͤmt Euch nicht,“ ſagte die kluge Frau, „Ihr braucht Euer 
Korn nicht zu verkaufen. Ich werde Euch aus der Schlinge 
herausziehen und die anderen darin fangen.“ So muͤhte ſie 
ſich, ihn zu troͤſten und dann ſetzten ſie ſich zum Abendeſſen. 

Am anderen Morgen ging Herr Conſtant auf ſeinen Acker, 


185 


feine Frau aber rief ihrer Magd: „Galestrot, bereite mir ein 
Bad!“ Und als das Bad geheizt war, ſprach fie weiter: 
„Galestrot, geh zum Herrn Pfarrer, der mich ſo umwirbt, 
und ſag ihm, daß ich bereit bin, ihm zu dienen, wenn er mir 
ſein Verſprechen haͤlt, das heißt, wenn er die zehn Pfund und 
die verſprochenen Kleinodien mitbringt.“ Nie iſt eine Kuh, 
die eine Fliege ſticht, ſo ſchnell gelaufen, wie Galestrot zum 
Pfarrer lief: „Herr, ſo lange habe ich gearbeitet, bis ich meine 
Herrin herumgekriegt habe. Herr, es iſt mir gelungen, meine 
Herrin zu verleiten, daß ſie Euch gefaͤllig ſein will, nun er⸗ 
weiſt auch Ihr Euch freigebig und edel. In Monaten waͤret 
Ihr nicht ſoweit gekommen, wenn ich nicht mich ins Mittel 
gelegt haͤtte.“ Der Pfarrer nahm die Magd lachend in feine 
Arme: „Galestrot, da ſind zwanzig Groſchen fuͤr einen 
Morgenrock! Iſt der Bauer daheim?“ „Nein, der Feigling 
iſt fort!“ Dann ſchob ſie die zwanzig Groſchen in ihren Buſen 
und verließ den Kaplan. Dieſer lief nach ſeinem Geld, ſteckte 
Hunderte und Tauſende von Mark zu ſich und fuͤllte einen 
ganzen Beutel mit Edelſteinen und Kleinodien, ſo daß er 
auf dem Wege unter der Laſt keuchend mehrfach ſtehenbleiben 
mußte. Frau Iſabeau ging dem Pfarrer entgegen und be⸗ 
fahl ihrer Magd: „Geh und zieh dem Herrn Pfarrer die 
Schuhe aus; er ſoll zuerſt baden, dann werde auch ich in 
den Zuber ſteigen und wir werden unſere Luſt miteinander 
haben.“ „Frau,“ ſagte der Pfarrer, „ich wage Euch nichts 
abzuſchlagen.“ Ihr erſtes war, daß ſie ihm den Beutel ab⸗ 
nahm und unters Bett warf, ohne ſich die Muͤhe zu nehmen, 
den Inhalt zu zaͤhlen. As der Pfarrer im Bade ſaß, packte 
ſie ſein Gewand mitſamt dem Geld zuſammen und warf es 
geſchwind in ihre Kammer, wo es Galestrot in Sicherheit 
brachte. Hierauf ſagte ſie zu ihrer Magd: „Geh und hole mir 
den Profoſſen! Sage ihm, daß er mir ſchnell das bringen 
ſoll, was er verſprochen hat.“ 

Die Magd eilte mit fliegenden Pantoffeln zum Profoß, 
begruͤßte ihn ehrfurchtsvoll und ſagte ganz ungeniert: „Herr 
Profoß, Euer Reichtum nuͤtzt mir nicht viel, obwohl ich mit 


186 


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Euch verwandt bin. Aber trotzdem habe ich Euch einen Ge⸗ 
fallen erwieſen, fuͤr den ich wohl ein kleines Trinkgeld ver⸗ 
dient habe. Ich bin meiner Herrin ſo lange angelegen, bis 
ſie ſich bereit erklaͤrt hat, Euch zu Willen zu ſein. Aber eilt 
Euch und vergeßt vor allem nicht das, was Ihr letzthin ver⸗ 
ſprochen habt. Meine Herrin iſt in großer Geldverlegenheit, 
aber ſie wird Euch Euer Darlehen mit Zinſen zuruͤckzahlen.“ 
Als der Profoß hoͤrte, daß die Sache fuͤr ihn gut ſtand, er⸗ 
widerte er: „Galestrot, liebe Freundin, ich werde nie ver⸗ 
geſſen, daß du mir ſo gut gedient haſt! Hier ſind zwanzig 
Groſchen zu einem Mantel!“ Er warf ihr das Geld in den 
Schoß und folgte ihr auf dem Fuße an die Tuͤr Frau Iſa⸗ 
beaus. „Mein Gott, es klopft!“ rief dieſe, „das iſt entſetz⸗ 
lich! Da kommt mein Mann!“ „Frau, um des Erloͤſers 
willen,“ zeterte der Pfarrer, „was ſoll ich tun? Euer Gatte 
iſt von roher Gemuͤtsart und ohnehin ſchlecht auf mich zu 
ſprechen.“ „Herr, entgegnete fie, „fürchtet nichts! Verſteckt 
Euch in jener Tonne, die nichts als weiche Federn enthaͤlt!“ 
Der Prieſter ſprang hurtig, nackt wie er war, in die unge⸗ 
heure Tonne und ſchlug den Deckel hinter ſich zu. Darauf 
trat der Profoß ein und wollte Frau Iſabeau kuͤſſen. „Herr,“ 
wehrte ſie ihn, „wir koͤnnten beobachtet werden. Die Scham 
macht mich feige, aber bald wird mir die Liebe Mut geben.“ 
„Frau,“ ſagte er, „ich habe alles Geld, das ich zuſammen⸗ 
raffen konnte, mitgebracht!“ Sie nahm ihm die gefüllte Geld⸗ 
katze ab und ließ ſie in ihre Kammer verſchwinden. Darauf 
hieß ſie den Profoſſen in den Badezuber treten, nahm ihm 
ſeine Kleider weg und ſprach zur Magd: „Geh und hole mir 
den Foͤrſter! Sage ihm, was du willſt; vor allem aber ſoll 
er den Ring mitbringen, den er mir neulich anbot.“ 

Als die Magd den Foͤrſter gewahrte, ſagte ſie mit ſanfter 
Stimme: „Kommt und troͤſtet meine Herrin! Sie quaͤlt ſich, 
weil ſie Euch das vorige Mal abwies, denn ich habe ſie ſo 
lange bearbeitet, bis fie für Euch ergluͤht iſt. Vergeßt übrigens 
nicht, den bewußten Ring mitzubringen; meine Herrin wird 
ſich dafuͤr erkenntlich zeigen.“ Der Foͤrſter machte vor Freude 


187 


einen Luftſprung: „Galestrot, das haft du gut gemacht! Hier 
ſind zehn Groſchen fuͤr einen Schleier!“ Als der Foͤrſter an 
die Tuͤre klopfte, rief Frau Iſabeau: „Mein Gott, es klopft! 
Es uͤberlaͤuft mich kalt! Da kommt mein Mann!“ Der Pro⸗ 
foß erſchrak, denn er fuͤrchtete Herrn Conſtant außerordent⸗ 
lich. „Fuͤrchtet nichts,“ ſagte die Frau, „verbergt Euch dort, 
bis mein Mann wieder fort iſt!“ Sie oͤffnete die Tonne, 
der Foͤrſter ſprang mit geſchloſſenen Fuͤßen hinein und haͤtte 
dabei beinahe den Pfarrer umgebracht. „Gott,“ rief dieſer, 
„kommen die Teufel heruntergefahren?“ „Ach,“ ſagte der 
Profoß, „ich bin betrogen.“ „Betrogen, bei den Angſten 
Chriſti? Wer biſt du?“ „Und du?“ „Der Pfarrer! Heute 
ſind alle Teufel losgelaſſen, mich zu quaͤlen. Wer biſt denn 
du?“ „Der unſelige Profoß!“ „Der Profoß? Dann iſt mir 
wieder beſſer!“ Sie erzaͤhlten nun einander ihr Abenteuer, 
waͤhrend der Foͤrſter heiteren Gemuͤtes in die Stube trat. 
Die Frau ſchmiegte ſich an ihn und ſchmeichelte ihm ſo lange, 
bis er ihr den Ring gab, dann ließ ſie ihn ins Bad ſteigen. 
Als die Kleider des Foͤrſters in Sicherheit gebracht waren, 
mußte die Magd Herrn Conſtant holen, der ſogleich in das 
Gehöft trat. „Weh mir! Ich bin verloren! Da kommt mein 
Mann!“ Geſchwind nahm ſie den Deckel von der Tonne und 
ließ den Foͤrſter hineinſpringen. Er traf den Pfarrer auf 
der Bruſt und bog dem Profoſſen das Ruͤckgrat krumm, aber 
keiner wagte ſich zu muckſen. Herr Conſtant trat ein, eine ge⸗ 
waltige Axt in der Hand ſchwingend. Seine Frau nahm ihn 
beiſeite und erzaͤhlte ihm die ganze Geſchichte. Der Bauer 
packte die Axt feſter und trat mit zornfunkelnden Augen an die 
Tonne: „Beim Teufel,“ fluchte er, „was iſt das? Wer hat 
Federn in meine Tonne gefuͤilt, in der ich mein Korn auf⸗ 
bewahren wollte? Der Teufel ſoll mich holen, wenn ich ſie 
nicht verbrenne! Er nahm ein brennendes Scheit und ſteckte 
es durch das Spundloch in die Federn, welche ſogleich auf⸗ 
flammten, worauf die drei Nackten mit gewaltigem Laͤrm und 
Geſchrei herausſprangen und davonliefen. Sie waren uͤber 
und uͤber mit Federn bedeckt und man wußte nicht, was vorn 


188 


und hinten bei ihnen war. Herr Conſtant ergriff einen dicken 
Knotenſtock und lief ihnen nach, indem er ſeine Hunde hetzte: 
„Kſch, Tyras! Pack, Nero! Bei der Seele meines Vaters, 
ich moͤchte die Koͤpfe dieſer Schufte meinem gnaͤdigen Herrn 
vorweiſen!“ Die drei Liebhaber flohen, doch die Hunde hol⸗ 
ten ſie ein, der eine packte den Profoß bei den Waden, der 
zweite den Foͤrſter bei den Schenkeln und der dritte den 
Pfarrer an einem noch empfindlicheren Koͤrperteil. „Hilfe, 
Hilfe! Herr Conſtant,“ ſchrie der Pfarrer, „Um Gottes willen, 
laßt mich nicht von dieſen Hunden gefreſſen werden, ich will 
auch nie wieder einen Pfennig von Euch verlangen!“ Herr 
Conſtant ließ die drei beim Kreuz, beim Pſalter und bei allen 
Heiligen ſchwoͤren, daß ſie in Zukunft uͤber ihn und ſeine Frau 
nichts anderes mehr als Gutes reden wollten, darauf ver⸗ 
abreichte er jedem eine tuͤchtige Tracht Pruͤgel und pfiff ſeinen 
Hunden. Die drei Geſellen durften, aus mehreren Wunden 
blutend und begafft von der inzwiſchen herzugeeilten Menge, 
heimgehen. Frau Iſabeau aber und ihr Gatte hatten Geld 
wie Heu und lebten von nun an in Friede und Freude. 


. Der Bauer als Arzt 
ar einſt ein reicher Bauer, doch von niedrigem 
und habgierigem Weſen. Er beſaß Wein, Brot 


und Fleiſch und alles, was man zum Leben 
braucht, doch tadelten ſeine Freunde, daß er unbeweibt ſei. 
Er beſchloß alſo, die erſtbeſte zu heiraten, und jene ver⸗ 
ſprachen, ihm eine gute Partie zu verſchaffen. 

Es lebte im Lande ein Ritter, ein alter verwitweter Mann, 
der hatte eine ſchoͤne und wohlgebildete Tochter, die aber 
ihrer Armut wegen niemanden fand, der um ihre Hand ge⸗ 
beten haͤtte. Zu dieſem Ritter gingen die Geſippen des 
Bauern und baten ihn fuͤr jenen, der an Hab und Gut reich 
ſei, um ſeine Tochter. Der alte Mann war mit der Heirat 
einverſtanden und die verſtaͤndige Jungfrau wagte ihrem 
Vater nicht zu widerſprechen. Die Hochzeit fand alſo bald 
darauf ſtatt. 


189 


Aber bald überlegte ſich der Bauer, daß er ſchlecht gefahren 
ſei, eine Ritterstochter paßte nun einmal nicht zu ſeinem 
Handwerk. Wenn er aus dem Hauſe gehen wuͤrde, ſo dachte 
er bei ſich, dann wuͤrde der Kaplan kommen und ihm ſeine 
Frau abſpenſtig machen wollen, wenn er auf dem Acker ſei, 
dann wuͤrde irgendein junger Laffe auf der Straße warten, 
und die beiden wuͤrden ihre Luſt miteinander haben. Kurz, 
er wußte ſich keinen Rat mehr und bereute die ſchnelle Heirat. 
Schließlich fiel ihm etwas ein, das ihn vor Schaden be⸗ 
wahren koͤnne: „Ich werde ſie pruͤgeln,“ ſagte er bei ſich, 
„Sobald ich mich am Morgen erhebe, dann wird ſie den ganzen 
Tag weinen, aber das ſtoͤrt mich nicht, weil ich an meine Ar⸗ 
beit gehe. Solange ſie aber weint, wird ſich niemand um 
ihre Gunſt bewerben. Abends, wenn ich heimkomme, werde 
ich ſie um Verzeihung bitten und wieder froh machen.“ Am 
anderen Morgen ließ er ſich alſo von ſeiner Frau Brot, Eier 
und Kaͤſe auftragen, und als das Eſſen abgeraͤumt war, ſchlug 
er fie fo gottsjaͤmmerlich ins Geſicht, daß man die Spuren 
ſeiner Finger auf ihren Wangen ſah. Nach dieſer Tat ging 
er geſchwind aufs Feld und die Arme blieb in Traͤnen zuruͤck. 
„Ach, was ſoll ich tun“, klagte ſie, „mein Vater hat mich 
verraten, als er mich dieſem Flegel gab. Ach, warum ſtarb 
meine Mutter ſo fruͤh?“ Den ganzen Tag uͤber blieb ſie 
untroͤſtlich, und alle Leute, die kommen wollten ſie zu be⸗ 
ſuchen, kehrten wieder um. Ihre Traͤnen floſſen, bis die 
Sonne unterging. Da kam der Bauer heim, fiel vor ſeiner 
Frau auf die Knie und bat ſie um Vergebung. „Ich ver⸗ 
ſichere Euch, daß ich Euch nie wieder ſchlagen werde. Der 
boͤſe Feind verfuͤhrte mich dazu!“ Die Dame verzieh ihm 
ſchließlich und gab ihm ſein Abendeſſen, darauf gingen ſie in 
Frieden zu Bett. 

Andern Tags ging der Bauer wieder auf den Acker, nach⸗ 
dem er zuvor ſeiner Frau einen derben Schlag verſetzt und 
ſie an den Haaren gezogen hatte. „Ach, er weiß nicht, wie 
Schlaͤge tun,“ klagte ſie, „ſonſt wuͤrde er mich e ſo 
pruͤgeln!“ 


190 


Waͤhrend fie ſo jammerte, ſiehe, da kamen zwei Boten des 
Koͤnigs auf weißen Zeltern herangeritten und baten die Frau 
um ein wenig Speiſe. Sie gab ihnen gern, was ſie hatte 
und fragte ſie ſodann: „Woher, ihr Herren, und wohin? 
Sagt mir, wen ihr ſucht!“ Der eine erwiderte: „Frau, wir 
ſind Boten des Koͤnigs, ausgeſandt, um einen Arzt zu 
ſuchen?“ „Warum?“ „Fraͤulein Ada, die Koͤnigstochter, iſt 
krank, ſchon ſeit acht Tagen hat ſie nichts gegeſſen noch ge⸗ 
trunken, denn eine Fiſchgraͤte blieb ihr in der Kehle ſtecken. 
Der Koͤnig iſt außer ſich uͤber ihr zu befuͤrchtendes Ableben.“ 
Die Dame ſprach: „Wenn ihr einen Arzt ſucht, ſo braucht ihr 
nicht weit zu gehen, denn mein Gatte verſteht von der Heil⸗ 
kunſt mehr als der ſelige Hippokrates.“ „Frau, ſpottet Ihr?“ 
„Durchaus nicht! Aber es iſt ſeine Gewohnheit, daß er nichts 
tut, wenn man ihn nicht zuvor durchblaͤut.“ Die Boten ſporn⸗ 
ten ihre Roſſe und ſuchten den Bauern auf. „Kommt ſo⸗ 
gleich zum König!” entboten ſie ihm. „Warum?“ „Um Eure 
Kunſt auszuuͤben. Es gibt auf der weiten Erde keinen ſo guten 
Arzt wie Ihr ſeid und wir kommen aus der Ferne her, Euch 
zu ſuchen.“ Als der Bauer dieſe Worte vernahm, zweifelte 


er am Verſtand dieſer Leute und ſtammelte, er verſtehe da⸗ 


von nicht das geringſte. „Worauf warten wir noch?“ ſagte 
der eine Bote zum anderen, „du haſt gehoͤrt, daß er ge⸗ 
ſchlagen ſein will, ehe er ſeine Kunſt ausuͤbt.“ Der eine 
ſchlug ihn alſo ins Geſicht und der andere mit einem dicken 
Stock uͤber den Ruͤcken. Sie taten ihm allen moͤglichen 
Schimpf an und ſchleppten ihn dann vor den Koͤnig. „Habt 
ihr nichts gefunden?“ fragte dieſer. „Doch, Herr!“ ſprachen 
beide zugleich und der Bauer zitterte vor Angſt. Sie er⸗ 
zaͤhlten dem Koͤnig die guten Eigenſchaften, die der Bauer 
habe, doch ſei er eigenſinnig und ſtiernackig, denn er taͤte 
nichts, um was man ihn bitte, außer man blaͤue ihn zuvor. 
„Meiſter,“ ſagte der König zu unſerem Helden, „ich werde 
meine Tochter holen laſſen, damit du an ihr deine Kunſt, 
deren fie dringend bedarf, ausuͤbſt.“ Der Bauer bat um 
Gnade: „Herr, beim wahren Gott, ich verſtehe nichts von 


191 


der Heilkunſt!“ „Das wundert mich,“ ſprach der König, 
„prügelt ihn!“ Die Diener ſprangen auf den Armen zu und 
erfüllten mit Wolluſt den Befehl ihres Herrn. Als der Bauer 
die Schläge ſpuͤrte, winſelte er: „Ich will fie augenblicklich 
heilen!“ Die bleiche Jungfrau wurde in den Saal gefuͤhrt, 
und der Bauer dachte nach, wie er es anſtellen folle, fie zu 
kurieren, denn er wußte wohl, daß man ihn toͤten wuͤrde, 
wenn ihm die Heilung nicht gelange. Er ſprach alſo zum 
Koͤnig: „Macht mir ein Feuer an einem abgelegenen Ort, 
dann ſollt Ihr ſehen, was ich tue, und wenn es Gott gefällt, 
werde ich ſie heilen.“ Der Koͤnig ließ ſogleich ein Feuer an⸗ 
zuͤnden und die Jungfrau ſetzte ſich neben die Glut auf einen 
Seſſel. Der Bauer aber ſetzte ſich auf den Boden neben die 
Flammen, zog ſich nackt aus und begann mit ſeinen langen 
Nägeln feine lederne Haut allerorts zu kratzen und zu krallen. 
Dabei fuchtelte er ſo ſpaßig mit ſeinen duͤrren Spinnen⸗ 


armen herum und verzog ſo drollig ſein Geſicht, daß die 


Prinzeſſin lachen mußte, und dieſes Lachen veranlaßte, daß 
ihr die Graͤte aus dem Munde flog. Der Bauer zog ſich 
ſogleich wieder an, ergriff die Graͤte und zeigte ſie dem Koͤnig: 
„Herr, mit Gottes Hilfe habe ich Eure Tochter geheilt! Seht 
hier die Graͤte! ! Der König freute ſich gewaltig Darüber und 
ſprach: „Du biſt mir über alles wert! Du ſollſt Gold und 
Kleider haben!“ „Danke, Herr, davon will ich nichts, ich 
will nur ſchleunigſt heim!“ „Das ſollſt du nicht, du ſollſt 
mein Leibmedikus und Berater ſein.“ „Gnade, Herr, in 
meinem Haufe war kein Brot, als ich heute früh fortging; 
ich muß Mehl zur Mühle bringen!“ Der König rief zwei 
Burſchen: „Haut ihn, damit er bleibt!“ Als der Bauer die 
Schlaͤge an Armen, Beinen und Schultern fuͤhlte, bettelte 
er um Erbarmen: „Ich bleibe ja ſchon, laßt mich nur in 
Frieden!“ Der Bauer mußte alſo am Hofe bleiben, wurde 
geſchoren und raſiert und bekam ein Scharlachgewand. 
Zur Geneſung der Tochter veranſtaltete der Koͤnig ein 
großes Feſt, zu welchem alle Kranken des Landes erſchienen. 
Jeder erzählte feine Leiden und der König rief den Bauer: 


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„Meiſter, hoͤrſt du? Nimm dich dieſer Leute an und heile 


ſie mir ſogleich!“ „Gnade, Herr, es ſind ihrer zu viele, ich 


kann ſie nicht alle auf einmal heilen!“ Der Koͤnig winkte 
den zwei Burſchen, welche ſogleich ihre Stoͤcke ergriffen, denn 
ſie wußten ſchon, was ſie ſollten. Als der Bauer ſie kommen 
ſah, zitterte er: „Gnade, ich werde ſie unverzuͤglich heilen!“ 
Der Bauer ließ wieder Brennholz bringen und ein großes 
Feuer im Saal entzuͤnden. Um den Brand verſammelte er 
die Kranken und ſprach zum Koͤnig: „Herr, Ihr geht herunter, 
und ebenſo alle, denen nichts fehlt.“ Nachdem der Koͤnig 
mit ſeinem Gefolge den Saal verlaſſen hatte, ſprach der 
Bauer zu den Kranken: „Bei Gott, ihr Herren, es iſt eine 
große Kunſt, euch alle zu heilen. Ich werde nun denjenigen 
von euch, der am aͤrgſten krank iſt, ausſuchen und in dieſem 
Feuer zu Aſche verbrennen. Davon werden alle andern 
Kranken Nutzen haben, denn wer von ſeiner Aſche genießt, 
wird auf der Stelle geheilt werden.“ Da ſchaute der eine 
Kranke den andern an, und es gab keinen Buckligen und 
Waſſerſuͤchtigen, der zugegeben haͤtte, er habe die aͤrgere 
Krankheit. Der Bauer ſagte zum erſten beſten: „Ich ſehe, 
daß du ſehr ſchwach biſt, du biſt zweifellos der Kraͤnkſte von 
allen!“ „Gnade, Herr, ich bin ganz geſund, ich fuͤhle mich 
von langem Leiden vollkommen geheilt!“ „Dann geh her⸗ 


unter, was ſuchſt du hier noch?“ Der nahm ſogleich die Tuͤre 


in die Hand und verſchwand. „Biſt du geheilt?“ fragte ihn 
der Koͤnig. „Ja, Herr, Gott ſei Dank und Dank Eurem 
Meiſter bin ich ſo geſund wie ein roter Apfel am Baum.“ 
Was ſoll ich weiter erzaͤhlen? Keiner wollte ins Feuer ge⸗ 
worfen werden, und alle machten ſich davon, gleich als ob 
ſie geheilt waͤren. Der Koͤnig freute ſich gar ſehr und ſagte 
zu ſeinem Arzt: „Lieber Meiſter, ich wundere mich, daß du 
die Kranken ſo ſchnell kuriert haſt.“ „Herr, ich ‚habe ſie be⸗ 
hert. Ich kenne ein Zaubermittel, ſtaͤrker als Ingwer und 
Zitrouan.“ Der Koͤnig ſprach: „Geh nun heim, wenn du 
willſt, und nimm von meinem Gold, meinen Roſſen und 
Hunden ſoviel dir beliebt, und wenn ich dich wieder holen 


13 Franz. Märchen 1 


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laffe, jo wirft du meinen Willen tun und mir ein guter Be⸗ 
rater bleiben, den ich am meiſten wert halte von allen Leuten 
dieſes Landes.“ „Danke, Herr,“ erwiderte der Bauer, „ich 
bin fruͤh und ſpaͤt Euer Knecht und will es immer bleiben.“ 
Er verabſchiedete ſich vom Koͤnig und kam vergnuͤgt heim. 
Aber auf ſeinen Acker brauchte er nicht mehr zu gehen, denn 
er hatte Geld genug, und ſeine Frau ſchlug er auch nicht mehr, 
ſond ern liebte fie und achtete fie. 


Wie der Bauer ins Paradies kam 


ine wunderbare Begebenheit geſchah einem Bauern. 
Dieſer war an einem Freitag fruͤh geſtorben, aber 
als ſich ſeine Seele vom Leibe trennte, erſchien kein 
Engel und kein Teufel, niemand fragte nach ihm, niemand 
befahl ihm irgend etwas. Seine angſtvolle Seele war ſehr 
froh daruͤber und nahm den geraden Weg zum Himmel. Da 
gewahrte ſie den Erzengel Michael, der gerade eine froh⸗ 
lockende Seele in die Ewigkeit trug. Der Bauer folgte dem 
Flug des Engels und ſchluͤpfte hinter ihm her ins Paradies. 
Sankt Peter, der die Himmelstuͤr bewacht, empfing die 
Seele, die der Engel brachte, wies ihr den Weg zum Thron 
des Allerhoͤchſten und wandte ſich dann wieder zur Pforte. 
Da bemerkte er die einſame Seele und fragte ſie, wer ſie 
hergefuͤhrt habe. „Hier kann keiner Herberge erhalten, den 
nicht der Schiedsſpruch des Weltenrichters herwies. Über⸗ 
haupt kuͤmmern wir uns um keine Bauern, denn ſolche Flegel 
kommen nicht hier herein.“ „Man kann nicht flegelhafter 
ſein als Ihr, lieber Herr Petrus,“ erwiderte die Seele. 
„Gott war ſchlecht beraten, als er Euch zu ſeinem Apoſtel 
machte, er konnte auch wenig Ehre mit Euch einlegen, denn 
Ihr habt Unſern Herrn dreimal verleugnet. Daher habt Ihr 
eigentlich im Paradies gar nichts zu ſchaffen. Jetzt ſchaut, 
daß Ihr weiter kommt, denn ich bin ein Ehrenmann und 
werde ſchon beweiſen, daß ich ein Recht habe, hier zu bleiben.“ 
Petrus ging hoͤchſt aufgebracht davon und traf den heiligen 
Thomas, dem er ſein Mißgeſchick erzaͤhlte. St. Thomas 


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ſprach: „Gott verhuͤte, daß der Ruͤpel hier bleibt, ich will 
gleich mit ihm reden!“ Er begab ſich alſo zu dem Bauern 
und redete ihn an: „Bauer, dieſe Gefilde ſind ausſchließlich 
für uns, für die Märtyrer und Bekenner beſtimmt. Wo ſind 
deine guten Werke, die dir einen Anſpruch auf das Paradies 
geben koͤnnten? Verlaſſe augenblicklich die Wohnung der 
Gerechten!“ „Thomas, Thomas, beſinne dich, ehe du ſprichſt! 
Biſt du denn nicht der, der zu den Apoſteln ſagte, als Gott 
ſich ihnen nach ſeiner Auferſtehung zeigte, du wuͤrdeſt nicht 
eher an ihn glauben, als bis du deine Finger in ſeine Wunden 
gelegt haͤtteſt? Das war falſch und kleinglaͤubig gehandelt!“ 
St. Thomas bekannte ſich als geſchlagen und beugte den 
Nacken. Darauf begab er ſich zum heiligen Paulus und er⸗ 
zaͤhlte ihm ſein Mißgeſchick. St. Paulus ſprach: „Bei meinem 
Kopf, ich werde hingehen und ſehen, was er mir antworten 
wird.“ „Du, Seele!“ wandte er ſich dann an den Bauern, 
der ſich inzwiſchen ganz gemuͤtlich im Paradies verluſtierte, 
„wer hat dich hergefuͤhrt? Wo ſind deine Verdienſte, die dir 
dieſe Tore oͤffnen koͤnnten? Verſchwinde eiligſt aus dem 
Paradies, du truͤgeriſcher Spitzbube!“ „Was?“ erwiderte 
jener, „St. Paulus? Woher nehmt Ihr den Mut zu ſolchen 
Worten, der Ihr auf Erden einer der grauſamſten Wuͤrger 
waret. St. Stephanus zeugt dafuͤr, den Ihr ſteinigen halfet. 
Oh, ich koͤnnte Euch manches aus Eurem Leben erzaͤhlen! 
Manch braver Mann iſt durch Euch zu Schaden gekommen, 
bis Gott mit ſtrafender Hand Eurem Treiben Einhalt tat. 
Erinnert Ihr Euch daran? Glaubt Ihr vielleicht, ich kenne 
Euren Lebenswandel nicht?“ St. Paulus wandte ſich be⸗ 
ſchaͤmt ab und begegnete dem heiligen Thomas, der gerade 
dem heiligen Petrus ins Ohr flüfterte, wie der Bauer ihn 
aufs Eis gefuͤhrt habe. Alle drei beſchloſſen darauf, beim 
lieben Gott Klage zu fuͤhren. „Durch ſeine Worte hat er uns 
alle drei mattgeſetzt,“ erzaͤhlte Petrus ſeinem Meiſter, „ich 
bin noch immer ganz wie vor den Kopf geſchlagen und moͤchte 
am liebſten gar nicht mehr davon reden.“ Unſer Herr ging 
nun hin, um ſich ſelber zu überzeugen. Er rief die Seele zu 
13* 


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jich und fragte fie, wie fie ohne Erlaubnis da hineinkaͤme. 
„Keine Seele kommt ohne Erlaubnis hierher,“ ſagte der 
liebe Gott, „du haſt außerdem meine Apoſtel beſchimpft; 
glaubſt du, du duͤrfteſt hierbleiben?“ „Herr, ich darf ebenſo⸗ 
gut hierbleiben, wie dieſe da, denn ich habe Euch nie ver⸗ 
leugnet, bin nie unglaͤubig geweſen und habe auch nie den 
Tod von anderen Menſchen verurſacht. Das alles aber haben 
jene bei Lebzeiten getan und ſind jetzt doch im Paradies. 
Solange mein Leib auf Erden wandelte, gab ich den Armen 
von meinem Brot, waͤrmte ſie an meinem Feuer und ließ 
ſie an Kleidung keinen Mangel leiden. Ich beichtete und 
empfing das Abendmahl, und wer ſo ſtirbt, das habt Ihr 
ſelber gepredigt, dem vergibt Gott ſeine Suͤnden. Ihr wißt 
ganz genau, ob ich die Wahrheit rede. Ich bin ohne Wider⸗ 
ſpruch hier hineingekommen. Warum ſoll ich wieder hinaus, 
nachdem ich einmal drin bin? Ihr wuͤrdet Eure eignen 
Worte verleugnen, denn Ihr habt geſagt, wer hier eingeht, 
der geht nicht wieder heraus. Wollt Ihr um meinetwillen 
Luͤgen geſtraft werden?“ „Bauer,“ ſagte Unſer Herr, „ich 
gebe alles zu, ſonſt machſt du mein ganzes Paradies rebelliſch. 
Du mußt auf einer guten Schule geweſen ſein, denn du ver⸗ 
ſtehſt die Advokatenkniffe vortrefflich. Nun gehe ein in 
Frieden, weil Liſt immerhin beſſer iſt als Gewalt.“ 


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— nn. 


— 


Vierzehntes und fuͤnfzehntes Jahrhundert 


19. Das Maͤrchen von der ſchoͤnen Zelandine 


8 war ein einmal ein fahrender Ritter mit Namen 
roylus, der zog von Abenteuer zu Abenteuer durch 
die Welt. So gelangte er einſtmals auf ſeinen Fahr⸗ 
ten auf eine Inſel, welche dem bretoniſchen Feſtlande vor⸗ 
gelagert war und kehrte im Schloſſe des Herren dieſer Inſel, 
welcher Zeland hieß, ein. Troylus ſchloß mit deſſen Sohn 
Zelandin einen Freundſchaftsbund und erkor die liebliche 
Zelandine, die Tochter des Schloßherrn, zur Dame ſeines 
Herzens; und auf ſeinen weiteren Fahrten — denn nicht 
lange hielt es ihn im gaſtlichen Hauſe des Herrſchers — 
brach er manche Lanze ihr zu Ehren. 

Schließlich trieb ihn die Sehnſucht in die Heimat Zelan⸗ 
dinens zuruͤck. Da er vor Einbruch der Nacht das Schloß 
ihres Vaters nicht mehr erreichen konnte, nahm er im Hauſe 
einer vornehmen Dame Quartier und erkundigte ſich nach 
ſeinem Freunde Zelandin, denn nach der Jungfrau ſelbſt 
zu fragen, traute er ſich nicht. „Herr,“ ſagte die Dame, „der 
Ritter, von dem Ihr da ſprecht, iſt nicht hier, ſondern Hält ſich, 
wie man ſagt, auf dem bretoniſchen Feſtlande auf. Er iſt 
im Auftrage ſeines Vaters Zeland eilends dorthin gereiſt, 
denn ſeine Schweſter iſt ſchwer erkrankt, und niemand kennt 
ein Heilmittel fuͤr ſie. Dieſerhalb hat Zeland ſeinen Sohn 
in die große Bretagne geſchickt, daß er dort erfahre, was zu 
tun ſei, und ob er vielleicht einen Meiſter faͤnde, der ein Mittel 
gegen ihre Krankheit wüßte.” — „Edle Frau, erwiderte 


Troylus, „es iſt ſchade um die Jungfrau, denn ſie iſt ver⸗ 


ſtaͤndig und zuͤchtig, aber, ich bitte Euch, ſagt mir doch, an 
welchem Übel fie leidet.“ — „Herr, ſagte die Dame, „heute 
iſt es ein Monat, daß die Jungfrau von einem Feſt aus der 
großen Bretagne zuruͤckkam. Bei ihrer Ruͤckkehr war eine 
groͤßere Anzahl von Damen dieſes Landes bei ihr verſammelt, 


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um fich mit ihr zu vergnügen. Als nun die Feier beendet war, 
verblieb ſie mit zwei jungen Maͤdchen, ihren Baſen, in ihrer 
Kammer. 

Es ereignete ſich am ſelben Tage, daß ſie aus den Haͤn⸗ 
den eines dieſer Fraͤulein einen Spinnrocken mit Flachs 
darauf entgegennahm und zu ſpinnen begann. Aber noch 
hatte ſie den erſten Faden nicht vollendet, als ſie ſich ſchlaf⸗ 
befangen niederlegte, und ſeitdem iſt ſie nicht erwacht, hat auch 
nicht getrunken noch gegeſſen, und doch aͤndert ſich die Farbe 
ihres Fleiſches nicht, und jedermann nimmt es Wunder, wie 
ſie ſo leben kann. Aber man ſagt, daß die Goͤttin Venus, der 
ſie ihr ganzes Leben lang gedient hat, ſie geſund erhalte.“ 
Die Dame merkte bald an Troylus' Gebaren, daß er Zelan⸗ 
dine liebe, und da ſie die Jungfrau ihrem eigenen Sohne 
zugedacht hatte, ſo belegte ſie den Ritter mit einem ſtarken 
Zauber, ſo daß er ohne Erinnerung an das Vergangene und 
faſt von Sinnen in Zelands Schloß einritt. 

Zeland befand ſich gerade im Saale, und bei ihm waren 
alle Meiſter der Heilkunſt des ganzen Landes, welche die 
ſchoͤne Zelandine behandelten, aber es war keiner darunter, 
der ihre Krankheit zu heilen verſtand. Als Troylus den Saal 
betrat, betrachtete er ſogleich die Bildniſſe und Hiſtorien, die 
rings an den Waͤnden hingen, wie einer, der ſeiner Sinne 
nicht in vollem Maße maͤchtig iſt. Es geſchah aber, daß Ze⸗ 
lands Narr eintrat, und, ſobald dieſer Troylus bemerkt hatte, 
betrachtete er ihn eingehend nach Narrenart; als er ihn aber 
genugſam betrachtet hatte, ſagte er zu ihm: „Meiſter, komm 
und ſetze dich zu den andern, denn du wirſt die ſchoͤne Zelan⸗ 
dine heilen.“ 

Mit dieſen Worten zog er ihn am Rock, ſo feſt er 
konnte. Als Troylus bemerkte, daß ihn der Narr alſo 
zerrte, riß er ſich ſo haſtig von ihm los, daß der arme Narr 
zu Boden purzelte. Aber kaum hatte er ſich wieder erhoben, 
ſo begann er von neuem, Troylus fortzuzerren, um ihn zu 
den Arzten zu fuͤhren, welche ſich, Rats zu pflegen, zuruͤck⸗ 
gezogen hatten, damit ſie Zelands Anfrage beantworten 


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koͤnnten. Als Zeland ſah, wie fein Narr mit dem eben ans 
gekommenen Narren ſtritt, und daß dieſer ihm nicht gehorchen 
wollte, da verwunderte er ſich ſehr, woher jener komme, und 
er fragte ſich, was ſein Narr von ihm wolle. Dann aber hoͤrte 
er, wie dieſer zum fremden Narren ſagte: „Komm und heile 
Zelandine!“ Dieſes Draͤngen ſetzte der Narr eine Weile 
fort, endlich aber ließ er ab, kam zu ſeinem Herrn und ſagte 
zu ihm: „Herr, laſſe alle Arzte gehen und nimm dieſen Nar⸗ 
ren ohne die andern, denn er iſt es, der deine Tochter heilen 
wird.“ — „Geh, Narr!“ ſagte Zeland, der dieſen Worten 
wenig Glauben beimaß. „Wie, Zeland,“ entgegnete der Narr 
„glaubft du mir nicht? So wiſſe, daß fie nie geheilt werden 
wird außer durch ihn, denn er iſt im Beſitze des Heilmittels.“ 
Dann ging er ganz beſtuͤrzt uͤber ſeinen Mißerfolg davon. 
Obwohl Zeland den Worten des Narren wenig Bedeutung 
beilegte, erhob er ſich doch alsbald und trat auf Troylus zu, 

der ſich in der Mitte des Saales aufhielt und fragte ihn, 
woher er kaͤme, und wo ſeine Heimat ſei. Troylus war durch 
Zauberkraͤuter von Sinnen gekommen, er antwortete daher 
jo einfältig, daß Zeland ihn für einen echten Narren hielt 
und ſich wieder zu den Meiſtern wandte, die auf ihn warteten, 
um ſeine Frage zu beantworten. Sie ſagten ihm aber, daß 
ſie wirklich kein Heilmittel fuͤr die Krankheit ſeiner Tochter 
wuͤßten, und daß ihr Übel kein natuͤrliches ſein koͤnne. Er 
moͤge ſie in ſeinem alten Turm unterbringen und dort ein⸗ 
geſchloſſen halten. Dann ſolle er den Willen der Goͤtter ab⸗ 
warten, die im Geheimen handeln und ihre Hilfe im Ver⸗ 
borgenen angedeihen laſſen. Als Zeland ſah, daß er keinen 
andern Rat in Betreff ſeiner Tochter bekommen koͤnne, wurde 
er ſehr betruͤbt, ſchloß ſich aber der Meinung der Arzte an. 
Da naͤmlich keine Heilkunſt hier etwas vermochte, ſo beſchloß 
er, ſie ganz allein in den alten Turm einſperren zu laſſen 
und dort ſo abgeſchloſſen zu halten, daß kein Lebender zu 
ihr gelangen koͤnne mit Ausnahme von ihm ſelbſt und einer 
alten Dame, feiner Schweſter; fie beide wollten täglich hin⸗ 
gehen, ſie zu beſuchen. Wie die Arzte es geraten hatten, ſo 


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geſchah es. Er ließ die Jungfrau in das oberſte Gemach 
des Turmes tragen und ſie dort in ein Bett niederlegen, das 
auf das herrlichſte hergerichtet war. Hierauf ließ er alle 
Eingaͤnge des Turmes vermauern, außer einem Fenſter, 
das gegen Sonnenaufgang ging und ganz oben im Turme 
gebrochen war, da, wo die Jungfrau lag. Taͤglich einmal 
ging er mit ſeiner Schweſter dorthin, um ſie zu ſehen und um 
zu erfahren, ob die Goͤtter noch kein Mitleid mit ihr haͤtten. 
Aber jeden Tag fanden fie die Jungfrau im gleichen Zus 
ſtand, weder ſchlimmer noch beſſer. Troylus ſeinerſeits 
blieb im Schloſſe, ohne den vollen Gebrauch ſeiner Sinne 
wiedererlangt zu haben, dennoch ſchaͤtzte Zeland ihn hoch. 

Eines Tages trat Troylus mit Zeland in den Tempel der 
drei Goͤttinnen, um zu beten. Troylus ſchlief im Tempel 
ein, und ſein Gefaͤhrte verließ ihn. Um Mitternacht erſchien 
ihm eine weibliche Geſtalt: es war die Goͤttin der Liebe ſelbſt, 
die ihm die Augen beruͤhrte und ihm dadurch Gedaͤchtnis 
und Verſtand zuruͤckgab. In einem Kampfe mit feinem 
Nebenbuhler, der ſich ſeine im Schloſſe der Zauberin zuruͤck⸗ 
gelaſſene Ruͤſtung angemaßt hatte, gelangte er wieder in 
den Beſitz ſeiner Waffen, und nun erinnerte er ſich auch wie⸗ 
der der Dame ſeines Herzens, der ſchoͤnen Zelandine, und 
ſeine Liebe zu ihr erwachte von neuem, ſo daß er beſchloß, 
ſie aufzuſuchen. | 

Als er im Tempel der Goͤttinnen betete, ermahnte ihn die 
Stimme der Venus, das Wagnis zu beſtehen und die Frucht 
zu pfluͤcken. Ohne den Sinn dieſer Worte zu faſſen, ritt er 
weiter und gelangte zum Turme, in welchem, wie er erfuhr, 
Zelandine ſchlief. Lange verſuchte er, den tuͤrenloſen Turm 
zu erklimmen, bis er klagend von dieſem Wagnis abſtehen 
mußte. Da trat ein Juͤngling zu ihm und ſprach: „Ich 
weiß wohl, daß du Troylus biſt und daß du, von der Goͤttin 
Venus aufgefordert, dieſen Turm betreten willſt. Wenn du 
da hineingelangen willſt, ſo mußt du dich an mich wenden.“ 
Da Troylus ſah, daß der Juͤngling trockenen Fußes uͤber das 
Waſſer eines Baches ſchritt, faßte er Vertrauen zu feiner 


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Kunſt. Der Juͤngling jedoch, welcher kein anderer war, als 
Zephyr, der Diener der Liebesgoͤttin, hieß den Ritter auf 
ſeine Schultern ſteigen und trug ihn ſo zum Fenſter auf der 
Hoͤhe des Turmes. Er ermahnte ihn ausdruͤcklich, die Nacht 
bei der Jungfrau zu verbringen, am naͤchſten Morgen wolle 
er ihn wieder abholen. Troylus betrat das Gemach der 
ſchoͤnen Schlaͤferin und entzuͤndete eine Kerze, die auf dem 
Rande ihres Lagers ſtand. Von der Schoͤnheit der Jungfrau 
uͤberwaͤltigt, bedeckte er ſie mit Kuͤſſen, aber ſie ruͤhrte ſich nicht 
und erwachte nicht. Von Venus nochmals ermahnt, die 
Frucht zu pfluͤcken, wurde er kuͤhner und kuͤhner und teilte 
ſchließlich mit ihr das Lager. Am anderen Morgen erſchien 
der himmliſche Bote wieder am Turmfenſter, und Troylus 
mußte ſich losreißen, denn ſchon erklangen die Schritte der 
Muhme auf der Stiege; ſchnell vertauſchte er ſeinen Ring 
mit dem Zelandinens, dann zog er wieder in die weite Welt 
hinaus, um neue Abenteuer zu ſuchen. Die Muhme hatte 
noch einen letzten Schimmer ſeiner Ruͤſtung geſehen und 
glaubte nichts anderes, als daß der Schlachtengott Mars 
ihrer Nichte beigewohnt habe. Sie richtete das Bett auf und 
verließ den Turm, ohne des Vorfalls irgendwie Erwaͤhnung 
zu tun. 

Zelandine lag auf ihrem Bette wie zuvor, neun Monate 
lang, ohne zu erwachen und ohne einen andern Beſuch zu 
erhalten, als den ihrer Muhme, die ſie jeden Tag aufſuchte. 
Sie hatte in all dieſer Zeit keine andere Nahrung als ein 
wenig Ziegenmilch, die ihr die gute Alte durch den Mund 
einfloͤßte. Nach Ablauf von neun Monaten aber geſchah es 
eines Abends, daß die ſchoͤne Zelandine mit einem wunder⸗ 
huͤbſchen Knaben niederkam. Kaum war dies geſchehen, ſo 
kam die Muhme, um ſie, wie gewoͤhnlich, zu beſuchen. Als 
ſie zum Bette trat, fand ſie dort einen ſchoͤnen Knaben an 
der Seite ſeiner Mutter, welche ſchlief wie zuvor. Wie die 
gute Frau das Kind ſah und bemerkte, daß Zelandine immer 
noch ſchlief, erſtaunte ſie ſehr, bald aber ſollte ihre Ver⸗ 
wunderung noch groͤßer werden. Sie ſah naͤmlich, wie das 


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neugeborene Kind fich bemuͤhte, zur Bruſt feiner Mutter zu 
gelangen. Dabei geſchah es nun, daß es ihren kleinen Finger 
zu faſſen bekam, an welchem es heftig zu ſaugen begann. 
Es ſog ſo ſtark, daß es huſten mußte. Die Muhme, welche 
dieſem Beginnen zuſchaute, wurde von Mitleid ergriffen, 
nahm das Kind in den Arm und ſagte: „Ach, du kleines Ge⸗ 
ſchoͤpf, kein Wunder, daß du huſten mußt, denn da, wo du 
ſaugſt, wirſt du wenig Nahrung finden!“ 

Bei dieſen Worten erwachte die junge Mutter und be⸗ 
gann, ihre Arme auszuſtrecken, wie einer, der nicht weiß, 
was mit ihm vorgegangen iſt. Die Muhme rief ihr zu: 
„Zelandine, liebe Nichte, wie geht es dir? So ſprich doch 
mit mir!“ Als Zelandine die Stimme ihrer Muhme ver⸗ 
nahm, antwortete ſie: „Liebe Muhme, geſtern habe ich 
mich geſund niedergelegt und heute fuͤhle ich mich krank, 
ich weiß nicht, wie mir das angeflogen iſt.“ — „Nein, 
nicht geſtern,“ ſagte die Dame, „ſondern viel länger, denn 


ſeitdem du kein Zeichen des Erwachtſeins von dir gegeben 


haſt, haſt du neun Monate lang unter deinem Herzen die⸗ 
ſen ſchoͤnen Knaben getragen, von dem du heute entbun⸗ 
den biſt. Aber ich weiß nicht, wer ſein Vater iſt.“ Als 
die junge Frau dieſe Worte hoͤrte und den ſchoͤnen Knaben 
ſah, geriet ſie in Erſtaunen; dann fing ſie an zu weinen, da 
ſie nicht ahnte, daß jemals ein Mann ihren Leib beruͤhrt hatte. 
Die Dame hatte Mitleid mit ihr und ſagte: „Liebe Nichte, 
weine deshalb nicht, und damit du weißt, was dir zugeſtoßen 
iſt, ſo will ich es dir ſagen.“ Dann erzaͤhlte ſie ihr von An⸗ 
fang bis zu Ende, wie ſie eingeſchlafen ſei, und wie der Koͤnig 
ſie in dieſen Turm habe tragen laſſen, damit die Goͤtter ſie 
heimſuchen koͤnnten. „Es hat ſich aber ereignet, liebe Nichte,“ 
fuhr die Dame fort, „daß der Schlachtengott Mars, von dem 
wir abſtammen, dich ganz im geheimen, ſo wie es keiner der 
andern Goͤtter getan, beſucht hat. Aber, wie mir ſcheint, iſt 
dies um deiner Geſundheit willen geſchehen, und damit 
unſeres Geſchlechtes Adel erhalten bleibe. Er hat dir bei⸗ 
gewohnt und dieſen ſchoͤnen Knaben erzeugt, der dir die 


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Geſundheit wiedergegeben hat, deshalb ſollſt du ihm danken 
und ihn preiſen und nicht in Sorge ſein, denn ich werde dieſes 
Abenteuer ſo geheim halten, daß es niemand erfaͤhrt.“ Als 
die ſchoͤne Zelandine die naͤheren Umſtaͤnde ihres Abenteuers 
hoͤrte, fing ſie dermaßen zu weinen an, daß ſie nicht reden 
konnte. Da ſagte die Muhme zu ihr: „Nichte, ſo bekuͤmmere 
dich doch nicht, ſondern ſei guter Dinge, denn ich will dein 
Kind an einen ſo verborgenen Ort bringen, daß niemand 
etwas davon erfaͤhrt, bis es den Goͤttern gefaͤllt, daß alles 
offenbar werde. Da ich gerade die unmittelbare Urſache dei⸗ 
nes Abenteuers erzaͤhlt habe, iſt mir eine Geſchichte ins Ge⸗ 
daͤchtnis gekommen, die ich lange vergeſſen hatte, wie denn 
beim Reden oft die eine Erinnerung die andere nach ſich 
zieht. Damit du nun Grund habeſt, dich zu troͤſten, werde 
ich fie dir erzählen, denn jetzt haft du den Zorn der Schickſals⸗ 
goͤttin, welche die dritte bei deiner Geburt war, uͤberſtanden, 
und ſo gluͤcklich uͤberſtanden, daß du daruͤber uͤber die Maßen 
froh ſein ſollteſt. Wiſſe alſo, liebe Nichte, daß deine Mutter 
an dem Tage, da ſie dich gebar, mir auftrug, ich ſolle das 
Gemach der Goͤttinnen herrichten, welche den Frauen bei der 
Geburt beizuſtehen pflegen. Ich richtete alſo das Gemach 
ſo praͤchtig, wie ich konnte, ich deckte die Tafel, trug Eſſen 
und Trinken auf, wie es ſich gebuͤhrt, und ſtellte vor den Sitz 
einer jeden Goͤttin eine Schuͤſſel mit Brot und Wein. Dann 
ging ich hinaus, hielt mich aber in der Nähe der Türe, um 
nach Moͤglichkeit zu lauſchen, was die Goͤttinnen miteinander 
redeten. Es kamen die drei Goͤttinnen Lucida, Themis und 
die ſchoͤne Venus, dieſe trat zuletzt ein. Sie ſetzten ſich zu 
Tiſch, um zu eſſen, aber es traf ſich zum Ungluͤck, daß Themis, 
die Goͤttin des Schickſals, kein Meſſer hatte, deshalb war ſie 
nicht ſo guter Dinge wie die andern. Als ſie gegeſſen hatten, 
ſagte Lucida: ‚Wir find hier gut aufgenommen, darum habe 
ich es gefuͤgt, daß das Kind mit ganzen und geſunden Glie⸗ 
dern geboren wurde, und es ſoll wachſen und gedeihen, wenn 
es gut behuͤtet wird. Nun iſt die Reihe an Euch, Frau The⸗ 
mis, die Ihr die Goͤttin des Schickſals fein.‘ — Wahrlich, 


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ſagte Themis, ‚jo iſt es; aber weil ich kein Meſſer gehabt habe, 
ſo gebe ich dem Kinde dieſes Schickſal, daß es mit dem erſten 
Leinenfaden, den es von einem Spinnrocken windet, ſich eine 
Flachsfaſer in den Finger zieht. Und es ſoll auf der Stelle 
einſchlafen und nicht erwachen, bis dieſe herausgeſogen iſt.“ 
Als die Goͤttin Venus hoͤrte, was ihre Gefaͤhrtin dem kleinen 
Geſchoͤpfe beſtimmt hatte, ſagte fie: „Ihr ſeid aufgebracht, 


das tut mir leid, aber durch meine Kunſt werde ich es fuͤgen, 


daß die Faſer herausgeſogen und alles wieder gut wird.“ 
Darauf trennten ſie ſich ſo ploͤtzlich, daß ich nicht weiß, was 
aus ihnen geworden iſt. Das iſt es, liebe Nichte, was mir eben 
in die Erinnerung kam, denn nie, ſeit die Geſchichte ſich zu⸗ 
trug, habe ich wieder daran gedacht.“ 


Als der Koͤnig ſpaͤter ein Turnier ausſchrieb, erſchien Troy⸗ 


lus, beſiegte alle anderen Ritter, gab ſich der ſchoͤnen Zelan⸗ 
dine zu erkennen und entfloh mit ihr. 


20. Predigtmaͤrlein des 14. Jahrhunderts 
St. Nikolaus und der Juͤngling 

5s wird erzählt, daß in Bordeaux eine Frau wohnte, 
welche nur einen einzigen Sohn hatte. Sie wuͤnſchte, 
daß er zu Reichtuͤmern gelange und gab ihn daher 
in das Haus eines ihrer Verwandten, damit dieſer ihn in 
der Ausfuͤhrung von Handelsgeſchaͤften unterrichte. Fuͤnfzig 
Pfund wurden hinterlegt, und der junge Mann wurde zu 
Geſchaͤftszwecken an einen auswaͤrtigen Platz geſchickt. Hier 
hoͤrte er in der Predigt, daß nichts auf der Welt dem Men⸗ 
ſchen mehr Ehre und Gut verleihe, als die Freigebigkeit in 
Almoſen. Nun traf er auf dem Ruͤckwege auf eine Kirche 
des heiligen Nikolaus, welche baufaͤllig war, und fuͤr deren 
Inſtandſetzung Almoſen geſammelt wurden. Da gab der 
junge Mann ſeine fuͤnfzig Pfund aus Liebe zu Gott hin. 
Als er aber zu ſeinem Herrn zuruͤckgekehrt war und ihm 
ſeine Tat berichtete, wurde er ob ſeines Leichtſinns aus 
deſſen Hauſe vertrieben und nur auf die Traͤnen der Mutter 


204 


hin wieder aufgenommen, doch unter der Bedingung, daß er 
den Schaden erſetze. Es wurden nunmehr hundert Pfund 
eingeſetzt. 

Nach laͤngerer Zeit wurde der junge Mann neuerdings 
mit einer großen Geldſumme uͤbers Meer geſandt. Es ge⸗ 
ſchah aber, daß Seeraͤuber die Tochter des Sultans geraubt 
hatten und zum Verkaufe feilboten. Dem jungen Mann ge⸗ 
fielen ihre Schoͤnheit, ihre guten Sitten und ihre Unter⸗ 
haltungsgabe, und er kaufte ſie zum Preiſe von hundert 
Pfund, und nach Beendigung ſeiner Seereiſe brachte er ſie 
mit nach Bordeaux. Als ſeine Verwandten die Jungfrau 
ſahen, glaubten ſie, er habe ſie nur gekauft, um mit ihr ein 
liederliches Leben zu fuͤhren, und ſie warfen beide aus dem 
Hauſe. 

Die Heidin aber wurde zum Glauben an Chriſtus bekehrt 
und getauft, und ſie war ſo voll Verehrung zum heiligen 
Kreuze und zur ſeligen Jungfrau, daß ſie auch den Juͤngling, 
der ſie gekauft hatte, zu einem heiligmaͤßigen Leben veran⸗ 
laßte. Schließlich wurde ihre Verlobung gefeiert, aber die 
Kraft des heiligen Kreuzes hinderte, daß ein unreiner Trieb 
in ihnen aufkam. Da ſie ſehr arm waren, bat die Jungfrau 
ihren Verlobten, mannigfache Arten von Seidenſtoffen und 
Goldborten einzukaufen, aus denen ſie Handarbeiten von 
wunderbarer Schoͤnheit verfertigte, insbeſondere eine goldene 
Fahne, deren Pracht jeder, der ſie ſah, anſtaunte. Darauf 
wurde der junge Mann von ihr nach Alexandrien geſchickt 
mit dem Auftrage, er ſolle an einem beſtimmten Feſte der 
Sarazenen die Handarbeiten ſamt der Fahne auf einem 
offentlichen Platze zum Verkaufe ausftellen, und er ſolle für 
die Fahne nicht weniger als zweitauſend Flor. fordern. Ihr 
Vater, der Sultan, wuͤrde auf der Fahne Zeichen erkennen, 
die kein Lebendiger auf der Erde zu machen wuͤßte, als ſie 
allein, und er wuͤrde aus Liebe zu ſeiner Tochter jeden Preis 
dafuͤr zahlen. Namentlich aber wies ſie ihren Braͤutigam 
darauf hin, daß er zum Empfange des Geldes nicht in das 
Schloß ihres Vaters gehen duͤrfe, vielmehr ſolle er den Be⸗ 


205 


trag auf dem Platze erwarten, ehe er die Fahne hergebe. 
Der junge Mann tat, wie ſie ihn geheißen hatte und bot am 
feſtgeſetzten Feiertage die Handarbeiten feil. Der Sultan 
wuͤnſchte die Fahne zu kaufen, und was auch der Kaufmann 
dafuͤr verlangte, es wurde ihm ohne Widerrede gewaͤhrt. 
Das Schloß des Sultans aber betrat der junge Mann nicht, 
obwohl er dringend darum gebeten wurde. Darauf kehrte 
er mit großen Reichtuͤmern beladen zu ſeiner Braut zuruͤck. 
Sie kauften Beſitztuͤmer und Laͤndereien, doch noch wollten 
ſie ſich nicht zur Ehe vereinigen, vielmehr gedachten ſie zuvor 
noch groͤßere Mittel zu erwerben. Wiederum kaufte er 
wunderſchoͤne und aͤußerſt koſtbare Seidenſtoffe, ſie ver⸗ 
fertigte daraus Handarbeiten, die noch ſchoͤner und beſſer 
waren als das erſtemal und darunter wieder eine Fahne, 
wie ſie ſo ſchoͤn zuvor noch kein Menſchenauge geſehen hatte. 
Der junge Mann wurde mit den gleichen Auftraͤgen wie 
zuvor nach Alexandrien geſchickt, an einem hohen Feiertage 
breitete er die Fahne und die Stickereien aus und verlangte 
tauſend Pfund dafuͤr. Der Sultan kam herunter und uͤber⸗ 
redete aus Liebe zu ſeiner Tochter den Juͤngling mit freund⸗ 
lichen Worten, er moͤge ins Schloß kommen, um ſeinen Lohn 
zu empfangen. Kaum hatte dieſer das Schloß betreten, als 
er gefangen geſetzt und durch Foltern genoͤtigt wurde, zu 
geſtehen, daß er die Sultanstochter in ſeinem Hauſe beher⸗ 
berge. Waͤhrend er noch gefangen lag, wurden Schiffe aus⸗ 
geſandt, man ſuchte die Jungfrau auf, ergriff ſie und brachte 
ſie trotz ihres Widerſtrebens zu ihrem Vater zuruͤck. Der junge 
Mann mußte ſich mit ſeinem ganzen Gelde loskaufen, dann 
wurde er freigelaſſen und durfte nach Bordeaur zuruͤckkehren. 
Als er ſeine Braut daheim nicht mehr vorfand, kehrte er ſo⸗ 
gleich nach Alexandrien zuruͤck mit einer wunderſchoͤnen 
Stickerei, die ihm die Jungfrau ſelbſt geſchenkt hatte. Lange 
verweilte er dort, ohne jene zu Geſicht zu bekommen. End⸗ 
lich gelang es ihm durch die Schlauheit ſeines Gaſtfreundes, 
den er in ſein Geheimnis eingeweiht hatte, ſie in ihrem 
Garten zu erblicken, und er wurde von ihr erkannt. Zwar 


206 


wurde er bald wieder hinausgejagt, doch wartete er in der 
Stadt eine weitere Gelegenheit ab. Schließlich erhielt der 
Juͤngling durch Beſtechung der Waͤchter unter dem Vor⸗ 
wand, er wolle jene von ihr ſelbſt gefertigte Handarbeit ver⸗ 
kaufen, Eintritt ins Schloß; er konnte mit ſeiner Braut reden, 
und beide kamen uͤberein, daß ſie an einem beſtimmten Feier⸗ 
tage ein Schiff bereithalten wollten, denn an keinem andern 
Tage wuͤrde ſie Gelegenheit zur Flucht haben. Froh ging 
der junge Mann von dannen. Das Feſt kam heran, aber nir⸗ 
gends war ein Schiff aufzutreiben. Schließlich ging er unter 
dem Jubel des Feſtes traurig zum Hafen, und, da nirgends 
ein Schiff zu ſehen war, betete er unter Traͤnen: „O heiliger 
Nikolaus, wenigſtens konntet Ihr mir das zuruͤckerſtatten, 
was ich aus Liebe zu Gott zur Ausbeſſerung Eurer Kirche 
geſtiftet habe.“ Und ſiehe, waͤhrend er ſo weinend flehte, 
erblickte er plotzlich am Ausgange des Hafens ein fahrtbe⸗ 
reites Schiff; er erfuhr, daß es nach Bordeaux ſegelte, machte 
den Fahrpreis aus und begab ſich an den von der Jungfrau 
bezeichneten Ort. Das Maͤdchen kam beladen mit Edel⸗ 
ſteinen und wunderbaren Schaͤtzen, und beide wurden zur 
heimlichen Flucht in das Schiff aufgenommen. Als ſie bei 
Bordeaux gelandet waren und alle Schaͤtze an Land ge⸗ 
bracht hatten, verſchwand das Schiff ebenſo ploͤtzlich wie es 
gekommen war, und nach Vollziehung der Ehe lobten ſie 
Gott und die heilige Jungfrau. 


Die Quelle der Jugend 


8 war einmal ein König, der an einer unheilbaren 
Krankheit litt, und die Arzte hatten ihm mitgeteilt, 
er koͤnne nicht eher geheilt werden, bis er Waſſer 
von der lebendigen Quelle erhalte, welches ein Heilmittel 
fuͤr jegliches Siechtum ſei. Der Koͤnig rief ſeine drei Soͤhne 
zu ſich und bat ſie, alle Laͤnder zu durchqueren und alle 
Gewaͤſſer zu verſuchen; derjenige aber, der ihm Waſſer aus 
der lebendigen Quelle braͤchte, ſolle ſein Koͤnigreich erben. 
Darauf ſteckten die Söhne eine Summe Geldes zu ſich und 


207 


verteilten ſich derart über die Erde, daß der eine länge 
der Fluͤſſe, der andere durch die Ebenen und der dritte 
uͤber die Gebirge wanderte. Schließlich durchſchritt der 
Juͤngſte große Waͤlder und gelangte zum Haufe eines 
alten Mannes, von welchem er erfuhr, wo die Quelle 
der Jugend liege. Aber viele und verſchiedenartige Ge⸗ 
fahren warteten dort auf ihn und: „Wenn du dieſe nicht 
beſtehen und uͤberwinden kannſt, fo ift es beſſer, umzukehren 
als vorwaͤrtszugehen“, ſagte der Greis. Die erſte Gefahr 
naͤmlich war das Zuſammentreffen mit einer Schlange, die 
getötet werden mußte. Die zweite beſtand aus einer Schar 
Jungfrauen, die er nicht anblicken durfte. Die dritte Gefahr 
war die Begegnung mit Soldaten und Rittern, die Waffen 
aller Art vorweiſen wuͤrden, die zu nehmen ihm verboten 
war. Die vierte aber wuͤrde ihn in einem Schloſſe erwarten, 
in welchem ſich eine Jungfrau befinde, welche die Schluͤſſel 
zur lebendigen Quelle in der Hand halte. Denn am Tore be⸗ 
fanden ſich Gloͤckchen, und ſobald dieſe Gloͤckchen beruͤhrt 
wurden, machten ſie Laͤrm; dann kamen Krieger und toͤteten 
den, der ſie beruͤhrte. Gegen dieſe letzte Gefahr gab der Ein⸗ 
ſiedler dem Prinzen einen Schwamm, mit welchem er die 
Gloͤckchen anfuͤllen ſollte, damit ſie keinen Laͤrm verurſachten. 
Der Juͤngling wanderte lange, und als ihn die Schlange be⸗ 
drängte, ging er fie mit feinem Speere an und tötete fie 
ohne Mühe. Darauf betrat er eine Wieſe, da liefen ihm 
wunderſchoͤne Weiber entgegen, er aber verhuͤllte ſein Ge⸗ 
ſicht und eilte voruͤber, ohne ſie anzureden. Endlich gelangte 
er vor ein herrliches Schloß. Hier traten ihm Soldaten und 
Ritter entgegen und trugen ihm Waffen jeder Art zum Ge⸗ 
ſchenk an, wieſen ihm auch praͤchtige Pferde vor; aber er 
verſchmaͤhte alles und betrat das Schloß, nachdem er zuvor 
die Gloͤcklein mit dem Schwamme ausgeſtopft hatte. Als 
er das Schloß betreten hatte, ſah er eine wunderſchoͤne Frau, 
dieſe bat er demuͤtig, ihm etwas Waſſer von der Quelle der 
Jugend zu ſpenden. Sie ſprach: „Mir iſt von meinem Vater 
geſagt worden, ich ſolle mit dem Ritter ziehen, der alle 


208 


—— — —U — — — 


1 


Hinderniſſe, die ſich ihm unterwegs entgegenſtellen, uͤber⸗ 
winde und heil zu mir gelange. Du biſt der Ritter, und 
darum ſollſt du nicht nur das Waſſer aus der Quelle der 
Jugend haben, ſondern auch mich ſelber zur Braut.“ Der 
Prinz kehrte auf anderen Wegen zu ſeinem Vater zuruͤck 
und erbte ſein Reich, nachdem er die Jungfrau geheiratet 
hatte. 


14 Franz. Märchen 1 


209 


Aus dem ſechzehnten Jahrhundert 


21. Gargantua 


ls Grandgoſchier zu feinen Tagen kommen, 1 1 

er zum Weibe Gurgelmilten, die Tochter des Koͤnigs 

der Millermahler, ein ſchoͤnes Truͤſerle, huͤbſchen 
Viſiers, und ſie ward von einem ſchoͤnen Sohne ſchwanger, 
den trug ſie bis in den eilften Monat. Denn ſolang und 
laͤnger koͤnnen die Weiber Leibesfrucht tragen, inſonderheit 
wenn es ein Wunderwerk der Natur iſt, und eine Perſon, 
die ihrer Zeit mannhafte Taten veruͤben ſoll. Der gute 
Mann Grandgoſchier zecht' gerade und ſchwaͤrmt' mit den 
andern, da hoͤrt' er das moͤrderliche Geſchrey, welches ſein 
Sohn bey ſeinem Eintritt in dieſes Licht der Welt erhub, 
als er „Zu Trinken! zu Trinken!“ bruͤllte, und er ſprach: 
„J gar! Kannſt du a — ſupple, ſchon durſten!“ Welches 
als die Gaͤſt' vernahmen, ſagten ſie daß er um dieſer⸗ 
willen durchaus Gargantua heißen müßt, weil dieß das 
erſte Wort ſeines Vaters bey ſeiner Geburth geweſen waͤr; 
nach Fuͤrgang und in Nachahmung der alten Hebraͤer. 
Hierin war derſelbe ihnen auch gern zu willen, gefiel auch 
ſeiner Mutter wohl. Und um ihn zufriedenzuſtellen, brach⸗ 
ten ſie ihm zu trinken, was oben ein wollt: und ward 
nach frommer Chriſten Sitt zur Tauf getraͤgen und getauft. 
Und wurden ſiebzehntauſend neunhundert und dreyzehn 
Kuh von Pautillé und Brehemond verſchrieben, für ge⸗ 
woͤhnlich ihn zu ſaͤugen; denn eine baſtante Amm zu finden 
war im ganzen Land unmoͤglich, in Betracht der großen 
Meng Milch, die zu ſeiner Nahrung erforderlich war. 

In ſolcher Weis bracht er ein Jahr und ſechs Monden hin, 
um welche Zeit man nach dem Rath der Arzt ihn anfing, aus⸗ 
zutragen, und ward ein ſchoͤnes Ochſen⸗Kaͤrchel gebaut, in 
ſelbem kutſchirt' man ihn froͤhlig umher: und war eine Luſt, 
ihn anzuſehen, denn er hätt ein huͤbſch Goͤſchlein, wohl zehn 


210 


| 


Kinn am Hals, ſchrie auch faſt wenig; doch war er ungebuͤhr⸗ 
lich durchſchlaͤgiſchen Geſaͤſſes, theils aus natuͤrlicher Com⸗ 
plerion, theils durch zufälligen Habitum, den ihm das viele 
Saugen des September⸗Traubenmuͤsleins zuzog. Doch ſog 
er davon keinen Tropfen ohn Urſach; denn wenn ſichs traf, 
daß er verdruͤßlich, dickſchnutig und boͤs war, wann er ſchrie, 
ſtrampelt, heult', und man bracht ihm zu trinken, gleich kam 
er euch wieder zu ſich und war ganz ſtill und guter Ding. 
Gargantua ward bis zum fuͤnften Jahr in aller gebuͤhrlichen 
Zucht gepflegt und auferzogen nach dem Willen ſeines 
Vaters, und bracht die Zeit zu, wie die kleinen Kinder des 
Landes pflegen: naͤmlich mit Trinken, Eſſen und Schlafen, 
mit Eſſen, Schlafen und Trinken, mit Schlafen, Trinken und 
Eſſen. Er ſtoͤrt' ſich die Zaͤhn mit einem Holzſchuh, wuſch 
ſeine Haͤnd in Fleiſchbruͤh, ſtraͤhlt ſich mit einem Humpen, 
ſetzt ſich aͤrſchlings zwiſchen zween Stuͤhl an die Erd und 
deckt ſich mit einem naſſen Sack zu. Seines Vaters kleine 
Hund aßen mit ihm aus einer Schuͤſſel, er deßgleichen 
mit ihnen, er biß ſie in die Ohren, ſie zerkrellten ihm 
die Nas, er bließ ihnen in den Arß, ſie leckten ihm das 
Schnaͤuzel. 

Als Gargantua erwachſen war, ſchickt' Fayoles, der vierte 
Koͤnig in Numidien, dem Grandgoſchier aus Afrika eine un⸗ 
geheure Maͤr, das groͤßte Monſtrum und Wunderthier ſo je 
erſehen war; denn ſie war ſo groß als ſechs Elefanten, und 
ihre Fuͤß in Finger geſpalten, wie bei dem Pferd des Julius 
Caͤſar, auch lange Schlapp⸗Ohren haͤtt ſie, wie die Geiſſen in 
Languedoc, und ein klein Hoͤrnlein am Hinterſten. Vor allem 
aber haͤtt ſie einen erſchrecklichen Schwanz; denn etwas wenigs 
ab und an, war er ſo dick als die St. Marxſaͤul unweit Langes, 
auch ſo geviereckt, und die Strehnen dran ſo in einander ge⸗ 
niſtelt wie mans an einer Kornaͤhr ſieht. Als Grandgoſchier 
die ſahe, ſprach er: „Sieh da, ein gut Geſchirr, darauf mein 
Sohn gen Paris mag reiten! Wohlan, Gott walt's, es 
wird alls wohl von Statten gehen, er wird ein maͤchtiger 
Doctor werden zu ſeiner Zeit.“ Da Gargantua und ſeine 
14* 


211 


— 


Begleiter in Paris angekommen waren und nachdem ſie ſich 
etlich Tag erquickt, ging er aus, die Stadt zu beſchauen: und 
alle Leut betrachteten ihn voll Staunens und Verwunderung. 
Alſo beſchwerlich drangen ſie ihm zu Leib, daß er zuletzt ge⸗ 
zwungen war, ſich auf die Thuͤrn der Fraunkirch zu retiriren 
und niederzulaſſen. Wie er nun da ſaß und dieß viele Volk 
um ſich her ſah, ſprach er laut: „Ich glaub, die Schlingel 
meinen, daß ich ihnen hie meinen Willkomm zahlen ſoll. Iſt 
billig; ſollen ihren Wein han, aber par ris, per risum, ſpott⸗ 
weis“ (darnach ſeitdem die Stadt Paris geheißen ward, die 
man vorher Leucetia nannte). Da lupft' er laͤchelnd feinen 
ſchoͤnen Hoſenlatz, zog ſeine Mentul herfuͤr und bebrunzelt 
ſie ſo haarſcharf, daß ihrer zweyhundert ſechzigtauſend vier⸗ 
hundert und achtzehn elend erſoffen ohn die Weiber und 
kleinen Kinder. 

Hiernaͤchſt beſah er die großen Glocken auf ſelbigen 
Thuͤrnen und ließ ſie harmoniſch zuſammen laͤuten; und 
waͤhrend er alſo dieß noch trieb, kam ihm zu Sinn, daß 
ſie als Schellen ſeiner Maͤr gut zu Hals ſtehn muͤßten, die 
er ſeinem Vater, mit Kaͤſen von Brye und neuen Haͤringen 
wohl beladen wieder heimſchicken wollte: nahm ſie alſo mit 
in ſein Herberg. 

Zur ſelbigen Zeit entſtund ein Streit zwiſchen den Wecken⸗ 
baͤckern von Lerné und Grandgoſchiers Landſaſſen, daraus 
ein ſchwerer Krieg erwuchs, und Gargantua ward heim⸗ 
berufen. Demnach beſchritt Gargantua in Begleitung ſeiner 
Lehrer und Freund die große Mär und reiſet gen Pareille. 
Unterwegens traf er einen gewaltigen hohen Baum an, den 
man gewoͤhnlich St. Martinsbaum nannt, weil er aus einem 
Pilgerſtab alſo erwachſen war, den vor Zeiten der heilige 
Martin dorthin gepflanzet. Da ſprach er: „Siehe da, was 
mir fehlt! Dieſer Baum ſoll mir zum Spieß und Pilger⸗ 
ſtecken dienen.“ Damit riß er ihn leichtfertig aus der Erden, 
ſtreift die Aeſt herunter und putzet' ihn zu ſeinem Ver⸗ 
gnuͤgen. Unterdeſſen ſtallt' ſeine Maͤr, ſich die Blaas zu 
lehren, ſolches aber ſo uͤberfluͤſſig, daß auf ſieben Meilen ein 


212 


Fluth draus ward und aller Brunzt in den Furth von Vede 
lief. Den ſchwemmt' es fo gewaltſam wider den Strom an, 
daß des Feinds Geſchwader, ſo allda lagen, mit Mann und 
Maus elendiglich daſelbſt erſoffen, ohn Etliche, die ihren Weg 
links uͤber den Berg genommen hatten. 

Als Gargantua vor dem Forſt von Vede ankam, warnt’ 
ihn einer ſeiner Freund, daß im Schloß noch etliche Feind 
verborgen laͤgen. Welchs zu erfahren Gargantua ſo laut 
er konnt rief: „Seyd ihr drinnen oder nicht? Wenn ihr 
drinnen ſeyd, ſo ſeyds geweſen! Seyd ihr nicht drinn, 
darfs nicht der Wort.“ Ein Bengel aber von Schuͤtzen⸗ 
meiſter hinter der Schuß⸗Schar trichtet eine Kanon auf 
ihn, und traf ihn grauſam an die rechte Schlaf; es thaͤt 
ihm aber nicht weher als wenn er ihn mit einer Zwet⸗ 
ſchen geworfen haͤtt. „Was iſt dieß?“ ſprach Gargantua, 
„werft ihr uns hie mit Traubenkernen? der Herbſt ſoll 
euch noch theuer kommen“: denn er meint' nicht anders, 
die Stuͤckkugel waͤr ein Traubenkern geweſen. Diejenigen, 
die ſich im Schloß mit dem Rapiamus erluſtirten, liefen, 
als ſie den Laͤrmen hoͤrten, auf Thuͤrn und Bollwerk und 
thaͤten aus Falkonetten und Buͤchſen mehr denn neuntauſend 
fuͤnfundzwanzig Schuͤß auf ihn, zielten ihm all nach dem Kopf, 
und hagelten ſo hageldicht, daß er ausrief: „Mein Freund! 
Die Fliegen da blenden mich: o lang mir doch einen Zweig 
von dieſen Weiden her, ſie zu verſcheuchen!“ denn er ſah die 
bleyernen Schuſſer und die Stein aus dem Wurfgeſchuͤtz für 
Kuͤhfliegen an. Sein Freund bedeutet ihn aber, daß es die 
Fliegen aus den Kanonen im Schloſſe waͤren, die man ihm 
zuſchoͤß. Da rannt er mit feinem großen Baum wider das 
Schloß an, zermalmt' mit ſchweren Stoͤßen Thuͤrn und Boll⸗ 
werk, und ſchleift' es alles dem Boden gleich, dergeſtalt, daß 
alle darinnen zerſchmettert und erſchlagen wurden. 

Nicht lange darauf, nachdem ſie das Ufer der Vede er⸗ 
ſtiegen, kamen ſie in Grandgoſchierens Schloß an, der ihrer 
mit großem Verlangen harrte. Herzten und druͤckten ein⸗ 
ander zum Willkomm mit offenen Armen; euer Leblang 


213 


habt ihr nicht frohere Leut geſehen. Es iſt lautere Wahrheit, 
daß, nachdem ſich Gargantua mit friſchen Kleidern angethan 
und mit ſeinem Straͤl (der, hundert Stab lang, mit ganzen 
Elefantenzaͤhnen bezahnt war) ſtraͤhlt, ihm auf jeden Zug 
uͤber ſieben Ballen Kugeln aus den Haaren fielen, ſo darinn 
bey Demolierung des Vediſchen Forſtes hangen geblieben. 
Hierauf fing man das Nachteſſen an zu ruͤſten, und briet zum 
Überſchuß 16 Ochſen, 3 Stärken, 32 Kälber, 63 ſaͤugende 
Geißlein, 95 Hammel, 300 Milchferken im feinen Moſt, 
220 Rebhuͤhnel, 700 Schnepfen, 400 Kapphaͤhn von Loudun 
und von Cornouaille, 6000 Kuͤchlein und eben ſo viel Tauben, 
600 Poularden, 1400 Haͤslein, 303 Trappen und 1700 Schrot⸗ 
hennen. | 

Die Sach erheiſcht, daß wir berichten, was mit ſechs Pil⸗ 
gern ſich begab, welche von St. Sebaſtian bey Nantes kamen 
und ſelbige Nacht, in Furcht vor den Feinden, zu einem 
Unterſtand ſich in das Bohnenſtroh im Garten unter die 
Kohl⸗ und Lattichſtauden verkrochen hatten. Gargantua 
ſpuͤrt' ein wenig Durſt, und frug, ob man nicht Lattich haben 
moͤcht, einen Salat zu machen. Und als er hoͤrt, daß es im 
ganzen Land die ſchoͤnſten und groͤßten da haͤtt, denn ſie 
waren ſo groß wie die Nuß⸗ oder Pflaumenbaͤum, ging er 
fuͤr Luſt ſelbſt hin und bracht in ſeiner Hand ſo viel davon 
mit als ihm gut daͤucht; und zu gleicher Zeit bracht er auch 
die ſechs Pilger mit, die ſich vor großer Furcht und Angſt 
weder zu reden noch zu huſten trauten. Wie er den Lattich 
nun am Brunnen vorlaͤufig abwuſch, ſagten die Pilger mit 
leiſer Stimme zueinander: „Ey, ey, was da zu thun? Wir 
erſaufen hie unter dem Lattich. Sollen wir reden? Reden 
wir aber, ſo toͤdtet er uns gewiß fuͤr Kundſchafter.“ Waͤhrend 
fie alſo noch rathſchlagten, warf ſie Gargantua mitſamt dem 
Lattich in einen Kuͤchen⸗Napf, ſo groß wie die Tonn von 
Ciſteaur, und aß fie mit Eſſig, Oel und Salz zu feiner Er⸗ 
friſchung vorm Abendbrot. Und haͤtt bereits fuͤnf Pilger ver⸗ 
ſchlungen: der ſechſt lag noch im Napf verborgen unter einem 
Lattichblatt, bis auf den Pilgerſtab, der druͤber herfuͤrguckt. 


214 


—— — 


— 


— 
——— — . 
, 


Als den Grandgoſchier fahe, ſprach er zu dem Gargantua: 
„Ich glaub da iſt ein Schneckenhorn. Iß nit.“ „Warum?“ 
ſpricht Gargantua: „fie ſeyn geſund dieſen ganzen Monat.“ 
Ergriff damit den Stab und hub den Pilger daran zugleich 
mit auf und aß ihn luſtig. Thaͤt darauf einen ſchauderhaften 
805 e bis das en. fertig waͤre. 


22. Aus den Nobellenſammlungen des 
146566. Jahrhunderts 
Von drei Bruͤdern, welche faſt wegen ihres Lateins 
gehaͤngt worden waͤren 


rei Bruͤder aus gutem Hauſe hatten ſich lange in 
Paris aufgehalten, aber ſie hatten ihre ganze Zeit 


damit vergeudet, herumzuflanieren, zu ſpielen 
und Mutwillen zu treiben. Es ereignete ſich, daß ihr Vater 
ſie alle drei beauftragte, ſchleunigſt heimzukehren. Daruͤber 
waren ſie ſehr beſtuͤrzt, denn ſie konnten noch kein einziges 
Wort Latein. Sie beſchloſſen alſo, jeder ſolle einen Satz fuͤr 
ſeinen Bedarf erlernen. Der Alteſte lernte alſo: Nos tres 
clerieil; der zweite nahm feinen Stoff aus der Finanz⸗ 
wiſſenſchaft und lernte: pro bursa et pecunia ?; der dritte 
ging an einer Kirche voruͤber und behielt dieſe Worte aus 
der großen Meſſe im Gedächtnis: dignum et justum est, 
Solchermaßen verſorgt verließen ſie Paris, um ihren Vater 
aufzuſuchen. Sie machten untereinander aus, daß fie überall 
und jedem gegenuͤber nichts anderes reden wollten als ihr 
Latein; dadurch wollten ſie naͤmlich als die gelehrteſten Leute 
des ganzen Landes erſcheinen. 

Als ſie aber durch einen Wald gingen, traf es ſich, daß 
gerade die Räuber einem Manne die Gurgel abgeſchnitten 
hatten; die ausgepluͤnderte Leiche hatten fie liegen laſſen. 
Der Profoß war mit ſeinen Leuten dort und fand die drei 
Geſellen nicht weit von der Stelle, wo der Mord veruͤbt war 


1 Wir drei Kleriker. Um Börfe und Geld, es iſt recht und billig. 
215 


und wo der tote Körper lag. „Kommt her!“ fagte er zu 
ihnen, „wer hat dieſen Mann erſchlagen?“ Sogleich ant⸗ 
wortete der aͤlteſte, dem die Ehre zukam, zuerſt zu reden: 
„Nos tres elerici.“ „Oho!“ ſagte der Profoß, „und warum 
habt ihr das getan?“ „Pro bursa et pecunia,“ erwiderte der 
zweite. „Gut,“ ſagte der Profoß, „dafuͤr werdet ihr gehaͤngt 
werden!“ „Dignum et justum est, fuͤgte der dritte hinzu. 
So waͤren denn dieſe armen Leute faſt auf Kredit gehaͤngt 
worden, wenn ſie nicht, nachdem ſie ſahen, daß es Ernſt 
wurde, das Latein ihrer Mutter zu ſprechen angefangen 
haͤtten und geſagt haͤtten, wer ſie waͤren. Der Profoß, wel⸗ 
cher ſah, daß ſie jung und wenig gewitzt waren, erkannte 
wohl, daß ſie es nicht geweſen waͤren. Er ließ ſie laufen und 
begab ſich auf die Verfolgung der Raͤuber, welche den Mord 
begangen hatten. „Aber hat er ſie gefunden?“ „Was weiß 
ich, lieber Freund, ich war nicht dabei!“ 


Wie ein Schotte durch ein Mittel, das ihm ſeine 
Wirtin angegeben hatte, vom Bauchweh geheilt 
wurde 


or noch nicht langer Zeit diente ein Schotte in der 

arde des Koͤnigs von Frankreich. Er hatte von 

Jugend auf ein wenig an der Wiſſenſchaft genaſcht, 

zumal da er ſah, daß der Koͤnig die gelehrten Leute vorzog 

und andererſeits erwog, daß er waͤhrend ſeiner dienſtfreien 

Zeit reichlich Gelegenheit habe, ſeine Studien zu betreiben. 

Er ſuchte ſich alſo eine Wohnung bei einer biederen Witwe 
und quartierte ſich dort fuͤr einige Zeit ein. 

Eines Tages fuͤhlte er ſich unwohl, und da er nicht hin⸗ 
reichend Sprachkenntniſſe beſaß, um ſich jemand anderem 
gegenuͤber verſtaͤndlich zu machen, ſo gedachte er, ſeine Wirtin 
um einen Rat gegen ſein Leiden zu bitten und ſagte zu ihr: 
„Madame, mich haben groß Übel an meinem Nabel!“ Seine 
Wirtin merkte, daß er ſagen wolle, ſein Bauch tue ihm weh, 
und daß er ſie um ihre Anſicht fragen wolle, wie er raſche 
Erleichterung finden koͤnne. Sie ſagte zu ihm, er muͤſſe zum 


216 


[Au 


heiligen Eutrop beten, welcher, wie man ſage, von dieſem 
übel heile. Der Schotte verſtand fie, und da er fühlte, daß 
ſein Bauch ſich verſchlimmerte, ſo wollte er den Rat ſeiner 
Wirtin nicht verachten, ſondern ging in die naͤchſtbeſte Kirche 
und begann dermaßen dringend zu beten und zu bitten, daß 
die, welche ihn hoͤrten, glaubten, der Heilige muͤſſe ſich ihm 
bald offenbaren. Waͤhrend er in ſolche Betrachtungen ver⸗ 
ſunken war, hatte ſich zufällig ein Spitzbube hinter dem Bild⸗ 
nis des heiligen Eutrop verſteckt und beobachtete das Ge⸗ 
baren der Kommenden und Gehenden. Als er die Gri⸗ 
maſſen bemerkte, die dieſer Schotte ſchnitt, rief er laut: „So 
lauf doch, lauf zu Johann von Schottland und ſeinem An⸗ 
hang!“ Der Schotte verſtand dieſe grob herausgeſchleuderten 
Worte und glaubte, irgendein Spitzbube wolle ihn in ſeiner 
Andacht ſtoͤren. Er nahm dieſerhalb ſeinen Pfeil und ſeinen 
Bogen, beobachtete, von welchem Ort die Stimme, die er 
gehoͤrt hatte, ausgegangen ſein koͤnne, und ſchoß die Statue 
des Heiligen raſibus um. Der Spitzbube, welcher dahinter 
war, fuͤrchtete, der Schotte moͤge ſeinen Schuß wiederholen 
und ſtieg eilends von der Leiter, auf welcher er ſtand, herab. 
Dabei verurſachte er jedoch ein Geraͤuſch; der Schotte glaubte, 
es ſei der Heilige und machte ſich auf ſeine Verfolgung, um 
ihn fuͤr die zugefuͤgte Beleidigung zu ſtrafen. Daruͤber geriet 
er in ſolche Aufregung, daß ſich fein Übel ſogleich verlor, und 
ſeitdem hatte er kein Bauchweh mehr. 


Vom Meiſter Berthold, dem man einredete, daß 
er tot ſei 


6 inſt lebte in der Stadt Rouen — ich weiß nicht genau 
wo — ein Mann, der allen, die kamen und gingen, 
zum Zeitvertreib diente. Bald ging er in der Kleidung 
eines Schiffsmanns, bald in der eines Magiſters oder eines 
Pflaumenſchuͤttlers, aber immer war er ein Narr. Man 
nannte ihn Meiſter Berthold. Auf dieſen Meiſtertitel war 


er ſo ſtolz wie ein Eſel auf ſeinen neuen Knuͤppel. Haͤtte man 
dieſen Titel fortgelaſſen, ſo haͤtte man nichts bei ihm er⸗ 


217 


reicht; aber wenn man ihn „Meiſter“ nannte, ſo wäre er 
auch durch ein Mauſeloch gekrochen. Was ihn vollends zum 
Narren machte, war, daß einige biedere Meiſter der Zunft 
ihn elf Naͤchte hintereinander mit dicken Nadeln in den Hinter⸗ 
backen, die ihn am Schlafe hindern ſollten, hatten wachen 
laſſen; dieſes naͤmlich iſt das wahre Rezept, um einen Men⸗ 
ſchen im Narrentum vollkommen zu machen. 

Es ereignete ſich eines Tages, daß er einigen jungen Leuten 
in die Haͤnde geriet, die ihn mit aufs Land nahmen, wo ſie 
ihm, nachdem ſie allerlei Schabernack mit ihm getrieben 
hatten, einredeten, er ſei krank. Sie ließen ihn bei einem, 
der ſich als Prieſter ausgab, beichten, ließen ihn ſein Teſta⸗ 
ment machen, und gaben ihm ſchließlich zu verſtehen, daß 
er tot waͤre. Und er glaubte es, hauptſaͤchlich deshalb, weil 

ſie ſagten, als ſie ihn zum Begraͤbnis fuͤhrten: „Ach, der 
arme Meiſter Berthold, er iſt tot! Nie werden wir ihn wieder⸗ 
ſehen, ach nein!“ Sie luden ihn auf einen aus der Stadt 
kommenden Karren und fangen das „Libera me domine“ 
uͤber der Leiche des Meiſter Berthold, welcher mit beſtem 
Wiſſen und Gewiſſen den Toten ſpielte. Es waren aber 
einige darunter, die ihn fuͤhlen ließen, daß er noch lebte, denn 
ſie ſtachen ihn mit Nadeln in den Hintern; aber trotzdem wagte 
er nicht, ſich etwas ankennen zu laſſen, aus Furcht, er moͤchte 
nicht tot ſein, ja, er ſcheute ſich ſogar, die Schenkel zuruͤck⸗ 
zuziehen, wenn er die Nadelſtiche ſpuͤrte. Schließlich aber 
ſtachen ſie ihn ſo heftig, daß er es nicht mehr aushalten 
konnte; er hob den Kopf und ſagte zum erſten, den er er⸗ 
blickte: „Bei Gott, du Schuft, wenn ich ſo lebendig waͤre 
wie ich tot bin, ſo wuͤrde ich dich auf der Stelle umbringen.“ 
Und ſogleich ſpielte er wieder den Toten und ließ ſich durch 
nichts mehr bewegen, aufzuwachen, bis einer ſprach: „Ach, 
der arme Berthold iſt tot!“ Da erhob ſich unſer Mann. 
„Ihr habt gelogen,“ ſagte er, „fuͤr euch bin ich immer noch 
der ‚Meifter‘ Berthold. Und außerdem bin ich gar nicht tot, 
nun gerade nicht!“ So erſtand Meiſter Berthold von den 
Toten auf, weil man ihn nicht „Meiſter“ nannte. 


218 


Von einem jungen Geſellen, der ſich dem Teufel 

ergab, um ein junges Mädchen zur Frau zu be— 

kommen, und wie er vom Teufel befreit wurde, 

als er ihm auf den Rat ſeiner Frau ein Tier zeigte, 
welches er nicht kannte 


8 iſt lautere Wahrheit, daß einmal im Lande Langue⸗ 

doc ein junger Geſell lebte, der bis uͤber die Ohren in 

ein junges Mädchen aus feiner naͤchſten Nachbarſchaft 
verliebt war, ja, er war ſo heftig in Liebe zu ihr entbrannt, daß 
er bei Tag und bei Nacht keinen Schlaf mehr fand vor lauter 
Gedanken an fie. Dabei war ihre Liebe zuͤchtig und an⸗ 
ftändig, und der junge Mann wollte das Mädchen heiraten; 
aber ihr Vater und ihre Mutter wollten nichts davon wiſſen, 
und als beſagter junger Geſell durch ſeine Verwandten und 
Freunde um ihre Hand anhalten ließ, wurde er glatt ab⸗ 
gewieſen. Daruͤber geriet er in ſo große Schwermut, daß 
er zu ſterben vermeinte, und er lag lange Zeit krank. Als 
er ein wenig beſſer war, ſpazierte er, in truͤbe Gedanken ver⸗ 
ſunken, außerhalb der Stadt uͤber die Felder. Dort traf er 
einen Mann, welcher ihn fragte, was er habe, und er ant⸗ 
wortete ihm, daß er Grund zur Melancholie habe und er⸗ 
zaͤhlte ihm ſeine ganze Geſchichte und wie er in ein ſchoͤnes 
Maͤdchen verliebt ſei. Darauf entgegnete jener Fremde, 
er wolle ihn ſeiner Liebe genießen und das Maͤdchen heiraten 
laſſen, wenn er ihn zufriedenſtellen wolle. Der Geſell er⸗ 
widerte, es gaͤbe nichts, was er nicht, um ſie zu bekommen, 
tun wuͤrde, und er wolle ſein ganzes Geld und Gut dafuͤr 
hergeben. Jener hingegen ſagte, er brauche kein Geld, habe 
vielmehr ſelber genug davon; aber wenn er ſich ihm zu eigen 
geben wolle, fo ſei er es zufrieden. „Wieſo zu eigen geben,“ 
ſprach der Geſell, „und wer biſt du?“ „Ich bin“, ſagte der 
Fremde, „ein Teufel, aber hab' keine Angſt, ich verſpreche 
dir, daß ich dir nichts zu Leide tun werde. Hoͤre mir zu: ich 
werde dich das Maͤdchen heiraten laſſen und genau zehn 
Jahre nach eurem Hochzeitstage ſollſt du mir gehoͤren, es 


219 


fei denn, daß du mir am Verfalltage ein Tier zeigſt, das ich 
nicht kenne. In dieſem Falle ſollſt du los und ledig ſein, 
und ich werde nichts mehr von dir verlangen.“ Der Geſell 
fand dieſen Vertrag und die Friſt, die ihm blieb, ganz nach 
ſeinem Geſchmack und ſchlug ohne weiteres ein. Der Teufel 
ließ ſich die Unterſchrift geben und ging davon, und kurz 
darauf holten die Verwandten und Freunde des Maͤdchens 
den Geſell und gaben ſie ihm auf der Stelle zur Frau. 
Nach der Hochzeit war der junge Ehemann mit ſeiner Frau 
lange Zeit hindurch guter Dinge, und er ſetzte ſein froͤhliches 
Leben ſo lange fort, bis die zehn Jahre nahezu abgelaufen 
waren. Da verfiel er in große Beſorgnis und Schwermut, 
dergeſtalt, daß ſeine Frau es bemerkte und ihn fragte, was 
ihm fehle, aber er wollte es ihr nicht ſagen; ſie aber lag ihm 
ſo lange an, bis er ihr die ganze Wahrheit geſtand: wie er 
ſich habe dem Teufel ergeben, auf daß er ihn beſaͤße, es ſei 
denn, daß er ihm nach Ablauf der Friſt ein Tier zeige, ſo 
jener nicht kennen wuͤrde. „Und wenn du ihm ein Tier 
zeigteſt, das er nicht kennt,“ ſagte ſein Weib, „waͤreſt du 
dann ſeiner ledig?“ „Allerdings,“ erwiderte er, „alſo be⸗ 
ſagt es der Vertrag.“ „Und wie lange haſt du noch Friſt?“ 
„Nur mehr acht Tage,“ erwiderte er. „Alsdann, mein 
Freund,“ ſagte die Frau, „ſorge dich nicht, der liebe Gott 
wird uns helfen, und wir werden es ſo einrichten, daß Euch 
der Leibhaftige nicht holen ſoll.“ Als der Vorabend des 
Verfalltages gekommen war, ſagte die Frau zu ihrem Gatten: 
„Mein Freund, ich gehe dieſe Nacht zu meiner Mutter und 
werde nicht bei dir ſchlafen. Morgen ſtehe beizeiten auf 
und gehe in die Meſſe, und wenn du wiederkommſt, wirſt du 
in deiner Kammer das Tier finden, das der ++ + nicht kennen 
ſoll, wenn du es ihm zeigſt.“ Am andern Morgen zog ſich 
die Frau ganz nackt aus und rieb ſich mit Vogelleim ein, 
darauf trennte ſie die Bettdecke auf und waͤlzte ſich in den 
Federn, dann ging ſie heim, ließ ſich auf alle Viere nieder 
und marſchierte, da ihr Mann heimkam, aͤrſchlings durch die 
Kammer. Als jener ſie erblickte, wußte er nicht, was das 


220 


waͤre, denn nicht einmal er ſelber erkannte fie. Er ſprang 
aus dem Hauſe und traf auf den Teufel, der ihn zu holen 
kam. „Alſo,“ ſagte der Teufel, „da bin ich, um dich zu holen. 
Haſt du mir noch etwas zu ſagen?“ „Ich bin bereit, mein 
Verſprechen zu halten,“ ſagte der arme Mann etwas klein⸗ 
laut, „aber zuvor will ich dir eine Beſtie zeigen, die du nicht 
kennen wirſt.“ „Schauen wir ſie uns alſo an!“ ſagte der 
Teufel. Der Mann fuͤhrte ihn in die Kammer, und als der 
Teufel die Beſtie ſah, war er baß erſtaunt und betrachtete 
ſie von hinten und von vorn. Einmal ging ſie vorwaͤrts und 
einmal ruͤckwaͤrts, einmal beſichtigte er die Haare, ſo ihren 
Kopf bedeckten, und dann wieder jenen großen Spalt auf 
der anderen Seite, den er fuͤr ihren Mund hielt. Obendrein 
war ſie noch ganz mit Federn bedeckt, und er kannte keinen 
Vogel und kein vierfuͤßiges Tier, das ſolche Federn truͤge; 
ihre Haare aber hielt er fuͤr den Schwanz der Beſtie. So 
lange er ſie auch betrachtete, er ahnte nicht, was fuͤr ein Tier 
das ſei und ging von dannen, denn er war mit ſeinem Latein 
zu Ende. Der Mann aber war los und ledig. So entging er 
durch die Schlauheit ſeiner Frau der großen Gefahr, und ihr 
moͤget daraus erſehen, daß es ein nuͤtzlich Ding iſt um eine 
verſtaͤndige und gute Frau. 


Von dreien Juͤnglingen, welche drei Feen be: 
gegneten, und was ihnen mit den Gaben geſchah, 
ſo beſagte Feen ihnen gewaͤhrten 

ihr müßt wiſſen, daß es in Poitou war, wo ſich vor alter 

Zeit eine Geſchichte zutrug, die wert iſt, der Nachwelt 
überliefert zu werden. Es iſt Tatſache, daß in Luſignan 

drei Juͤnglinge wohnten, Soͤhne eines reichen Edel⸗ 
mannes aus beſagtem Orte, welche fich allgemeiner Beliebtheit 
erfreuten, weil ſie ſchoͤn, anmutig und von Natur aus ſanft⸗ 
muͤtig waren, wie es der Jugend geziemt. Es geſchah aber, daß 
ſie eines Tages eine Wanderung machten und naͤchtlicherweile 
einen Wald durchquerten. Allda trafen ſie drei Feen vom Hof⸗ 
ſtaat Meluſinens, welche ſchoͤn, kurzweilig und über die Maßen 


221 


anmutig waren. Als dieſe fie kommen ſahen, baten fie fie, 
einige jener Taͤnze mit ihnen zu tanzen, die im Elfenreiche 
uͤblich ſind, und die Juͤnglinge willfahrten, verlockt durch ihre 
große Schoͤnheit, der Bitte der Feen. Jede Fee nahm ihren 
Taͤnzer, und ſie tanzten die ganze Nacht hindurch. Sie tanz⸗ 
ten, huͤpften, machten Bockſpruͤnge, riefen einander an, ant⸗ 
worteten, blieben ſtehen, ſchauten ſich verliebt an, ruhten 
ſich aus, verſteckten ſich und ſpielten ſogar ein gewiſſes Spiel 
miteinander, deſſen die Feen genau ſowenig muͤde 
werden wie die irdiſchen Frauen. Endlich brach der Tag an, 
zum großen Erſtaunen der Feen, die ihn ſo bald noch nicht 
erwartet hatten. Hierauf nahm die aͤlteſte von ihnen das 
Wort und ſprach zu den Juͤnglingen: „Ihr ſuͤßen Freunde, 
meine Schweſtern und ich, wir ſind genoͤtigt, ins Elfenreich 
zuruͤckzukehren, ehe die Sonne aufgeht, aber, ihr ſchoͤnen 
Juͤnglinge, in Anſehung eures guten Willens und der Muͤhe, 
die ihr euch uns zuliebe gegeben habt, ſowie des Vergnuͤgens, 
das ihr uns bereitet habt, gewaͤhren wir jedem von euch zur 
Belohnung einen Wunſch, derart, daß der Wunſch, einmal 
ausgeſprochen, ſogleich erfüllt wird. Wenn ihr alſo verftändig 
ſeid, ſo wuͤnſcht euch etwas, das euch zu Nutzen und Ehre 
gereicht.“ Nach dieſen Worten verſchwand die Fee und die 
andern mit ihr, und nie wieder hörten die drei Juͤnglinge 
etwas von ihnen. 

Als die jungen Maͤnner allein waren, verwunderten ſie 
ſich ſehr über ihr Abenteuer, aber allmählich ſammelten fie 
ihre Lebensgeiſter wieder und ſetzten ihren Weg nach Luſig⸗ 
nan fort. Waͤhrend ſie ſo wanderten, plauderten ſie von den 
drei Feen und von ihrer großen Schoͤnheit und Anmut. 
Der eine ſagte: „Sie ſind nicht weniger freigebig als ſchoͤn; 
erinnert ihr euch nicht an die Gabe, die ſie uns gewaͤhrten, 
als ſie gingen, an die drei Wuͤnſche, die uns in Erfuͤllung 
gehen ſollen?“ „Allerdings,“ ſprach der Alteſte, „aber ich 
fuͤr meine Perſon brauche keine Reichtuͤmer, keine Macht, 
kein Land und kein Geld, denn ich bin der Alteſte, und nach 
Erbrecht wird das Schloß unſeres Vaters an mich fallen. 


222 


Aber ihr beiden, überlegt euch eure Wuͤnſche und ſprecht fte 
ſo aus, daß ihr in Zukunft gleichfalls Macht und Reichtuͤmer 
zur Genuͤge habt.“ „Das wollen wir freilich tun,“ erwiderten 
die andern, „wenn es Gott gefaͤllt, aber Ihr ſeid der Alteſte 
und muͤßt mit dem Wuͤnſchen beginnen; wuͤnſcht Euch etwas, 
das Euch und Eurem Hauſe Ehre macht.“ „Ich brauche 
nichts,“ antwortete jener. „Ihr müßt,” ſagten die andern; 
„da Ihr der Alteſte ſeid.“ „Nein, bei Gott,“ verwahrte ſich 
dieſer, „denn ich habe nichts zu wuͤnſchen!“ „So wollte ich 
doch,“ ſprach der zweite, „daß Ihr fuͤr Euren boͤſen Willen 
ein Auge verloͤret!“ Kaum war dies Wort ausgeſprochen, 
als ein Auge aus dem Kopf des Alteſten heraustrat und zu 
Boden fiel. Als dieſer fuͤhlte, daß er nur mehr ein Auge habe, 
begann er lauter wie ein Blinder zu ſchreien und ſeinen 
Bruder der ihm ſolches angewuͤnſcht hatte, zu ſchelten, und der 
jüngfte Bruder, der den Alteſten ſehr liebte, weinte und 
ſchmaͤhte den unſeligen Taͤter gleichfalls und ſprach in ſeinem 
Zorn: „Du haſt zu boͤſer Stunde gewuͤnſcht, Unſeliger, daß 
unſer Alteſter ein Auge verlöre, ich wollte, du wuͤrdeſt alle 
beide einbuͤßen!“ Kaum waren dieſe Worte ausgeſprochen, 
als die beiden Augen aus dem Kopf des zweiten heraus⸗ 
traten und zu Boden fielen, und dieſer begann nun ſeiner⸗ 
ſeits zu ſchreien und ſeinen Bruder zu ſchelten, indem er 
ausrief: „Wehe mir! Was ſoll ich jetzt tun, da ich durch dei⸗ 
nen treuloſen Wunſch mein Geſicht verloren habe und den 
Weg nicht mehr finden kann!“ Nun nahm der Alteſte das 
Wort und ſprach: „Hört auf mich, liebe Brüder! Ich allein 
habe meinen Wunſch noch nicht ausgeſprochen, da ich eben 
noch alles beſaß, was ich haͤtte wuͤnſchen koͤnnen. Dem iſt 
nun nicht mehr ſo, und deshalb wuͤnſche ich, daß mir und 
meinem Bruder die Augen an ihren alten Platz zuruͤckgegeben 
werden.“ Sogleich wurde dieſer Wunſch des Alteſten erfuͤllt, 
und er erhielt ſein eines, der zweite Bruder aber ſeine beiden 
Augen zuruͤck. Und die drei Juͤnglinge kehrten beſchaͤmt, 
weil ſie die Gabe der Feen » ſchlecht benutzt hatten, b 
Luſignan zuruͤck. 


223 


Siebzehntes und achtzehntes Jahrhundert 


23. Fabeln von Lafontaine 
Der Haſe und die Schildkroͤte 
as Laufen fuͤhrt zu nichts, geht nur rechtzeitig fort. 
Schildkroͤte und Langohr ſind dafuͤr ein Beweis. 
„Wetten wir, ſagte ſie, „daß Ihr das Ziel nicht halb 
ſo ſchnell wie ich erreicht.“ „Nicht halb? Seid Ihr verruͤckt?“ 
verſetzte das leichtfuͤßige Geſchoͤpf, „Gevatterin, Ihr muͤßt 


purgieren mit Nieſwurz, jeden Tag vier Loͤffel voll!“ „Toll 


oder nicht, ich wette noch einmal.“ 


Und ſo geſchah's, ſie alle beide legten den Einſatz nahe 


an das Ziel. Zu wiſſen, worin er beſtand, darauf kommt 
es nicht an, auch nicht auf welchen Richter ſie ſich einigten. 
Vier Spruͤnge brauchte unſer Haſe nur zu machen, ſolche, 
verſteht ſich, wie er macht, wenn er die Hunde, die ihm 
folgen, weit zuruͤcklaͤßt und die weite Heide fie durchmeſſen 
laͤßt. Er hatte alſo, ſag' ich, Zeit zu graſen, zu ſchlafen 
und zu lauſchen, ob der Wind ihm kein verdaͤchtiges Ge⸗ 
raͤuſch zutrage. 

So wandelte denn das Reptil voraus in langſam feier⸗ 
lichem Senatorenſchritt. Ruͤſtig geht es dahin und eilt mit 
Weile. Indeſſen er mißachtet ſolchen Sieg, glaubt aus der 
Wette wenig Ruhm zu ziehn und denkt, daß es ſich beſſer 
fuͤr ihn ſchickt, wenn moͤglichſt ſpaͤt er aufbricht. Er ruht 
ſich, graſt und unterhaͤlt ſich mit allem andern, nur nicht 
mit der Wette. Doch endlich, als er ſah, daß ſchon ſein 
Gegner faſt den Lauf vollendet, entflieht er wie ein Pfeil. 
Doch ſeine Muͤhe war umſonſt: als erſter laͤuft das Reptil 
durchs Ziel. 

„Nun?“ ſprach es, „hatte ich nicht recht? Wozu dient 


deine Schnelligkeit? Du wollteſt den Sieg mir nehmen? 


Und was täteft du, wenn du, wie ich, ein Haus auf einem 
Ruͤcken mit dir ſchleppen muͤßteſt?“ 


224 


— —————— — 2 — ¶ S?ͥAͥ—G . —ñ— 1 . 


Der Milchtopf 

erette, einen Milchtopf auf dem Kopf, der wohl auf 
ihrem Kiſſchen balancierte, gedachte ohne Unfall in die 
Stadt zu kommen. In kurzer Kleidung ging ſie raſchen 
| Schritte und trug an dieſem Tage, um beſonders leicht 
zu ſein, nur einen Unterrock und flache Schuhe. So hoch aufge⸗ 
ſchuͤrzt, berechnet in Gedanken unſre Milchtraͤgerin den Preis, 
den ſie fuͤr ihre Milch davonzutragen denkt und malt ſich aus, 
wie ſie das Geld verwenden will. Sie kauft ſich hundert Eier, 
dreimal bruͤten die Hennen doch im Jahr, wenn man ſie gut 
verſorgt. „Leicht kann ich“, ſagte fie, „die Küchlein aufziehn. 
Der Fuchs muß ſehr gewandt ſein, wenn er mir nicht ſo viel 
laͤßt, dafuͤr ein Schwein zu kaufen. Ein wenig Kleie dann: 
das Schwein wird fett. Es war ſchon, als ich es bekam, von 
reſpektabler Groͤße. Wenn ich's verkaufe, kriege ich viel 
Geld, fo daß ich meinen Stall — wer hindert mich daran? — 
um eine Kuh vergroͤßern kann. Die wirft ein Kalb. Schon 
ſeh ich's in der Herde ſpringen.“ Perette iſt entzüdt von die⸗ 
ſem Plan, fie huͤpft, die Milch fallt um... Kalb, Kuh, 
Schwein, Huhn, ade! Die Herrin dieſer Guͤter laͤßt traͤnen⸗ 
vollen Aug's ihr Gluͤck im Kot zuruͤck und geht zu ihrem Mann, 
der ſie verpruͤgeln wird. Daruͤber hat man einen Schwank 
gedichtet, „der Milchtopf“ heißt er, wie man mir berichtet. 

Ach, welcher Menſch greift nicht zur Wuͤnſchelrute, wer 
haͤtte nie ein ſpaniſch Schloß erbaut? Pikrochol, Pyrrhus, 
unſer Milchweib, alle, der Weiſe und der Narr in gleichem 
Maß, ein jeder traͤumt im Wachen. Und es gibt nichts Suͤß⸗ 
res. Ein ſchmeichleriſcher Trug huͤllt unſre Sinne ein, das 
Gluͤck der Erde liegt zu unſern Füßen, uns dienen alle Ehren, 
alle Frauen uns. Wenn ich allein bin, trotze ich dem Staͤrk⸗ 
ſten, den Schah von Perſien werde ich entthronen, zum 
König wählt man mich, mein Volk verehrt mich, und die 
Diademe regnen auf mein Haupt. Irgendein Mißgeſchick 
fuͤhrt mich zu mir zuruͤck: Dann bin ich wie zuvor der 
dumme Hans. | 


15 Franz. Märchen I 225 


24. Schwaͤnke des 17. und 18. Jahrhunderts 
Der Zeichendisput | 
inſt kam ein Gelehrter nach Genf und fagte, er wolle 
disputieren, ohne ſich jedoch eines anderen Verſtaͤn⸗ 
digungsmittels als der Zeichenſprache zu bedienen. 
Niemand wollte hierin ſein Partner ſein, denn dortzulande 
pflegt man weniger in Symbolen als vielmehr gerade her⸗ 
aus zu reden. Schließlich fand ſich ein aus Montargis zu: 
gewanderter Schreiner, welcher ſich bereit erklaͤrte, mit dem 
Gelehrten gemaͤß deſſen Wuͤnſchen zu disputieren. Man ließ 
beide auf einer Baluſtrade vor dem verſammelten Volke Platz 
nehmen. Mit entſchloſſener Miene ſtellte ſich der Gelehrte 
vor den Schreiner, welchen man in ein Predigergewand und 
ein Konſiſtorialbarett gehuͤllt hatte; er erhob den Arm, ſtreckte 
die Hand aus, ballte die Fauſt und wies einen Finger vor. 
Worauf der Tiſchler ihm deren zwei zeigte. Nunmehr ſtreckte 
der Gelehrte drei Finger aus, naͤmlich den Daumen, den 
Zeige⸗ und Mittelfinger; der Schreiner hinwiederum zeigte 
ihm die geballte Fauſt. Schließlich hielt der Gelehrte ſeinem 
Gegner einen Apfel hin; dieſer durchſuchte ſeine Taſchen, 
fand ein Broͤcklein Brot und zeigte es ſeinem Partner. Nach 
dieſem zog ſich der Gelehrte, hingeriſſen vor ſtaunender Be⸗ 
wunderung, zuruͤck und ſagte nachmals, er habe hier den ge⸗ 
lehrteſten Menſchen von der Welt angetroffen, und ſolange 
dieſer Ausſpruch im Schwange war, blieb die Genfer Schule 
in gutem Ruf. | 
Später fragte man den Schreiner, was er denn mit feinem 
Gegenuͤber alles verhandelt habe. Er ſprach: „Er iſt wirk⸗ 
lich ein geſcheiter Mann. Erſt hat er mir gedroht, mir ein 
Auge einzudruͤcken, und ich habe ihn wiſſen laſſen, daß ich 
ihm alle beide einſchlagen wolle. Dann hat er mir in Aus⸗ 
ſicht geſtellt, daß er mir die Augen ausreißen und die Naſe 
abſchneiden wolle, und ich habe ihm die Fauſt gewieſen, mit 
welcher ich ihn niederſchlagen wuͤrde. Als er dann ſah, daß 
ich zornig war, hat er mir einen Apfel vorgehalten, um mich 


226 


zu befänftigen, wie man es einem Kinde tut; ich aber habe 
ihm erklaͤrt, daß ich nichts von ihm wolle, ſondern ſelber Brot 
haͤtte, was viel mehr wert waͤre.“ So hatte der biedere 
Handwerker die Metaphyſik des Gelehrten auf ſeine Weiſe 
ausgelegt. 


Von einem angeblichen Wahrſager 

in biederer Bauersmann namens Grill hatte ſo oft 

eine gute Mahlzeit ruͤhmen hoͤren, daß er vor Begierde 
verging, ſich einmal an einer ſolchen dick und ſatt zu 
eſſen. Da er nun aus Mangel an Mitteln ſein Geluͤſte nicht 
befriedigen konnte, ſo verfiel er auf den Gedanken, er wollte 
ſich als Wahrſager ausgeben und allerorten verkuͤnden, daß 
er das Verborgene zu enthuͤllen wuͤßte. Wenn nun irgend⸗ 
ein hoher Herr ſeine Entdeckerkunſt in einer wichtigen Sache 
benoͤtigte, ſo wollte er ſagen, es ſei ihm unmoͤglich dieſe ſeine 
Kunſt auszuuͤben, wenn er nicht zuvor drei Tage hinterein⸗ 
ander von Morgen bis Abend ein Mahl, beſtehend aus den 
erleſenſten Fleiſchgerichten des Landes, eingenommen und 
dazu eine Unmenge der beſten Weine getrunken habe. Mit 
dieſem Plan machte er ſich auf und kam in eine Gegend, in 
der ſich eine hochgeſtellte Dame aufhielt. Dieſe hatte einen 
aͤußerſt wertvollen Diamanten eingebuͤßt, welchen ihr drei 
ihrer Diener gemeinſam entwendet hatten. Grill beteuerte 
auf ihre Frage, ob er ihr in betreff des Edelſteins Aufſchluͤſſe 
erteilen koͤnne, daß ihm dies eine Kleinigkeit ſein wuͤrde, nur 
benötige er dazu drei Tage Friſt und an jedem dieſer Tage 
ein praͤchtiges, vom Morgen bis zum Abend waͤhrendes Mahl, 
andernfalls koͤnne er nicht uͤber ſeine Enthuͤllungsgabe ver⸗ 
fuͤgen. Der ſehr beguͤterten Dame machte dieſe fuͤr ſie un⸗ 
beträchtliche Ausgabe wenig Kopfzerbrechen, und fie befahl 
ihrem Kuͤchenchef, jenem alle Gerichte, die er ſich wuͤnſche, 
auftiſchen zu laſſen. Darauf wurde Grill in das fuͤr ihn be⸗ 
ſtimmte Gemach geleitet und erhielt ſein Abendeſſen. Die 
drei Diener aber, welche den Diebſtahl begangen hatten, 
gerieten uͤber die Ankunft des Wahrſagers in große Furcht, 


15* 


227 


denn fie hielten es fuͤr ausgemacht, daß ihr Vergehen offen⸗ 
bar. werden wuͤrde. Sie berieten ſich untereinander und 
kamen zu dem Entſchluß, zunaͤchſt die drei Tage abzuwarten 
und waͤhrend derſelben den Fremden genau zu beobachten, 
denn einer von ihnen war dazu beſtimmt worden, dieſen zu 
bedienen. | 

Grill ſetzte ſich alſo am folgenden Morgen zur Tafel und 
erhielt alles, was er ſich gewuͤnſcht hatte. Als er dick und voll 
war, gelüftete ihn nach Schlaf, dabei richtete er zufällig ſeine 
Augen auf den Diener und ſagte mit vernehmlicher Stimme: 
„Ah! Gott ſei Dank, das war ſchon einer!“ Damit wollte 
er weiter nichts ſagen als: Gott ſei Dank, das war ſchon einer 
der drei lange erhofften Feſttage; der Diener aber in ſeiner 
Angſt glaubte, er habe damit gemeint: das war ſchon einer 
der drei Spitzbuben, die den Diamanten geſtohlen haben. 
Zitternd ſuchte er feine Gefährten auf und erzählte ihnen in 
dem ſicheren Glauben, daß ihr Raub entdeckt ſei, was ſich 
zugetragen habe. Hierdurch erwachte auch das Gewiſſen der 
anderen, doch um ſicherer zu gehen, beſchloſſen ſie, daß am 
naͤchſten Tage der zweite von ihnen dem Gaſt aufwarten 
ſolle. 1 
Am zweiten Tage wurde Herr Grill mit noch größerem 
Aufwand bedient als am erſten. Als er ſich aber zuruͤckziehen 
wollte, um der Ruhe zu pflegen, ſagte er ganz laut im Bei⸗ 
ſein des zweiten Dieners und anſcheinend ſeine Augen auf 
dieſen heftend: „Ah! Gott ſei Dank, das war ſchon der 
zweite!“ Dem Lakai fiel das Herz in die Knie, er floh und 
vermehrte noch die Furcht ſeiner Kameraden, welche be⸗ 
ſchloſſen, daß am folgenden Tage der dritte aufwarten ſollte 
und je nachdem er Nachricht zuruͤckbraͤchte, wollten fie dann 
über ihre weiteren Schritte ſchluͤſſig werden. 

Der dritte Tag brach an und von neuem richtete man das 
Mahl. Der Diener war in ſtaͤndiger Angſt, und jedesmal 
wenn Herr Grill nach einer neuen Weinflaſche deutete, 
glaubte er, jener erhebe den Finger um ihm zu drohen. Als 
das Eſſen beendet war, ſprach der Wahrſager fein Dankgebet 


228 


und ſchloß dasſelbe mit den deutlich vernehmlichen Worten: 
„Ah, Gott ſei Dank, das waren nun alle drei! Mehr habe 
ich auf Erden nicht verlangt und bin nun wunſchlos und zu⸗ 
frieden. Du, mein Freund“, wandte er ſich nunmehr an den 
Lakaien, „ſage deiner Herrin, daß ich die Ehre haben werde, 
fie zu ſprechen!“ Die Miſſetaͤter dachten nicht anders, als 
daß er den Diebſtahl entdeckt habe und am anderen Morgen 
die Gnaͤdige davon benachrichtigen wolle. Sie kamen daher 
überein, daß fie in aller Frühe ſich ihm zu Füßen werfen, die 
ganze Sache beichten und ihm den Diamanten uͤbergeben 
wollten mit der Bitte, er moͤge Mitleid mit ihnen haben und 
ſie nicht anzeigen, weil ſie ſonſt zweifellos gehaͤngt werden 
wuͤrden. Herr Grill war am anderen Morgen nicht wenig 
erſtaunt. Er hatte nichts weniger erhofft als dieſe gute Nach⸗ 
richt, denn nachdem der Wein verraucht war, fuͤhlte er ſich 
bei weitem nicht mehr ſo wohl und gewaͤrtigte eine ſeinem 
wagehalſigen Unternehmen angemeſſene Strafe. Nichts⸗ 
deſtoweniger hoͤrte er das Geſtaͤndnis mit ernſter Miene an 
und lobte die Übeltaͤter wegen ihres freimuͤtigen Bekennt⸗ 
niſſes, obwohl er natuͤrlich vermittels ſeiner Kunſt alles ſchon 
längft gewußt habe. Dann ließ er ſich noch die genauen Einzel⸗ 
heiten des Diebſtahls erzaͤhlen, nahm den Diamanten und 
ließ ihn in Gegenwart der Diener im Magen eines Trut⸗ 
hahnes verſchwinden. Darauf verſicherte er den Übeltaͤtern, 
daß ihr Geheimnis gewahrt bleiben ſolle und ließ ſich bei der 
Herrin des Hauſes melden. Er erzaͤhlte ihr, wie ihr der Stein 
entfallen ſei, als ſie ihren Handſchuh auszog, und daß einer 
ihrer Truthaͤhne ihn verſchlungen habe. Man moͤge ihm alle 
Haͤhne vorfuͤhren, dann wolle er den richtigen herausfinden. 
Die Dame war hocherfreut, denn alle Einzelheiten waren 
zutreffend, und ſie befahl, alle Truthaͤhne herbeizuſchaffen. 
Herr Grill erkannte alsbald denjenigen, dem er den Edelſtein 
eingegeben hatte und ſprach: „Das iſt er, gnaͤdige Frau! Laßt 
ihm den Bauch oͤffnen, und ich wette meinen Kopf, daß Ihr 
den Diamanten finden werdet.“ Als der Stein ſich wirklich 
vorfand, konnte die Dame ſich nicht enthalten, dem erhabenen 


229 


Zauberer in die Arme zu ſinken. Sie führte ihn mit an ihre 
Tafel, wo er an ihrer Seite ſitzen mußte und ließ ihm eine 
ehrenvolle Belohnung auswaͤhlen. 

Kurz darauf kam der Gatte der Dame zuruͤck, welcher acht 
bis zehn Tage abweſend geweſen war. Der Mann war ein 
wenig ſchlauer als ſein Eheweib und vermochte nicht ſo ohne 
weiteres zu glauben, daß ein Menſch wahrſagen koͤnne. Er 
ſpottete uͤber ihren Aberglauben, aber ſie beſchwur die Sache 
mit ſo heiligen Eiden, daß es ihn geluͤſtete, den Wahrſager 
kennenzulernen. Man ließ ihn holen, und der Herr fand 
ſeinen Blick ſo ſtupid, ſeinen Verſtand ſo laͤcherlich gering, 
daß er in dem Glauben, ſeine Frau habe ſich duͤpieren laſſen, 
noch beſtaͤrkt wurde. Dieſe aber beſtand auf ihrer Meinung 
und bat ihn, ſich doch ſelber zu uͤberzeugen. In dieſem Augen⸗ 
blick ließ eine Grille, welche ſich im Kamin des Zimmers be⸗ 
fand, ihr Krikri hoͤren. Ein Page fing das Tier und reichte 
es dem Herrn, welcher es gerade zwiſchen den Fingern hielt, 
als feine Frau in ihn drang, den Wahrſager auf die Probe zu 
ſtellen. Er ließ alſo nochmals den Fremden holen, und 
waͤhrenddeſſen ließ er ſich zwei Teller geben, zwiſchen denen 
er, ohne daß es jemand merkte, das Tier verſteckte. Herr 
Grill kam und der Schloßherr redete ihn folgendermaßen an: 
„Nun, mein Freund, Ihr ſpielt den Wahrſager und wollt 
hier fuͤr einen ſolchen gelten, aber ich weiß wohl, daß du nichts 
als ein Spitzbube biſt und nur die Leute an der Naſe herum⸗ 
fuͤhren moͤchteſt. Ich will jetzt wiſſen, was an der Sache iſt, 
denn wenn du nicht auf der Stelle erraͤtſt, was zwiſchen 
dieſen beiden Tellern iſt, ſo werde ich dir fuͤnfhundert Stock⸗ 
hiebe aufzaͤhlen und beide Ohren abſchneiden laſſen.“ Der 
arme Hellſeher ſaß ſehr in der Klemme, denn er merkte, daß 
ſeine Gaunerei entdeckt war. Er richtete die Augen zum 
Himmel und brach in die Worte aus: „Ach, armer Grill, nun 
biſt du gefangen!“ Der Herr, der ſeinen Namen nicht kannte 
und das Wortſpiel nicht verſtand, glaubte, er habe in Wahr⸗ 
heit erraten, was ſich zwiſchen den Tellern befand. Er ſchloß 
den Mann, deſſen Tuͤchtigkeit er bewunderte, in ſeine Arme 


230 


und rief: „Verzeiht mir, edler Freund, und geht in Frieden! 


Ihr ſeid der geſcheiteſte Mann in Europa!“ Am andern Mor⸗ 
gen ließ er ihn mit Gold und Silber beladen und unter großen 
Ehrungen abziehen. Hatte Herr Grill nicht mehr Gluͤck als 
Verſtand? 


Der Fliegentoͤter 


inem Bauern aus der Normandie war von ſeinem 
Nachbarn eine Schuͤſſel voll Milch zur Verwahrung 
gegeben worden. Als es ſich darum handelte, die⸗ 
ſelbe zuruͤckzuſtellen, behauptete er, die Fliegen haͤtten die 
Milch gefreſſen. Der Nachbar machte die Sache vor Gericht 
anhaͤngig, und als es zur Verhandlung kam, wurde der 
Bauer verurteilt, die Milch zu erſetzen. Der Angeklagte gab 
ſich alle Muͤhe, dieſem Urteil zu entgehen und beteuerte mehr 
als zwanzigmal, die Fliegen haͤtten es verſchuldet. „Warum 
haſt du ſie denn nicht totgeſchlagen?“ fragte ihn der Richter. 
„Iſt es denn erlaubt, die Fliegen zu toͤten?“ verſetzte jener. 
„Ja!“ „Ganz gleich, wo man ſie trifft?“ hub der Bauer 
wieder an. „Ja, ganz gleich, wo man ſie trifft!“ Der Bauer 
gewahrte gerade eine Fliege auf der Wange des Richters, 
erhob den Arm und verſetzte ihm einen herzhaften Backen⸗ 
ſtreich mit den Worten: „Das iſt eine Hauptfliege! Sie 
ſchaut ganz ſo aus, als ob ſie zu denen gehoͤrte, welche die 
Milch gefreſſen haben.“ Der Richter mußte ſeine Ohrfeige 
in Geduld und wortlos hinnehmen, denn er ſelber hatte ja 
die Erlaubnis dazu gegeben. 


Ein Spitzbube entwendet die Kuh ſeines Nachbarn 


in Spitzbube wollte die Kuh ſeines Nachbarn ent⸗ 
wenden. Er ſchlich ſich zu dieſem Zweck vor Tag in 
deſſen Stall, band das Tier los und fuͤhrte es weg, in⸗ 


dem er ſich dabei ſtellte, als laufe er hinter ihm her. Der 


Nachbar erwachte von dem Laͤrm und ſtreckte den Kopf zum 
Fenſter heraus. „Nachbar,“ ſagte der Dieb, „helft mir doch 
meine Kuh zu fangen, ſie iſt in Euern Hof gedrungen.“ Der 


231 


Nachbar erhob ſich und half ihm, die Kuh wiederzubekommen. 
Der Dieb hatte nun Angſt, jener moͤchte ſeine Gaunerei be⸗ 
merken und bat ihn, mit ihm zum Markt zu gehen. Als der 
Tag graute, erkannte der arme Mann ſeine Kuh und ſprach: 
„Gottes Wunder, Nachbar, Eure Kuh gleicht auf ein Haar 
der meinigen.“ „Deshalb verkaufe ich ſie ja,“ erwiderte der 
Gauner, „meine Frau liegt mit der deinigen alleweile in 
Streit, denn ſie verwechſeln ihre Kuͤhe unausgeſetzt mit⸗ 
einander.“ Sobald ſie im Marktflecken angekommen waren, 
tat der Dieb, der dem Frieden nicht traute, als habe er Ge⸗ 
ſchaͤfte in der Stadt. Er bat ſeinen Nachbarn, er moͤge die 
Kuh ſo teuer als moͤglich fuͤr ihn verkaufen, er wolle ihm 
dann ein Trinkgeld dafuͤr geben. Der Mann verkaufte alſo 
das Tier und brachte dem Dieb das Geld, welcher ihn in ein 
Wirtshaus fuͤhrte, bewirtete und dann mitſamt der Zeche 
ſitzen ließ. 

Der Spitzbube begab ſich hierauf nach Paris und ging eines 
Tages auf den Viehmarkt, wo eine Anzahl von Eſeln ange⸗ 
haͤngt waren. Er ſuchte den ſchoͤnſten aus, beſtieg ihn, ritt auf 
dem Markt umher und verkaufte ihn ſehr teuer an einen 
Unbekannten. Der Kaͤufer fand keinen andern Platz leer als 
den, welchen ſein Eſel ſoeben verlaſſen hatte; er band ihn 
daher an die alte Stelle an. Der rechtmaͤßige Eigentuͤmer 
des Eſels kam dazu und wollte das Tier losbinden, um es 
fortzufuͤhren; der Kaͤufer widerſetzte ſich dem, und es kam zu 
einer Pruͤgelei. Der, welcher den Eſel verkauft hatte, hatte 
ſich wieder unter die Menge gemiſcht und machte ſich ein 
teufliſches Vergnuͤgen daraus, zuzuſchauen, wie der Kaͤufer 
am Boden lag und mit Fauſtſchlaͤgen bearbeitet wurde. 
Er konnte ſich nicht enthalten zu rufen: „Haut ihn, haut ihn, 
immer feſt, dieſen Eſeldieb!“ Der Käufer erkannte den Mann 
an der Stimme, der ihm den Eſel verkauft hatte und rief: 
„Das iſt der Verkaͤufer, packt ihn!“ Der Gauner wurde auf 
der Stelle verhaftet und ins Gefaͤngnis geſteckt, wo er nach 
abgelegtem Geſtaͤndnis verurteilt und bald darauf oͤffentlich 
hingerichtet wurde. 


232 


4 


Der friedfertige Hahnrei 


in junger Mann hatte eine ſehr huͤbſche Frau ge⸗ 
heiratet und wohnte mit ihr auf dem Lande in einem 
nahe der Landſtraße gelegenen, einſamen Hauſe, das 
ihm gehörte. Eines Abends legten ſie ſich frühzeitig ſchlafen 
und vergaßen, da es in der warmen Jahreszeit war, die auf 
die Landſtraße fuͤhrende Vortuͤre zu ſchließen. Dem Gatten 
fiel es ein, und er fragte ſeine Frau, ob ſie die Tuͤre geſchloſſen 
habe. „Nein,“ ſagte ſie, „es waͤre deine Sache geweſen, die 
Tuͤre zuzuſperren, denn du haſt dich zuletzt niedergelegt.“ 
„Bitte, geh und ſchließe ſie zu,“ erwiderte der Gatte. „Das 
tue ich nicht,“ ſprach die Frau, „geh ſelber hin!“ Daruͤber 
erhitzten ſie ſich mehr und mehr. Schließlich ſagte der Mann: 
„Der, welcher zuerſt redet, ſoll ſie ſchließen.“ „Gut,“ ver⸗ 
ſetzte die Frau, und von da ab blieb ſie ſtumm. 

Ein junger Soldat, den der Zufall herfuͤhrte, hatte ſeinen 
Weg verloren. Er ſah das einſame Haus, deſſen Tuͤr ge⸗ 
oͤffnet war und trat ein, um nach dem Weg zu fragen. Da 
er unten niemanden antraf, ſtieg er hinauf und gelangte in 
das Schlafgemach des Ehepaares. „Weiſt mir bitte, liebe 
Leute,“ ſprach er, „den Weg nach da und dahin.“ Aber nie⸗ 
mand antwortete ihm. Er ſtellte mehrmals die naͤmliche 
Frage; als er aber merkte, daß ſie, anſtatt ihm zu antworten, 
den Kopf unter die Bettuͤcher verſteckten, begann er zu 
fluchen und zu drohen. Schließlich trat er an das Bett, zog 
die Decke und die Tuͤcher ab und bemerkte, da es noch hin⸗ 
reichend hell war, die Umriſſe eines Frauengeſichts, das ihn 
nicht uͤbel duͤnkte. Er konnte der Verſuchung nicht wider⸗ 
ſtehen, naͤherte ſich um einen weiteren Schritt und kuͤßte die 
Frau, ohne daß jemand ein Wort ſprach. Dieſes friedliche 
Vorſpiel ließ ihn hoffen, daß er keinen ernſtlichen Wider⸗ 
ſtand finden wuͤrde; er ſtreckte ſich alſo neben die Frau aufs 
Bett, kuͤßte und liebkoſte ſie und tat mit einem Worte alles, 
was er wollte, ohne daß der Gatte ſich ruͤhrte. Als der Galan 
genug gekoſt hatte, erhob er ſich und ging hoͤchſt zufrieden, 


233 


daß er einen angenehmeren Weg gefunden hatte, als er 


ſuchte. Kaum war er fort, ſo ſprach die Schoͤne zu ihrem 
Gatten: „Ja, iſt es moͤglich, daß du ſo feige biſt, eine ſolche 
Frechheit unter deinen Augen zu dulden, ohne ein Wort 
zu ſagen?“ „Ha, beim Teufel!“ entgegnete der Gatte, „du 
wirſt die Tuͤr zuſperren, denn du haſt zuerſt geredet!“ 


Die Wette der drei Gevattern 


Saufen zugebracht hatten, waren in großer Not, wie 


ten, die wahre Hausdrachen waren. „Ich meinerſeits,“ ſagte 
der erſte, „bin entſchloſſen, alles hinzunehmen, was die 
meinige mir ſagen wird, ohne ihr ein einziges Wort zu er⸗ 
widern.“ „Und ich,“ ſagte der andere, „werde ohne Wider⸗ 
rede alles tun, was die meinige mir befehlen wird.“ „Ich 
werde ebenſo gehorſam ſein,“ fuͤgte der dritte hinzu. Es 
wurde verabredet, daß der, welcher das, wozu er ſich ver⸗ 
pflichtet hatte, nicht oder doch nicht ſo gut ausfuͤhren wuͤrde, 
zehn Taler zahlen muͤſſe, welche dann verjubelt werden ſoll⸗ 
ten. Sie brachen alſo auf und gingen alle drei in das Haus 
des erſten Gevatters. Sobald ſeine Frau ihn bemerkte, be⸗ 
gann ſie ihm ein ganzes Kyrie eleiſon von Schimpfworten 
an den Kopf zu werfen und auch die beiden andern zu ſchmaͤ⸗ 
hen, welche ihrer Behauptung nach ihren Mann zu Aus⸗ 
ſchweifungen verleitet haͤtten. Alle drei lauſchten dieſer 
ſchoͤnen Muſik, ohne ein Wort zu ſagen. Die Frau glaubte, 
man wolle ſie zum Narren halten und erhob die Hand, um 


ihrem Gatten eine Ohrfeige zu geben. Um ihr auszuweichen, 


trat dieſer zuruͤck, und im Zuruͤckweichen traf er auf einen 
nichtswuͤrdigen irdenen Topf, welcher zerbrach. „Spitzbube, 
Eſel, Lump!“ ſagte die Frau, „zerbrich alles, Miſſetaͤter, zer⸗ 
brich alles!“ Er wollte ihr gehorchen, ließ alle Fenſter⸗ 
ſcheiben mit einem Stockſchlag klirren und ſchlug alles, was 
ihm vorkam, in Truͤmmer. Da ſtuͤrzte die Frau mit einem 
Stock in der Hand auf ihn los, und er zog ſich mit ſeinen bei⸗ 


234 


rei Maͤnner, welche den groͤßten Teil des Tages mit 


ſie bei ihrer Heimkehr ihre Frauen beſaͤnftigen ſoll⸗ 


den Kumpanen, welche Zeugen feines Gehorſams geweſen 


waren, zuruͤck. 


Von hier begaben ſie ſich in das Haus des zweiten Ge⸗ 


vatters, deſſen Frau ſie in nicht minder uͤbler Laune vor⸗ 


fanden, als die des erſten. Sie ſang ihnen die naͤmliche Ton⸗ 
art vor und war nicht weniger freigebig mit Schimpfworten. 


Der Gatte erwiderte ihr mit keinem Wort und begnuͤgte ſich 


vielmehr damit, ſeinen Hintern reden zu laſſen. „Scheiß auch 
noch, du Sau,“ keifte die Alte, die das gehoͤrt hatte, und er 
gehorchte ihr auf der Stelle. Waͤhrend ſie ihren Stecken 


ſuchte, um ihn zu ſtriegeln, hatte er Zeit, ſeine Hoſen wieder 


hochzuziehen und mit den beiden Genoſſen das Weite zu 
ſuchen. 

Als ſie wieder im Freien waren, ſtritten die beiden erſten 
miteinander, wer am beſten gehorcht habe. Der eine ſagte 
zu ſeinen Gunſten, man muͤſſe ohne Widerrede gehorchen, 
und mit dem Hintern reden ſei ſchließlich auch geredet. Der 
Streit war nicht leicht zu ſchlichten, doch der dritte meinte, 
das heiße um des Kaiſers Bart ſtreiten, man muͤſſe zuvor 
ſehen, wie er ſich aus der Sache herauszoͤge, und er glaube, 
wenn es ihm ebenſo gut gelingen wuͤrde wie dem erſten, 
ſo muͤſſe der zweite zahlen, oder ſein Hinterer fuͤr ihn. Die 
andern beruhigten ſich damit, und ſie begaben ſich gemein⸗ 
ſam in das Haus des letzten. Kaum hatte deſſen Ehehaͤlfte 
ihn bemerkt, als ſie ausrief: „Da kommt ja mein Trunken⸗ 
bold, mein Weinſchlauch!“ Der Gatte trat ein, ohne das ge— 
ringſte Erſtaunen zu zeigen, aber er tat, als er den Fuß uͤber 
die Schwelle ſetzte, einen Fehltritt, welcher ihn ſtraucheln 
machte. „Brich dir den Hals, Schleckmaul, das du biſt, 
brich dir den Hals!“ ſchrie das Weib. „Zum Teufel das 
Aas!“ ſagte er, indem er ſich zuruͤckzog, „ſie iſt ſchuld, daß 
ich verloren habe.“ Alſo verlor er, denn er zog es vor, 
zehn Taler zu zahlen, als daß er ſich den Hals gebrochen 
haͤtte. 


235 


25. Blaubart 


s war einmal ein Mann, der hatte ſchoͤne Haͤuſer in 

der Stadt und auf dem Lande, goldene und ſilberne 

Geraͤte, Moͤbel und Stickereien und goldene Karoſſen, 
aber ungluͤcklicherweiſe hatte dieſer Mann einen blauen Bart. 
Das machte ihn ſo haͤßlich und ſo abſtoßend, daß Frauen und 
Maͤdchen vor ihm die Flucht ergriffen. Eine ſeiner Nach⸗ 
barinnen, eine Dame von Stand, hatte zwei wunderſchoͤne 
Toͤchter. Er bat ſie um die Hand der einen von beiden und 
ließ ihr die Wahl, welche ſie ihm geben wolle. Sie wollten 
ihn alle beide nicht, und die eine ſchickte ihn immer wieder 
zur andern, da keine ſich entſchließen mochte, den Mann 
mit dem blauen Barte zu heiraten. Was ſie noch mehr ab⸗ 
ſchreckte, war der Umſtand, daß er ſchon mit mehreren Frauen 
vermaͤhlt geweſen war, und daß man nicht wußte, was aus 
dieſen Frauen geworden ſei. Blaubart fuͤhrte ſie, um ihre 
naͤhere Bekanntſchaft zu machen, mitſamt ihrer Mutter und 
drei oder vier ihrer beſten Freundinnen und einigen jungen 
Leuten aus der Nachbarſchaft auf ſein Landhaus, wo man 
ſich volle acht Tage aufhielt. Da gab es nichts als Spazier⸗ 
gaͤnge, Jagdpartien und Fiſchfang, nichts als Taͤnze und 
Feſte und ſonſtige Zerſtreuungen; man ſchlief nicht, ſondern 
verbrachte die Nacht damit, ſich gegenſeitig luſtige Streiche 
zu ſpielen; ſchließlich ging alles ſo gut, daß die Juͤngere 
herauszufinden begann, der Bart des Hausherrn ſei gar nicht 
fo blau und dieſer ſei überhaupt ein recht ehrenwerter Mann. 
Als man in die Stadt zuruͤckgekehrt war, wurde die Heirat 
vollzogen. Nach Verlauf eines Monats ſagte der Blaubart 


zu ſeiner Frau, er muͤſſe eine Reiſe in die Provinz unter⸗ 


nehmen in einer wichtigen Angelegenheit, die ihn mindeſtens 
ſechs Wochen fernhalten wuͤrde; ſie moͤge indeſſen, wenn ſie 
Luſt dazu habe, ihre guten Freundinnen aufs Land kommen 
laſſen und ſich mit ihnen vergnuͤgen. „Hier“, ſagte er zu ihr, 
„find die Schlüffel zu den zwei großen Moͤbelſpeichern, hier 
jene zum goldenen und ſilbernen Tafelgeſchirr, das nicht alle 


236 


Tage in Gebrauch ift, die da zu den Kaffetten mit meinen 
Edelſteinen, und dies hier iſt der Hauptſchluͤſſel zu allen Ger 
maͤchern. Was nun dieſen kleinen Schluͤſſel betrifft, ſo iſt 
das der Schluͤſſel zur Kammer am Ende der großen Galerie 
im unteren Stockwerk. Du kannſt alles oͤffnen, uͤberall 
hineingehen, aber was dieſes kleine Gemach anlangt, ſo ver⸗ 
biete ich dir, es zu betreten und verbiete es dir ſo ſtreng, daß, 
falls es dir dennoch in den Sinn kommen ſollte, es zu oͤffnen, 
du alles von meinem Zorne zu gewaͤrtigen haͤtteſt.“ Sie 
verſprach, alles, was er ihr befohlen habe, genau zu befolgen, 
und er ſtieg, nachdem er ſie umarmt hatte, in ſeine Kutſche 
und trat ſeine Reiſe an. 

Die Nachbarinnen und die guten Freundinnen warteten 
nicht, daß man ſie holte, um die Neuvermaͤhlte zu beſuchen, ſo 
ungeduldig waren ſie, alle Schaͤtze des Hauſes zu beſichtigen, 
zumal da ſie nicht gewagt hatten, waͤhrend der Anweſenheit 
des Gatten, deſſen blauer Bart ihnen Angft einflößte, hin⸗ 
zugehen. Sie machten ſich alsbald daran, durch die Zimmer, 
Kammern und Garderoben zu laufen, von denen eines immer 
ſchoͤner und koſtbarer war als das andere. Zuletzt ſtiegen ſie 
gar auf die Moͤbelſpeicher, wo ſie die Fuͤlle und Pracht der 
Teppiche, Betten, Sofas und Tiſche nicht genug bewundern 
konnten. Sie gerieten außer ſich vor Verwunderung und 
Neid über das Gluͤck ihrer Freundin. Dieſe aber ergoͤtzte ſich 
nicht am Anblick dieſer Schaͤtze, weil die Ungeduld ſie ver⸗ 
zehrte, die Kammer im untern Stockwerke zu öffnen. So 
ſehr wurde ſie von ihrer Neugier geplagt, daß ſie, ohne zu 
bedenken, wie unziemlich es ſei, die Geſellſchaft zu verlaſſen, 
uͤber eine geheime kleine Stiege hinunterrannte, und zwar 
mit ſolcher Haſt, daß ſie zwei⸗ oder dreimal faſt den Hals 
dabei gebrochen hätte. An der Tür der Kammer angelangt, 
hielt fie eine Weile inne und dachte an das Verbot ihres 
Mannes, indem ſie uͤberlegte, welch ein Ungluͤck ihr zuſtoßen 
koͤnne, wenn ſie ungehorſam waͤre; aber die Verſuchung war 
ſo groß, daß ſie ſich nicht uͤberwinden konnte. Sie nahm alſo 
den kleinen Schluͤſſel und oͤffnete zitternd die Tuͤr des Ge⸗ 


237 


maches. Zuerſt ſah fie gar nichts, weil die Fenſterlaͤden ge⸗ 


ſchloſſen waren, aber nach einigen Augenblicken gewahrte 
ſie, daß der Fußboden ganz mit geronnenem Blute uͤber⸗ 
zogen war, in welchem ſich die Leiber von etlichen toten 
Frauen ſpiegelten, die laͤngs der Wand aufgeknuͤpft waren. 
Das waren alle die Frauen, die der Blaubart geheiratet 
hatte und welche er eine nach der andern umgebracht hatte. 
Sie glaubte, vor Angſt ſterben zu muͤſſen, und der Schluͤſſel 
zur Kammer, den ſie ſoeben aus dem Schloß gezogen hatte 
entglitt ihrer Hand. Nachdem ſie ihre Lebensgeiſter wieder 
ein wenig geſammelt hatte, hob ſie den Schluͤſſel wieder auf, 
verſperrte die Tuͤr und ging in ihr Zimmer hinauf, um ſich 
ein wenig zu erholen, aber umſonſt, denn ſie war zu ſehr 
erregt. 

Da ſie bemerkt hatte, daß der Schluͤſſel zur Kammer blutig 
war, wiſchte ſie ihn zwei⸗ bis dreimal ab, aber das Blut ging 
nicht weg, ſie mochte ihn waſchen, ſo oft ſie wollte, und ihn 
mit Sand und Kies abreiben, immer blieb noch Blut daran, 
denn der Schluͤſſel war verhert, und es gab kein Mittel, ihn 
völlig zu ſaͤubern. Hatte man das Blut auf der einen Seite 
entfernt, ſo kam es auf der andern wieder zum Vorſchein. 
Der Blaubart kam ſchon am gleichen Abend von der Reiſe 
zuruͤck und ſagte, er habe unterwegs Briefe erhalten, die ihm 
gemeldet haͤtten, daß die Angelegenheit, derenthalben er ab⸗ 
gereiſt ſei, zu ſeinen Gunſten geregelt waͤre. Seine Frau tat 
alles, was ſie konnte, um ihm zeigen, daß ſie uͤber ſeine ſchleu⸗ 
nige Ruͤckkehr entzuͤckt ſei. Am naͤchſten Tage verlangte er 
ihr die Schlüffel ab, und fie gab fie ihm, aber mit einer jo 
zitternden Hand, daß er ohne Muͤhe erriet, was ſich zuge⸗ 
tragen hatte. „Woher kommt es,“ ſagte er zu ihr, „daß der 
Schluͤſſel zur Kammer nicht bei den andern iſt?“ „Ich muß 
ihn oben auf meinem Tiſch haben liegen laſſen,“ erwiderte 
ſie. „Vergiß nicht,“ ſagte der Blaubart, „ihn mir alsbald 


zu geben!“ Nach mehrmaligem Aufſchieben mußte ſie den 


Schluͤſſel bringen. Als der Blaubart ihn betrachtet hatte, 
ſagte er zu ſeiner Frau: „Warum iſt denn Blut an dieſem 


238 


Schluͤſſel?“ „Ich weiß nichts davon!“ antwortete die arme 
Frau, bleicher als der Tod. „Du weißt nichts davon?“ ent⸗ 
gegnete der Blaubart, „aber ich weiß es wohl. Du haſt die 
Kammer betreten wollen. Gut, meine Dame, Ihr werdet ſie 
betreten und Euren Platz neben den andern Damen ein⸗ 
nehmen, die Ihr darin geſehen habt.“ Sie warf ſich weinend 
ihrem Gatten zu Fuͤßen und bat ihn mit allen Zeichen wahrer 
Reue um Verzeihung, daß ſie nicht gehorſam geweſen ſei. 
Sie haͤtte einen Stein erweichen koͤnnen, ſchoͤn und zer⸗ 
knirſcht, wie ſie war, aber der Blaubart hatte ein Herz, das 
war härter als Stein: „Ihr müßt ſterben, meine Dame,“ 
ſagte er zu ihr, „und zwar auf der Stelle.“ „Wenn ich 
ſterben muß,“ ſagte ſie, indem ſie ihn mit Traͤnen in 
den Augen anblickte, „ſo gewaͤhrt mir ein wenig Zeit, um 
zu Gott zu beten.“ „Ich gewaͤhre dir eine halbe Viertel⸗ 
ſtunde,“ erwiderte der Blaubart, „aber keinen Augenblick 
mehr.“ Als ſie allein war, rief ſie ihre Schweſter herbei und 
ſagte zu ihr: „Liebe Schweſter Anna (denn fo hieß fie), ich 
bitte dich, ſteige auf den Turm und ſieh, ob meine Bruͤder 
nicht kommen; ſie haben mir verſprochen, daß ſie heute 
kommen wollten, mich zu beſuchen, und wenn du ſie ſiehſt, 
ſo gib ihnen ein Zeichen, ſich zu beeilen. Die Schweſter Anna 
ſtieg auf den Turm, und die arme zerknirſchte Frau rief ihr 
von Zeit zu Zeit zu: „Anna, liebe Schweſter Anna, ſiehſt du 
noch nichts kommen?“ Und die Schweſter Anna antwortete 
ihr: „Ich ſehe nichts als im Staub die Sonne gluͤhn und 
nichts als des Graſes Gruͤn!“ Unterdeſſen ſchrie der Blau⸗ 
bart, der einen großen Hirſchfaͤnger in der Hand hielt, mit der 
ganzen Kraft ſeiner Stimme: „Komm ſchleunig herunter 
oder ich ſteige zu dir hinauf!“ „Noch einen Augenblick, ich 
bitte dich!“ entgegnete ihm die Frau, und gleich darauf rief 
ſie ganz leiſe: „Anna, liebe Schweſter Anna, ſiehſt du noch 
nichts kommen?“ Und die Schweſter Anna antwortete ihr: 
„Ich ſehe nichts, als im Staub die Sonne gluͤhn und nichts 
als des Graſes Gruͤn.“ „Geſchwind, komm herunter!“ ſchrie 
der Blaubart, „oder ich ſteige zu dir hinauf.“ „Ich komme 


239 


ſchon!“ erwiderte feine Frau, und dann rief fie: „Anna, 
liebe Schweſter Anna, ſiehſt du noch nichts kommen?“ „Ich 
ſehe“, antwortete ihre Schweſter Anna, „eine große Staub⸗ 
wolke, die auf uns zukommt.“ „Sind es meine Bruͤder?“ 
„Ach nein, liebe Schweſter, es iſt eine Schafherde!“ „Willſt 
du wohl herunterkommen!“ ſchrie der Blaubart. „Noch einen 
Augenblick!“ entgegnete ſeine Frau, und dann rief ſie: „Anna 
liebe Schweſter Anna, ſiehſt du noch nichts kommen?“ „Ich 
ſehe“, antwortete dieſe, „zwei Reiter auf uns zukommen, 
aber ſie ſind noch ſehr weit weg.“ „Gott ſei gelobt!“ rief ſie 
einen Augenblick fpäter, „es ſind meine Brüder, ich will ihnen 
ein Zeichen geben, ſo gut ich es kann, daß ſie ſich beeilen.“ 
Da hub der Blaubart an, ſo gewaltig zu ſchreien, daß das 
ganze Haus davon erbebte. Die arme Frau ging herunter 
und warf ſich, in Tränen zerfließend und mit aufgelöften 
Haaren, ihm zu Fuͤßen. „Das hilft dir nichts,“ ſagte der 
Blaubart, „du mußt ſterben.“ Dann packte er ſie mit der 
einen Hand bei den Haaren, ſchwang mit der andern das 
Meſſer und wollte ihr den Hals abſchneiden. Die arme Frau 
wandte ſich nach ihm um, ſah ihn mit brechenden Augen an 
und beſchwor ihn, ihr nur einen Augenblick zu gewaͤhren, 
um ſich zu ſammeln. „Nichts da, ſagte er, „befiehl deine 
Seele in Gottes Hand!“ und er erhob feinen Arm... In 
dieſem Augenblick wurde fo ungeftüm an das Tor geklopft, 
daß der Blaubart jaͤhlings innehielt; man oͤffnete, und ſo⸗ 
gleich ſah man zwei Reiter am Eingang, die den Degen 
in der Fauſt geradeswegs auf den Blaubart losſtuͤrzten. Er 
erkannte die Bruͤder ſeiner Frau, einen Dragoner und einen 
Musketier, und ergriff ſogleich die Flucht, um ſich zu retten; 
aber die beiden Bruͤder folgten ihm auf dem Fuße und er⸗ 
wiſchten ihn, bevor er die Freitreppe erreichen konnte. Sie 
ſtießen ihm ihre Degen durch den Leib und ließen ihn tot 
liegen. Die arme Frau war faſt ebenſo tot wie ihr Gatte 
und hatte nicht die Kraft, ſich zu erheben, um ihre Bruͤder zu 
umarmen. Es fand ſich, daß der Blaubart keine Erben hatte 
und daß ſomit die Frau Herrin all ſeiner Habe blieb. Sie 


240 


verwendete einen Teil davon, um ihre Schweſter Anna mit 
einem jungen Edelmann zu verheiraten, der ſie ſchon lange 
liebte; einen andern Teil, um fuͤr ihre zwei Bruͤder den 
Hauptmannsrang zu erkaufen, und den Reſt, um ſich ſelber 
mit einem ſehr ehrenwerten Manne zu verheiraten, der ſie 
die ſchlimme Zeit vergeſſen ließ, die ſie mit dem Blaubart 
verbracht hatte. 


26. Der geſtiefelte Kater 

in Muͤller hinterließ den drei Soͤhnen, die er hatte, 

als ganzes Erbteil nur eine Muͤhle, ſeinen Eſel und 

einen Kater. Die Teilung war bald vollzogen, weder 
der Notar noch der Sachwalter brauchten in Tätigkeit zu treten. 
Sie haͤtten uͤbrigens auch bald das armſelige Erbe aufgezehrt. 
Der Alteſte bekam die Muͤhle, der zweite den Eſel und dem 
Juͤngſten blieb nur der Kater. Dieſer letztere konnte ſich gar 
nicht troͤſten uͤber ſeinen klaͤglichen Anteil. „Meine Bruͤder“, 
ſagte er, „werden ſich ihr Brot ehrlich verdienen koͤnnen, 
wenn ſie zuſammenhalten, ich aber, wenn ich meinen Kater 
verſpeiſt und mir aus ſeinem Pelz einen Pulswaͤrmer ge⸗ 
macht haben werde, ich werde Hungers ſterben muͤſſen.“ 
Der Kater, der dieſe Worte verſtand, es aber nicht merken 
ließ, ſagte zu ihm mit ernſter und geſetzter Miene: „Be⸗ 
kuͤmmert Euch nicht, Herr, Ihr braucht mir nur einen Sack 
zu geben und mir ein paar Stiefel machen zu laſſen, mit 
denen ich durch das Geſtruͤpp laufen kann, und ihr werdet 
ſehen, daß Euer Anteil gar nicht ſo klaͤglich iſt wie Ihr glaubt.“ 
Obwohl der Gebieter des Katers nicht gerade viel darauf 
gab, ſo hatte er doch ſchon oft ſeine Geſchicklichkeit beim 
Fang der Ratten und Maͤuſe bewundert (wie zum Exempel, 
wenn er ſich an den Fuͤßen aufhaͤngte oder ſich in der Mehl⸗ 
tonne liegend tot ſtellte), daß er nicht alle Hoffnung aufgab, 
von ihm in ſeiner Not Beiſtand zu erhalten. Als der Kater 
das bekommen hatte, um was er gebeten, zog er herzhaft 
ſeine Stiefel an, warf ſich den Sack um den Hals, deſſen 


16 Franz. Märchen I 241 


Schnüre er mit den Vorderpfoten feſthielt, und begab ſich 
nach dem Karnickelberg, wo es eine Unmenge Kaninchen gab. 
Er tat Kleie und Schlingen in ſeinen Sack, und indes er ſich 
hinſtreckte, als ob er tot waͤre, wartete er, bis irgendein 
junges, in den Raͤnken dieſer Welt noch wenig erfahrenes 
Kaninchen in den Sack ſchluͤpfen wuͤrde, um das zu freſſen, 
was er hineingetan hatte. Kaum hatte er ſich niedergelegt, 
ſo ſah er ſeinen Wunſch ſchon erfuͤllt: ein junger Leichtfuß 
von Kaninchen kroch in den Sack, und Meiſter Hinz zog ge⸗ 
ſchwind die Schnuͤre zu, packte es und toͤtete es ohne Er⸗ 
barmen. Ganz ſtolz auf ſeine Beute ging er zum Koͤnig und 
verlangte, ihn zu ſprechen. Man gewaͤhrte ihm Eintritt in 
das Gemach Sr. Majeftät, wo er beim Eintritt dem Könige 
einen tiefen Buͤckling machte. Darauf ſprach er zum Koͤnig: 
„Seht hier, allergnaͤdigſter Herr, ein Kaninchen vom 
Karnickelberg, welches der Herr Marquis von Carabas (das 
war der Name, welchen er ſeinem Herrn beizulegen fuͤr gut 
fand) mir geheißen hat, Euch in ſeinem Auftrag zu uͤberrei⸗ 
chen.“ „Sage deinem Herrn,“ erwiderte der Koͤnig, „daß 
ich ihm danke und daß er mir eine Freude gemacht hat!“ 
Ein andermal verſteckte er ſich in einem Kornfeld, immer 
ſeinen Sack offen haltend, und als zwei Rebhuͤhner hinein⸗ 
geſchluͤpft waren, zog er wieder die Schnüre zu und fing fie 
alle beide. Dann uͤberreichte er ſie wieder dem Koͤnige, wie er 
es mit dem Kaninchen vom Karnickelberg gemacht hatte. Der 
Koͤnig nahm die beiden Rebhuͤhner mit Vergnuͤgen ent⸗ 
gegen und ließ ihm ein gutes Trinkgeld verabreichen. Der 
Kater brachte nun zwei bis drei Monate lang von Zeit zu 
Zeit dem Koͤnige Wildbret von der Jagd ſeines Herrn. 
Eines Tages hatte er erfahren, daß der Koͤnig mit ſeiner 
Tochter am Flußufer entlang eine Spazierfahrt machen 
wollte, und er ſagte zu ſeinem Herrn: „Wenn Ihr meinem 
Rat folgen wollt, ſo iſt Euer Gluͤck gemacht. Ihr braucht nur 
an einer Stelle im Fluß, die ich Euch zeigen werde, zu baden; 
das übrige uͤberlaßt mir!“ Der Marquis von Carabas tat, 
wie ſein Kater ihm geraten hatte, ohne zu wiſſen, wozu dies 


242 


S 


gut wäre. Während er badete, fuhr der König vorüber, und 
der Kater begann aus Leibeskraͤften zu ſchreien: „Zu Hilfe! 
Zu Hilfe! Der Marquis von Carabas ertrinkt!“ Auf dieſes 
Geſchrei hin ſteckte der Koͤnig ſeinen Kopf aus dem Kutſchen⸗ 
ſchlag und erkannte den Kater, der ihm ſo oft Wildbret ge⸗ 
bracht hatte. Er befahl ſeiner Leibwache, dem Marquis von 
Carabas unverzuͤglich zu Hilfe zu eilen. Unterdes man den 
armen Marquis aus dem Waſſer zog, trat der Kater zur 
Kutſche und berichtete dem Könige, während fein Herr ge⸗ 
badet habe, ſeien Diebe gekommen und haͤtten die Kleider 
desſelben mitgenommen, obwohl er aus Leibeskraͤften: 
Diebe! geſchrien haͤtte (der Spitzbube hatte ſie unter einem 
großen Stein verſteckt). Der Koͤnig befahl auf der Stelle 
ſeinen Kammerdienern, eines ſeiner praͤchtigſten Gewaͤnder 
fuͤr den Herrn Marquis von Carabas zu holen. Der Koͤnig 
erwies ihm tauſend Aufmerkſamkeiten, und da die ſchoͤnen 
Kleidungsftüde, die man ihm gerade angelegt hatte, ſein 
ſtattliches Ausſehen ungemein hoben (denn er war huͤbſch 
und wohlgeſtaltet), ſo fand ihn die Koͤnigstochter ſehr nach 
ihrem Geſchmack, und der Marquis von Carabas batte ihr 
noch keine zwei bis drei ſehr ehrerbietige und ein wenig 
zaͤrtliche Blicke zugeworfen, als ſie ſich ſchon bis zum Wahn⸗ 
ſinn in ihn verliebte. Der Koͤnig wuͤnſchte, daß er zu ihm in 
die Kutſche ſteige und an der Spazierfahrt teilnaͤhme. Der 
Kater ſah mit Entzuͤcken, daß ſein Plan von Anfang an ſo 
gut gelang und lief geſchwind voraus. Unterwegs traf er 
Bauern, welche eine Wieſe maͤhten, und ſprach zu ihnen: „Ihr 
guten Leute, die ihr da maͤht, wenn ihr dem Könige nicht ſagt, 
daß die Wieſe, die ihr maͤht, dem Herrn Marquis von Carabas 
gehoͤrt, ſo werdet ihr alle kurz und klein gehackt wie Paſteten⸗ 
fleiſch.“ Der Koͤnig verfehlte nicht, die Maͤher zu fragen, 
wem die Wieſe gehoͤrte, die ſie maͤhten. „Dem Herrn Mar⸗ 
quis von Carabas!“ ſagten alle wie mit einem Munde, denn 
die Drohung des Katers hatte ihnen Furcht eingejagt. „Ihr 
habt da ein ſchoͤnes Erbe!“ ſagte der Koͤnig zum Marquis 
von Carabas. „Ihr ſeht, ee Herr, erwiderte der 
16° 


243 


Marquis, „es iſt eine Wieſe, die alle Jahre einen reichlichen 
Ertrag gibt.“ Meiſter Hinz, der immer vorauslief, traf auf 
Schnitter und ſprach zu ihnen: „Ihr guten Leute, die ihr da 
Korn ſchneidet, wenn ihr dem Koͤnige nicht ſagt, daß die 
Felder alle dem Herrn Marquis von Carabas gehoͤren, ſo 
werdet ihr kurz und klein gehackt wie Paſtetenfleiſch.“ Der 
Koͤnig, der einen Augenblick ſpaͤter voruͤberfuhr, wollte 
wiſſen, wem all die Kornfelder, die er erblickte, gehörten: 
„Dem Herrn Marquis von Carabas!“ erwiderten die Schnit⸗ 
ter, und der Koͤnig freute ſich wieder mit dem Marquis daran. 
Der Kater lief weiter vor der Kutſche her und ſagte allen 
denen, die er traf, immer das gleiche; und der Koͤnig war 
erſtaunt uͤber die großen Beſitzungen des Herrn Marquis 
von Carabas. Meiſter Hinz gelangte ſchließlich in ein ſchoͤnes 
Schloß, deſſen Beſitzer ein Menſchenfreſſer war, der reichſte, 
den man jemals geſehen hatte, denn alle Laͤndereien, an 
denen der Koͤnig voruͤbergefahren war, gehoͤrten zu ſeinem 
Schloß. Der Kater, der ſich zuvor fuͤrſorglich erkundigt hatte, 
wer dieſer Menſchenfreſſer waͤre, und welche Kuͤnſte er 
verſtaͤnde, verlangte, mit ihm zu reden, indem er ſagte, er 
habe nicht ſo nahe am Schloſſe voruͤbergehen wollen, ohne 
ſich die Ehre zu geben, ihm ſeine Aufwartung zu machen. 
Der Menſchenfreſſer empfing ihn ſo hoͤflich, wie ein Men⸗ 
ſchenfreſſer nur irgend kann, und bat ihn, Platz zu nehmen. 
„Man hat mich verſichert,“ ſagte der Kater, „daß Ihr die 
Gabe beſitzt, Euch in jedes beliebige Tier zu verwandeln, 
daß Ihr zum Beiſpiel die Geſtalt eines Loͤwen oder eines 
Elefanten annehmen koͤnnt.“ „Das iſt wahr, entgegnete 
der Menſchenfreſſer barſch, „und um es Euch zu beweiſen, 
ſollt Ihr gleich ſehen, wie ich zu einem Loͤwen werde.“ Der 
Kater war ſo erſchrocken, einen Loͤwen vor ſich zu ſehen, 
daß er unverzuͤglich an der Dachrinne heraufkletterte, nicht 
ohne Muͤhe und Gefahr, denn ſeine Stiefel taugten nicht zum 
Marſchieren auf den Ziegeln. Als der Kater einige Zeit 


darauf geſehen hatte, daß der Menſchenfreſſer ſeine vorherige 


Geſtalt wieder abgelegt hatte, kam er wieder herunter und 


244 


„ = 


er 


geſtand, daß er in großer Angſt geweſen ſei. „Man hat mich 
weiterhin verſichert,“ ſagte der Kater, „— aber ich koͤnnte es 
niemals fuͤr moͤglich halten —, daß Ihr auch die Faͤhigkeit 
hättet, die Geſtalt der kleinſten Tiere anzunehmen, zum Beis 
ſpiel Euch in eine Ratte oder in eine Maus zu verwandeln; ich 
geſtehe Euch, daß ich das für gänzlich unmöglich halte.“ „Uns 
moͤglich?“ entgegnete der Menſchenfreſſer, „Ihr ſollt es gleich 
ſehen.“ Und in demſelben Augenblick verwandelte er ſich 
in eine Maus, welche auf dem Fußboden umherzulaufen 
begann. Kaum hatte ſie der Kater bemerkt, ſo ſtuͤrzte er ſich 
auch ſchon darauf und fraß ſie auf. Unterdeſſen hatte der 
Koͤnig im Vorbeifahren das ſchoͤne Schloß des Menſchen⸗ 
freſſers geſehen und wollte ſich hineinbegeben. Der Kater 
hoͤrte die Kutſche uͤber die Zugbruͤcke raſſeln, lief hinaus und 
ſprach zum Koͤnig: „Eure Majeſtaͤt ſind hochwillkommen in 
dieſem Schloſſe des Herrn Marquis von Carabas!“ „Wie, 
Herr Marquis!“ rief der Koͤnig aus, „auch dies Schloß ge⸗ 
hoͤrt Euch? Es kann nichts Schoͤneres geben als dieſen Hof 
und all die Gebaͤude, welche ihn umgeben; laßt uns nun ge⸗ 
falligft die inneren Räume in Augenſchein nehmen!“ Der 
Marquis reichte der jungen Prinzeſſin den Arm und folgte 
dem Koͤnig, der voranſchritt. Sie betraten einen großen Saal, 
in welchem ſie ein treffliches Mahl vorfanden, das der 
Menſchenfreſſer fuͤr ſeine Freunde hatte herrichten laſſen, 
die ihn am gleichen Tage haͤtten beſuchen wollen, aber ſich 
nicht hereingetraut hatten, weil ſie von der Ankunft des 
Koͤnigs erfuhren. Der Koͤnig war entzuͤckt von den guten 
Eigenſchaften des Herrn Marquis von Carabas, ebenſo wie 
ſeine Tochter, die ganz vernarrt in ihn war; und da er die 
großen Beſitzungen ſah, die ihm gehoͤrten, ſagte er, nachdem 
er fuͤnf bis ſechs Schluck getrunken hatte: „Es haͤngt nur von 
Euch ab, Herr Marquis, ob Ihr mein Schwiegerſohn werdet.“ 
Der Marquis machte einen tiefen Buͤckling und nahm die Ehre 
an, die ihm der Koͤnig erwies; und noch am naͤmlichen Tage 
vermaͤhlte er ſich mit der Prinzeſſin. Der Kater ward ein großer 
Herr und lief nur mehr Vergnuͤgens halber den Maͤuſen nach. 


245 


27. Aſchelbroͤdel oder das kleine Glaspantoͤffelchen 


s war einmal ein Edelmann, der nahm in zweiter Ehe 

eine Frau, die hochmuͤtigſte und ſtolzeſte, die man je 

geſehen hat. Sie hatte zwei Toͤchter ganz nach ihrer 
Art, die ihr in jeder Beziehung glichen. Der Mann hatte eine 
Tochter aus erſter Ehe, aber von einer Sanftmut und Guͤte 
ohnegleichen: das hatte ſie von ihrer Mutter, welche die beſte 
Frau von der Welt geweſen war. Kaum war die Hochzeit 
vorüber, fo ließ die Stiefmutter ihre böfe Laune losbrechen. 
Die guten Eigenſchaften des Kindes waren ihr zuwider, weil 
ſie ihre eigenen Toͤchter nur noch verabſcheuungswuͤrdiger 
erſcheinen ließen. Sie lud ihr die niedrigſten Verrichtungen 
im Hauſe auf: ſie mußte das Geſchirr putzen und die Stiegen 
und das Zimmer der Gnaͤdigen ſcheuern ſowie jenes ihrer 
Fraͤulein Toͤchter; ſie ſchlief ganz oben auf dem Speicher auf 
einem elenden Strohſack, waͤhrend ihre Schweſtern in Ge⸗ 
mächern mit Parkettboͤden ruhten, wo ſie Betten von der 
neueſten Mode hatten, und Spiegel, in denen ſie ſich vom 
Kopf bis zum Fuße betrachten konnten. Das arme Maͤdchen 
ertrug alles geduldig und wagte nicht, ſich bei ihrem Vater 
daruͤber zu beklagen, der ſie doch nur geſcholten haben wuͤrde, 
weil ſeine Frau ihn gaͤnzlich beherrſchte. Wenn ſie ihre Ar⸗ 
beit verrichtet hatte, ſo pflegte ſie ſich in der Aſche am Ofen 
niederzulaſſen, daher nannte man ſie im Hauſe gemeinhein 
Aſchenhocker !; die jüngere Schweſter, welche nicht ganz fo 
feindſelig war wie die ältere, nannte fie Aſchenbroͤdel ?; in⸗ 
des war Aſchenbroͤdel mit ſeinen armſeligen Kleidern hundert⸗ 
mal ſchoͤner als ſeine Schweſtern, wenn ſie auch noch ſo koſt⸗ 
bar ausſtaffiert waren. 

Es ereignete ſich nun, daß der Koͤnigsſohn ein Ballfeſt gab, 
zu welchem er alle Leute von Stand einlud; unſere beiden 
Fraͤulein waren gleichfalls gebeten, denn ſie ſpielten eine 
große Rolle im Lande. Da ſah man ſie nun in beſter Laune 
damit beſchaͤftigt, ihre Kleider und ihren Kopfputz el 


! Gucendron = Cul + cendre. * Cendrillon. 


346 


2. c Ar a 


ſuchen, der ihnen am beften anſtaͤnde; neue Plage für Aſchen⸗ 
broͤdel, denn ſie mußte das Leinenzeug ihrer Schweſtern 
bügeln und ihre Manſchetten faͤlteln; es wurde nur mehr da⸗ 
von geredet, wie ſie ſich anziehen wollten. „Ich,“ ſagte die 
ältere, „ich werde mein rotes Sammetkleid mit dem eng⸗ 
liſchen Spitzenausputz anlegen.“ „Ich,“ ſagte die juͤngere, 
„ich habe nur meinen gewoͤhnlichen Rock, aber dafuͤr ziehe ich 
den Mantel mit den goldenen Blumen an und meine Dia⸗ 
mantſpange, die nicht zu den unſcheinbarſten gehört." Man 
ließ die beſte Haarkraͤuslerin kommen, um die Haarpuffen 
in Doppelreihen aufzuſtecken und kaufte Schoͤnheitspflaͤſter⸗ 
chen bei der erſten Kuͤnſtlerin; dann riefen ſie Aſchenbroͤdel 
herbei, um ihren Rat zu erholen, denn ſie hatte einen guten 
Geſchmack. Aſchenbroͤdel gab ihnen die beſten Ratſchlaͤge von 
der Welt und erbot ſich ſogar, ihnen das Haar zu richten, was 
ſie ſich gern gefallen ließen. Waͤhrend Aſchenbroͤdel ſie 
friſierte, ſagten ſie zu ihr: „Aſchenbroͤdel, haͤtteſt du nicht auch 
Luſt, auf den Ball zu gehen?“ „Ach, liebe Fraͤulein, ihr 
ſpottet! Da gehöre ich nicht hin!“ „Da haft du recht, man 
wuͤrde huͤbſch lachen, wenn man einen Aſchenhocker auf den 
Ball gehen ſaͤhe.“ Jede andere als Aſchenbroͤdel hätte ihnen 
das Haar verkehrt gemacht, aber fie war fanftmütig und 
friſierte ſie tadellos. Faſt zwei Tage lang blieben ſie ohne 
Nahrung, ſo außer ſich waren ſie vor Freude, man zerriß 
uͤber ein Dutzend Schnuͤrbaͤnder, ſo feſt ſchnuͤrte man ſie, um 
ihnen ſchlankere Huͤften zu geben, und ſie gingen nicht von 
ihrem Spiegel fort. Endlich kam der Gluͤckstag, ſie fuhren 
davon, und Aſchenbroͤdel verfolgte ſie mit den Augen, ſolange 
ſie konnte; als ſie nichts mehr von ihnen ſah, begann ſie zu 
weinen. Ihre Patin ſah ſie ſo in Traͤnen aufgeloͤſt und fragte 
ſie, was fie habe. „Ich möchte gern ... ich möchte gern ...“ 
ſie weinte ſo heftig, daß ſie ihren Satz nicht vollenden konnte. 
Ihre Patin, die eine Fee war, ſagte zu ihr: „Du moͤchteſt 
gern auf den Ball gehen, nicht wahr?“ „Ach, ja,“ erwiderte 
Aſchenbroͤdel ſeufzend. „Nun gut, willſt du ein braves Maͤd⸗ 
chen ſein,“ ſagte die Patin, „ſo will ich dich hinbringen.“ Sie 


247 


führte Aſchenbroͤdel in ihre Kammer und ſprach zu ihr: „Geh 
in den Garten und hole mir einen Kürbis!" Aſchenbroͤdel 
ging ſogleich hin und brachte den ſchoͤnſten, den ſie finden 
konnte, ihrer Patin; freilich konnte ſie ſich nicht denken, wie 
dieſer Kürbis es ihr ermöglichen ſollte, auf den Ball zu gehen. 
Ihre Patin hoͤhlte ihn aus, und als nur noch die Schale daran 
war, ſchlug ſie mit ihrem Zauberſtaͤbchen auf den Kuͤrbis, 


und im Nu ward dieſer in eine ſchoͤne, uͤber und uͤber ver⸗ 


goldete Kutſche verwandelt. Dann ſchaute ſie in ihre Maus⸗ 
falle, worin ſie ſechs noch lebendige Maͤuſe vorfand; ſie hieß 
Aſchenbroͤdel die Klappe der Mauſefalle ein wenig heben, und 
einer jeden Maus, die hinausſchluͤpfte, gab ſie einen Schlag 
mit ihrem Staͤbchen, und im Handumdrehen war jede Maus 
in ein ſchoͤnes Pferd verwandelt, das gab ein praͤchtiges 
Sechſergeſpann, gezogen von mausgrauen Apfelſchimmeln. 
Da ſie in Sorge war, aus was ſie einen Kutſcher machen ſollte, 
ſagte Aſchenbroͤdel: „Ich will nachſchauen, ob keine Ratte in 
der Rattenfalle iſt, daraus koͤnnten wir einen Kutſcher 
machen.“ „Du haſt recht,“ ſagte die Patin, „geh und ſchau!“ 
Aſchenbroͤdel brachte ihr die Rattenfalle her, in welcher drei 
fette Ratten waren. Die Fee waͤhlte die mit dem dichteſten 
Bartwuchs unter den dreien aus und, nachdem ſie ſie mit 
ihrem Stabe beruͤhrt hatte, ward ſie in einen dicken Kutſcher 
verwandelt, der einen der ſchoͤnſten Schnurrbaͤrte hatte, die 
man je geſehen. Dann ſprach ſie zu ihr: „Geh in den Garten, 
dort wirſt du ſechs Eidechſen hinter der Gießkanne finden; 
bringe ſie mir!“ Kaum hatte ſie dieſe der Patin gebracht, als 
ſie auch ſchon in ſechs Lakaien verwandelt waren, die ge⸗ 
ſchwind in ihren verbraͤmten Gewaͤndern hinten auf die 
Kutſche kletterten und ſich dort feſthielten, als ob ſie nie in 
ihrem Leben etwas anderes getan haͤtten. Darauf ſagte die 
Fee zu Aſchenbroͤdel: „So, ſiehſt du, damit kannſt du auf den 
Ball gehen. Biſt du nicht recht froh?“ „Ja, aber ſoll ich ſo, 
wie ich bin, in meinen garſtigen Kleidern gehen?“ Ihre 
Patin beruͤhrte ſie nur mit ihrem Staͤbchen, und ſogleich waren 
ihre Kleider in Gewaͤnder aus Gold⸗ und Silberſtoffen ver⸗ 


248 


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wandelt, ganz mit Edelſteinen beſetzt. Dann reichte fie ihr 
ein Paar Glaspantoͤffelchen, die ſchoͤnſten von der Welt. Als 
ſie ſolcherweiſe geſchmuͤckt war, ſtieg ſie in die Kutſche; doch 
ihre Patin ermahnte ſie, vor allen Dingen ja nicht uͤber 
Mitternacht auszubleiben, denn falls ſie einen Augenblick 
länger auf dem Ball verweilen würde, fo waͤre ihre Kutſche 
wieder ein Kuͤrbis, ihre Pferde wieder Maͤuſe, ihre Lakaien 
wieder Eidechſen, und ihre alten Kleider wuͤrden ihre fruͤhere 
Geſtalt wieder annehmen. Sie verſprach ihrer Patin, ſie 
wolle nicht verfehlen, den Ball vor Mitternacht zu verlaſſen; 
dann fuhr ſie davon, ganz außer ſich vor Freude. 

Der Koͤnigsſohn, dem man gemeldet hatte, daß ſoeben eine 
unbekannte hohe Prinzeſſin vorgefahren ſei, beeilte ſich, ſie 
zu empfangen, er bot ihr beim Ausſteigen aus der Kutſche 
den Arm und geleitete ſie in den Saal, wo die Geſellſchaft 
verſammelt war. Sogleich entſtand ein allgemeines Schwei⸗ 
gen, man hoͤrte zu tanzen auf, und die Geigen verſtummten, 
ſo ſehr war man in die Betrachtung der außergewoͤhnlichen 
Schoͤnheit dieſer Unbekannten verſunken. Man vernahm nur 
noch ein Stimmengewirr: „Ach, wie ſchoͤn ſie iſt!“ Der Koͤnig 
ſelber, ſo alt er auch war, konnte es nicht unterlaſſen, ſie an⸗ 
zuſchauen, und er fluͤſterte der Koͤnigin zu, er habe ſchon lange 
kein ſo ſchoͤnes und liebenswuͤrdiges Weſen mehr geſehen. 
Saͤmtliche Damen muſterten aufmerkſam ihren Kopfputz und 
ihre Kleider, um ſich gleich am naͤchſten Tage aͤhnliche zu ver⸗ 
ſchaffen, vorausgeſetzt, daß ſich uͤberhaupt noch ſo ſchoͤne 
Stoffe und ſo geſchickte Haͤnde auffinden ließen. Der Koͤnigs⸗ 
ſohn wies ihr den Ehrenplatz an, dann nahm er ſie und fuͤhrte 
ſie zum Tanze, und ſie tanzte ſo anmutig, daß man ſie nur 
noch mehr bewunderte. Man trug ein treffliches Mahl auf, 
von welchem der junge Prinz nichts aß, ſo ſehr war er damit 
beſchaͤftigt, ſie anzuſchauen. Sie ſetzte ſich zu ihren Schweſtern 
und erwies ihnen tauſend Aufmerkſamkeiten, ſie teilte ihnen 
von den Orangen und Limonen aus, die der Prinz ihr ge⸗ 
geben hatte, was dieſe ſehr wunderte, denn ſie kannten ſie gar 
nicht. Waͤhrend ſie ſo plauderten, hoͤrte Aſchenbroͤdel die Uhr 


249 


dreiviertel auf Zwoͤlf ſchlagen: ſogleich machte fie eine tiefe 
Verbeugung vor der ganzen Geſellſchaft und enteilte ſo ge⸗ 
ſchwind als ſie konnte. Sobald ſie heimgekommen war, ſuchte 
ſie ihre Patin auf, dankte ihr und ſagte zu ihr, ſie moͤchte gar 
zu gern auch am naͤchſten Tage auf den Ball gehen, weil der 
Koͤnigsſohn ſie darum gebeten habe. Als ſie noch dabei war, 
ihrer Patin alles zu erzaͤhlen, was ſich auf dem Balle zu⸗ 
getragen hatte, klopften die beiden Schweſtern an das Tor; 
Aſchenbroͤdel ging, um ihnen zu oͤffnen: „Wie ſpaͤt ihr heim⸗ 
kommt!“ ſagte ſie gaͤhnend und ſich die Augen reibend und 
ſich reckend, als ob ſie gerade erſt aufgewacht ſei; ſie haͤtte 
indeſſen keine Luſt zum Schlafen geſpuͤrt, ſeit ſie auseinander⸗ 
gegangen waren. „Wenn du auf dem Ball geweſen waͤreſt,“ 
ſagte die eine der Schweſtern, „jo haͤtteſt du dich gewiß nicht 
gelangweilt. Die ſchoͤnſte Prinzeſſin war dort, die aller⸗ 
ſchoͤnſte, die man nur ſehen kann; ſie hat uns tauſend Hoͤflich⸗ 
keiten erwieſen, ſie hat uns Orangen und Limonen gegeben.“ 
Aſchenbroͤdel geriet faſt außer ſich vor Freude: ſie fragte jene 
nach dem Namen dieſer Prinzeſſin, aber ſie antworteten, daß 
man dieſen nicht wiſſe, und gerade das fei der größte Kum⸗ 
mer des Koͤnigsſohnes, der um alles in der Welt gern wiſſen 
moͤchte, wer ſie ſei. Aſchenbroͤdel laͤchelte und ſagte: „Sie war 
wohl ſchoͤn? Mein Gott, wie ſeid ihr gluͤcklich, koͤnnte ich fie 
nicht einmal zu Geſicht bekommen? Ach, Fraͤulein Plauder⸗ 
taſche, leiht mir doch Euer gelbes Kleid, daß Ihr alle Tage 
tragt!“ „Wirklich“, ſagte Fraͤulein Plaudertaſche, „das kannſt 
du dir denken, mein Kleid einem garſtigen Aſchenhocker leihen, 
wie du einer biſt, da muͤßte ich ganz verruͤckt ſein!“ Aſchen⸗ 
broͤdel erwartete dieſe abſchlaͤgige Antwort und war recht 
froh daruͤber, denn ſie waͤre in große Verlegenheit geraten, 
wenn ihre Schweſter ihr das Kleid haͤtte leihen wollen. 
Am folgenden Tage waren die beiden Schweſtern auf dem 
Ball und Aſchenbroͤdel gleichfalls, aber noch reicher geſchmuͤckt 
als das erſtemal. Der Koͤnigsſohn hielt ſich ſtaͤndig in ihrer 
Naͤhe auf und ſagte ihr unausgeſetzt Liebenswuͤrdigkeiten. 
Das junge Maͤdchen langweilte ſich keinen Augenblick und 


250 


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vergaß derart die Warnung ihrer Patin, daß fie ſchon den 
erſten Schlag der Mitternachtsglocke vernahm, als ſie glaubte 
es ſei erſt elf Uhr; ſie ſprang auf und floh ſo behende wie ein 
Reh von dannen. Der Prinz folgte ihr, konnte ſie aber nicht 
einholen; ſie ließ einen von ihren glaͤſernen Pantoffeln fallen, 
den der Prinz ſorgfaͤltig aufhob. Aſchenbroͤdel kam daheim 
ganz außer Atem an, ohne Kutſche, ohne Lakaien und in ihren 
abſcheulichen Kleidern, nichts war ihr von der ganzen Pracht 
geblieben als eines ihrer Pantoͤffelchen, das Gegenſtuͤck zu 
dem, das ſie hatte fallen laſſen. Man befragte die Tuͤrhuͤter 
des Schloſſes, ob fie nicht eine Prinzeſſin hätten heraus⸗ 
kommen fehen; fie ſagten, niemand ſei herausgekommen außer 
einem ſehr ſchlecht gekleideten jungen Maͤdchen, das eher wie 
eine Baͤuerin denn wie eine Dame ausgeſehen haͤtte. Als 
ihre beiden Schweſtern vom Balle heimkamen, fragte ſie 
Aſchenbroͤdel, ob ſie ſich wieder ſo gut unterhalten haͤtten und 
ob die ſchoͤne Dame wieder dort geweſen ſei. Sie bejahten 
es, aber ſie ſei entflohen, als es Mitternacht geſchlagen habe 
und das ſo haſtig, daß fie eines ihrer Glaspantoͤffelchen habe 
fallen laſſen, das niedlichſte von der Welt; der Koͤnigsſohn 
habe es aufgehoben und den ganzen Reſt des Balles damit 
verbracht, es zu betrachten, ſicher waͤre er uͤber die Maßen 
verliebt in die ſchoͤne Prinzeſſin, der der Pantoffel gehoͤrte. 

Sie ſagten die Wahrheit, denn einige Tage darauf ließ der 
Koͤnigsſohn durch einen Trompeter oͤffentlich bekanntmachen, 
daß er diejenige, deren Fuß in den Pantoffel paſſe, heiraten 
wolle. Man probierte ihn zuerſt den Prinzeſſinnen an, dann 
den Herzoginnen und dem ganzen Hofſtaat, aber umſonſt; 
Man brachte ihn zu den beiden Schweſtern, die ihr moͤglichſtes 
taten, um ihren Fuß in den Pantoffel hineinzuzwaͤngen, 
aber ſie hatten keinen Erfolg damit. Aſchenbroͤdel, die ihnen 
zuſchaute und ihren Pantoffel erkannte, ſagte lachend: „Ich 
moͤchte doch ſehen, ob er mir nicht paßt!“ Ihre Schweſtern 
lachten und ſpotteten ſie aus, aber der Kammerherr, welcher 
die Pantoffelprobe beſorgte, betrachtete Aſchenbroͤdel auf⸗ 
merkſam und fand fie überaus ſchoͤn; er ſagte, es ſie nur recht 


251 


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und billig, und er habe den Auftrag, den Pantoffel allen 
jungen Maͤdchen anzuprobieren; darauf hieß er Aſchenbroͤdel 
Platz nehmen, und wie er nun den Pantoffel ihrem Fuͤßchen 
hinhielt, gewahrte er, daß derſelbe ohne Muͤhe daruͤberging 
und wie angegoſſen ſaß. Das Erſtaunen der beiden Schweſtern 
war groß, aber es ward noch groͤßer, als Aſchenbroͤdel das 
andere Pantoͤffelchen aus der Taſche zog und an ihren Fuß 
ſteckte. Daruͤber kam die Patin herbei, welche mit ihrem 
Zauberſtab Aſchenbroͤdels Kleider beruͤhrte, die nun noch weit 
praͤchtiger wurden als alle die fruͤheren. Da erkannten ihre 
beiden Schweſtern in ihr das ſchoͤne Weſen wieder, das ſie 
auf dem Balle geſehen hatten. Sie warfen ſich ihr zu Fuͤßen, 
um ſie fuͤr die ſchlechte Behandlung, die ſie ihr hatten an⸗ 
gedeihen laſſen, um Verzeihung zu bitten. Aſchenbroͤdel hob 
ſie auf und ſagte ihnen, indem ſie ſie umarmte, daß ſie ihnen 
von ganzem Herzen vergebe und daß ſie ſie bitte, ſie immer 
lieb zu behalten. Darauf fuͤhrte man ſie zu dem jungen Prin⸗ 
zen, geſchmuͤckt wie ſie war, und dieſer fand ſie noch weit 
ſchoͤner als je zuvor, und wenige Tage darauf heiratete er ſie. 
Aſchenbroͤdel, welche ebenſo gut war wie ſchoͤn, ließ ihre 
beiden Schweſtern im Palaſte wohnen und gab ſie noch am 
gleiche Tage zwei vornehmen Herrn vom Hofe zur Ehe. 


28. Der kleine Daͤumling 

s war einmal ein Holzhacker und eine Holzhackerin, die 

hatten ſieben Kinder, lauter Buben. Der aͤlteſte war 
| erſt zehn und der jüngfte ſieben Jahre alt. Man koͤnnte 
ſich wundern, daß der Holzhacker in ſo kurzer Zeit ſo viele Kin⸗ 
der hatte, aber ſeine Frau war flink bei dieſem Geſchaͤft und 
bekam immer gleich zwei auf einmal. Sie waren gar arm, 
und ihre ſieben Kinder waren ihnen ſehr laͤſtig, weil noch 
keines von ihnen ſein Brot ſelber verdienen konnte. Was ſie 
obendrein noch bekuͤmmerte, war, daß der juͤngſte uͤberaus 
zart war und kein Wort redete; ſie hielten das fuͤr Dumm⸗ 
heit, was doch nur ein Zeichen fuͤr die Guͤte ſeines Verſtandes 


252 


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war. Er war winzig klein, und als er zur Welt kam, war er 
nicht laͤnger als ein Daumen, weshalb man ihn den kleinen 
Daͤumling nannte. Dies arme Kind war der Pruͤgelknabe 
des ganzen Hauſes, und man gab ihm ſtets Unrecht. Gleich⸗ 
wohl war er der ſchlauſte und geſcheiteſte von allen ſeinen 
Bruͤdern, und wenn er auch wenig redete, ſo hoͤrte er um 
ſo mehr zu. Es kam ein ſehr ſchlimmes Jahr, und die Hungers⸗ 
not war ſo groß, daß die armen Leute beſchloſſen, ſich ihre 
Kinder vom Halſe zu ſchaffen. Eines Abends, als die Kinder 
ſchon ſchlafen gegangen waren und der Holzhacker mit ſeiner 
Frau beim Feuer ſaß, ſprach er aus ſchmerzgepreßtem Her⸗ 
zen zu ihr: „Siehſt du nicht, daß wir unſere Kinder nicht mehr 
ernaͤhren koͤnnen? Ich koͤnnte ſie nicht vor meinen Augen 
verhungern ſehen, und ich bin geſonnen, ſie morgen mit in 
den Wald zu nehmen, um ſie dort umkommen zu laſſen, was 
ſich ſehr leicht machen laͤßt, denn waͤhrend ſie ſich luſtig tum⸗ 
meln und Reiſig zuſammenleſen, brauchen wir nur, ohne daß 
ſie es merken, davonzulaufen.“ „Ach,“ rief die Holzhackerin 
aus, „koͤnnteſt du wirklich deine Kinder vorſaͤtzlich im Stiche 
laſſen?“ Ihr Mann hielt ihr umſonſt ihre große Armut vor, 
fie brachte es nicht über ſich, einzuwilligen; fie war arm, aber 
ſie war Mutter. Indes, nachdem ſie ſich bedacht hatte, wel⸗ 
chen Schmerz es ihr bereiten wuͤrde, dieſelben verhungern 
zu laſſen, willigte ſie ein und legte ſich unter Traͤnen ſchlafen. 
Der kleine Daͤumling hoͤrte alles, was ſie ſprachen, denn, 
nachdem er von ſeinem Bett aus vernommen hatte, daß ſie 
von wichtigen Dingen redeten, war er leiſe aufgeſtanden und 
unter den Schemel ſeines Vaters gekrochen, um ihnen zuzu⸗ 
hoͤren, ohne ſelbſt geſehen zu werden. Dann legte er ſich 
wieder ins Bett, fand aber waͤhrend der ganzen uͤbrigen 
Nacht keinen Schlaf mehr, da er daruͤber nachdachte, was er 
tun ſolle. Er ſtand fruͤh am Morgen auf und ging zum Rand 
eines Baches, wo er ſeine Taſchen mit weißen Kieſelſteinchen 
anfuͤllte, und dann kam er wieder nach Haus. Sie machten 
ſich alle auf den Weg, und der kleine Daͤumling verriet ſeinen 
Bruͤdern nichts von alledem, was er wußte. Sie gingen in 


258 


einen dichten, dichten Wald, wo keiner den andern auf zehn 


Schritte Entfernung ſehen konnte. Der Holzhacker machte 
ſich daran, Holz zu ſchlagen und ſeine Kinder, das Reiſig zu⸗ 
ſammenzuleſen, um Buͤndel daraus zu machen. Wie nun 
Vater und Mutter ſie ſo eifrig bei der Arbeit ſahen, ent⸗ 
fernten fie ſich behutſam von ihnen und eilten dann plotzlich 
auf einem Seitenpfad davon. Als die Kinder ſich allein ſahen, 
fingen fie aus Leibeskraͤften an zu ſchreien und zu weinen. 
Der Heine Daͤumling ließ fie ruhig ſchreien, da er wohl wußte, 
wie ſie wieder heimkommen wuͤrden; denn unter dem Gehen 
hatte er längs des Weges die weißen Kieſelſteinchen fallen 
laſſen, die er in ſeinen Taſchen trug. Er ſagte alſo zu ihnen: 
„Fuͤrchtet euch nicht, liebe Bruͤder, Vater und Mutter haben 
uns hier allein gelaſſen, aber ich werde euch wohlbehalten 
nach Hauſe bringen, folgt mir nur!“ Sie gingen hinter ihm 
drein und er geleitete ſie bis an ihr Haus auf demſelben Wege, 
wie ſie in den Wald gekommen waren. Sie getrauten ſich 
zuerſt nicht einzutreten, ſondern ſtellten ſich alle an die Tuͤr, 
um zu horchen, was Vater und Mutter redeten. In dem 
Augenblick, da der Holzhacker und die Holzhackerin nach 
Hauſe kamen, ſchickte ihnen der Ortsvorſteher zehn Taler, 
die er ihnen von lange her ſchuldete und auf die ſie gar nicht 
mehr gerechnet hatten. Dies gab ihnen wieder neues Leben, 
denn die armen Leute ſtarben faſt vor Hunger. Der Holz⸗ 
hacker ſchickte ſein Weib noch ſelbige Stunde in die Metzgerei. 
Da ſie ſeit langer Zeit nichts mehr gegeſſen hatte, kaufte ſie 
dreimal ſoviel Fleiſch, als es fuͤr zwei Perſonen zum Abend⸗ 
eſſen noͤtig war. Als ſie ſatt waren, ſagte die Holzhackerin: 

„Ach, wo moͤgen jetzt meine armen Kinder ſein? Sie koͤnnten 
ſich das, was uns übrigbleibt, ſchmecken laſſen! Aber, Wil⸗ 
helm, du warſt es ja, der ſie hat umbringen wollen, ich habe 
es im voraus geſagt, daß wir es bereuen wuͤrden. Was wer⸗ 
den ſie jetzt im Walde anfangen? Ach, du mein Gott, die 
Woͤlfe haben ſie vielleicht bereits gefreſſen, es iſt unmenſchlich 
von dir, deine Kinder ſo im Stich gelaſſen zu haben.“ Der 
Holzhacker verlor ſchließlich die Geduld, denn ſie ſagte mehr 


254 


als zwanzigmal, daß fie es bereuen wuͤrden und daß fie es 
im voraus geſagt habe. Er drohte, ſie durchzupruͤgeln, wenn 
ſie nicht ſchweigen wuͤrde. Nicht daß der Holzhacker nicht noch 
weit mehr bekuͤmmert geweſen waͤre als ſein Weib, aber ſie 
machte ihm den Kopf ganz heiß, und er, er war vom Schlage 
ſo vieler Leute, die derlei Weiber beſonders gern haben, die 
alles ſchon im voraus ſagen, dagegen ſolche hoͤchſt unbequem 
finden, die immer alles ſchon im voraus geſagt haben wollen. 
Die Holzhackerin weinte in einem fort. „Ach, wo werden 
jetzt meine Kinder ſein, meine armen Kinder?“ Einmal ſagte 
fie dies fo laut, daß die Kinder, die draußen an der Türe 
waren, es hoͤrten und alleſamt anfingen zu ſchreien: „Da ſind 
wir, da ſind wir!“ Sie lief geſchwind hin und machte ihnen 
die Tuͤr auf und ſagte unter Herzen und Kuͤſſen zu ihnen: 
„Wie froh bin ich, euch wiederzuſehen, ihr lieben Kinder, ihr 
ſeid recht muͤde und habt argen Hunger. Und du, Peterlein, 
wie ſchmutzig du biſt, komm und laß dich abwaſchen.“ Diefes 
Peterlein war ihr Alteſter, und den hatte ſie lieber als alle 
die anderen, weil er ein kleines Rotkoͤpfchen war und ſie ſelbſt 
ein Rotkopf. Sie ſetzten ſich um den Tiſch herum und aßen 
mit ſolcher Luſt, daß Vater und Mutter ihre Freude daran 
hatten; fie erzählten von der Angſt, die fie im Walde aus⸗ 
ſtehen mußten und redeten faſt immer alle auf einmal. 
Unſere guten Leute waren überglüdlich, ihre Kinder daheim 
zu ſehen, und ihr Gluͤck waͤhrte genau ſolange wie die zehn 
Taler; als aber das Geld verbraucht war, verfielen ſie wieder 
in ihren alten Kummer und entſchloſſen ſich, ſie abermals im 
Stiche zu laſſen, und, damit ihr Anſchlag nicht mißlinge, ſie 
noch viel weiter wegzufuͤhren als das erſtemal. Sie konnten 
davon nicht ſo heimlich reden, als daß ſie der kleine Daͤumling 
nicht doch gehört Hätte; der rechnete ſicher darauf, ſich aus 
der Sache herauszuziehen, wie er es ſchon einmal getan, aber 
trotzdem er am fruͤhen Morgen aufgeſtanden war, um Kieſel⸗ 
ſteinchen zuſammenzuleſen, konnte er dies doch nicht aus⸗ 
fuͤhren, denn er fand die Tuͤr des Hauſes doppelt verſchloſſen. 
Er wußte nicht, was er tun ſollte; als aber die Holzhackerin 


25⁵ 


ihnen zu ihrem Fruͤhſtuͤck jedem eine Scheibe Brot gegeben 
hatte, glaubte er, er koͤnne an Stelle der Kieſelſteine ſein Brot 
nehmen und es brockenweiſe laͤngs des Weges, den ſie nehmen 
wuͤrden, ausſtreuen, und ſo ſchob er es in ſeine Taſche. Der 
Vater und die Mutter fuͤhrten ſie an den dichteſten und 
dunkelſten Fleck im Walde, und ſobald ſie dort waren, mach⸗ 
ten ſie ſich auf einem Schleichwege davon und ließen ſie 
zuruck. Der kleine Daͤumling graͤmte ſich Darüber nicht 
ſonderlich, weil er meinte, ſeinen Weg leicht wiederzufinden 
mittels des Brotes, das er uberall ausgeſtreut hatte, wo er 
gegangen war; aber er war ſehr uͤberraſcht, als er nicht ein 
einziges Kruͤmchen mehr davon wiederfinden konnte; die 
Voͤgel waren gekommen und hatten alles aufgepickt. Da 
waren ſie denn recht betruͤbt, denn je weiter ſie liefen, deſto 
weiter verirrten ſie ſich und kamen immer tiefer in den Wald. 
Die Nacht brach herein und es erhob ſich ein heftiger Wind, 
der ihnen ſchreckliche Angſt einjagte. Es war ihnen, als ob 
ſie von allen Seiten nichts als das Heulen der Woͤlfe hoͤrten, 
die auf ſie zukamen, um ſie zu freſſen. Sie getrauten ſich 
kaum, miteinander zu reden, noch auch den Kopf zu wenden. 
Ploͤtzlich kam ein heftiger Regenguß, der ihnen bis auf die 
Haut drang, ſie glitten bei jedem Schritt aus und purzelten 
in den Schmutz, aus dem ſie ſich ganz beſudelt wieder er⸗ 
hoben, und ſie wußten nicht, was ſie mit ihren Haͤnden an⸗ 
fangen ſollten. Der kleine Daͤumling kletterte auf einen 
Baum, um zu ſehen, ob er nichts entdecken koͤnne. Wie er 
nun nach allen Seiten umherſpaͤhte, gewahrte er einen 
ſchwachen Schimmer wie von einem Kerzenlicht, aber das 
war gar weit uͤber dem Walde druͤben. Er kletterte vom 
Baum herab, und als er wieder unten war, ſah er nichts 
mehr; da war er troſtlos. Doch nachdem er eine Weile mit 
ſeinen Bruͤdern in der Richtung weitergegangen war, von 
wo er das Licht geſehen hatte, erblickte er es beim Heraus⸗ 
treten aus dem Walde von neuem. Sie gelangten endlich an 
das Haus, wo das Kerzenlicht war, nicht ohne mancherlei 
Schrecken, denn haͤufig verloren ſie es aus den Augen, was 


256 


jedesmal der Fall war, wenn fie in eine Senkung herab⸗ 
ſtiegen. Sie klopften an die Tuͤre, da kam eine biedere Frau 
und machte ihnen auf. Sie fragte, was ſie begehrten, und 
der kleine Daͤumling gab zur Antwort, ſie waͤren arme Kin⸗ 
der und haͤtten ſich im Walde verirrt, und ſie baͤten, ihnen 
aus Barmherzigkeit ein Nachtlager zu geben. Als nun die 
Frau ſah, wie herzig ſie alle waren, fing ſie zu weinen an 
und ſagte: „Ach, ihr armen Kinder, wo ſeid ihr hingeraten? 
Wißt ihr nicht, daß dies hier das Haus eines Menſchenfreſſers 
iſt, der die kleinen Kinder auffrißt?“ „Ach, liebe Frau,“ ant⸗ 
wortete der kleine Daͤumling, am ganzen Leibe zitternd ge⸗ 
radeſo wie ſeine Bruͤder, „was ſollen wir anfangen? Ganz 
ſicher werden die Woͤlfe des Waldes uns heute nacht ohne 
Erbarmen freſſen, wenn Ihr uns nicht bei Euch aufnehmt. 
Und da iſt es uns doch lieber, wenn der gnaͤdige Herr uns 
auffrißt; und vielleicht, daß er Mitleid mit uns hat, wenn Ihr 
ſo gut ſeid, ihn darum zu bitten.“ Das Weib des Menſchen⸗ 
freſſers dachte, ſie koͤnne ſie bis zum naͤchſten Morgen vor 
ihrem Manne verſteckt halten, ließ ſie eintreten und fuͤhrte 
ſie zum Waͤrmen an ein tuͤchtiges Feuer, denn dort hing ein 
ganzer Hammel am Bratſpieße fuͤr das Abendeſſen des 
Menſchenfreſſers. Als ſie anfingen, ſich zu waͤrmen, hoͤrten 
ſie drei⸗ bis viermal an die Tuͤr poltern, das war der Menſchen⸗ 
freſſer, der heimkam. Unverzuͤglich hieß ſein Weib ſie ſich 
unter das Bett verkriechen und ging hin, um die Türe auf: 
zumachen. Der Menſchenfreſſer fragte gleich, ob das Abend⸗ 
eſſen fertig ſei und ob man Wein abgefuͤllt habe, und ſetzte 
ſich dann ohne weiteres zu Tiſch. Der Hammelbraten war 
noch ganz blutig, aber er duͤnkte ihn darum nur um ſo beſſer. 
Er ſchnuͤffelte nach rechts und links und ſagte immerzu, daß 
er friſches Fleiſch rieche. „Es muß dies“, ſagte ſein Weib zu 
ihm, „das Kalb ſein, das ich vorhin geſchlachtet habe, was du 
riechſt.“ „Ich rieche friſches Fleiſch, ich ſag' es dir noch ein⸗ 
mal!“ verſetzte der Menſchenfreſſer und ſah ſein Weib von 
der Seite an, „und es iſt etwas hier, was mir nicht gefaͤllt!“ 
Bei dieſen Worten ſtand er vom Tiſche auf und ging ſchnur⸗ 


17 Franz. Märchen I 257 


ſtracks zum Bette hin. „Ha!“ ſagte er, „ſchau her, wie du 

mich betruͤgen willſt, du verfluchtes Weib, ich weiß nicht, wie 

es kommt, daß ich dich nicht auch auffreſſe; du kannſt von Gluͤck 

ſagen, daß du ſchon ſo ein altes Luder biſt! Dies Wildbret da 

kommt mir gerade recht, um es meinen Freunden, den 

Menſchenfreſſern, aufzutiſchen, die mich dieſer Tage beſuchen 

werden.“ Er zog die Kinder, eines nach dem andern, unter 

dem Bette hervor. Die armen Kinder fielen auf die Knie und 

flehten um Erbarmen, aber ſie hatten es mit dem grau⸗ 

ſamſten aller Menſchenfreſſer zu tun, der, weit entfernt, Mit⸗ 

leid zu haben, ſie ſchon mit den Augen verſchlang und zu 

ſeinem Weibe ſagte, das ſeien leckere Biſſen, wenn ſie noch 

eine gute Soße daran machen wuͤrde. Er holte ein großes 

Meſſer, und waͤhrend er auf die armen Kinder losging, 
wetzte er es an einem langen Steine, den er in ſeiner linken 

Hand hielt. Er hatte ſchon eines von ihnen gepackt, da ſagte 
ſein Weib zu ihm: „Was willſt du jetzt ſo ſpaͤt noch machen, 
haſt du nicht bis morgen fruͤh noch Zeit genug?“ „Halts 

Maul!“ erwiderte der Menſchenfreſſer, „ſie werden nur deſto 

muͤrber ſein!“ „Aber du haſt ja noch ſoviel Fleiſch da,“ warf 
ſein Weib ein, „das Kalb da, die zwei Haͤmmel und das 

halbe Schwein!“ „Du haft recht,“ ſagte der Menſchenfreſſer, 

„gib ihnen ein tüchtiges Nachteſſen, damit fie nicht abmagern 

und bring fie zu Bett!“ Die gute Frau war überglüdlich 

und brachte ihnen ein reichliches Abendbrot, aber ſie konnten 
nichts herunterbringen, ſo voller Angſt waren ſie. Der Men⸗ 

ſchenfreſſer ſeinerſeits machte ſich wieder ans Trinken, ganz 

gluͤcklich darüber, etwas zu haben, womit er feine Freunde 

ordentlich bewirten koͤnne. Er trank noch um ein Dutzend 

Schluck mehr als gewoͤhnlich, was ihm ein wenig zu Kopfe 

ſtieg und ihn noͤtigte, ſich ſchlafen zu legen. 

Der Menſchenfreſſer hatte ſieben Toͤchter, die noch Kinder 
waren. Dieſe kleinen Menſchenfreſſerinnen hatten ſamt und 
ſonders eine ſchoͤne Geſichtsfarbe, weil ſie wie ihr Vater von 
rohem Fleiſche lebten, aber ſie hatten graue und kugelrunde 
Auglein, eine krumme Naſe und einen maͤchtig großen Mund 


258 


mit langen, ſehr ſpitzen und ſehr weit auseinanderſtehenden 
Zaͤhnen. Sie waren noch nicht ſehr boͤsartig, aber doch viel⸗ 
verſprechend, denn ſie biſſen ſchon die kleinen Kinder, um 
ihnen das Blut auszuſaugen. Man hatte ſie fruͤhzeitig zu 
Bett geſchickt, und nun lagen ſie alle ſieben in einem großen 
Bett, und jede von ihnen hatte eine goldene Krone auf dem 
Kopfe. Im naͤmlichen Zimmer ſtand ein zweites Bett von 
derſelben Groͤße, in dieſes Bett hieß das Weib des Menſchen⸗ 
freſſers die ſieben kleinen Buben ſich ſchlafen legen, worauf 
ſie ſelber ſich zu ihrem Manne legte. 

Der kleine Daͤumling, der wohl bemerkt hatte, daß die 
Toͤchter des Menſchenfreſſers goldene Kronen auf den Koͤpfen 
trugen und fuͤrchtete, daß es den Menſchenfreſſer gereuen 
wuͤrde, ſie nicht noch am ſelbigen Abend umgebracht zu haben, 
ſtand gegen Mitternacht auf, nahm die Kappen ſeiner Bruͤder 
und die ſeinige und ging ganz leiſe hin, um ſie den ſieben 
Toͤchtern des Menſchenfreſſers auf die Koͤpfe zu ſetzen, nach⸗ 
dem er ihnen ihre goldenen Kronen abgenommen hatte; dieſe 
ſetzte er nun feinen Brüdern und ſich ſelber auf, damit der 
Menſchenfreſſer fie für feine Töchter und feine Toͤchter für 
die Buben halte, die er umbringen wollte. Die Sache glüdte 
ſo wie er es ſich gedacht hatte; denn als der Menſchenfreſſer 
um Mitternacht aufwachte, gereute es ihn, auf den naͤchſten 
Morgen verſchoben zu haben, was er am Abend zuvor haͤtte 
ausführen können. Er ſprang alſo raſch aus dem Bett und 
packte fein großes Meſſer. „Ich will nachſchauen“, fagte er, 
„wie es den kleinen Schlingeln geht, ich will keine Zeit ver⸗ 
lieren!“ Er taſtete ſich alſo ins Zimmer ſeiner Toͤchter und 
kam an das Bett der kleinen Buben, die alleſamt ſchliefen mit 
Ausnahme des kleinen Daͤumlings, welcher mit Grauſen die 
Hand des Menſchenfreſſers ſeinen Kopf betaſten fuͤhlte, wie 
er vorher allen ſeinen Bruͤdern ſelbigen betaſtet hatte. Wie 
nun der Menſchenfreſſer die goldenen Kronen ſpuͤrte, ſagte 
er: „Da haͤtte ich beinahe etwas Schoͤnes angerichtet, ich ſehe 
wohl, daß ich geſtern abend zuviel getrunken habe!“ Er ging 
dann zum Bett ſeiner Toͤchter, und als er dort die Kaͤppchen 


17° 


259 


der Buben ſpuͤrte, ſagte er: „Ah, da find fie, unfere luſtigen 
Voͤgell Nun keck ans Werk!“ Mit dieſen Worten ſchnitt er 
ohne Zaudern feinen ſieben Töchtern den Hals ab. Hoͤchſt 
zufrieden mit dieſer Unternehmung ging er wieder ins 
Bett. | 

Sobald der kleine Daͤumling den Menſchenfreſſer ſchnar⸗ 
chen hoͤrte, weckte er ſeine Bruͤder und hieß ſie ſich flink an⸗ 
ziehen und ihm nachgehen. Sie ſchlichen ſich leiſe in den Gar⸗ 
ten hinab und ſprangen uͤber die Mauer. Sie liefen ſchier die 
ganze Nacht hindurch, fortwaͤhrend zitternd und ohne zu 
wiſſen, wohin ſie gingen. 

Als der Menſchenfreſſer aufwachte, ſagte er zu ſeinem 
Weib: „Geh hinauf und richte unſere kleinen Schlingel her, 
die von geſtern abend.“ Die Menſchenfreſſerin war hoͤchſt 
erſtaunt uͤber die Gutmuͤtigkeit ihres Mannes, denn ſie ahnte 
nicht, was er unter Herrichten meinte, und glaubte, er be⸗ 
fehle ihr, ſie anzukleiden. So ſtieg ſie hinauf und war ganz 
entſetzt, als ſie ihre ſieben Toͤchter mit abgeſchnittenen Koͤpfen 
und in ihrem Blute ſchwimmend vorfand. Ihr erſtes war, 
in Ohnmacht zu fallen (denn dies iſt das erſte Auskunfts⸗ 
mittel, das faſt alle Weiber bei ähnlichen Anlaͤſſen gleich zur 
Hand haben). Da der Menſchenfreſſer fuͤrchtete, ſein Weib 
brauche zu dem Geſchaͤft, das er ihr aufgetragen, zuviel Zeit, 
begab er ſich nach oben, um ihr behilflich zu ſein. Er war nicht 
weniger beſtuͤrzt als ſein Weib, da er das grauſige Schau⸗ 
ſpiel erblickte. „Ha! Was habe ich da gemacht!“ rief er aus, 
„Nie ſollen es mir buͤßen, die Ungluͤckſeligen, und zwar ſofort.“ 
Er goß eilends ſeinem Weibe einen Topf Waſſer ins Geſicht, 
und als er ſie wieder zu ſich gebracht hatte, ſagte er: „Ge⸗ 
ſchwind, gib mir die Siebenmeilenſtiefel, damit ich ſie noch 
erwiſche!“ Er ſetzte ſich in Trab und gelangte, nachdem er in 
allen Richtungen weit umhergelaufen war, endlich auf den 
Weg, den unſere armen Kinder einhertrotteten, die nur noch 
zehn Schritte von der Behauſung ihres Vaters entfernt 
waren. Sie ſahen den Menſchenfreſſer, der von Berg zu 
Berg ſprang und über Fluͤſſe ſetzte, jo leicht, als uͤberſchreite 


260 


er den kleinſten Bach. Der Heine Daͤumling, der dicht bei 
der Stelle, wo ſie gerade waren, eine Felſenhoͤhle wahr⸗ 
nahm, hieß ſeine ſechs Bruͤder ſich darin verſtecken und 
ſchluͤpfte dann ſelbſt hinein, indem er immerzu ausſpaͤhte, 
was aus dem Menſchenfreſſer wuͤrde. Dieſer, der ſich von 
dem weiten Wege, den er vergeblich gemacht hatte, ſehr er⸗ 
muͤdet fuͤhlte (denn die Siebenmeilenſtiefel nehmen ihren 
Mann arg mit), wollte Raſt halten und kam durch Zufall auf 
den Felſen zu ſitzen, unter dem die Buͤblein ſich verſteckt 
hatten. Da er vor Muͤdigkeit ſich nicht mehr halten konnte, 
ſchlief er ein, nachdem er eine Zeitlang geraſtet hatte, und 
begann ſo fuͤrchterlich zu ſchnarchen, daß die armen Kinder 
davor nicht weniger Angſt hatten, als wenn er ſein großes 
Meſſer ſchwang, um ihnen den Kopf abzuſchneiden. Der 
kleine Daͤumling hatte keine ſo große Angſt und ſagte zu 
ſeinen Bruͤdern, ſie ſollten ſchleunigſt heimlaufen, waͤhrend 
der Menſchenfreſſer noch feſt ſchlafe, und ſollten ſeinetwegen 
nicht in Sorge ſein. Sie folgten ſeinem Rat und erreichten 
eilends das Haus. Der kleine Daͤumling aber trat zum 
Menſchenfreſſer heran, zog ihm ſachte ſeine Stiefel aus und 
legte ſie ſich unverzuͤglich ſelber an. Die Stiefel waren ſehr 
groß und ſehr weit, aber da fie verhert waren, hatten ſie die 
Gabe, ſich je nach dem Beine deſſen, der ſie anzog, zu ver⸗ 
groͤßern oder zu verkleinern, derart, daß ſie ſo genau zu ſeinen 
Fuͤßen und zu ſeinen Beinen paßten, als ob ſie fuͤr ihn ge⸗ 
macht waͤren. Er ging ſchnurſtracks zur Behauſung des 
Menſchenfreſſers, wo er deſſen Weib traf, wie ſie bei ihren 
ermordeten Toͤchtern weinte. „Euer Mann“, ſagte der kleine 
Daͤumling zu ihr, „iſt in großer Gefahr, denn er iſt einer 
Raͤuberbande in die Hände gefallen, und fie haben ge: 
ſchworen, ihn umzubringen, wenn er ihnen nicht all ſein Gold 
und all ſein Silber herausgaͤbe. Gerade als ſie ihm den Dolch 
auf die Kehle ſetzten, bemerkte er mich und bat mich, Euch 
Botſchaft von der Lage zu bringen, in der er ſei, und Euch 
zu ſagen, daß Ihr mir alles geben ſollt, was er an Barſchaft 
beſitzt, ohne das geringſte zuruͤckzubehalten, weil fie ihn ſonſt 


261 


erbarmungslos umbringen würden. Da die Sache ſehr eilt, 
wollte er, daß ich ſeine Siebenmeilenſtiefel, dir Ihr da ſeht, 
anziehe, damit ich ſchleunigſt herkaͤme und auch, damit Ihr 
nicht etwa glaubt, ich fein ein Betrüger.” Die gute Frau war 
ſehr erſchrocken, denn dieſer Menſchenfreſſer war der beſte 
Ehemann, wenn er auch die kleinen Kinder fraß. Als nun der 
kleine Daͤumling ſolcherweiſe mit allen Schaͤtzen des Men⸗ 
ſchenfreſſers beladen war, kehrte er in ſein Vaterhaus zuruͤck, 
wo er mit tauſend Freuden aufgenommen wurde. Er ver⸗ 
half ſeiner ganzen Familie zum Wohlſtand, kaufte neuge⸗ 
ſchaffene Amter fuͤr ſeinen Vater und fuͤr ſeine Bruͤder, und 
dadurch verſorgte er ſie alle und machte ſelber ein ganz er⸗ 
ſtaunliches Gluͤck. 


29. Die Feen 

8 war einmal eine Witwe, welche zwei Töchter hatte. 

Die Alteſte glich ihr ſo ſehr an Gemuͤtsart und Geſicht, 

daß jedermann glaubte, er ſaͤhe die Mutter vor ſich. 
Beide waren ſo widerwaͤrtig und ſo ſtolz, daß man nicht 
mit ihnen zuſammen leben konnte. Die Juͤngſte dagegen 
war das getreue Abbild ihres Vaters, was Guͤte und Sanft⸗ 
mut betraf, und obendrein war fie die ſchoͤnſte Jungfrau, die 
man haͤtte finden koͤnnen. Da man natuͤrlicherweiſe immer 
ſeinesgleichen liebt, ſo war die Mutter ganz verſeſſen auf 
ihre aͤlteſte Tochter, während fie gleichzeitig eine heftige 
Abneigung gegen die juͤngſte empfand. Sie ließ fie in der 
Kuͤche eſſen und ohne Unterlaß arbeiten. Unter anderm 
mußte das arme Kind zweimal am Tage zu einem Brunnen 
gehen, welcher eine gute halbe Meile vom Hauſe entfernt 
war, und Waſſer ſchoͤpfen, deſſen es einen ganzen Krug voll 
heimtragen mußte. Eines Tages, da ſie bei der Quelle ſtand, 
kam eine arme Frau zu ihr, welche ſie um einen Schluck 
Waſſer bat. „Gern, liebe Mutter!“ ſagte die ſchoͤne Jung⸗ 
frau, ſchoͤpfte ſogleich Waſſer aus der reinſten Stelle des 
Brunnens und reichte es der Alten, indem ſie dabei beſtaͤndig 


262 


den Krug hielt, damit jene bequemer trinken könne. Als die 
gute Frau getrunken hatte, ſprach ſie zu ihr: „Du biſt ſo ſchoͤn, 
ſo gut und brav, daß ich mich nicht enthalten kann, dir eine 
Gabe zu verleihen.“ Sie war naͤmlich eine Fee, welche die 
Geſtalt einer Baͤuerin angenommen hatte, um zu erforſchen, 
wie artig das Maͤdchen eigentlich ſei. „Ich gebe dir zum 
Geſchenk,“ fuhr die Fee fort, „daß bei jedem Worte, das du 
redeſt, aus deinem Munde eine Blume oder ein Edelſtein 
hervorgeht.“ | 

Als das Mädchen heimkam, ſchnaubte es die Mutter an, 
weil es fo ſpaͤt vom Brunnen heimkomme. „Ich bitte Euch 
um Verzeihung, Mutter,“ ſagte das arme Kind, „daß ich 
mich ſo lange verſaͤumt habe!“ Und waͤhrend ſie dieſe Worte 
ſprach, traten ihr zwei Roſen, zwei Perlen und zwei große 
Diamanten aus dem Munde. „Was ſehe ich da?“ rief ihre 
Mutter hoͤchſt erſtaunt, „ich glaube, Perlen und Diamanten 
kommen ihr aus dem Munde, woher ward dir das, liebe 
Tochter?“ (es war das erſte Mal, daß ſie ihr Kind „liebe 
Tochter“ anredete). Das arme Kind erzaͤhlte ihr arglos alles, 
was ihm zugeſtoßen war, nicht ohne dabei eine unzaͤhlbare 
Menge von Diamanten von ſich zu geben. „Wahrhaftig,“ 
ſagte die Mutter, „da muß ich meine Alteſte hinſchicken. 
Du, Franzl, ſieh, was aus dem Munde deiner Schweſter 
hervorgeht, wenn ſie ſpricht. Wuͤrde es dich nicht froh 
machen, die gleiche Gabe zu erhalten? Du brauchſt nur 
Waſſer aus der Quelle zu ſchoͤpfen, und wenn eine arme 
Frau dich um einen Trunk bittet, ſo mußt du ihr huͤbſch artig 
das Waſſer reichen.“ „Das waͤre mir ſchoͤn genug,“ ant⸗ 
wortete jene trotzig, „daß ich an die Quelle ginge!“ „Ich 
will aber, daß du hingehſt,“ ſagte die Mutter, „und zwar 
auf der Stelle.“ Die Boͤſe ging alſo unter beſtaͤndigem Brum⸗ 
men hin und nahm dazu das ſchoͤnſte Silbergefaͤß, das ſich 
im Hauſe fand. Kaum war ſie am Brunnen, ſo ſah ſie eine 
praͤchtg gekleidete Dame aus dem Walde treten, welche ſie 
um einen Trunk bat. Es war die naͤmliche Fee, welche ſich 
diesmal in das Außere und in die Gewaͤnder einer Prinzeſſin 


263 


gehuͤllt hatte, um zu erfahren, wie unartig das Maͤdchen 
eigentlich ſei. „Bin ich hierhergekommen,“ ſagte die Stolze 
trotzig, „um Euch zu trinken zu geben? Sicher habe ich mein 
Silbergefaͤß, ausgerechnet dazu mitgebracht, um der gnaͤdi⸗ 
gen Frau Waſſer zu reichen. Ich bin der Meinung, daß Ihr 
Euch ſelber Waſſer ſchoͤpfen koͤnnt, wenn Euch duͤrſtet.“ 
„Du biſt nicht artig,“ erwiderte die Fee, ohne ſich dabei 
zu erzuͤrnen, „nun gut, da du ſo wenig gefaͤllig biſt, ſo gebe 
ich dir als Geſchenk, daß bei jedem Wort, daß du aus⸗ 
ſprichſt, eine Schlange oder eine Kroͤte aus deinem Munde 
kommt.“ 

Sobald ihre Mutter ſie bemerkte, rief ſie ihr zu: „Nun, 
mein Kind?“ „Nun, liebe Mutter?“ antwortete ihr die Boͤſe 
und warf dabei zwei Vipern und zwei Kroͤten aus. „O Him⸗ 
mel,“ rief die Mutter, „was ſeh' ich da! Aber ihre Schweſter 
iſt Schuld daran, ſie ſoll es vergelten!“ Und ſogleich lief ſie 
hin, um die Juͤngſte zu ſchlagen. Das arme Kind entfloh und 
rettete ſich in den nahen Wald. Der Koͤnigsſohn, der gerade 
vom Jagen heimkam, begegnete ihr, und, als er ſah, wie 
ſchoͤn ſie war, fragte er ſie, was ſie da ſo allein mache und 
warum ſie weine. „Ach, mein Herr, meine Mutter hat mich 
von Hauſe vertrieben!“ Der Koͤnigsſohn bemerkte, daß aus 
ihrem Munde fuͤnf bis ſechs Perlen und ebenſoviele Dia⸗ 
manten hervorgingen, und bat ſie, ihm zu ſagen, woher ihr 
dies kaͤme. Darauf erzaͤhlte ſie ihm ihr ganzes Abenteuer. 
Den Koͤnigsſohn ergriff Liebe zu ihr, und er bedachte, daß 
eine ſolche Gabe mehr wert ſei als alles, was man einer 
andern als Brautſchatz mitgeben koͤnne; er geleitete ſie daher 
in das Schloß ſeines koͤniglichen Vaters, wo er ſich mit ihr 
vermaͤhlte. Was die Schweſter anlangt, ſo machte ſie ſich 
dermaßen verhaßt, daß ihre eigene Mutter ſie aus dem Hauſe 
jagte, und nachdem die Unſelige lange umhergeirrt war, 
ohne daß ſich jemand gefunden haͤtte, der ſie aufnehmen 
wollte, zog fie ſich in einen Waldwinkel zurüd, wo fie elendig⸗ 
lich umkam. | 


264 


r en rr Den. CHERE, 5” MG U 


30. Der blaue Vogel 


s war einmal ein König, welcher ſehr reich war an 

Land und Geld. Als ſeine Frau ſtarb, war er untroͤſt⸗ 

lich. Er ſchloß ſich eine ganze Woche lang in ein kleines 
Kabinett ein, wo er mit dem Kopf gegen die Mauern rannte; 
dermaßen hatte ſein Schmerz ihn von Sinnen gebracht. Man 
fuͤrchtete, er moͤge ſich umbringen und legte Matratzen zwi⸗ 
ſchen das Mauerwerk und die Wandbehaͤnge. Alle ſeine 
Untertanen gingen hin, um ihn nach Kraͤften in ſeiner Trauer 
zu troͤſten. Die einen redeten von ernſthaften und wichtigen 
Dingen, die anderen von anregenden und ſogar von erfreu⸗ 
lichen, aber all das machte nicht den geringſten Eindruck auf 
ihn, er hoͤrte kaum, was man zu ihm ſagte. Endlich erſchien 
eine Dame bei ihm, die ganz von ſchwarzen Croͤpeſtoffen und 
⸗ſchleiern bedeckt war und dermaßen weinte und ſchluchzte, 
daß er davon ganz uͤberraſcht war. Sie ſagte ihm, ſie habe 
ſich nicht wie die andern vorgenommen, ſeinen Schmerz zu 
vermindern, ſie komme vielmehr, um ihn zu vergroͤßern; denn 
es gäbe nichts Natürlicheres als die Trauer um eine gute 
Gattin. Sie ſelbſt haͤtte den beſten aller Gatten verloren und 
wolle ihn beweinen, ſolange ſie Augen im Kopfe habe. Dar⸗ 
auf verdoppelte ſie ihr Wehklagen, und der Koͤnig begann, 
ihrem Beiſpiel folgend, gleichfalls zu heulen. Er empfing die 
Dame beſſer als alle andern Beſucher, er unterhielt ſie mit 
den edlen Eigenſchaften der Verſchiedenen, und ſie uͤberbot 
ihn mit denen ihres Verblichenen. Sie trieb es ſo lange, bis 
ſie nicht mehr wußte, was ſie uͤber ihren Schmerz reden ſolle. 
Als die ſchlaue Witwe bemerkte, daß das Thema faſt erſchoͤpft 
ſei, hob ſie ihren Schleier ein wenig, und der in Schmerz ver⸗ 
ſunkene Koͤnig labte ſeine Augen mit dem Anblick dieſer 
armen Trauernden, die ihre mit langen ſchwarzen Wimpern 
umraͤnderten großen blauen Augen nach allen Seiten drehte 
und wendete. Ihre Geſichtsfarbe war ſchon ein wenig ver⸗ 
bluͤht. Der Koͤnig betrachtete ſie aufmerkſam. Schließlich 
ſprach er immer weniger von ſeiner Frau und zuletzt uͤber⸗ 


265 


haupt nicht mehr. Die Witwe redete davon, fie wolle ewig 
ihren Gatten beweinen, der König bat fie, ihren Schmerz 
nicht zu verewigen, und zuletzt war alle Welt ſehr erſtaunt, als 
er ſie heiratete und als ihr Schwarz ſich in Gruͤn und Roſa 
verwandelte. Häufig genügt es, die Schwäche eines Men⸗ 
ſchen zu kennen, um ganz uͤber ihn verfuͤgen zu koͤnnen. 

Der Koͤnig hatte nur eine Tochter erſter Ehe gehabt, welche 
als das achte Wunder der Welt galt. Sie hieß Blumenſchoͤn r, 
weil ſie friſch, jung und ſchoͤn war. Man ſah an ihr keine 
prächtigen Kleider, vielmehr liebte fie Hauskleider aus Taffet 
und Blumengewinde, die in der Tat einen praͤchtigen Ein⸗ 
druck machten, wenn ſie auf ihren ſchoͤnen Haaren thronten. 
Sie war fuͤnfzehn Jahre alt, als der Koͤnig ſich wieder ver⸗ 
heiratete. Die neue Königin ließ ihre Tochter holen, welche 
bei ihrer Patin, der Fee Suſio, aufgezogen worden war, aber 
ſie war davon nicht ſchoͤner noch anmutiger geworden: Suſios 
Muͤhe war bei ihr vergeblich geweſen, aber trotzdem liebte ſie 
fie zärtlich. Sie hieß Forellchen?, denn ihr Geſicht hatte rote 
Flecken wie eine Forelle. Ihre ſchwarzen Haare waren ſo 
fettig und filzig, daß man ſie nicht beruͤhren konnte, und ihre 
gelbe Haut ſchwitzte eine Art von Ol aus. Dennoch liebte ſie 
die Koͤnigin bis zum Wahnſinn, und ſie redete von nichts als 
von ihrem lieblichen Forellchen, und da Blumenſchoͤn alle 
moͤglichen Vorzuͤge vor ihr beſaß, geriet ſie in helle Ver⸗ 
zweiflung. Sie erdachte alle moͤglichen Mittel, jene beim 
Koͤnig anzuſchwaͤrzen, und kein Tag verging, ohne daß die 
Koͤnigin und Forellchen Blumenſchoͤn irgendeinen Streich 
ſpielten. Die Prinzeſſin war ſanft und geiſtreich und ſuchte 
uͤber dieſe Unannehmlichkeiten hinwegzukommen. 

Eines Tages meinte der Koͤnig, daß Blumenſchoͤn und 
Forellchen groß genug ſeien, um ſich zu verheiraten, und den 
erſten beſten Prinzen, der an den Hof kaͤme, muͤſſe man einer 
von beiden zum Manne geben. „Ich bin der Anſicht,“ ſagte 
die Koͤnigin, „daß meine Tochter die erſte iſt, die in Betracht 
kommt. Sie ift älter als die deinige, und da fie tauſendmal 
1 Florine. 2 Truitonne. 


266 


— — 3 —j) 
— 


liebenswuͤrdiger ift, gibt es gar kein Bedenken.“ Der König 
liebte keinen Streit und ſagte, er uͤberlaſſe alles ihr. 

Einige Zeit darauf erfuhr man, daß der Koͤnig Reizvoll! 
ankommen wuͤrde. Nie gab es einen galanteren und pracht⸗ 
liebenderen Fuͤrſten, und ſein Geiſt wie ſein Koͤrper ent⸗ 
ſprach ſeinem Namen. Als die Koͤnigin dieſe Neuigkeit er⸗ 
fuhr, ſandte ſie nach allen Stickern, Schneidern und ſonſtigen 
Handwerkern, um Forellchen auszuſtaffieren, ſie bat aber 
den Koͤnig, daß Blumenſchoͤn nichts Neues erhalte; ſie be⸗ 
ſtach ferner ihre Hofdame, daß ſie Blumenſchoͤns ſaͤmtliche 
Gewaͤnder, Edelſteine und Kopfbedeckungen am gleichen 
Tage entwendete, an welchem Reizvoll anlangte, ſo daß 
dieſe, als ſie ſich ſchmuͤcken wollte, nicht ein einziges Band 
mehr vorfand. Sie merkte wohl, wer ihr dies angetan habe 
und ſandte zu den Haͤndlern, um Stoffe zu erhalten; aber 
jene erwiderten, daß die Koͤnigin ihnen verboten habe, ſolche 
abzugeben. Sie blieb alſo in einem recht ſchmutzigen Kleid 
und ſchaͤmte ſich derart, daß ſie in einer Ecke des Saales Platz 
nahm, als Reizvoll eintraf. Die Koͤnigin empfing ihn mit 
großem Prunk, ſie ſtellte ihm ihre Tochter vor, die wie die 
Sonne glaͤnzte und doch in all ihrem Schmuck noch haͤßlicher 
war wie gewoͤhnlich. Der Koͤnig wandte ſeine Augen von 
ihr ab, und die Koͤnigin wollte ſich einreden, daß ſie ihm zu 
gut gefalle und er fuͤrchte, ſich feſtzulegen. Sie brachte daher 
Forellchen beſtaͤndig in ſeine Naͤhe. Er fragte, ob nicht noch 
eine andere Prinzeſſin mit Namen Blumenſchoͤn da ſei, 
„Ja,“ ſagte Forellchen und wies mit dem Finger nach ihr. 
„da verſteckt fie ſich, weil fie nicht artig iſt.“ Blumenſchoͤn 
erroͤtete und wurde dadurch ſo ſchoͤn, daß der Koͤnig Reiz⸗ 
voll ganz geblendet wurde. Er erhob ſich raſch und machte 
der Prinzeſſin eine tiefe Verbeugung: „Mein Fräulein, 
ſagte er, „Eure unvergleichliche Schönheit ſchmuͤckt Euch fo, 
daß Ihr keiner fremden Hilfe mehr beduͤrft!“ „Mein Herr,“ 
erwiderte ſie, „ich geſtehe, daß ich es wenig gewoͤhnt bin, 
ein ſo unſauberes Kleid zu tragen wie dieſes, und ihr wuͤrdet 
1 Charmant. 


267 


mich zu Dank verpflichtet haben, wenn Ihr mich nicht be⸗ 
achtet hättet.” „Es waͤre unmöglich,” rief Reizvoll, „daß 
eine ſo wunderſchoͤne Prinzeſſin ſich irgendwo aufhalten 
koͤnnte, ohne daß ſie meine Augen von allem andern ab⸗ 
lenken wuͤrde!“ „Ah!“ ſagte die Koͤnigin erboſt, „ich ver⸗ 
geude meine Zeit damit, Euch zuzuhoͤren, glaubt mir, mein 
Herr, Blumenſchoͤn iſt ſchon hinreichend eitel, man darf ihr 
nicht ſoviel Schmeicheleien ſagen.“ Der Koͤnig Reizvoll 
fand bald heraus, aus welchem Grunde die Koͤnigin ſo redete, 
aber da er nicht geſonnen war, ſich Gewalt anzutun, ſo zeigte 
er ſeine Bewunderung fuͤr Blumenſchoͤn ganz offen und un⸗ 
verhuͤllt und unterhielt ſich drei Stunden hintereinander mit 
ihr. Die Königin war verzweifelt und Forellchen untröftlich, 
nicht mehr den Vorzug vor Blumenſchoͤn zu haben; beide 
beklagten ſich beim Koͤnig und beſtimmten ihn, Blumenſchoͤn 
in einen Turm zu ſperren, wo ſie den Koͤnig Reizvoll nicht 
mehr ſprechen koͤnne. Und wirklich wurde jene, ſobald ſie auf 
ihr Zimmer zuruͤckgekehrt war, von vier maskierten Maͤnnern 
oben auf den Turm gebracht, wo ſie auf dem Gipfel der 
Troſtloſigkeit zuruͤckblieb, denn ſie ſah wohl, daß man ſie nur 
deshalb ſo behandelte, weil man ſie verhindern wollte, dem 
Koͤnige zu gefallen, der ihr ſeinerſeits ſchon ſehr gut gefiel und 
den ſie gern zum Gatten gehabt haͤtte. Da dieſer nichts von 
der Gewalttat erfuhr, wartete er ſtuͤndlich mit Ungeduld 
darauf, die Prinzeſſin wiederzuſehen; er wollte mit den 
Herren ſeines Ehrendienſtes von ihr reden, aber auf Befehl 
der Koͤnigin ſagten dieſe ihm alles moͤgliche Schlechte uͤber 
fie: fie wäre eitel, wankelmuͤtig und launiſch und quaͤle ihre 
Freundinnen und ihre Bedienung; man koͤnnte nicht un⸗ 
ſauberer ſein als ſie, und ihr Geiz ginge ſo weit, daß ſie lieber 
wie ein Hirtenmaͤdchen gekleidet waͤre, als daß ſie ſich neue 
Brokatſtoffe kaufe. Bei jeder Einzelheit litt Reizvoll und 
fuͤhlte Zornesregungen, die er kaum baͤndigen konnte. 
„Nein,“ ſagte er zu ſich, „es iſt undenkbar, daß der Himmel 
eine ſo haͤßliche Seele in dieſes Meiſterwerk der Natur gelegt 
haben koͤnne, ich gebe zu, daß ſie nicht ſauber angezogen war, 


268 


als ich fie ſah, aber ihre Scham bewies, daß fie es nicht ge⸗ 
wohnt war, ſich fo zu ſehen. Wie, fie wäre ſchlecht mit die⸗ 
ſem bezaubernden Ausdruck von Beſcheidenheit und Sanft⸗ 
mut! Das will mir nicht in den Kopf. Eher glaube ich, daß 
die Koͤnigin ſie ſo verleumdet; man iſt nicht umſonſt Stief⸗ 
mutter; die Prinzeſſin Forellchen iſt eine ſo garſtige Kreatur, 
daß es nicht verwunderlich waͤre, wenn ſie das vollkommenſte 
aller Geſchoͤpfe beneiden wuͤrde.“ Waͤhrend er ſolches be⸗ 
dachte, merkten die ihn umgebenden Hoͤflinge wohl an ſei⸗ 
nen Mienen, daß ſie ihm keinen Dienſt erwieſen haͤtten, als 
ſie ſchlecht von Blumenſchoͤn redeten, und einer von ihnen, 
der beſonders gewandt war, wechſelte daher die Tonart; um 
die Geſinnung des Fuͤrſten kennenzulernen, begann er allerlei 
Wunderbares von Blumenſchoͤn zu erzaͤhlen. Bei dieſen 
Worten erwachte Reizvoll wie aus einem Traum, griff haſtig 
in das Geſpraͤch ein und Freude malte ſich auf ſeinen Zuͤgen: 
o Liebe, Liebe, wie ſchwer biſt du zu verbergen! 

Die Koͤnigin war ungeduldig, zu erfahren, wie der Eindruck 
auf den Fuͤrſten geweſen waͤre, ſie ſchickte nach ihren Ver⸗ 
trauten und verbrachte die Nacht damit, ſie auszufragen, und 
alles, was fie berichteten, beſtaͤrkte fie in ihrer Anſicht, daß 
der Fuͤrſt nur Blumenſchoͤn liebe. 

Aber was ſoll ich von der Schwermut dieſer Prinzeſſin er⸗ 
zaͤhlen? Sie lag im Verließ des ſchrecklichen Turmes, in den 
ſie die vermummten Maͤnner gebracht hatten, auf dem 
Boden. „Weniger waͤre ich zu beklagen,“ ſagte ſie, „wenn 
man mich hierher gebracht haͤtte, ehe ich dieſen liebens⸗ 
wuͤrdigen Koͤnig ſah. Die Erinnerung an ihn vermehrt 
meine Qual; ich bin ſicher, daß die Koͤnigin nur deshalb ſo 
grauſam mit mir verfaͤhrt, um mich zu hindern, ihn weiterhin 
zu ſehen. Weh, daß das bißchen Schoͤnheit, das mir der Him⸗ 
mel verlieh, mir meine Seelenruhe koſtet!“ Sie weinte ſo 
bitterlich, daß ihre erbittertſte Feindin ſich ihrer erbarmt 
hätte, hätte fie ihren Schmerz geſehen. 

Die Königin uͤberhaͤufte indes Reizvoll mit koſtbaren Ge⸗ 
ſchenken und machte ihn ſogar zum Ritter des Liebesordens, 


269 


den fie eigens zu dieſem Zweck geftiftet hatte. Reizvoll er⸗ 
kundigte ſich nach Blumenſchoͤn und erfuhr, daß der Vater 
ihr verboten habe, waͤhrend ſeiner Anweſenheit ihr Zimmer 
zu verlaſſen. Er verabredete vermittels einer Hofdame eine 
naͤchtliche Zuſammenkunft mit Blumenſchoͤn, aber die Treu⸗ 
loſe hatte nichts Eiligeres zu tun, als alles der Koͤngin und 
Forellchen wiederzuerzaͤhlen, und letztere kam auf den Ge⸗ 
danken, Blumenſchoͤns Platz am Fenſter ihres Zimmers ein⸗ 
zunehmen. Die Nacht war ſo dunkel, daß der Koͤnig unmoͤg⸗ 
lich den Betrug bemerken konnte. Er naͤherte ſich alſo mit 
Gebaͤrden unausſprechlicher Freude dem Fenſter und ſagte 
Forellchen alles das, was er Blumenſchoͤn haͤtte ſagen wollen, 
um ſie von ſeiner Leidenſchaft zu uͤberzeugen. Forellchen 
nahm die Gelegenheit wahr und ſagte ihm, ſie ſei das un⸗ 
gluͤcklichſte Weſen von der Welt, da ſie eine ſo grauſame 
Stiefmutter habe, und ihre Leiden wuͤrden nicht eher 
aufhoͤren, bis Forellchen verheiratet ſei. Der Koͤnig ver⸗ 
ſicherte ſie, er waͤre gluͤcklich, wenn ſie ihn zum Gatten wolle, 
und er wolle Herz und Krone mit ihr teilen. Darauf zog er 
ſeinen Ring vom Finger und ſteckte ihn an den Forellchens, 
indem er hinzufuͤgte, dies ſei das Pfand ſeiner ewigen Treue, 
ſie ſolle ihm nur die Stunde nennen, zu der ſie heimlich flie⸗ 
hen wollten. Die Koͤnigin erfuhr ſogleich den guͤnſtigen Aus⸗ 
gang dieſer Unterredung und erhoffte alles davon. Wirklich 
wurde der Tag verabredet, an welchem der Koͤnig erſchien, 
um die Prinzeſſin in ſeine von fliegenden Kroͤten gezogene 
Kutſche aufzunehmen, die ihm ein befreundeter Zauberer 
zum Geſchenk gemacht hatte. Die Nacht war ſehr dunkel, 
Forellchen ſchluͤpfte geheimnisvoll durch ein Hinterpfoͤrtchen, 
und der Koͤnig, der ſie erwartete, nahm ſie in ſeine Arme 
und ſchwur ihr hundertmal ewige Treue. 

Auf Wunſch der Prinzeſſin begaben ſie ſich zunaͤchſt zur 
Fee Suſio. Waͤhrend Reizvoll im Vorſaal des glaͤſernen 
Palaſtes wartete, bemerkte er auf einmal durch die durch⸗ 
ſichtige Wand Forellchen, welche mit der Fee redete. „Was?“ 
ſagte er, „bin ich betrogen? Haben die Daͤmonen dieſe Fein⸗ 


270 


din meiner Ruhe hierhergebracht? Will fie meine Hochzeit 
ſtoͤren? Meine teure Blumenſchoͤn kommt nicht! Ihr Vater 
hat ſie vielleicht verfolgt!“ Er dachte an tauſend Dinge, die 
ihn zur Verzweiflung brachten, aber es wurde noch ſchlimmer, 
als jene eintraten und Suſio in entſchiedenem Tone zu ihm 


ſagte: „Koͤnig Reizvoll, hier iſt die Prinzeſſin Forellchen, der 


Ihr Euer Treueverſprechen gegeben habt. Sie iſt mein 
Patenkind, und ich wuͤnſche, daß Ihr ſie ſofort heiratet.“ 
„Ich,“ rief er, „ich ſollte dieſes kleine Ungeheuer heiraten? 
Ihr haltet mich fuͤr ſehr fuͤgſam, da Ihr mir einen ſolchen 
Vorſchlag macht! Nichts habe ich ihr verſprochen, und wenn 
fie das Gegenteil behauptet, fo hat fie...” „Nicht weiter!“ 
unterbrach ihn Suſio, „und ſeid nicht ſo kuͤhn, es mir gegen⸗ 
uͤber an Reſpekt fehlen zu laſſen!“ Forellchen zeigte Reizvoll 
den Ring, und dieſer merkte, daß er getaͤuſcht worden war, 
er wollte fliehen, doch die Fee hielt ihn durch einen Zauber 
feſt. Es war umſonſt, daß ihn die Fee mit Sanftmut, Dro⸗ 
hungen und Verſprechungen beſtuͤrmte, daß Forellchen 
weinte, ſchrie, ſchluchzte, tobte und ſchmeichelte, vergeblich 
redete man zwanzig Tage lang ununterbrochen miteinander, 
ohne zu eſſen, zu trinken, zu ſchlafen und ſich zu ſetzen. End⸗ 
lich verlor die Fee die Geduld und befahl dem Koͤnig zwiſchen 
der Heirat mit Forellchen und fiebenjähriger Verwuͤnſchung 
zu waͤhlen. Es fiel ihm leicht, letzteres vorzuziehen, und von 
der Fee in einen blauen Vogel verwandelt, flog er durch das 
Fenſter davon. 

Forellchen aber kehrte zu ihrer Mutter zuruck, und beide 
gingen zu Blumenſchoͤn, der ſie die angebliche Verheiratung 
der Prinzeſſin mit dem Fuͤrſten erzählten, und fie befräftigten 
ihre Worte durch die Vorweiſung des Ringes. Blumenſchoͤn 
war vor Kummer dem Tode nahe. Als ſie aus ihrer Ohn⸗ 
macht erwachte und ſich uͤberlegte, welch ſchlechte Behand⸗ 
lung man ihr habe angedeihen laſſen und wie nun alle Hoff⸗ 
nung auf eine eheliche Verbindung mit dem Koͤnig fuͤr ſie 
geſchwunden ſei, da wurde ihr Schmerz ſo heftig, daß ſie 
die ganze Nacht weinte. Indeſſen hatte der Koͤnig Reizvoll, 


271 


oder beſſer geſagt der blaue Vogel, unausgeſetzt das Schloß 
umflogen, denn er glaubte, daß ſeine teure Prinzeſſin dort 
irgendwo eingeſchloſſen ſein muͤſſe, und wenn ihre Klagen 
ſchmerzlich waren, ſo waren es die ſeinigen nicht minder: 
er naͤherte ſich den Fenſtern ſo gut er konnte, um in die 
Zimmer zu blicken, aber die Furcht, Forellchen moͤchte ihn 
entdecken und erkennen, hinderte ihn das zu tun, was er 
wollte. „Es geht um mein Leben!“ ſagte er zu ſich ſelber, 
„wenn dieſe boͤſen Frauen erfahren, wo ich bin, ſo wuͤrden 
fie ſich rächen wollen.“ Dieſe Erwägungen zwangen ihn, 
ſich tagsuͤber vom Schloſſe fernzuhalten, und in der Regel 
kam er nur in der Nacht und ſang. Man hatte gegenuͤber dem 
Fenſter von Blumenſchoͤns Verließ eine Zypreſſe von außer⸗ 
ordentlicher Hoͤhe gepflanzt, und der blaue Vogel wiegte ſich 
auf ihren Zweigen. Kaum ſaß er dort, als er eine klagende 
Stimme hoͤrte: „Soll ich noch lange leiden,“ ſagte ſie, „kommt 
nicht der Tod, mich zu erloͤſen? O grauſame Koͤnigin, was 
tat ich dir, daß du mich in ſo furchtbarer Gefangenſchaft 
haͤltſt? Daß du mich, um mich zu ſtrafen, zum Zeugen des 
Gluͤckes machſt, das deine unwuͤrdige Tochter mit dem Koͤnig 
Reizvoll genießt?“ Der blaue Vogel vernahm dieſe Worte, 
und je mehr er hoͤrte, deſto klarer wurde es ihm, daß es die 
liebenswuͤrdige Blumenſchoͤn ſei, die ſo rede. Er ſprach zu 
ihr: „Anbetungswuͤrdige Blumenſchoͤn, Wunder unſerer 
Tage! Warum wollt Ihr Euer Leben ſo bald ſchon enden? 
Es gibt ein Heilmittel für Euer Leiden!“ „Wie? Wer ſpen⸗ 
det mir fo ſuͤßen Troſt?“ „Ein ungluͤcklicher König,” erwiderte 
der Vogel, „der Euch liebt und nie eine andere lieben wird 
als Euch.“ Mit dieſen Worten flog er an das Fenſter. 
Blumenſchoͤn fürchtete ſich zunaͤchſt vor dem ſeltſamen Vogel, 
der fo verſtaͤndig redete, wie wenn er ein Menſch waͤre. 
„Darf ich Euch wiederſehen, Prinzeſſin, darf ich ein ſo voll⸗ 
kommenes Gluͤck genießen, ohne vor Seligkeit zu vergehen?“ 
„Wer ſeid Ihr, reizvoller Vogel?“ ſagte die Prinzeſſin und 
ſtreichelte ihn. „Ihr habt meinen Namen genannt!“ er⸗ 
widerte der Koͤnig. „Was! der groͤßte Koͤnig der Welt! Was! 


272 


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der König Reizvoll waͤre der kleine Vogel, den ich in meiner 
Hand halte?“ ſagte die Prinzeſſin. „Wehe, liebe Blumen⸗ 
ſchoͤn, es iſt nur zu wahr,“ entgegnete er, „und wenn etwas 
mich troͤſten kann, ſo iſt es das, daß ich dieſe Strafe derjenigen 
vorgezogen habe, auf die Gefuͤhle verzichten zu muͤſſen, die 
ich für Euch hege.“ „Fuͤr mich? Oh, ich weiß, daß Ihr Forell⸗ 
chen geheiratet habt, ich habe Euern Ring an ihrem Finger 
erkannt!“ Nun erfuhr ſie vom Prinzen den wahren Sach⸗ 
verhalt. Blumenſchoͤn empfand ein ſo großes Vergnuͤgen 
dabei, ihren Geliebten reden zu hoͤren, daß ſie alle Leiden 
ihrer Gefangenſchaft vergaß. Wie troͤſtete ſie ihn uͤber ſein 
Mißgeſchick! Wie uͤberzeugte ſie ihn, daß ſie nicht weniger 
fuͤr ihn tun wolle, als er fuͤr ſie getan habe. Der Tag brach 
an, und die Mehrzahl der Hoͤflinge hatte ſich ſchon erhoben, 
als die Prinzeſſin und der blaue Vogel noch immer mit⸗ 
einander redeten. Sie trennten ſich unter tauſend Qualen, 
nachdem ſie einander . hatten, ſich jede Nacht 
ſo zu unterhalten. 

Zwei Jahre vergingen (5; jede Nacht erſchien der blaue 
Vogel vor dem Fenſter von Blumenſchoͤns Kerker, und mit⸗ 
unter brachte er ihr koſtbare Geſchenke in ſeinem Schnabel 
mit. Indeſſen bemuͤhte ſich die feindſelige Koͤnigin, die 
Blumenſchoͤn ſo grauſam in ihrem Gefaͤngnis zuruͤckhielt, 
vergeblich, Forellchen zu verheiraten. Sie ſchickte Geſandte 
an alle Fuͤrſten, deren Namen ſie wußte, um ſie ihnen an⸗ 
zubieten, aber wenn dieſe angekommen waren, wies man 
ſie ſchroff ab. „Wenn es ſich um die Prinzeſſin Blumen⸗ 
ſchoͤn handeln wuͤrde, waͤret Ihr mit Freuden aufgenommen 
worden, fagte man zu ihnen, „aber Forellchen mag Veſtalin 
bleiben, ohne daß jemand dagegen Einſpruch erhebt.“ Auf 
dieſe Nachricht hin gerieten Mutter und Tochter in neuen 
Zorn gegen die unſchuldige Prinzeſſin, die ſie nun um ſo 
ärger quaͤlten. „Wie! Trotz ihrer Gefangenſchaft ſteht uns 
dieſe Unverſchaͤmte im Wege!“ ſagten ſie, „wie koͤnnen wir 
ihr die boͤſen Streiche verzeihen, die ſie uns ſpielt. Sie muß 
geheime Verbindungen mit dem Ausland unterhalten, jeden⸗ 


18 Franz. Märchen I 273 


falls iſt fie eine Staatsverbrecherin, wir wollen fie zu uͤber⸗ 
fuͤhren ſuchen!“ Sie beendeten ihren Kriegsrat ſo ſpaͤt, daß 
es ſchon um Mitternacht war, als ſie beſchloſſen, auf den 
Turm zu ſteigen, um ſie auszufragen. Sie ſtand mit dem 
blauen Vogel am Fenſter, geſchmuͤckt mit den Edelſteinen, 
die er ihr gebracht hatte, und mit einem Geſichtsausdruck, 
der bei bekuͤmmerten Leuten nicht angebracht iſt. Ihr Zim⸗ 
mer und ihr Bett waren mit Blumen uͤberſtreut, und einige 
ſpaniſche Paſtillen, die ſie verbrannt hatte, verbreiteten einen 
angenehmen Duft. Blumenſchoͤn und der blaue Vogel 
ſangen gerade zweiſtimmig. „Ah, mein Forellchen, wir ſind 
betrogen!“ rief die Koͤnigin, oͤffnete haſtig die Tuͤr und draͤngte 
ſich ins Zimmer. Blumenſchoͤn ſchlug hurtig das Fenſter zu, 
um dem blauen Vogel Zeit zu laſſen, ſich zu entfernen. Die 
beiden Weiber ſtuͤrzten ſich wie die Furien auf ſie los. Lange 
disputierten ſie uͤber die Schmuckſachen und die Wohlgeruͤche, 
die Blumenſchoͤn irgendwo gefunden haben wollte. Die 
Koͤnigin beſchuldigte ſie der Verſchwoͤrung und heimlicher 
Unterhandlungen zum Schaden des Staates, und ſchließlich 
legte man ihr eine Spionin ins Zimmer, die alle Handlungen 
der Prinzeſſin uͤberwachen ſollte. Aber tagsuͤber fand dieſe 
nicht den geringſten Grund zum Verdacht, und abends legte 
fie ſich frühzeitig ſchlafen, da fie ſich langweilte. Nun öffnete 
Blumenſchoͤn das Fenſter und rief ihren blauen Vogel herbei. 
Aber die Schlaͤferin hatte ein Geraͤuſch gehoͤrt, ſie horchte 
im ſtillen, dann ſuchte ſie mit den Augen die Finſternis zu 
durchdringen und bemerkte ſchließlich im Mondſchein den 
ſchoͤnſten Vogel von der Welt, der mit der Prinzeſſin redete, 

ſie liebkoſte und ſchnaͤbelte; endlich verſtand ſie auch einige 
Worte ihrer Unterhaltung und verwunderte ſich ſehr, denn 
der blaue Vogel ſprach wie ein Liebhaber, und die Prinzeſſin 
antwortete ihm zaͤrtlich. Am anderen Morgen erſchien die 
Kerkermeiſterin bei der Koͤnigin und berichtete ihr alles, was 
ſie geſehen und gehoͤrt hatte. Die Koͤnigin ſchickte ſogleich 
nach Forellchen und nach ihren Vertrauten; ſie beratſchlag⸗ 
ten ſich lange Zeit und kamen ſchließlich auf den Gedanken, 


274 


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daß der blaue Vogel der Koͤnig Reizvoll ſein muͤſſe. „Welch 
ein Schimpf, mein Forellchen!“ rief die Koͤnigin, „dieſe un⸗ 
verſchaͤmte Prinzeſſin, die ich ſo in Kummer waͤhnte, genoß 
in Ruhe die angenehme Unterhaltung unſeres Undankbaren! 
Oh! Ich werde mich blutig raͤchen, man ſoll davon lange 
reden!“ Die Königin ſchickte die Spionin in den Turm zuruͤck 
und befahl ihr, keinen Argwohn und keine Neugier zur Schau 
zu tragen, vielmehr ſich tiefer als gewoͤhnlich ſchlafend zu 
ſtellen. Dieſe legte ſich alſo fruͤhzeitig nieder und ſchnarchte 
aus Leibeskraͤften, indes die arme, getaͤuſchte Prinzeſſin das 
kleine Fenſter öffnete und ihren Vogel rief. 

Aber ſie lockte ihn die ganze Nacht vergebens, er erſchien 
nicht, denn die boͤſe Koͤnigin hatte Meſſer, Dolche, Klingen 
und Schwerter an die Zypreſſe binden laſſen, und als er 
mit raſchen Fluͤgelſchlagen kam, um ſich darauf niederzu⸗ 
laſſen, zerſchnitten ihm die Mordwaffen die Fuͤße, er fiel 
auf andere, die ihm die Fluͤgel zerfleiſchten, und endlich 
rettete er ſich unter tauſend Qualen zu dem hohlen Baume, 
wo er die Tage zu verbringen pflegte, eine lange Blutſpur 
zurüͤcklaſſend. Er kümmerte fi nicht um fein Leben, denn 
er war überzeugt, daß Blumenſchoͤn ihm dieſen boͤſen Streich 
geſpielt habe. Dieſer unſelige Gedanke druͤckte ihn dermaßen 


nieder, daß er zu ſterben beſchloß. Aber ſein Freund, der 


Zauberer, war derart um ihn beſorgt, daß er achtmal die 
ganze Erde umlief, um ihn zu ſuchen. Endlich fand er ihn 
in jenem hohlen Baum. Ein anderer als er waͤre mehr be⸗ 
ſtuͤrzt geweſen, aber ihm war kein Kunſtgriff der Zauberei 
fremd, es koſtete ihn nur wenige Worte, um das Blut zum 
Stehen zu bringen, und mit gewiſſen Waldkraͤutern, uͤber 
die er einige Worte aus dem ſiebenten Buche Moſis mur⸗ 
melte, heilte er den Koͤnig ſo vollkommen, als ſei er nie ver⸗ 
wundet geweſen. 

Blumenſchoͤn klagte indes um ihren Vogel, waͤhrend die 
beiden Weiber triumphierten. Aber bald änderte ſich die 
Sachlage vollkommen. Der alte König ſtarb, und die Königin 
maßte fich ſogleich die Herrſchaft an. Das Volk jedoch wollte 


. 275 


ihre Regierung nicht dulden, es ſchuͤttelte ihre Herrſchaft ab, 
und die Großen des Reiches holten Blumenſchoͤn aus ihrem 
Turme und ſetzten ihr die Krone auf. 

Unterdeſſen hatte der Zauberer die Fee Suſio aufgeſucht, 
um bei ihr fuͤr den blauen Vogel ein gutes Wort einzulegen. 
Dieſe verſprach aber nur unter der Bedingung den Fluch 
ruͤckgaͤngig machen zu wollen, daß der König Forellchen 
heirate. Der blaue Vogel, der Blumenſchoͤn nun ebenſo 
haßte, wie er ſie zuvor geliebt hatte und ſich uͤberdies in 
einem Zuſtand voͤlliger Apathie befand, erklaͤrte ſich einver⸗ 
ſtanden, doch erſuchte er, die Hochzeit noch um ein Jahr 
hinausſchieben zu duͤrfen. Dies wurde ihm gewaͤhrt, und 
die Fee gab ihm feine menſchliche Geſtalt zuruͤck. 

Blumenſchoͤn aber huͤllte ſich in baͤuerliche Kleider, ver: 
barg ihr Geſicht unter ihren dichten Haarflechten, ſetzte einen 
breiten Strohhut auf, nahm einen Sack auf die Schulter und 
machte ſich auf die Reiſe, bald zu Fuß, bald zu Roß, bald zur 
See, bald zu Lande und alles ſo ſchnell wie moͤglich. Sie 
wanderte und wanderte und uͤberſchritt ſchließlich mit Hilfe 
einer guͤtigen Fee ein Gebirge, das war ganz aus Elfenbein; 
jenſeits desſeiben lag die Hauptſtadt des Koͤnigreiches von 
ihrem Geliebten. Sogleich erkundigte ſie ſich nach ihm, und 
man erwiderte ihr: „Morgen wird er mit der Prinzeſſin 
Forellchen zum Gottes hauſe gehen, denn er hat endlich ein⸗ 
gewilligt, ſie zu heiraten.“ Am anderen Morgen draͤngte 
ſich Blumenſchoͤn mitten durch die zuſchauende Menge Volks 
und ſtellte ſich neben den Thron, ſo daß der Koͤnig ſie gleich 
bemerken mußte, und wirklich redete er ſie an und fragte ſie, 
was ſie wolle: „Ich heiße Klein⸗Schmutzfink,“ ſagte ſie, „und 
komme, Euch einige Raritäten zu verkaufen.“ Bei dieſen 
Worten kramte ſie in ihrem Sack und zog die ſmaragdenen 
Armbaͤnder hervor, die der blaue Vogel ihr ehedem gegeben 
hatte. Als der Koͤnig dieſen Schmuck erblickte, erinnerte er 
ſich deſſen, den er Blumenſchoͤn gegeben hatte; er erbleichte 
und ſeufzte und ſchwieg lange. Endlich fuͤrchtete er, man 
moͤge ſeine truͤben Gedanken bemerken und ſagte mit An⸗ 


276 


ſtrengung zu Forellchen: „Diele Armbänder find, glaube ich, 
ebenſoviel wert wie mein Königreich; ich dachte, es gäbe nur 
ein Paar davon auf der Welt, aber dieſe hier ſind ganz die⸗ 
ſelben.“ Forellchen ſtieg von ihrem Thron herab, wo ſie ge⸗ 
ſeſſen hatte wie eine Auſter in ihrer Schale, und fragte die 
Königin, wieviel fie fuͤr dieſe Armbänder wolle. „Ihr hättet 
zu große Ausgaben, wenn Ihr fie bezahlen wolltet, gnädige 
Frau, fagte dieſe, „beſſer iſt es, ich ſchlage Euch einen ans 
dern Handel vor. Wenn Ihr mir erlauben wollt, eine Nacht 
im Kabinett der Echos zu ſchlafen, das neben dem Schlaf⸗ 
zimmer des Koͤnigs liegt, ſo will ich Euch die Smaragden 
geben.“ „Gern, Klein⸗Schmutzfink,“ ſagte Forellchen und 
lachte wie beſeſſen, wobei ſie ihre langen Eberhauer zeigte. 
Auf Befehl Forellchens fuͤhrte man die Koͤnigin in das 
Kabinett, und ſie ſtimmte ihre Klagen an: „Das Ungluͤck, 
das ich fuͤrchtete, iſt eingetroffen, grauſamer blauer Vogel!“ 
ſagte ſie, „du haſt mich vergeſſen, du liebſt meine unwuͤrdige 
Nebenbuhlerin! Die Armbaͤnder, die ich von deiner freigebigen 
Hand empfing, haben dich nicht an mich mahnen koͤnnen, 
ſo ſehr iſt mein Bild in deinem Gedaͤchtnis verblaßt.“ Der 
Kammerdiener hatte die ganze Nacht ein Wimmern und 
Stoͤhnen gehoͤrt, aber der Koͤnig hatte durch ein ſeltſames 
Mißgeſchick nichts vernommen. Das kam daher, daß er ſeit 
ſeiner Trennung von Blumenſchoͤn nicht mehr ſchlafen konnte, 
und wenn er zu Bett ging, gab man ihm Opium, um ihm 
einige Stunden Ruhe zu verſchaffen. Blumenſchoͤn mußte 
alſo das Gemach wieder verlaſſen, ohne ihr Ziel erreicht zu 
haben und wiederholte die Liſt mit einem andern Schmuckſtuͤck, 
welches Forellchen um denſelben Preis kaufte. Auch diesmal 
hatte der Koͤnig einen Schlaftrunk genommen und Blumen⸗ 
ſchoͤn veraͤußerte nun ihr drittes und letztes Kleinod gegen eine 
Nacht im Echogemach, nachdem ſie zuvor den Kammerdiener 
gebeten hatte, dem Koͤnig kein Opium zu geben. Sie ließ ſich 
alſo mit Einbruch der Nacht wieder in das Gemach fuͤhren 
und hoffte, daß der Kammerdiener Wort halten wuͤrde. 
Als ſie glaubte, daß alles ſchlief, begann ſie ihre gewohnten 


277 


Klagen. Der König ſchlief aber nicht und hörte fo genau die 
Stimme ſeiner Blumenſchoͤn, daß er jedes Wort verſtand, 
doch begriff er nicht, woher die Worte kuͤmen. Aber fein Herz 
ward von zarten Gefuͤhlen durchdrungen, und er gedachte 
ſo innig ſeiner unvergleichlichen Prinzeſſin, daß die Trennung 
von ihr ihn ebenſo ſchmerzlich duͤnkte, wie in dem Augenblick, 
da die Meſſer auf der Zypreſſe ihn zerfleiſchten. Er begann 
ebenſo wie die Koͤnigin zu klagen: „O Prinzeſſin,“ ſagte er, 
„Ihr waret zu grauſam gegen einen Liebhaber, der Euch 
anbetete. Waͤre es moͤglich, daß Ihr mich unſern gemein⸗ 
ſamen Feinden haͤttet opfern wollen?“ Blumenſchoͤn hoͤrte, 
was er ſprach und antwortete ihm unverzuͤglich, wenn er 
mit dem kleinen Schmutzfink reden wolle, fo würde er über 
alle Geheimniſſe aufgeklaͤrt werden. Bei dieſen Worten rief 
der Koͤnig ungeduldig einen Kammerdiener und fragte ihn, 
ob er ihm nicht ſogleich Klein⸗Schmutzfink herbeizubringen 
vermoͤge. Der Diener entgegnete, daß nichts leichter ſei, 
weil ſie im Gemache nebenan ſchlafe. Der Koͤnig wußte 
nicht, was er davon halten ſolle. Wie konnte eine ſo große 
Koͤnigin wie Blumenſchoͤn ſich als Schmutzfink verkleiden? 
Wie konnte andererſeits der Schmutzfink die Stimme der 
Koͤnigin annehmen und ihre Geheimniſſe ausplaudern, wenn 
er nicht mit ihr perſonengleich war? In dieſer Ungewißheit 
erhob er ſich und bekleidete ſich haſtig und trat durch eine 
Tapetentuͤr in das Kabinett der Echos. Dort fand er Blumen⸗ 
ſchoͤn in einem leichten weißen Taffetkleid, das ſie uͤber ihre 
baͤuerlichen Gewaͤnder geworfen hatte; ihre ſchoͤnen Haare 
fielen ihr über die Schultern, fie lag auf einem Ruhebett hin⸗ 
geſtreckt, und eine etwas entfernte Lampe verbreitete nur 
ein unbeſtimmtes Licht. Der König trat plotzlich ein, und 
ſeine Liebe ſiegte uͤber ſeinen Groll; als er ſie erkannte, warf 
er ſich ihr zu Fuͤßen, befeuchtete ihre Haͤnde mit Traͤnen und 
glaubte, vor Freude und Schmerz ſterben zu muͤſſen. Die 
Koͤnigin war nicht weniger erregt, ihr Herz preßte ſich zu⸗ 
ſammen, ſie konnte nur mit Muͤhe atmen und ſah den Koͤnig 
ſtarr an, ohne ein Wort zu ſagen; und als ſie ſo viel Kraft 


278 


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gewonnen hatte, um mit ihm zu reden, fo hatte fie doch nicht 
genug, um ihn zu tadeln. Das Gluͤck des Wiederſehens ließ 
ſie einige Zeit den Gegenſtand ihrer Klagen vergeſſen. 
Schließlich klaͤrten fie einander auf und rechtfertigten ſich; 
und alles, was ſie noch beunruhigte, war die Fee Suſio. 
Aber in dieſem Augenblick erſchien der dem Koͤnig befreundete 
Zauberer in Begleitung einer beruͤhmten Fee, und nach den 
erſten Komplimenten erklaͤrten der Zauberer und die Fee, 
daß ſie ihre Macht zugunſten des Koͤnigs und der Koͤnigin 
vereinigt haͤtten, daß Suſio nichts gegen ſie ausrichten koͤnne 
und daß ihrer Hochzeit kein Hindernis mehr im Wege ſtuͤnde. 
Man kann ſich die Freude der Liebenden ausmalen. Bei 
Tagesanbruch verbreitete ſich die Neuigkeit im Schloß, und 
jeder war entzuͤckt, Blumenſchoͤn zu ſehen. Auch bis zu 
Forellchen drangen die Geruͤchte. Sie lief zum Koͤnig, aber 
wie groß war ihre Überraſchung, als ſie ihre ſchoͤne Neben⸗ 
buhlerin bei ihm fand. Gerade wollte ſie den Mund oͤffnen, 
um ſie zu ſchmaͤhen, da erſchienen der Zauberer und die Fee 
und verwandelten ſie in ein Ferkelchen, damit ihr wenigſtens 
der Anfangsbuchſtabe ! ihres Namens und ihr raunzender 
Charakter verbliebe. Fortgeſetzt grunzend entfloh ſie auf 
den Hof, wo das laute Gelaͤchter, das ſie empfing, ihre Ver⸗ 
zweiflung auf den Gipfel trieb. Der Koͤnig Reizvoll und die 
Koͤnigin Blumenſchoͤn, von einem ſo verhaßten Weſen be⸗ 
freit, dachten nur noch an ihre Hochzeit; Galanterie und 
Prunkliebe vereinigten ſich hier, und man kann ſich leicht 
ausdenken, wie groß ihr Gluͤck nach ſo langem Ungluͤck war. 


31. Der Orangenbaum und die Biene 

ine Prinzeſſin namens Amata, die Tochter des 
Koͤnigs von den gluͤcklichen Inſeln, wurde, ein Kind 
noch, einſt bei einer Seefahrt vom Sturm ins offene 
Meer getrieben und landete im Reiche der Menſchenfreſſer. 
Dieſe waren von furchterregendem Äußeren: fie hatten nur 


1 truie = Truitonne, 


279 


ein ſchielendes Auge, das mitten auf der Stirne ſaß, ein Maul 
ſo groß wie einen Backofen, eine breite und flache Naſe, lange 
Eſelsohren, ſtruppiges Haar und vorn und hinten einen 
Buckel. Quaͤlerine 1, die Gattin des Menſchenfreſſers Wuͤte⸗ 
rich?, nahm die Prinzeſſin in ihr Haus auf und beſchloß, 
da ſie ſo ſchoͤn war, ſie ausnahmsweiſe nicht aufzufreſſen, 
ſondern als zukuͤnftige Gemahlin fuͤr ihren Sohn aufzuziehen. 
Der Gedanke an dieſe drohende Heirat bekuͤmmerte die 
Prinzeſſin hoͤchlichſt, und als fie eines Tages fo in truͤbe Ge: 
danken verſunken am Strande wandelte, bemerkte ſie ploͤtz⸗ 
lich einen Juͤngling, den die Wellen auf das Ufer geworfen 
hatten. Sie nahm ſich des jungen Fremden an und erquickte 
ihn mit Fruͤchten, die ſie im Walde gepfluͤckt hatte; da er ihr 
aber folgen wollte, hielt ſie ihn mit allen Gebaͤrden der Angſt 
zuruͤck, denn fie fuͤrchtete, er möchte dem Wuͤterich zum Opfer 
fallen. Der Schiffbruͤchige — es war der Prinz Amatus, ihr 
Vetter, der gerade in das Land ihres Vaters hatte fahren 
wollen, deſſen Thron er dereinſt erben ſollte — wurde in 
einem ſichern Schlupfwinkel untergebracht, und die Prin⸗ 
zeſſin kam alle Tage, um ihm Nahrung zu bringen. Eines 
Tages — drei Tage trennten die Jungfrau nur mehr von 
dem Termin, da ſie den jungen Menſchenfreſſer heiraten 
ſollte — trat ſie ſich einen Dorn in den Fuß und konnte die 
Hoͤhle, in der ſie mit den Menſchenfreſſern hauſte, nicht ver⸗ 
laſſen; der Prinz, den ihr Fernbleiben aͤngſtigte, machte ſich 
auf, ſie zu ſuchen und gelangte an den Ort, den zu betreten 
die Jungfrau ihn mit allen Mitteln hatte hindern wollen. 
Der Wuͤterich wollte ſich ſogleich auf ihn ſtuͤrzen, um ihn 
zu verſchlingen, aber die Prinzeſſin bat, den jungen Mann 
als Feſtbraten zu ihrem Hochzeitstage aufzuſparen. Dies 
leuchtete dem Menſchenfreſſer ein, und der Prinz erhielt 
eine Gnadenfriſt von drei Tagen, die er in der Hoͤhle ver⸗ 
bringen mußte. Amata ſann lange daruͤber nach, wie ſie 
den Prinzen, den ſie vom erſten Augenblicke an geliebt hatte, 
retten koͤnne, und dabei fiel ihr das elfenbeinerne Staͤbchen 
1 Tourmentine. * Ravagio. | | 


280 


ein, deſſen fich die zauberkundige Quälerine bei ihren Hexe⸗ 
reien bediente. Sie entwendete alſo das Staͤbchen und ver⸗ 
abredete mit dem Prinzen die Flucht, welche in der Nacht 
vor ihrem Hochzeitstage ſtattfinden ſollte. 

Dieſe langerſehnte Nacht kam endlich herbei. Die Prin⸗ 
zeſſin nahm Mehl und knetete mit ihren weißen Haͤnden 
einen Teig, in welchen ſie eine Bohne ſteckte; dann ſagte ſie 
mit ihrem Elfenbeinſtab in der Hand: „O Bohne, kleine 
Bohne, ich wuͤnſche im Namen der koͤniglichen Fee Truſio, 
daß du redeſt, wenn du gefragt wirſt, ſo lange, bis du gar 
gekocht biſt.“ Darauf legte fie den Kuchenteig unter die Aſche 
und trat zum Prinzen, der ſie mit Ungeduld erwartete. 
„Auf!“ ſagte ſie zu ihm, „das Kamel iſt im Walde angebun⸗ 
den.“ „Die Liebe und das Gluͤck moͤgen uns fuͤhren,“ er⸗ 
widerte ganz leiſe der junge Prinz, „komm, meine Geliebte, 
gehen wir, ein gluͤcklicheres und ruhigeres Land zu ſuchen!“ 
Der Mond leuchtete zu ihrer Fahrt, ſie fanden das Kamel 
und machten ſich auf den Weg, ohne zu wiſſen, wohin ſie 
gingen. Quaͤlerine hatte den Kopf voll Sorgen, ſie drehte 
und wendete ſich im Bett herum und konnte nicht ſchlafen. 
Sie ſtreckte die Arme aus, um zu fuͤhlen, ob die Prinzeſſin 
ſchon auf ihrem Lager ſei, da ſie dieſelbe nicht ſpuͤrte, rief ſie 
mit Donnerſtimme: „Wo biſt du, Maͤdchen?“ „Hier, beim 
Herd,“ antwortete die Bohne. „Kommſt du bald ſchlafen?“ 
„Gleich,“ verſetzte die Bohne, „ſchlaft nur, ſchlaft derweil!“ 
Quaͤlerine fuͤrchtete, ihren Wuͤterich aufzuwecken und machte 
keine weiteren Einwendungen. Aber zwei Stunden ſpaͤter 
taſtete ſie wieder nach dem Bette Amatens und rief: „Nun, 
kleiner Galgenſtrick, willſt du nicht ſchlafen gehen?“ „Ich 
waͤrme mich, ſolange ich kann!“ entgegnete die Bohne. 
„Ich wollte, du ſaͤßeſt mitten im Feuer fuͤr deine Unart!“ 
murmelte die Menſchenfreſſerin. „Da ſitze ich auch,“ ſagte 
die Bohne, „man kann ſich nicht beſſer waͤrmen.“ So unter⸗ 
hielten ſie ſich noch eine laͤngere Weile, und die Bohne ant⸗ 
wortete verſtaͤndig, denn fie war eine geſcheite Bohne. 
Schließlich tagte es, und Quaͤlerine rief wieder nach der Prin⸗ 


281 


zeſſin, aber die Bohne war gar gekocht und antwortete nicht 
mehr. Dieſe Stille beunruhigte ſie, ſie erhob ſich haſtig, 
ſah ſich um, rief, erſchrak und ſuchte uͤberall herum. Kein 
Prinz, keine Prinzeſſin und kein Zauberſtab waren zu ſehen! 
Da ſchrie ſie ſo laut, daß Waͤlder und Taͤler widerhallten: 
„Wach auf, du Fettwanſt, wach auf! Teurer Wuͤterich, deine 
Quaͤlerine iſt betrogen, unſer Menſchenfleiſch iſt Davon: 
gelaufen!“ Wuͤterich oͤffnete ſein Auge und ſprang wie ein 
Loͤwe mitten in die Hoͤhle; er ſchrie, bruͤllte, heulte und 
ſchaͤumte vor Wut. „Marſch!“ rief er, „meine Siebenmeilen⸗ 
ſtiefel, meine Siebenmeilenſtiefel, daß ich unſere Durch⸗ 
gaͤnger verfolge, ſie ſollen eine gute Mahlzeit abgeben, binnen 
kurzem werde ich meine Gurgel mit ihnen ſtopfen!“ Er legte 
ſeine Stiefel an, in welchen ihn jeder Schritt um ſieben Mei⸗ 
len weiterbrachte. 

Die beiden Fluͤchtlinge ſetzten indes ihren Weg fort, be⸗ 
zaubert von dem Gluͤck, allein beiſammen zu ſein, und in der 
Hoffnung, nicht verfolgt zu werden, bis die Prinzeſſin, die 
zuerſt den ſchrecklichen Wuͤterich entdeckte, aufſchrie: „Prinz! 
Wir ſind verloren! Sieh dieſes entſetzliche Ungeheuer, das 
auf uns zukommt wie eine Wetterwolke!“ „Was ſollen wir 
tun?“ ſagte der Prinz, „was ſoll aus uns werden? Oh, wenn 
ich allein waͤre, wuͤrde ich mich nicht um mein Leben kuͤmmern, 
aber auch das deine, meine teure Freundin, iſt in Gefahr!“ 
„Ich weiß keinen Rat; wenn das Staͤbchen uns nicht hilft,“ 
ſagte Amata, „ſo muͤſſen wir ſterben.“ Dann ſetzte fie hinzu: 
„Ich wuͤnſche im Namen der koͤniglichen Fee Truſio, daß 
unſer Kamel ein Teich werde, der Prinz ein Nachen und ich 
eine alte Schifferin, die ihn ſteuert!“ Alſogleich war der Teich, 
der Nachen und die Schifferin da, und der Wuͤterich kam an 
das Ufer: „Hola, ho, alte Vettel,“ rief er „habt Ihr nicht 
ein Kamel mit einem jungen Mann und einem jungen Maͤd⸗ 
chen vorbeikommen ſehen?“ Die Schifferin, die ſich in der 
Mitte des Sees hielt, ſetzte ihre Brille auf die Naſe, betrach⸗ 
tete den Wuͤterich und gab ihm ein Zeichen, daß ſie jene 
wohl geſehen habe und daß ſie uͤber die Wieſe dort weiter⸗ 


282 


gegangen ſeien. Der Menſchenfreſſer glaubte ihr und wandte 
ſich nach links; die Prinzeſſin wuͤnſchte nun ihre alte Geſtalt 
wieder anzunehmen, ſie beruͤhrte dreimal mit dem Stab 
ſich ſelbſt, den Nachen und den Teich und wurde ebenſo wie 
der Prinz wieder ſo ſchoͤn und jung wie zuvor. Sie ſtiegen 
auf das Kamel und ritten nach rechts, um ihrem Todfeind 
nicht zu begegnen. Waͤhrend ſie ſo eilig vorwaͤrtswanderten 
und irgend jemanden zu finden hofften, den ſie nach dem Wege 
zu den gluͤcklichen Inſeln fragen koͤnnten, lebten ſie von den 
Fruͤchten des Feldes, tranken das Waſſer der Quellen und 
ſchliefen unter den Baͤumen, ſtets in Furcht, die wilden Tiere 
moͤchten kommen, ſie zu verzehren. Der Prinz gab der Prin⸗ 
zeſſin gegenuͤber dem Wunſche Ausdruck, moͤglichſt bald zu 
ihrem koͤniglichen Vater zu gelangen, denn ſie hatte ihm 
verſprochen, ihm mit deſſen Einverſtaͤndnis die Hand zum 
Ehebunde zu reichen. 

Nachdem der Wuͤterich uͤber Berge, Waͤlder und Ebenen 
gelaufen war, kehrte er in ſeine Hoͤhle zuruͤck, wo Quaͤlerine 
und die kleinen Menſchenfreſſerchen ihn mit Ungeduld erwar⸗ 
teten. „Nun“, rief Quaͤlerine ihm zu, „haſt du ſie gefunden 
und gefreſſen, dieſe Ausreißer, dieſe Diebe? Haſt du mir 
keinen Fuß und keine Pratze uͤbriggelaſſen?“ „Ich glaube, ſie 
ſind davongeflogen,“ verſetzte Wuͤterich, „wie ein Wolf bin 
ich überall umhergerannt, ohne fie zu treffen, niemanden habe 
ich geſehen außer einer Alten in einem Nachen auf einem 
Teich, die mir Nachricht von ihnen gegeben hat.“ „Und was 
hat ſie dir von ihnen geſagt?“ erwiderte Quaͤlerine ungedul⸗ 
dig. „Sie haͤtten ſich nach links gewandt!“ antwortete der 
Wuͤterich. „Bei meinem Haupte“, ſprach jene, „du biſt 
ſchoͤn angefuͤhrt worden. Mir geht durch den Kopf, daß 
du mit ihnen ſelber geredet haſt. Kehr um und wenn du 
ſie erwiſchſt, ſo ſchone ſie keinen Augenblick!“ Der Wuͤterich 
ſchmierte ſeine Siebenmeilenſtiefel und ſauſte wie ein 
Raſender davon. | 

Unſer junges Liebespaar trat gerade aus einem Wald, wo 
es die Nacht verbracht hatte. Als ſie ihn bemerkten, erſchraken 


283 


fie von neuem. „Meine Geliebte,” fagte der Prinz, „Da 
kommt unfer Feind! Ich fühle Mut genug, ihm entgegen⸗ 
zutreten; biſt du ſtark genug, um allein zu fliehen?“ „Nein,“ 
rief ſie, „ich verlaſſe dich nicht, Grauſamer! Zweifelſt du ſo 
an meiner Liebe? Aber verſaͤumen wir keinen Augenblick. 
Vielleicht kann uns das Staͤbchen wieder nuͤtzen. Ich wuͤn⸗ 
ſche“, ſetzte ſie hinzu, „im Namen der koͤniglichen Fee Truſio, 
daß der Prinz zu einem Gemaͤlde werde, das Kamel zu einem 
Pfeiler und ich zu einem Zwerg.“ Die Verwandlung vollzog 
ſich auf der Stelle und der Zwerg begann auf ſeinem Horn 
zu blaſen. Wuͤterich, der mit großen Schritten naͤherkam, 
fragte ihn: „Höre, kleine Mißgeburt, ſahſt du nicht einen huͤb⸗ 
ſchen Burſchen und ein Maͤdchen auf einem Kamel hier vor⸗ 
beikommen?“ „Im Falle“, ſagte der Zwerg, „daß Ihr Euch 
auf der Suche nach einem ritterlichen Jungherr, einer be⸗ 
wunderungswuͤrdigen Dame und deren Reittier befindet, ſo 
wiſſet, daß ich ebendieſelben geſtern um dieſe Stunde er⸗ 
ſchauet habe, wie ſie freudigen Gemuͤtes einherſtolzierten. 
Beſagter Ritter war mit den Preiſen der Turniere beladen, 
die zu Ehren der Merluſine abgehalten wurden, ſo Ihr allda 
leibhaftig abkonterfeit ſehet. Beim Scheiden redete die Jung⸗ 
frau zu mir wie folgt: Zwerg, ſagte ſie, um eines erſuche ich 
dich: ſo du einen ungeſchlachten Rieſen erblickſt, der ſeine Auge 
inmitten der Stirn traͤgt, ſo bitte ihn hoͤflich, daß er in Frieden 
reiſe und uns ziehen laſſe. Darauf ſpornte ſie ihren Zelter 
an und entfernte ſich.“ „Wohin?“ fragte Wuͤterich. „Quer 
uͤber jene blumichte Wieſe am Waldesſaum, verſetzte der 
Zwerg. „Wenn du luͤgſt,“ ſagte der Menſchenfreſſer, „ſo ſei 
verſichert, kleiner Schmutzfink, daß ich dich mitſamt deinem 
Pfeiler und dem Bild der Meerlaus! da verſchlingen werde!“ 
„Nie war Untreue in mir,“ entgegnete der Zwerg, „und nie 
ließ mein Mund eine Züge verlauten, aber Ihr müßt Euch 
ſputen, wenn Ihr ſie noch faͤllen wollt, ehe die Sonne ſinkt.“ 
Der Menſchenfreſſer entfernte ſich, der Zwerg nahm ſeine 
alte Geſtalt wieder an und beruͤhrte das Bild und den Pfeiler, 


1 Im Original: merluche („ Stockfiſch“). 
284 


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die wieder zu dem wurden, was fie fein ſollten. Der Wuͤterich 
lief vergebens umher, er fand weder den Liebhaber noch die 
Geliebte, und muͤde wie ein Hund kehrte er in ſeine Hoͤhle 
zuruͤck. „Was? Du kommſt wieder ohne die Gefangenen?“ 
rief Quälerine, indes fie ihre Igelborſten raufte, „komm mir 
nicht zu nahe, ſonſt erwuͤrge ich dich!“ „Ich bin niemandem 
begegnet“, ſagte er, „als einem Zwerg, einem Pfeiler und 
einem Gemaͤlde.“ „Bei meinem Haupte“, verſetzte ſie, „das 
waren ſie! Ich bin eine Naͤrrin, dir die Sorge fuͤr meine 
Rache anzuvertrauen, als ob ich zu ſchwach waͤre, ſelber mich 
zu raͤchen. Alſo gelt? Jetzt gehe ich! Ich lege die Schuhe 
an und werde genau ſo ſchnell gehen wie du.“ Sie zog die 
Siebenmeilenſtiefel an und eilte von dannen. 

Der Prinz und die Prinzeſſin ſahen Quaͤlerine kommen; 
ſie war in eine Schlangenhaut gekleidet, welche in allen Far⸗ 
ben ſchillerte, und auf der Schulter trug ſie eine Keule aus 
Eiſen von einem entſetzlichen Gewicht. Sie ſchaute ſich ſorg⸗ 
faltig nach allen Seiten um und hätte die beiden ſicher be⸗ 
merkt, wenn ſie nicht gerade in der Tiefe eines Waldes ge⸗ 
ſchritten wären. „Wir koͤnnen nicht vorwärts noch ruͤck⸗ 
waͤrts, fagte Amata weinend, „dort kommt die grauſame 
Quälerine, deren Anblick mein Blut zu Eis erſtarren macht; 
ſie iſt geſcheiter wie der Wuͤterich. Wenn einer von uns beiden 
mit ihr redet, wird ſie uns erkennen und uns den Prozeß 
machen, um uns zu freſſen, und damit wird fie hoͤchſtwahr⸗ 
ſcheinlich bald fertig ſein.“ „O Liebe, Liebe!“ rief der Prinz, 
„verlaß uns nicht!“ „Nun, kleines Staͤbchen“, hub die Prin⸗ 
zeſſin an, „tu deine Pflicht! Ich wuͤnſche im Namen der 
koͤniglichen Fee Truſio, daß das Kamel zu einer Kiſte und 
mein teurer Prinz zu einem ſchoͤnen Orangenbaum werde, 
den ich in eine Biene verwandelt umſchwirre.“ Sie klopfte 
wie gewoͤhnlich dreimal mit dem Staͤbchen auf jeden von 
ihnen, und die Verwandlung vollzog ſich auf der Stelle, ohne 
daß Quaͤlerine, die alsbald anlangte, etwas davon merkte. 
Die abſcheuliche Megaͤre ſetzte ſich ganz außer Atem unter 
den Orangenbaum, und die Prinzeſſin Biene machte ſich ein 


285 


Vergnügen daraus, fie an tauſend Stellen zu ſtechen; fo hart 
ihre Haut auch war, fie fühlte doch den Stachel und ſchrie laut 
auf. Wie ſie ſich auf dem Raſen waͤlzte und um ſich ſchlug, 
glich fie einem Stier oder Löwen, der unter einen Bienen: 
ſchwarm gefallen iſt, denn dieſe eine Biene arbeitete wie 
ihrer hundert ſonſt. Der Prinz Orangenbaum verging vor 
Angſt, ſie moͤchte ſich ertappen laſſen und getoͤtet werden. 
Endlich entfernte ſich Quälerine über und über blutend und 
die Prinzeſſin wollte ihre alte Geſtalt wieder annehmen, 
aber zum Ungluͤck gingen gerade Fremde voruͤber, welche 
das wertvolle Elfenbeinſtaͤbchen entdeckten, aufhoben und 
mitnahmen. 

So mußte das Liebespaar Orangenbaum und Biene blei⸗ 
ben, bis eines Tages eine Prinzeſſin in jenem Walde luſt⸗ 
wandelte. Der gefiel der Orangenbaum ſo gut, daß ſie ihn 
in ihren Garten verpflanzen ließ, wohin ihm ſeine treue Biene 
folgte. Die Prinzeſſin hatte ein unwiderſtehliches Gelüfte, 
eine Bluͤte von dem Baume zu brechen, und ſo ſehr es ihr 
auch die Biene mit Stichen verwehrte, endlich gelang es ihr 
doch, einen Zweig zu pfluͤcken; aber wie erſchrak ſie, als der 
Orangenbaum einen Wehſchrei ertoͤnen ließ und Blut aus 
der Wunde ſtroͤmte. Sogleich berief ſie eine Feenverſamm⸗ 
lung, und die Fee Truſio, die ſich darunter befand, entwan⸗ 
delte den Prinzen Orangenbaum und auf deſſen Bitten auch 
die Prinzeſſin Biene. Auf dem fliegenden Wagen der Fee 
begab ſich das Liebespaar zu Amatens Eltern. Sie wurden 
vom Koͤnig und der Koͤnigin um ſo liebevoller empfangen, als 
dieſe bereits jede Hoffnung auf ein Wiederſehen aufgegeben 
hatten. Alsbald wurde die Hochzeit gehalten, der die Grazien 
im Feſtgewande beiwohnten; auch die Liebesgoͤttin fand ſich 
ein, obwohl ſie gar nicht geladen war, und auf ihren aus⸗ 
druͤcklichen Wunſch erhielt der aͤlteſte Sohn des jungen Paares 
den Namen: „Treuelieb“. 


286 


32. Riedin⸗Ricdon 


| in Koͤnigsſohn ritt einſt auf die Jagd, er hatte fich von 
ſeinen Begleitern getrennt und durchquerte gerade 


eine Ortſchaft, die ganz verlaſſen zu ſein ſchien; da ſah 
er aus einem laͤndlichen Garten ein Maͤdchen von blendender 
Schoͤnheit treten, das ein Weib von hoͤchſt unangenehmem 
Außeren mit Gewalt in ein baͤuerliches Haus zu zerren ſuchte, 
welches ſich gegenuͤber dem Garten auf der anderen Seite der 
Landſtraße befand. Das junge Maͤdchen hatte einen Spinn⸗ 
rocken mit Flachs neben ſich und trug in ſeinem aufgeſchuͤrz⸗ 
ten Rock einen Strauß von friſchgepfluͤckten Gartenblumen. 
Die Alte riß ihr die Blumen weg, warf ſie mitten auf die 
Straße, gab dem Maͤdchen einige derbe Stoͤße und packte es 
dann wieder beim Arm, indem ſie ihm mit wuͤtenden Ge⸗ 
baͤrden drohte: „Marſch, Marſch! kleiner Unart! Geſchwind 
ins Haus, dort will ich dich gehoͤrig fuͤhlen laſſen, was es 
heißt, mir ungehorſam zu ſein.“ Der Prinz, der ſein Roß 
angehalten hatte, um dieſes Schauſpiel mit anzuſehen, naͤherte 


ſich der Alten, die gerade dabei war, in ihr Haus zu treten 


und fragte ſie mit freundlicher Miene: „Woher kommt es, 
gute Frau, daß Ihr dieſes junge Maͤdchen ſo arg mißhandelt? 
Welchen Fehl hat ſie begangen, durch den ſie ſich Euren Zorn 
in ſolchem Maße zuzog?“ Die Baͤuerin war ſehr aufgebracht 
und wuͤnſchte nicht, daß man ſich in ihre Angelegenheiten 
miſche; ſie hatte ſchon eine freche Antwort auf der Zunge, als 


ihre Augen auf die Gewaͤnder des Prinzen fielen, und ſie 


ſchloß aus deren außerordentlicher Pracht, daß ihr Traͤger eine 
Perſon von hohem Range ſein muͤſſe; daher hielt ſie an ſich 
und begnuͤgte ſich, in ſcharfem Ton zu antworten: „Gnaͤdiger 
Herr, ich zanke meine Tochter aus, weil ſie ſtets das Gegen⸗ 
teil von dem tut, was ich ihr ſage. Ich wuͤnſchte, daß ſie nicht 
mehr ſpinnen ſollte und ſie ſpinnt von Morgen bis Abend, 
und das mit einer Geſchicklichkeit ohnegleichen. Ich tadle ſie 
nur deshalb, weil fie zuviel ſpinnt.“ „Wie?“ ſagte der Prinz, 
„it das ein Grund, dieſem armen Kind fo zu zuͤrnen? Oh, 


287 


meine liebe Frau, wenn Ihr die Maͤgde haßt, die gern ſpin⸗ 
nen, ſo braucht Ihr die Eure nur der Koͤnigin, meiner Mutter, 
zu uͤberantworten, welche ſich ſo ſehr an dieſem Geſchaͤft er⸗ 
goͤtzt und die Spinnerinnen ſo hoch ſchaͤtzt. Die Koͤnigin wird 
das Gluͤck Eurer Tochter machen.“ „Ach, gnaͤdiger Herr,“ er⸗ 
widerte die Alte, „wenn Ihr die Zierpuppe da mit ihrer Ge⸗ 
ſchicklichkeit ſo geeignet findet fuͤr unſere gute Koͤnigin, ſo 
koͤnnt Ihr ſie gleich mitnehmen, wenn Ihr wollt, denn ſie iſt 
mir ſchon lange zur Laſt, und ich waͤre wohl zufrieden, ſie los⸗ 
zuwerden.“ Bei dieſen Worten kam ein Teil vom Gefolge 
des Prinzen zuruͤck, und dieſer befahl ſeinem Kammerdiener, 
das Maͤdchen hinter ſich aufs Pferd zu nehmen. Das junge 
Geſchoͤpf hatte das Geſicht noch voll Traͤnen, welche die 
Drohungen der Alten ihr entlockt hatten, aber ihre Traͤnen 
nahmen ihr nichts von ihrem Liebreiz. Der Prinz verſuchte 
ſie zu troͤſten und verſicherte ſie, daß ſie mit der Geſchicklich⸗ 
keit, mit der ſie begabt ſei, unfehlbar die Wohltaten der 
Koͤnigin im Überfluß auf ſich haͤufen werde. Das arme Maͤd⸗ 
chen war indes durch die Menge des Jagdgefolges ſo ver⸗ 
wirrt, daß es kaum die Haͤlfte von dem verſtand, was man 
zu ihm ſagte. Die Mutter ſah ſie ſcheiden, ohne den geringſten 
Anteil an ihrem Schickſal zu nehmen, die Dorfbewohner da⸗ 
gegen fanden, daß ſie nicht hinreichend große Augen haͤtten, 
um ſie inmitten der goldbetreßten Herren anzugaffen. Sie 
wußten von den Untergebenen des Prinzen, daß man ſie zur 
Königin führe, und alle Bäuerinnen des Dorfes beneideten ſie 
um ihr Los. 

Im Schloſſe angekommen ſtellte der Prinz die Schoͤne, 
welche, wie er unterwegs erfahren hatte, Roſanie hieß, der 
Koͤnigin, ſeiner Mutter, als die geſchickteſte und eifrigſte 
Spinnerin des ganzen Landes vor. Die Koͤnigin empfing ſie 
gütig, betrachtete fie aufmerkſam und lobte hoͤchlich die be⸗ 
ſcheidene und ruͤhrende Anmut, mit der ſie ausgeſtattet war, 
was gewiſſen Damen des Hofes, die auf ihre vollendete 
Schoͤnheit ſtolz waren, nicht geringe Demuͤtigung bereitete. 
Die Koͤnigin ließ Roſanie in einem Fluͤgel wohnen, welcher 


288 


eine über und über mit Haufen koſtbarſten Flachſes vollge⸗ 
ſtopfte Zimmerflucht enthielt. Man teilte Roſanie, gleich als 
ob dies eine angenehme Nachricht fuͤr ſie ſei, mit, daß ſie unter 
all dem Flachs nur zu waͤhlen brauche, mit welchem ſie be⸗ 
ginnen wolle; und man fuͤgte hinzu, daß ihr das eigentlich 
gleichgültig fein koͤnne, weil ſie jung und geſchickter ſei wie 
jede andere, und die Königin, die fie fuͤr lange bei ſich behalten 
und ihr viel Gutes tun wollte, wuͤnſchte, daß ſie alle Vorraͤte 
aufarbeitete. 

Als das arme Maͤdchen allein war, uͤberließ es ſich dem hef⸗ 
tigſten Schmerz: Roſanie hatte eine derart unuͤberwindliche 
Abneigung gegen das Spinngeſchaͤft, daß ſie die Verpflich⸗ 
tung, auch nur einige Stunden mit dieſer Arbeit zuzubringen, 
fuͤr eine entſetzliche Strafe hielt. Sie ſah keinen Ausweg aus 
ihrer Verlegenheit, in die ſie die Bosheit ihrer Mutter ver⸗ 
ſtrickt hatte, und doch war ſie froh, den Haͤnden dieſer Mutter 
entriſſen zu ſein, die nichts als barbariſche Haͤrte fuͤr ſie uͤbrig 
hatte. Die erſten Tage zwar gelang es ihr, durch allerlei Ent⸗ 
ſchuldigungen den Beginn der verhaßten Arbeit hinauszu⸗ 
ſchieben, aber dieſe erregten ſchließlich den Argwohn ihrer 
zahlreichen Neiderinnen am Hofe, die ſie bei der Koͤnigin zu 
verdaͤchtigen ſuchten. Die Furcht, daß ihr Unvermoͤgen uͤber 
kurz oder lang aufkommen wuͤrde und daß ſie dann die Freu⸗ 
den des Hofes verlaſſen muͤßte, um in das Haus ihrer un⸗ 
menſchlichen Mutter zuruͤckzukehren, trieb ſie ſo weit, daß ſie 
beſchloß, durch einen Sprung von einem hochgelegenen Pa⸗ 
villon herab den Tod zu ſuchen. 

Wahrend fie auf dem Pfade dahinſchritt, der zu dem Pa⸗ 
villon führte, ſah fie plotzlich einen großen braunen Mann in 
reicher Kleidung vor ſich ſtehen, welcher ſeine von Natur 
finſteren Geſichtszuͤge zu einem anmutigen Laͤcheln verzerrte, 
als er zu ihr ſprach: „Wohin geht Ihr, mein ſchoͤnes Kind? 
Mir ſcheint, ich ſehe Traͤnen aus Euren Augen ſtroͤmen, ſagt 
mir, was ſchmerzt Euch ſo? Es muͤßte ſeltſam ſein, wenn ich 
Euch nicht helfen koͤnnte.“ „Ach,“ entgegnete Roſanie, „es 
gibt kein Mittel gegen den Kummer, der mich bedruͤckt, daher 


19 Franz. Märchen 1 2 89 


iſt es unnuͤtz, daß ich Euch den Grund meiner Sorge angebe.“ 
„Vielleicht“, verſetzte der Unbekannte, „iſt die Hilfe nicht ganz 
ſo fern, wie Ihr meint, aber zum mindeſten erleichtert man 
ſeinen Schmerz dadurch, daß man ihn erzaͤhlt.“ Roſanie 
oͤffnete alſo dem Unbekannten ihr Herz und ſagte ihm alles, 
was ſie zur Verzweiflung trieb. „Da ſeht“, ſprach jener, als 
ſie geendet hatte, „dieſes Stäbchen, das ich in der Hand halte. 
Nehmt es in die Eure!“ Roſanie nahm das Staͤbchen und 
betrachtete es: es war ſehr klein, aus einem graubraunen 
polierten Holze, deſſen Namen man nicht angeben konnte, und 
geziert mit einem buntſchillernden Stein, der aber keiner be⸗ 
kannten Sorte zugehoͤrte. Nachdem Roſanie dieſes Staͤbchen 
eine Zeitlang angeſchaut hatte, gab ſie es in die Haͤnde des 
Fremden zuruͤck, der zu ihr ſagte: „Ihr ſeht wohl dieſes Staͤb⸗ 
chen. Es hat wunderbare Eigenſchaften. Wenn Ihr damit 
den Hanf und den Flachs beruͤhrt, ſo wird jede beliebige 
Menge davon täglich geſponnen werden, und das fo fein, wie 
Ihr es wuͤnſcht. Ich will Euch dieſes Staͤbchen fuͤr drei Mo⸗ 
nate leihen, vorausgeſetzt, daß Ihr mit dem einverſtanden 
ſeid, was ich Euch ſage. Heute uͤber drei Monate werde ich 
wiederkommen, um mein Stäbchen zuruͤckzufordern, dann 
muͤßt Ihr zu mir ſagen, wenn Ihr es mir gebt: Hier, Riedin⸗ 
Ricdon, nehmt Euer Stäbchen! Dann werde ich das Staͤb⸗ 
chen nehmen, ohne daß Ihr irgendwelche Verpflichtungen 
einzugehen braucht. Aber wenn Ihr Euch an dem beſtimm⸗ 
ten Tage meines Namens nicht mehr erinnert und einfach 
ſagt: Hier, nehmt Euer Staͤbchen! ſo werde ich Herr Eures 
Geſchickes ſein und werde Euch uͤberall hinbringen, wohin es 
mir gefällt, und Ihr werdet genoͤtigt fein, mir zu folgen.“ 
Roſanie uͤberlegte ſich einige Zeit, was ſie antworten ſolle, 
aber der Name Ricdin⸗Riedon ſchien ihr jo leicht zu behalten, 
daß ſie kein Wagnis zu unternehmen glaubte, wenn ſie die 
willkommene Hilfe des Staͤbchens annahm. Sie hatte ſchon 
eine geheime Vorfreude an dem Vergnuͤgen, das ſie emp⸗ 
finden wuͤrde, wenn ſie den Stolz ihrer Mitbewerberinnen 
durch die ſchoͤnen Faͤden, die ſie damit hervorzaubern ſollte, 


290 


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demuͤtigen würde. Endlich ſagte fie: „Herr Riedin⸗Ricdon, 


ich bin mit dem Vertrag, den Ihr mit mir abſchließen wollt, 


einverſtanden.“ „Aber Ihr muͤßt ſchwoͤren!“ ſagte der 
Fremde. „Nun gut, ich ſchwoͤre es mit den unverletzlichſten 
Eiden!“ „Es iſt gut,“ ſagte Riedin⸗Ricdon, „daß Ihr mir 
das Verſprechen in ſo feierlicher Form gegeben habt. Euer 
Diener, Schoͤnſte, und auf Wiederſehen!“ Mit dieſen Worten 
druͤckte er ihr das Staͤbchen in die Hand und entfernte ſich. 

So vergingen die naͤchſten drei Monate in unaufhoͤrlichen 
Freuden. Die Arbeit, die das Staͤbchen verrichtete, war ſo 
uͤber alles Lob erhaben, daß ſie der Jungfrau die hoͤchſte Zu⸗ 
friedenheit der Königin eintrug, welche fie am Hofe in hoͤchſten 
Ehren hielt. Der Prinz, der ſeinen Schuͤtzling vom erſten Zu⸗ 
ſammentreffen an geliebt hatte, zeigte ihr bei jeder Gelegen⸗ 
heit ſeine innigſte Zuneigung, die ſie im naͤmlichen Maße er⸗ 
widerte. 

Indeſſen war Roſanie trotz aller Freuden des Hofes und 
der Liebe von einer geheimen Unruhe beſeelt, welche ſie kaum 
verbergen konnte. Ihr Kummer wurde aber durch die Un⸗ 
treue ihres Gedaͤchtniſſes verurſacht; ſie merkte naͤmlich, daß 
der Termin, den der Mann mit dem Staͤbchen beſtimmt hatte, 
um das koſtbare Holz zuruͤckzufordern, von Tag zu Tag naͤher⸗ 
ruͤckte, und der wunderliche Namen des Fremden kam ihr 
nicht mehr in den Sinn. Vergeblich machte ſie ſeit einiger 
Zeit tauſend Anſtrengungen, um ihn ſich ins Gedaͤchtnis 
zuruͤckzurufen, es war umſonſt. Dabei wußte fie, daß ein 
unverletzbarer Eid ſie zwang, wenn ſie ſich des verhaͤng⸗ 
vollen Namens nicht wieder erinnern wuͤrde, dem Entleiher 
des Staͤbchens uͤberallhin zu folgen, N er ſie fuͤhren 
wollte. 

Eines Tages ritt ihr junger Liebhaber auf die Jagd, um 
ſich des Kummers zu erwehren, den ihm derjenige ſeiner 
Liebſten bereitete. Mehr mit ſeinen Traͤumereien als mit der 
Verfolgung des Wildes beſchaͤftigt, trennte er ſich von ſeinem 
Gefolge und kam unter ſtaͤndigem Gruͤbeln ſo weit in die 
Irre, daß die Nacht ihn uͤberraſchte, ehe er ſeine Leute 
19* 


291 


wiedergefunden hatte. Gerade ritt er Über eine oͤde Heide, 
auf welcher ſich ein in Truͤmmern liegendes, unbewohnbar 
erſcheinendes Schloß erhob, da bemerkte er auf einmal viele 
Lichter in demſelben. Er naͤherte ſich den Fenſtern der Saͤle, 
welche alle offen ſtanden und zerbrochen waren, und blickte 
durch die Baͤume, die ſie umgaben, hindurch. In violettem 
Schein ſah er da mehrere Leute von abſchreckendem Außerm 
und in wunderlicher Kleidung. Mitten unter ihnen befand 
ſich ein Mann mit ſchwarzbrauner ausgetrockneter Haut und 
grimmigem Geſichtsausdruck, welcher wilde Blicke um ſich 
warf; doch ſchien er ſehr vergnuͤgt zu ſein, denn er ſprang und 
tanzte mit erſtaunlicher Gelenkigkeit umher. Der Prinz 
fuͤhlte ein geheimes Schaudern beim Anblick dieſer ſchreck⸗ 
lichen Geſtalten, und er zweifelte nicht, daß er Bewohner 
der Hoͤlle vor ſich habe, deren Macht er fuͤrchten mußte. Da 
hoͤrte er den Schwarzbraunen mit fuͤrchterlicher Stimme 
ſagen: „Wenn das junge huͤbſche Maͤdchen, / das nur Kinder⸗ 
ſpiele weiß, / hätt’ in feinem Sinn behalten, / daß Riedin⸗ 
Riedon ich heiß, / kaͤm fie nicht in meine Schlingen. / Doch 
nun iſt die Schoͤne mein, / denn das Wort faͤllt ihr nicht ein.“ 

Roſanie verzehrte ſich indes in toͤdlicher Unruhe. Von 
Stunde zu Stunde ſah ſie den gefuͤrchteten Augenblick naͤher⸗ 
kommen, da der Herr des Staͤbchens vor ſie treten wuͤrde, um 
das koſtbare Holz zuruͤckzufordern, und da ſie nicht imſtande 
war, ſich des Namens des Unbekannten zu erinnern, ſah ſie 
ſich verloren. 

Unterdeſſen hatte ſich der Prinz in einem Zweikampf eine 
Verwundung zugezogen und mußte das Bett huͤten. Um ihn 
Zu zerſtreuen, verſammelte ſich die Hofgeſellſchaft an feinem 
Lager, und auch Roſanie leiſtete ihm einige Stunden des 
Tages Geſellſchaft. Als ſie eines Tages allein mit ihm im 
Zimmer war, erzaͤhlte er ihr ſein naͤchtliches Erlebnis und 
unterließ es auch nicht, die Verſe des wunderlichen Mannes 
zu wiederholen. Als er die Worte, die er gehoͤrt, erwaͤhnte, 
ſtieß Roſanie einen ſolchen Schrei aus, daß der Prinz zuerſt 
erſchrak, indeſſen beruhigte er ſich, als ſie mit lebhaften Ge⸗ 


292 


baͤrden freudiger Erregung ausrief: „Der Himmel ſei gelobt 
fuͤr die unermeßliche Guͤte, die er mir erweiſt!“ Der Prinz 
erkundigte ſich nach dem Sinn dieſer Worte, und Roſanie er⸗ 
zaͤhlte ihm in wenigen Worten ihr Abenteuer mit dem Staͤb⸗ 
chen und konnte ſich von ihrem Schrecken kaum erholen als 
ſie erfuhr, daß der Mann, dem ſie zu folgen verſprochen hatte, 
ein Daͤmon ſei, denn etwas Derartiges hatte ſie nie geahnt. 

Kaum war Roſanie wieder in ihrem Gemach, als man ihr 
meldete, daß ein ſchwarzgekleideter Mann mit ernſten Ge⸗ 
ſichtszuͤgen ſie ſprechen wolle. Sie befahl, ihn eintreten zu 
laſſen, und auf den erſten Blick erkannte ſie in ihm den Mann 
mit dem Staͤbchen. Obwohl ſie ſeinen Namen wußte, machte 
ſie doch ſein Anblick erbeben, da ſie daran dachte, wer der ge⸗ 
faͤhrliche Spender eigentlich ſei. Ohne ein Wort zu reden, 
erhob ſie ſich, holte die Zauberrute und ſagte zu ihm, indem 
ſie ihm dieſelbe zuruͤckgab: „Hier, Riedin⸗Ricdon, nehmt Euer 
Staͤbchen!“ Der boͤſe Geiſt, der das nicht erwartet hatte, ver⸗ 
ſchwand unter greulichem Geheul, da er ſich betrogen ſah, 
was ihm uͤbrigens oͤfters paſſiert. Kurz darauf wurde die 
Hochzeit des Prinzen mit Roſanie gefeiert, der um ſo weniger 
Schwierigkeiten entgegenſtanden, als ſich herausſtellte, daß 
dieſelbe gar keine Bauerntochter, ſondern ein Sproß aus 
edlem Hauſe war. Roſanie verlebte eine lange Spanne von 
Jahren mit dem Prinzen in uͤberaus zufriedener Ehe und in 
einem vollkommenen Gluͤck. 


33. Die Schoͤnheit und das Tier 


s war einmal ein Kaufmann, welcher außerordentlich 
reich war. Er hatte drei Toͤchter, und da er ein ver⸗ 
ſtaͤndiger Mann war, ſo ſparte er nichts an ihrer Er⸗ 
ziehung und gab ihnen gute Lehrer. Seine Toͤchter waren 
ſehr ſchoͤn; beſonders wurde die juͤngſte bewundert und man 
nannte ſie, ſolange fie klein war, nur „die Schoͤnheit“! und 
der Name blieb ihr und erweckte die Eiferſucht ihrer Schweſtern. 
1 la belle. 


293 


Die beiden aͤlteſten waren ſehr ſtolz, weil fie reich waren; fie 
ſpielten die Damen und wollten ſich nicht mit den andern 
Kaufmannstoͤchtern abgeben, es fehlte ihnen an Leuten, die 
ſie ihrer Geſellſchaft fuͤr wuͤrdig erachtet haͤtten. Alle Tage 
gingen ſie auf Baͤlle, in die Komoͤdie, auf Spaziergaͤnge und 
ſpotteten uͤber ihre Juͤngſte, die den groͤßten Teil ihrer Zeit 
darauf verwandte, gute Buͤcher zu leſen. Da man wußte, 
daß dieſe Maͤdchen ſehr reich ſeien, ſo baten mehrere wohl⸗ 
habende Kaufleute um ihre Hand, aber die beiden aͤlteſten 
antworteten, daß ſie nur einen Herzog oder doch mindeſtens 
einen Grafen heiraten wollten. Die Schoͤnheit dankte denen, 


die um ſie anhielten, freundlich, aber ſie ſagte ihnen, daß ſie | 


noch zu jung ſei und daß ſie lieber ihrem Vater noch einige 
Jahre Geſellſchaft leiſten wolle. 

Mit einem Schlage verlor der Kaufmann ſeine ganze Habe 

und nichts blieb ihm als ein kleines Landhaus weit von der 

Stadt. Unter Traͤnen eroͤffnete er ſeinen Kindern, daß ſie 


dieſes Haus kuͤnftighin bewohnen und mit Bauernarbeit 


ihren Lebensunterhalt verdienen muͤßten. Seine beiden 
aͤlteſten Toͤchter erwiderten, fie wollten die Stadt nicht ver⸗ 
laſſen und ſie haͤtten mehrere Verehrer, welche gluͤcklich 
waͤren, ſie heiraten zu koͤnnen, auch wenn ſie kein Vermoͤgen 
mehr haͤtten. Die guten Fraͤulein taͤuſchten ſich indes, ihre 
Liebhaber ſchauten ſie nicht mehr an, als ſie arm waren. Da 
ſie ihres Hochmuts wegen niemand leiden mochte, ſagte man: 
„Sie verdienen nicht, daß man ſie beklagt, es geſchieht ihnen 
recht, daß ihr Stolz gedemuͤtigt worden iſt, moͤgen ſie die 
großen Damen ſpielen, wenn ſie ihre Schafe huͤten! Was 
aber die Schoͤnheit betrifft, ſo tut uns ihr Mißgeſchick ſehr 
leid, ſie iſt ein gutes, ſanftes Maͤdchen.“ 

Die arme Schoͤnheit war zuerſt ſehr niedergeſchlagen ge⸗ 
weſen, als ſie ihr Vermoͤgen verlor, aber dann hatte ſie ſich 
geſagt: „Das Weinen bringt mir mein Geld nicht wieder, 
man muß verſuchen, auch ohne Vermoͤgen gluͤcklich zu fein.‘ 
Als ſie auf ihrem Landhaus angekommen waren, begann der 
Kaufmann mit ſeinen drei Toͤchtern das Feld zu beſtellen. Die 


294 


BE: 


Schönheit ſtand um vier Uhr morgens auf, ſaͤuberte zuerft 
das Haus und bereitete dann das Fruͤhſtuͤck fuͤr ihre Familie. 
Zuerſt kam es ſie ſehr hart an, denn ſie war die Maͤgdearbeit 
nicht gewoͤhnt, aber nach zwei Monaten war ſie kraͤftiger ge⸗ 
worden, und die ermuͤdende Arbeit gab ihr ſogar eine voll⸗ 
kommene Geſundheit; nach der Arbeit pflegte ſie zu leſen, 
Klavier zu ſpielen oder beim Spinnen zu ſingen. Ihre 
Schweſtern dagegen langweilten ſich zu Tode, ſie trauerten 
um ihre ſchoͤnen Kleider und ihre Geſellſchaft und ſagten: 
„Seht, unſere Juͤngſte hat eine niedrige Seele und iſt ſo 
ſtumpfſinnig, daß ſie mit unſerer unſeligen Lage zufrieden 
iſt.“ Der gute Kaufmann freilich bewunderte die Tuͤchtigkeit 
dieſes jungen Maͤdchens und beſonders ihre Geduld, denn die 
Schweſtern, nicht damit zufrieden, ihr die ganze Hausarbeit 
zu uͤberlaſſen, ſchmaͤhten ſie noch obendrein bei jeder Ge⸗ 
legenheit. 

Schon ein Jahr lebte die Familie in ihrer Einſamkeit, als 
der Kaufmann eines Tages einen Brief erhielt, in welchem 
man ihm mitteilte, daß ein Schiff, auf welchem er Waren 
hatte, gluͤcklich angekommen ſei. Dieſe Nachricht verdrehte 
den beiden Alteſten, welche ſchon glaubten, nun das lang⸗ 
weilige Landleben aufgeben zu koͤnnen, den Kopf, und als 
ſie ihren Vater reiſefertig ſahen, baten ſie ihn, ihnen ſchoͤne 
Kleider, Kopfputz und alle moͤglichen Kleinigkeiten mitzu⸗ 
bringen. Die Schoͤnheit bat ihn um gar nichts, denn ſie 
dachte bei ſich, daß all das fuͤr die Waren geloͤſte Geld nicht 
hinreichen wuͤrde, um die Wuͤnſche ihrer Schweſtern zu be⸗ 
friedigen. „Du bitteſt mich nicht, dir etwas zu kaufen?“ ſagte 
der Vater zu ihr. „Da Ihr ſo gut ſeid, an mich zu denken,“ 
entgegnete ſie, „ſo bitte ich Euch, mir eine Roſe mitzubringen, 
denn es gibt hier keine.“ Der gute Mann reiſte ab, aber als 
er angekommen war, mußte er um ſeine Waren einen Prozeß 
fuͤhren, und nach vieler Muͤhe kam er ebenſo arm zuruͤck, wie 
er abgereiſt war. 

Schon freute er ſich darauf, ſeine Kinder wiederzuſehen, 
aber als er kurz vor ſeinem Hauſe einen großen Wald durch⸗ 


295 


queren mußte, geriet er in die Irre. Es ſchneite unaufhoͤr⸗ 
lich, der Wind wehte ſo heftig, daß er ihn zweimal vom 
Pferde riß, und als es Nacht wurde, glaubte er vor Hunger 
und Kaͤlte ſterben zu muͤſſen oder von den Woͤlfen gefreſſen 
zu werden, die er ringsherum heulen hoͤrte. Ploͤtzlich, als 
er ſich am Ende einer langen Allee umſah, bemerkte er ein 
helles Licht, das aber noch weit entfernt zu ſein ſchien. Er 
ging in dieſer Richtung weiter und merkte, daß das Licht von 
einem großen Schloſſe ausging, das vollkommen erleuchtet 
war. Der Kaufmann dankte Gott fuͤr ſeine Hilfe und trat 
eilends in das Schloß; aber wie groß war feine Überraſchung, 
als er in den Hoͤfen keinen Menſchen fand. Das Pferd, das 
er hinter ſich herzog, ſah einen großen Stall offen ſtehen, es 
ging hinein und fand eine Menge Heu und Hafer vor. Das 
arme ausgehungerte Tier ſtuͤrzte ſich gierig darauf. Der 
Kaufmann band es feſt und wandte ſich zum Hauſe, wo er 
gleichfalls keinen Menſchen antraf, aber im Saale flackerte 
ein warmes Feuer, und eine ſpeiſenbeladene Tafel, auf der 
indes nur ein Beſteck lag, lud zum Eſſen ein. Da ihn Schnee 
nnd Regen bis auf die Haut durchnaͤßt hatten, ſetzte er ſich 
an den Kamin und wartete eine betraͤchtliche Zeit, daß der 
Hausherr oder ein Diener eintreten wuͤrde; als es aber elf 
Uhr ſchlug, ohne daß er jemanden erblickt hatte, konnte er 
ſeinen Hunger nicht mehr baͤndigen und nahm ein Haͤhnchen, 
das er auf zwei Biſſen und unter Zittern verzehrte. Er trank 
noch einige Schluck Wein, und als er fühner geworden war, 
verließ er den Saal und durchſchritt mehrere große und praͤch⸗ 
tig eingerichtete Raͤume. Schließlich fand er ein Zimmer, in 
welchem ein Bett ſtand, und da Mitternacht voruͤber und er 
ſelbſt ſehr muͤde war, ſo ſperrte er die Tuͤre ab und legte ſich 
zur Ruhe. | 

Es war ſchon zehn Uhr morgens, als er ſich am folgenden 
Tage erhob, und er war nicht wenig erſtaunt, als er ein ſehr 
koſtbares Gewand an Stelle des ſeinigen vorfand, welches 
ganz verdorben worden war. „Gewiß“, ſagte er zu ſich, „ge⸗ 
hoͤrt dies Schloß irgendeiner guten Fee, die Mitleid mit 


296 


meiner Lage hatte.“ Er blickte durch das Fenſter und ſah 


keinen Schnee mehr, ſondern Lauben und Blumengewinde, 


die das Auge bezauberten. Er trat wieder in den großen 
Saal, wo er abends zuvor geſpeiſt hatte, und bemerkte einen 
kleinen Tiſch, auf welchem eine Schokolade dampfte. „Ich 
danke Euch, Frau Fee,“ ſagte er ganz laut, „daß Ihr fo guͤtig 
ſeid, an mein Fruͤhſtuͤck zu denken.“ Der gute Mann nahm 
ſeine Schokolade und ging dann, ſein Pferd zu holen, und 
als er an einem ſchoͤnen Roſenbeet voruͤberging, fiel ihm ein, 
daß ihn die Schoͤnheit um eine gebeten hatte; er brach alſo 
einen Zweig mit mehreren Bluͤten ab. In dieſem Augenblick 
hoͤrte er ein heftiges Geraͤuſch und ſah ein ſo furchtbares Un⸗ 
geheuer auf ſich zukommen, daß er faſt ohnmaͤchtig geworden 
waͤre. „Ihr ſeid ſehr undankbar!“ redete ihn das Untier mit 
einer furchtbaren Stimme an, „ich habe Euch das Leben ge⸗ 
rettet, indem ich Euch in meinem Schloſſe Unterkunft ge⸗ 
waͤhrte, und zum Dank dafuͤr ſtehlt Ihr mir meine Roſen, 
die ich uͤber alles in der Welt liebe. Dieſe Verfehlung kann 
nur durch den Tod geſuͤhnt werden; ich gebe Euch eine 
Viertelſtunde Zeit, um Eure Rechnung mit Gott abzu⸗ 
ſchließen.“ Der Kaufmann warf ſich auf die Knie und ſagte 
zu dem Tier, indem er die Haͤnde faltete: „Gnaͤdiger Herr, 
verzeiht mir, ich glaubte Euch nicht zu beleidigen, als ich eine 
Roſe für eine meiner Töchter pfluͤckte, die mich um eine ſolche 
gebeten hat.“ „Ich will Euch verzeihen,“ verſetzte das Un⸗ 
geheuer, „doch unter der Bedingung, daß eine Eurer Toͤchter 
freiwillig herkommt, um an Eurer Stelle zu ſterben. Macht 
keine Einwendungen, geht, und wenn Eure Toͤchter ſich 
weigern, fuͤr ihren Vater den Tod zu erleiden, ſo ſchwoͤrt mir, 
daß Ihr in drei Monaten wiederkommen werdet!“ Der gute 
Mann hatte nicht die Abſicht, eine ſeiner Toͤchter dieſem graͤß⸗ 
lichen Untier zu opfern, aber er dachte, wenigſtens wuͤrde er 
das Vergnuͤgen haben, ſie noch einmal zu umarmen. Er 
ſchwur alſo, er werde wiederkommen, und das Tier ſagte zu 


ihm, daß er abreiſen koͤnne, wann er wolle. „Aber“, fuͤgte 
es hinzu, „ich will nicht, daß Ihr mit leeren Haͤnden geht. In 


297 


Eurem Schlafzimmer findet Ihr einen großen Koffer; ihr 
koͤnnt hineintun, was Euch gefällt; ich werde ihn in Euer 
Haus bringen laſſen.“ Mit dieſen Worten zog ſich das Un⸗ 
geheuer zuruͤck, und der gute Mann ſagte zu ſich: „Wenn ich 
ſterben muß, ſo werde ich wenigſtens meinen armen Kindern 
etwas hinterlaſſen, wovon fie leben koͤnnen.“ Er füllte alſo 
den Koffer mit Goldſtuͤcken und verſchloß ihn, dann holte er 
ſein Pferd aus dem Stall und verließ das Schloß ebenſo 
traurig, wie er es freudig betreten hatte. Das Pferd ſchlug 
von ſelbſt einen der Waldwege ein, und nach wenigen Stun⸗ 
den gelangte der gute Mann in ſein Haͤuschen. 

Seine Kinder umringten ihn, aber anſtatt ſich ihrer Lieb⸗ 
koſungen zu freuen, weinte der Vater bei ihrem Anblick. Er 
hielt die Roſen, die er ſeiner Tochter mitbringen wollte, in 
der Hand und gab ſie der Schoͤnheit, indem er ſagte: „Nimm 
dieſe Roſen, Schoͤnheit, ſie kommen deinem ungluͤcklichen 
Vater teuer zu ſtehen;“ und er erzaͤhlte ſeiner Familie das 
unheilvolle Abenteuer, das ihm zugeſtoßen war. Bei dieſer 
Erzählung fließen die zwei alteren Schweſtern laute Schreie 
aus und ſchmaͤhten die Schoͤnheit, welche nicht weinte: „Da 
ſeht, wie ſtolz dieſe kleine Kreatur iſt,“ ſagten ſie, „durch 
ihren außergewoͤhnlichen Wunſch verurſacht ſie den Tod ihres 
Vaters und weint nicht einmal daruͤber!“ „Warum ſollte ich 
den Tod meines Vaters beweinen?“ entgegnete die Schoͤn⸗ 
heit. „Er wird nicht ſterben; da das Ungeheuer eine ſeiner 
Toͤchter als Erſatz nehmen will, ſo werde ich mich ſeiner Wut 
uͤberliefern, und ich bin ſehr gluͤcklich, daß ich meinem Vater 
hierdurch meine Liebe beweiſen kann.“ Trotz des Einſpruchs 
des Vaters, er ſei aͤlter und koͤnne eher mit dem Leben ab⸗ 
ſchließen, beſtand ſie auf ihrem Opfer. 

Der Vater ging mit ihr in das Waldſchloß, und die beiden 
boͤſen Maͤdchen rieben ſich die Augen mit Zwiebeln ein, um 
einige Traͤnen beim Abſchied von ihrer Schweſter vergießen 
zu koͤnnen. Das Pferd ſchlug den Weg zum Schloſſe ein, und 
gegen Abend ſahen ſie es vor ſich, erleuchtet wie das erſte⸗ 
mal. Das Pferd wurde im Stall untergebracht, und der gute 


298 


-——— 


9 rr 


Mann trat mit feiner Tochter in den großen Saal, wo fie eine 
prächtig gedeckte Tafel mit zwei Beſtecken vorfanden. Der 
Kaufmann verſpuͤrte keine Luſt zu eſſen, aber die Schoͤnheit 
bemuͤhte ſich, ruhig zu erſcheinen, ſie ſetzte ſich zu Tiſch und 
legte ihm vor. Nach dem Eſſen hoͤrten ſie einen furchtbaren 
Laͤrm, und der Kaufmann verabſchiedete ſich unter Traͤnen 
von ſeiner Tochter, da er glaubte, das Ungeheuer komme, um 
ſie zu freſſen. Auch die Schoͤnheit konnte ſich nicht eines 
Schauders erwehren, als ſie dieſe ſchreckliche Geſtalt ſah, aber 
ſie nahm ſich ſo gut es ging zuſammen, und als das Untier 
ſie fragte, ob ſie freiwillig gekommen ſei, ſagte ſie bebend: 
„Ja!“ „Ihr ſeid ſehr gut,“ ſagte das Tier, „und ich bin Euch 
ſehr zu Dank verpflichtet. Guter Mann, reiſt morgen ab und 
laßt es Euch nicht einfallen, wiederzukommen. Gott behuͤte 
dich, Schoͤnheit!“ „Gott behuͤte dich, Tier!“ erwiderte ſie, und 
ſogleich zog ſich das Ungeheuer zuruͤck. „O, meine Tochter!“ 
ſagte der Kaufmann, indem er die Schoͤnheit umarmte, „ich 
bin halb tot vor Angſt, glaube es mir. Laß mich hierbleiben!“ 
„Nein, Vater,“ ſagte die Schönheit beſtimmt, „Ihr reift mor⸗ 
gen fruͤh ab und uͤberlaßt mich der Gnade des Himmels. Viel⸗ 
leicht hat er Mitleid mit mir.“ 

Als der Vater abgereiſt war, ſetzte ſich die Schönheit i in den 
großen Saal und begann zu weinen; aber da ſie ſehr mutig 
war, empfahl ſie ſich Gott und beſchloß, das bißchen Leben, 
das ihr noch geſchenkt war, nicht zu vertrauern, denn ſie 
glaubte feſt, daß das Ungeheuer ſie am Abend freſſen wuͤrde. 
Sie beſchloß indeſſen, das ſchoͤne Schloß zu beſichtigen. Sie 
konnte es nicht unterlaſſen, die Pracht desſelben zu bewun⸗ 
dern und war ſehr uͤberraſcht, als ſie auf eine Tuͤr traf, uͤber 
welcher die Worte zu leſen waren: Schoͤnheits Wohnung. 
Sie oͤffnete hurtig die Tuͤr und war geblendet von dem 
Prunk, der hier herrſchte; was ihr aber am meiſten in die 
Augen fiel, war ein Buͤcherſchrank, ein Klavier und mehrere 
muſikaliſche Schriften. „Wenn ich heute abend gefreſſen wer⸗ 
den ſollte,“ dachte fie, „jo hätte man mich nicht fo gut ver⸗ 
ſorgt ... Ach“, ſeufzte fie ſodann, „ich möchte nichts, als 


299 


„ 


meinen armen Vater wiederſehen und wiſſen, was er gegen 
waͤrtig treibt.“ Wie groß war ihr Erſtaunen, als ihre Augen 
auf einen großen Spiegel fielen, in welchem ſie ihr Haus er⸗ 
blickte, wo ihr Vater gerade mit aͤußerſt bekuͤmmerter Miene 
ankam. Ihre Schweſtern kamen heraus, und trotz der Gri⸗ 
maſſen, die ſie ſchnitten, um betruͤbt zu erſcheinen, konnte man 
ihnen die Freude uͤber den Verluſt ihrer Schweſter anſehen. 
Einen Augenblick ſpaͤter verſchwand alles, und die Schoͤnheit 
dachte, daß das Tier ſehr gefällig ſein muͤſſe und daß fie von 
ihm nichts zu fuͤrchten haben wuͤrde. Zu Mittag fand ſie die 
Tafel gedeckt und hoͤrte, ohne indes jemanden zu ſehen, eine 
herrliche Muſik. Abends, als ſie ſich zu Tiſch ſetzte, vernahm 
ſie das Geraͤuſch, welches das Ungeheuer verurſachte und 
konnte ſich nicht enthalten, zu erbeben. „Schoͤnheit,“ ſagte 
das Tier zu ihr, „erlaubt Ihr, daß ich Euch beim Eſſen zu⸗ 
ſchaue?“ „Ihr ſeid hier der Herr!“ erwiderte die Schoͤnheit 
zitternd. „Nein,“ ſagte das Tier, „nur Ihr ſeid Herrin, Ihr 
braucht nur zu wuͤnſchen, daß ich gehe, wenn ich Euch laͤſtig 
bin, und ſogleich werde ich Euch verlaſſen ... Sagt mir, findet 
Ihr mich nicht ſehr haͤßlich?“ „Das iſt wahr,“ entgegnete die 
Schoͤnheit, „denn ich mag nicht luͤgen; aber ich glaube, daß 
Ihr ſehr gut ſein muͤßt.“ Die Schoͤnheit aß mit gutem 
Appetit; ſie fuͤrchtete das Tier faſt gar nicht mehr, aber faſt 
wäre fie vor Schrecken geſtorben, als dieſes plotzlich zu ihr 
ſagte: „Schoͤnheit, wollt Ihr meine Frau werden?“ Sie 


blieb einige Zeit ſtumm, denn ſie fuͤrchtete, den Zorn des 


Untiers zu erwecken, wenn ſie es ihm abſchlug; dann ſagte ſie 
zitternd: „Nein, Tier!“ Hieruͤber wollte das arme Ungeheuer 
ſeufzen, aber es ließ nur ein ſo ſchreckliches Ziſchen hoͤren, daß 
der ganze Palaſt davon ertoͤnte. Aber die Schoͤnheit war 
wieder beruhigt, als das Tier betruͤbt zu ihr ſprach: „Alſo 
behuͤte dich Gott, Schoͤnheit!“ und das Gemach verließ, nicht 
ohne ſich von Zeit zu Zeit umzudrehen, um ſie nochmals zu 
betrachten. Als die Schoͤnheit allein war, fuͤhlte ſie ſtarkes 
Mitleid mit dem Tier: „Ach!“ ſagte ſie, „es iſt ſchade, daß es 
ſo haͤßlich iſt, es iſt ſo gut!“ 


300 


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Die Schoͤnheit verbrachte drei Monate in aller Ruhe im 
Schloſſe; jeden Abend ſtattete ihr das Ungeheuer einen Be⸗ 
ſuch ab und unterhielt ſie waͤhrend des Eſſens mit geſundem 
Verſtand, und jeden Tag entdeckte die Schoͤnheit neue Licht⸗ 
ſeiten an ihm. Die Gewohnheit, es zu ſehen, hatte ſie mit 
feiner Haͤßlichkeit vertraut gemacht, und weit entfernt, die 
Stunde feines Beſuches zu fürchten, ſchaute fie häufig nach 
der Uhr, um zu ſehen, ob es noch nicht bald neun ſei. Nur 
ein Umſtand quaͤlte die Schoͤnheit: daß das Untier ſie jedes⸗ 
mal vor dem Schlafengehen fragte, ob ſie ſeine Frau wer⸗ 
den wolle, wobei es jedesmal ſchmerzlich beruͤhrt war, wenn 
ſie verneinte. Eines Tages ſagte ſie: „Du tuſt mir leid, Tier, 
ich moͤchte, ich koͤnnte dich heiraten, aber ich bin zu aufrichtig, 
um dir Hoffnung zu geben, daß dies jemals der Fall ſein 
koͤnnte.“ 

Die Schoͤnheit hatte in ihrem Spiegel geſehen, daß ihr 
Vater vor Kummer uͤber ihren Verluſt erkrankt war, und ſie 
wuͤnſchte, ihn wiederzuſehen. „Ich wuͤrde dir gern ver⸗ 
ſprechen,“ fagte fie zum Ungeheuer, „Dich nie gänzlich zu ver⸗ 
laſſen, aber ich habe ſolche Sehnſucht, meinen Vater wieder⸗ 
zuſehen, daß ich vor Schmerz ſterben wuͤrde, wenn du mir 
das Vergnuͤgen verwehren wollteſt.“ „Ich will lieber ſelbſt 
ſterben,“ ſagte das Untier, „als Euch Kummer bereiten. Ich 
werde Euch zu Eurem Vater ſchicken, Ihr koͤnnt dort bleiben, 
und Euer armes Tier wird vor Sehnſucht ſterben!“ „Nein,“ 
ſagte die Schoͤnheit weinend, „ich liebe dich zu ſehr, um deinen 
Tod veranlaſſen zu wollen; ich verſpreche dir, in acht Tagen 
zuruͤckzukommen. Du haſt mich wiſſen laſſen, daß meine 
Schweſtern verheiratet ſind und daß mein Vater allein ſteht; 
erlaube, daß ich ihm eine Woche Geſellſchaft leiſte!“ „Morgen 
fruͤh werdet Ihr bei ihm ſein, aber gedenkt Eures Ver⸗ 
ſprechens! Ihr braucht nur Euren Ring beim Schlafengehen 
auf den Tiſch zu legen, wenn Ihr heimkehren wollt. Behuͤte 
dich Gott, Schoͤnheit!“ Das Untier ſeufzte wie gewoͤhnlich 
bei dieſen Worten, und die Schoͤnheit legte ſich zu Bett, be⸗ 
truͤbt daruͤber, ihr liebes Tier in Sorgen zu ſehen. Als ſie 


301 


mich zu Dank verpflichtet haben, wenn Ihr mich nicht be⸗ 
achtet hattet.“ „Es waͤre unmoͤglich,“ rief Reizvoll, „daß 
eine ſo wunderſchoͤne Prinzeſſin ſich irgendwo aufhalten 
koͤnnte, ohne daß fie meine Augen von allem andern ab⸗ 
lenken wuͤrde!“ „Ah!“ ſagte die Koͤnigin erboſt, „ich ver⸗ 
geude meine Zeit damit, Euch zuzuhoͤren, glaubt mir, mein 
Herr, Blumenſchoͤn iſt ſchon hinreichend eitel, man darf ihr 
nicht ſoviel Schmeicheleien ſagen.“ Der Koͤnig Reizvoll 
fand bald heraus, aus welchem Grunde die Koͤnigin ſo redete, 
aber da er nicht geſonnen war, ſich Gewalt anzutun, ſo zeigte 
er ſeine Bewunderung fuͤr Blumenſchoͤn ganz offen und un⸗ 
verhuͤllt und unterhielt ſich drei Stunden hintereinander mit 
ihr. Die Koͤnigin war verzweifelt und Forellchen untroͤſtlich, 
nicht mehr den Vorzug vor Blumenſchoͤn zu haben; beide 
beklagten ſich beim Koͤnig und beſtimmten ihn, Blumenſchoͤn 
in einen Turm zu ſperren, wo ſie den Koͤnig Reizvoll nicht 
mehr ſprechen koͤnne. Und wirklich wurde jene, ſobald ſie auf 
ihr Zimmer zuruͤckgekehrt war, von vier maskierten Maͤnnern 
oben auf den Turm gebracht, wo ſie auf dem Gipfel der 
Troſtloſigkeit zuruͤckblieb, denn fie ſah wohl, daß man fie nur 
deshalb ſo behandelte, weil man ſie verhindern wollte, dem 
Koͤnige zu gefallen, der ihr ſeinerſeits ſchon ſehr gut gefiel und 
den ſie gern zum Gatten gehabt haͤtte. Da dieſer nichts von 
der Gewalttat erfuhr, wartete er ſtuͤndlich mit Ungeduld 
darauf, die Prinzeſſin wiederzuſehen; er wollte mit den 
Herren ſeines Ehrendienſtes von ihr reden, aber auf Befehl 
der Koͤnigin ſagten dieſe ihm alles moͤgliche Schlechte uͤber 
fie: fie wäre eitel, wankelmuͤtig und launiſch und quäle ihre 
Freundinnen und ihre Bedienung; man koͤnnte nicht un⸗ 
ſauberer ſein als ſie, und ihr Geiz ginge ſo weit, daß ſie lieber 
wie ein Hirtenmaͤdchen gekleidet waͤre, als daß ſie ſich neue 
Brokatſtoffe kaufe. Bei jeder Einzelheit litt Reizvoll und 
fuͤhlte Zornesregungen, die er kaum baͤndigen konnte. 
„Nein,“ ſagte er zu ſich, „es iſt undenkbar, daß der Himmel 
eine ſo haͤßliche Seele in dieſes Meiſterwerk der Natur gelegt 
haben könne, ich gebe zu, daß ſie nicht ſauber angezogen war, 


268 


als ich fie ſah, aber ihre Scham bewies, daß fie es nicht ge⸗ 
wohnt war, ſich ſo zu ſehen. Wie, ſie waͤre ſchlecht mit die⸗ 
ſem bezaubernden Ausdruck von Beſcheidenheit und Sanft⸗ 
mut! Das will mir nicht in den Kopf. Eher glaube ich, daß 
die Königin fie jo verleumdet; man iſt nicht umſonſt Stief⸗ 
mutter; die Prinzeſſin Forellchen iſt eine fo garſtige Kreatur, 
daß es nicht verwunderlich waͤre, wenn ſie das vollkommenſte 
aller Geſchoͤpfe beneiden wuͤrde.“ Waͤhrend er ſolches be⸗ 
dachte, merkten die ihn umgebenden Hoͤflinge wohl an ſei⸗ 
nen Mienen, daß ſie ihm keinen Dienſt erwieſen haͤtten, als 
ſie ſchlecht von Blumenſchoͤn redeten, und einer von ihnen, 
der beſonders gewandt war, wechſelte daher die Tonart; um 
die Geſinnung des Fuͤrſten kennenzulernen, begann er allerlei 
Wunderbares von Blumenſchoͤn zu erzählen. Bei dieſen 
Worten erwachte Reizvoll wie aus einem Traum, griff haſtig 
in das Geſpraͤch ein und Freude malte ſich auf ſeinen Zuͤgen: 
o Liebe, Liebe, wie ſchwer biſt du zu verbergen! 

Die Königin war ungeduldig, zu erfahren, wie der Eindruck 
auf den Fürften geweſen wäre, fie ſchickte nach ihren Ver⸗ 
trauten und verbrachte die Nacht damit, ſie auszufragen, und 
alles, was fie berichteten, beſtäͤrkte fie in ihrer Anſicht, daß 
der Fuͤrſt nur Blumenſchoͤn liebe. 

Aber was ſoll ich von der Schwermut dieſer Prinzeſſin er⸗ 
zaͤhlen? Sie lag im Verließ des ſchrecklichen Turmes, in den 
fie die vermummten Männer gebracht hatten, auf dem 
Boden. „Weniger wäre ich zu beklagen,“ ſagte ſie, „wenn 
man mich hierher gebracht haͤtte, ehe ich dieſen liebens⸗ 
würdigen König ſah. Die Erinnerung an ihn vermehrt 
meine Qual; ich bin ſicher, daß die Koͤnigin nur deshalb ſo 
grauſam mit mir verfaͤhrt, um mich zu hindern, ihn weiterhin 
zu ſehen. Weh, daß das bißchen Schoͤnheit, das mir der Him⸗ 
mel verlieh, mir meine Seelenruhe koſtet!“ Sie weinte ſo 
bitterlich, daß ihre erbittertſte Feindin ſich ihrer erbarmt 
hätte, hätte fie ihren Schmerz geſehen. 

Die Koͤnigin uͤberhaͤufte indes Reizvoll mit koſtbaren Ge⸗ 
ſchenken und machte ihn ſogar zum Ritter des Liebesordens, 


269 


am andern Morgen erwachte, befand fie ſich im Haufe ihres 
Vaters und laͤutete eine Glocke, die neben ihrem Bett ſtand; 
ſogleich kam eine Magd, die bei ihrem Anblick einen lauten 
Schrei ausſtieß. Im Nebenzimmer fand ſich ein Koffer voll 
goldgeſtickter Kleider, die das Ungeheuer hergeſchickt hatte. 
Auf die Nachricht von der Heimkehr der Schoͤnheit hin er⸗ 
ſchienen die Schweſtern mit ihren Gatten auf Beſuch; beide 
waren ſehr ungluͤcklich verheiratet, und ihre Eiferſucht auf die 
juͤngſte, deren Kleider ſie beneideten, erwachte von neuem, 
zumal da ſie erfuhren, wie gut es ihr gehe. „Schweſter,“ ſagte 
die Alteſte, „mir kommt ein Gedanke. Verſuchen wir, ſie 
laͤnger als acht Tage hierzubehalten, ihr dummes Tier wird 
daruͤber ergrimmt ſein, daß ſie ihr Wort bricht, und wird ſie 
vielleicht freſſen.“ „Du haſt recht, Schweſter!“ entgegnete 
die andere, „zu dieſem Zwecke muͤſſen wir ihr ſchmeicheln.“ 
Als ſie dieſen Entſchluß gefaßt hatten, traten ſie wieder zur 
Schoͤnheit und erwieſen ihr ſo viel Liebesdienſte, daß jene 
vor Freude Traͤnen vergoß. Als die acht Tage verſtrichen 
waren, rauften ſich die Schweſtern die Haare aus und 
heuchelten einen ſolchen Gram uͤber ihre Abreiſe, daß ſie ver⸗ 
ſprach, noch weitere acht Tage zu bleiben. 

Indeſſen hielt ſich die Schoͤnheit den Kummer vor, den ſie 
ihrem armen Tiere bereiten wuͤrde, das ſie ſo von Herzen 
liebte, und ſie ſehnte ſich danach, es zu ſehen. In der zehnten 
Nacht, die ſie bei ihrem Vater verbrachte, traͤumte ihr, ſie ſei 
im Garten des Palaſtes und erblicke das Tier halbtot im Graſe 
liegen. Die Schoͤnheit er vachte ploͤtzlich und vergoß Traͤnen. 
„Bin ich nicht ſehr ſchlech.,“ ſagte ſie, „das Tier zu betruͤben, 
daß mir ſtets ſo gefaͤllig war? Auf, ich will es nicht ungluͤck⸗ 
lich machen.“ Bei dieſen Worten erhob ſich die Schoͤnheit, 
legte den Ring auf den Tiſch und ging dann wieder ſchlafen. 
Kaum war ſie in ihrem Bett, als ſie einſchlummerte, und wie 
ſie am andern Morgen erwachte, ſah ſie mit Freuden, daß 
ſie im Palaſte des Tieres ſei. Sie kleidete ſich praͤchtig, um 
ihm zu gefallen und ſehnte ſich den ganzen Tag uͤber faſt zu 
Tode, indem ſie auf die neunte Stunde wartete. Aber um⸗ 


302 


1 


| 


ſonſt ſchlug die Uhr, das Tier zeigte fich nicht. Die Schönheit 
fuͤrchtete ſchon, ſeinen Tod auf dem Gewiſſen zu haben. Sie 
lief durch das ganze Schloß und ſchrie laut, ſie war ganz ver⸗ 
zweifelt. Nachdem ſie uͤberall geſucht hatte, erinnerte ſie ſich 
ihres Traumes, ſie lief in den Garten und fand dort das arme 
Tier beſinnungslos ausgeſtreckt, ſo daß ſie glaubte, es ſei tot. 
Sie warf ſich uͤber es, ohne vor ſeiner Geſtalt zu erſchrecken 
und fuͤhlte, daß ſein Herz noch ſchlug; ſie ſchoͤpfte Waſſer aus 
dem Kanal und goß es ihm uͤber den Kopf. Das Tier oͤffnete 
die Augen und ſagte zur Schoͤnheit: „Ihr hattet Euer Ver⸗ 
ſprechen vergeſſen und der Gram, Euch verloren zu haben, 
hat mir den Entſchluß eingegeben, den Hungertod zu leiden. 
Aber ich ſterbe beruhigt, da ich das Gluͤck habe, Euch noch ein⸗ 
mal zu ſehen.“ „Nein, mein teures Tier,“ ſagte die Schoͤn⸗ 
heit, „du ſollſt nicht ſterben, du ſollſt leben, um mein Gatte 
zu werden; ich gebe dir meine Hand und ſchwoͤre, daß ich nur 
dir angehoͤren will!“ Kaum hatte die Schoͤnheit dieſe Worte 
geſprochen, als ſie das Schloß in hellſtem Lichte erſtrahlen 
ſah, ein Feuerwerk wurde abgebrannt und Muſik ertoͤnte; 
alles ſchien auf ein Feſt hinzudeuten. Aber all dieſe Pracht 
konnte ſie nicht feſſeln: ſie wandte ſich zu ihrem teuern Tier, 
deſſen Gefahr ſie zittern machte. Aber wie groß war ihre 
Überrafchung! Das Tier war verſchwunden, und fie ſah zu 
ihren Fuͤßen einen Prinzen, der ſchoͤn war wie Amor ſelbſt 
und der ihr dafuͤr dankte, daß ſie ſeinen Zauber gebrochen 
hätte, „Eine boͤſe Fee hatte mich verflucht, in Tiergeſtalt zu 
verharren, bis eine ſchoͤne Jungfrau einwilligte, mich zum 
Gatten zu nehmen. Ihr waret der einzige Menſch auf der 
Welt, der ſich von meiner Guͤte ruͤhren ließ, und ich erfuͤlle 
nur eine Dankespflicht, wenn ich Euch meine Krone anbiete.“ 
Sie begaben ſich in das Reich des Prinzen, deſſen Unter⸗ 
tanen ihn mit Freuden wiederkehren ſahen, und er heiratete 
die Schoͤnheit, welche lange Jahre mit ihm lebte. Ihr Gluͤck 
aber war ein vollkommenes, denn es war auf die Tugend 
begruͤndet. 


303 


Quellennachweiſe und Anmerkungen 


1. Quelle: Elie de St. Gilles, herausgegeben von W. Foͤrſter, Heilbronn 
1876—82, V1805— 2055, zum Teil gekuͤrzt. Der Elie de St. Gilles ſtellt 
nur eine Überarbeitung eines Älteren Epos dar, deſſen Entſtehung in 
den Anfang des 13. Jahrhunderts fällt und das auch der nordiſchen 
Elissaga ok Rosamundu zugrunde liegt. Die Grundlage des Elie iſt 
das Goldenermaͤrchen (KHM 136 f. unter Nr. 5); Galopin, ein kobold⸗ 
artiges Weſen, entſpricht dem Eiſenhans des Maͤrchens. Dieſem kommt 
es zu, dem Helden Roß und Ruͤſtung zu verſchaffen, mit welchen er ſeine 

Adelsprobe ablegen muß. Um die Herkunft des daͤmoniſchen Roſſes 
zu erklaren, ſchob der Eliedichter eine Epifode aus dem Meifterdieb: 
märchen ein (vgl. KHM 1%, Bolte und Polivka: Anmerkungen zu 
Grimms Maͤrchen, Leipzig 1913—18, III 379, Aarne: Verzeichnis der 
Maͤrchentypen Nr. 1525). In modernen franzoͤſiſchen Sammlungen 
findet ſich die Pferdediebſtahlsgeſchichte gewoͤhnlich als die zweite der 
dem Meiſterdieb geſtellten Aufgaben u. a. an folgenden Stellen: Sébillot 
orale S. 112, Cosqin Nr. 70, Fleury S. 167, Revue des trad. pop. 
IX 343, XI 102. Zum Vergleich folge hier die entſpechende Epiſode 
in der normanniſchen Verſion bei Fleury: „Ich wette,“ ſagte der Herr, 
der den Meiſterdieb auf die Probe ſtellen wollte, „daß du mir meine 
Stute nicht ſtehlen wirſt. Ich mache dich darauf aufmerkſam, daß ſie 
gut bewacht ſein wird.“ „Ihr ſchenkt fie mir, wenn ich fie Euch ſtehle?“ 
„Mein Wort darauf. Aber ich bin ſicher, daß du ſie nicht ſtehlen wirſt.“ 
„Wir wollen ſehen.“ Die Stute wird drei Maͤnnern zur Bewachung 


anvertraut. Der erſte 13 darauf, der zweite haͤlt ſich an der Maͤhne, 


der dritte am Schwanze feſt. Der im Sattel iſt mit einem geladenen 
Gewehr verſehen. Eine zweifelhafte Geſtalt, wie ein Bettler gekleidet, 
mit leidendem Geſichtsausdruck naht ſich dem Trio. „Was tut ihr denn 
da, ihr Maͤnner?“ „Wir bewachen dieſe Stute ſeit heute morgen. Es 
heißt, jemand werde kommen, um ſie uns zu ſtehlen, aber wir haben 
noch keinen Menſchen kommen ſehen.“ „Das muß langweilig ſein.“ 
„Wahrhaftig, es iſt nicht unterhaltlich. Wenn wir wenigſtens etwas zu 
trinken hätten!" „Ich werde euch Apfelwein im Wirtshaus holen,“ 
ſagte der ſonderbare Fremde, „wenn ihr mir das Geld dazu geben 
wollt.“ „Das koͤnnen wir nicht abſchlagen, Freund.“ Man gibt ihm Geld, 
und kurz darauf kommt er vom Wirtshaus zuruͤck mit einer Ladung 
Apfelwein. Er hatte ſchlaffoͤrdernde Stoffe hineingemengt, aber nur 
in das eine Gefaͤß. Sie luden ihn ein, mit ihnen zu zechen. Er nahm an 
und goß ſich von dem Apfelwein ein, der nicht vermiſcht war, dann tat 
er, als wolle er ſich entfernen. Die Wächter tranken ihre beiden Gefäße 
aus und fielen alsbald in tiefen Schlaf. Der Spitzbube kommt wieder. 
Er ſtoͤßt Pfloͤcke in den weichen Boden und richtet es ſo ein, daß er den 
Sattel mitſamt dem Reiter aufhebt und in der Luft ſchwebend erhält; 
dann ſchneidet er die Zuͤgel des Pferdes durch, bringt den Schwanz des⸗ 
ſelben frei und läßt das Tier hinter ſich hergehen. Als die Wächter er: 
wachten, waren ſie ſehr erſtaunt, der eine hielt die Zuͤgel ohne Roß, der 


304 


andere eine Handvoll Haare, der dritte fühlte ſich auf dem Sattel in der 
Luft ſchweben, waͤhrend die Stute fort war. 


2. Quelle: Huon de Bordeaux ed. M. F. Gueſſard, Paris 1860, v. 3193 


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bis 3732 und 5395—5834, zum Teil im Auszug. Dem Huonepos, das 
um 1220 verfaßt wurde, liegt das Märchen vom Bärenfohn zugrunde 
(vgl. Voretzſch: Epiſche Studien I Halle 1900). Der Waldhausepiſode 
des Maͤrchens entſpricht die Szene in Oberons Zauberwald, wo der 
Held zuerſt feindlich mit dem Elben zuſammenſtoͤßt, ſich aber dann 
deſſen Hilfe verſichert. Der Palaſt des Emirs jenſeits des Roten Meeres 
mit ſeinen vier Bruͤcken tritt an Stelle der Unterwelt des Maͤrchens, 
Gaudiſe an Stelle des die Jungfrau bewachenden Drachens oder Teu⸗ 
fels. Auf die gleiche Grundlage wie der Huon geht die germaniſche 
Ortnitſage zuruͤck, die freilich nach dem Muſter der Werbungsſagen um⸗ 
geſtaltet wurde. Auch in der Nibelungenſage tritt Alberich zunaͤchſt feind⸗ 
lich, dann hilfreich auf. Kür das Baͤrenſohnmaͤrchen wird urfraͤnkiſcher 
Beſitz wahrſcheinlich. Zum Baͤrenſohnmaͤrchen vgl. KHM 91, 166, Bolte⸗ 
Polivka II 297, Aarne 301 und beſonders: F. Panzer: Studien zur ger⸗ 
maniſchen Sagengeſchichte, Muͤnchen 1910—12. Oberons Wunſchdinge 
ſind gleichfalls maͤrchenhafter Natur. Das Horn, das jeden, der es hoͤrt, 
ſingen und — wie in der ſpaͤteren Peofafaflung erft deutlich ausgeſprochen 
wird — auch tanzen macht, entſpricht der Tanzgeige des Typus vom 
Juden im Dorn (KHM 110, Aarne 592), die Verknuͤpfung des Elben 
mit dem Horn geht auf bretoniſchen Volks glauben zuruͤck: auf feenartige 
Waldgeiſter, die ſog. Kornikaneds, welche auf kleinen Hoͤrnern blaſen (vgl. 
GSebillot: Folklore de France 1268). Zur Feenepiſode bei Oberons Ge: 
burt vgl. man das Dornroͤschenmaͤrchen (ſ. unter Nr. 19). Eine moderne 
Variante des Baͤrenſohnmaͤrchens ſ. unter Nr. II 53. 


Quelle: Berthe aus grans pies par Adenes li rois ed. par M. Scheler, 
Bruxelles 1874, V 289—677, 1753—2159 gekuͤrzt. Das Werk des Spiel: 
manns Adenet, das der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts angehört, 
nennt Léon Gautier (Epopée francaise II 10) den beſten Roman der 
Verfallszeit. Der Berthaſage liegt das Märchen von der unter: 
geſchobenen Braut zugrunde, das ſich noch klarer in der Faſſung 
der bayriſchen Chronik von a ephan hervorhebt. Die Chronik be: 
wahrt die Maͤrcheneinleitung: „Liebe durch Bild erweckt“, waͤhrend das 
Epos dafür die aus Werbungsſagen entnommene Verſammlung der 
Barone einſetzt. Ferner findet in der deutſchen Verſion die Unterſchie⸗ 
bung maͤrchenecht auf dem Wege zur Hochzeit ſtatt, waͤhrend Adenets 
Brautnachtſzene den deutlichen Einfluß der Triſtanſage verrät. Mit der 
Ausſetzung im Walde lenkt die Sage in den Genovevatypus uͤber. Da 
moderne fraͤnk'ſche Märchen (KHM 135, Wolf LMS 19, Bechſtein S. 203) 
am naͤchſten zur Berthaſage ſtimmen, ſo wird die Entſtehung der letzteren 
auf fraͤnkiſchem Boden wahrſcheinlich, das Maͤrchen von der unter⸗ 
geſchobenen Braut ift alſo ebenſo wie das vorige zum urfränfifchen Beſitz 
zu rechnen. Aus der Mißgeſtalt Berthas glaubte man fruͤher auf eine 
mythiſche Ableitung der Sage ſchließen zu duͤrfen, indem man ihre 
difformen Füße mit ähnlichen Abnormitäten des oberdeutſchen Spinn⸗ 
daͤmons Perchtha in Verbindung brachte. Eher erklaren ſich die breiten 
Füße aus dem Märchen ſelbſt, in deſſen meiſten Varianten die ins Waſſer 


20 Franz. Märchen 1 305 


geworfene echte Braut als Ente auftritt. Ein weiterer Zweig des Maͤr⸗ 
chens läßt ſich in Saxos Daͤnengeſchichte, ein dritter im Kap. 12 der 
Volsungasaga nachweiſen, auch ein vierter zeigt unverkennbare Be⸗ 
iehungen zur germaniſchen Heldenſage, der ganze Kreis darf alſo wohl 
ſchon der germaniſchen Voͤlkerwanderungszeit zugewieſen werden. 
da 5 Märchen vgl. KHM 11, 13, 89, 135, 189 mit den Anmerkungen 
ei Bolte⸗Polivka, Aarne 403, und namentlich Arfert: Der Maͤrchen⸗ 
typus von der untergeſchobenen Braut, Roſtocker Diff. 1897. Zur Bertha: 


ſage vgl. A. Feiſt: Zur Kritik der Berthaſage, Marburg 1886, G. Paris: 


poëtique de Charlemagne. Moderne franzoͤſiſche Faſſungen ſind 


lam beiten im Oſten und in der Bretagne erhalten, gegen Süden zu 


nehmen fie an Klarheit ab. Vgl. unter Nr. 13 f, 150, II 11, und II 34. 


4. Quelle: Partonopeus de Blois, ed. G. A. Crapelet, Paris 1834, V 709 


bis 1560, 1900 —1946, 4342 —4556 ſtark gekürzt, mit teilweiſer Benutzung 
der Überſetzung von A. v. Keller: Altfranzoͤſiſche Sagen, Heilbronn 1876 
S. 332 ff. Das Epos, das der erſten Hälfte des 13. Jahrhunderts ange⸗ 
hoͤrt, erfreute ſich im Mittelalter großer Beliebtheit. Es wurde von Konrad 
v. Wuͤrzburg ins Mittelhochdeutſche uͤbertragen und bot auch die Vor⸗ 
lage zu einer aisld. Saga. Vgl. Kölbing: Germaniſche Studien II 119, 
Look: Straßburger Dif. 1881, Trampe⸗Boͤdtker: P. de Blois, Kriſtiania 
1904. Die Quelle des Epos war das Maͤrchen von Amor und 
Pſyche, deſſen aͤlteſte literariſche Variante aus dem 1. Jahrhundert 
n. Chr. ſtammt. Vgl. KAM 88, Bolte⸗Polivka II 229, Aarne 425, 
R. Reitzenſtein: Das Märchen von Amor und Pſyche, Leipzig⸗Berlin 


1912 und S.⸗Ber. Heidelberger Akademie 1914, E. Tegethoff: Rheiniſche 


Beiträge zu germaniſcher Philologie und Volkskunde, Nr. 4, Bonn 1922. 
Wahrend in der fpätantilen Faſſung wie auch in den meiſten volks⸗ 
mäßigen Varianten des Maͤrchens der Elbe männlich, der menſchliche 
Teil aber weiblich iſt, wurde im Mittelalter das Verhaltnis der Ge: 
ſchlechter umgekehrt: der neugierige Lauſcher iſt zum Manne geworden. 
Dieſe Umdrehung wurde durch den Zeitgeſchmack und durch den Ein⸗ 
ers einer verwandten Maͤrchengruppe hervorgerufen, über diefe ſ. unter 

r. 15 a. Das Pſychemaͤrchen gehoͤrt zum großen Sagenkreis von der 
geftörten Mahrtenehe, zu dieſem vgl. noch unter Nr. 7, 15 a, b, 30, 33 
und 1113. Der Urſprung der ganzen Gruppe duͤrfte mit Laiſtner (Raͤtſel 
der Sphinx, Stuttgart 1889) in Alptraumvorſtellungen zu ſuchen ſein. 
Das uͤbertretene Sehverbot begegnet im neufranzoͤſiſchen Märchen noch 
bei Blade I 15 und bei Fleury S. 135. Die entſprechende Stelle bei 
Fleury lautet folgendermaßen: Als er (der Elbe, der hier in Tiergeſtalt 
auftritt) nachts in der Finſternis bei ihr (ſeiner menſchlichen Geliebten) 
lag, ſchien es ihr, als habe er nicht mehr ſein abſchreckendes Außeres. 
Eines Nachts konnte ſie ſich nicht mehr halten, ſie beſchloß, ſich zu ver⸗ 
e Sie erhob ſich ganz leiſe und ging mit bloßen Fuͤßen hin, 
eine Kerze zu ſuchen, und, uͤberzeugt, daß ihr Gatte feſt ſchlief, betrachtete 
fie ihn. Er war der ſchoͤnſte Prinz von der Welt, nie hätte fie gewagt, 
ſo viel Schoͤnheit und Grazie fuͤr ihren Gatten zu ertraͤumen. In ihrer 
Freude machte ſie eine Bewegung, ein heißer Talgtropfen fiel auf das 
Geſicht des Schläferd und er erwachte. „Deine Neugier hat uns beiden 
bitter weh getan. Jetzt muß ich fort!“ 


306 


a ne — — — — 2 i — — — 
— 27, 


Die in volksmäßigen Faſſungen der Kataſtrophe folgenden Formeln 
hat der mittelalterliche Dichter nicht verwertet. 


d. Quelle: Le roman de Robert le diable ed. Löſeth, Paris 1903 (in Soc. 


des. anc. textes), V 1705—1841, 2026—2088, 2213—2235, 3051—3093, 
3440—3500, 4465—4513, zum Teil gekuͤrzt, mit Benutzung der Über⸗ 
bann von A. v. Keller: Altfranzoͤſiſche Sagen S. 234 ff. Die Sage 
von Robert dem Teufel baut ſich auf das Goldenermärchen auf. 
Zu dieſem vgl. KHM 136, Bolte⸗Polivka III 94, Aarne 502 und beſonders 
die erſchoͤpfende Analyſe von F. Panzer: Hilde⸗Gudrun, Halle 1900. 
zn den Vorgängen des Romans iſt die Maͤrchenhandlung leicht erkenn⸗ 

ar: das dreitaͤgige Turnier des Maͤrchens iſt zur dreimaligen Sara: 
zenenſchlacht, der hilfreiche Eiſenhans zum Engel, die veraͤchtliche Be⸗ 
handlung des Gaͤrtnerburſchen zum Narrentum Roberts, das „Hennen⸗ 
haus“ endlich zur Hundehuͤtte unter der Stiege geworden. Die Neben⸗ 
buhler des Maͤrchens verkoͤrpert der Seneſchall, deſſen betruͤgeriſcher 
Verſuch aus einem anderen Maͤrchenkreiſe, dem von den beiden Bruͤ⸗ 
dern (KHM 60) ſtammt. Das Ganze ging in den Kreis der Legende Über 
und ſchmuͤckte ſich mit Wundern und Erſcheinungen. Zur Sage vgl. 
du Meril: Etudes sur quelque points d’archeologie S. 273 ff. und beſ.: 
Breul: Sir Gowther, Oppeln 1886. Die Tatſache, daß die Kreuzzuͤge 
noch nicht als Mittel zur Suͤhne erwaͤhnt werden, laͤßt die Entſtehung 
der Sage am Ende des 11. Jahrhunderts wahrſcheinlich werden, waͤh⸗ 
rend die aͤlteſten Handſchriften erſt dem Ende des 12. Jahrhunderts an⸗ 

ehoͤren. Der von einem pikardiſchen und einem walloniſchen Bearbeiter 
uͤberlieferte Text war wohl urſpruͤnglich normanniſch. Das Goldener⸗ 
maͤrchen iſt in neufranzoͤſiſchen Sammlungen haͤufig, mehrere davon 
(Luzel II 296, Vinſon S. 56, Revue des trad. pop. IX 173) zeigen 
noch die im Robert beobachtete Verbindung mit der Verraͤterepiſode 
des Bruͤdermaͤrchens. Die Flucht des unerkannten Helden erſcheint bei 
Pineau S. 11, Carnoy: Frangais S. 43, Cosquin 43 und Luzel II 296, 
die Verwundung bei Cosquin 12 und in den deutſchen Varianten, die 
überhaupt das Märchen treuer bewahrt zu haben ſcheinen. Eine Ver⸗ 
gleichung der deutſchen mit den franzoͤſiſchen Varianten ſowie mit den 
mittelalterlichen Bearbeitungen des Goldenerſtoffes gibt der Vermutung 
Raum, daß auch das Goldenermaͤrchen ſchon fränfifcher Urbeſitz war. 


6. Quelle: Perceval le Gallois ou le Conte du Graal p. p. Ch. Potvin, 


Tome II: le pu&me de Chrestien de Troyes Vers 4173—4605. Das 
Geheimnis des Grals iſt von der Wiſſenſchaft noch keineswegs enthüllt. 
Abzulehnen iſt wohl die Anſicht Birch⸗Hirſchfelds (Die Sage vom Gral, 
Leipzig 1877), der die Sage nur aus „ Quellen 
erklaͤren moͤchte. Eher iſt von der keltiſchen Heimat Parzivals auszu⸗ 
gehen und der Gral mit dem Becken von Diwrnah, das niemand un⸗ 
gefättigt entlaͤßt, dem Korb Gwyddneus, der Pfanne mit den Tellern 
von Rhegynydd Yfgolhaig zu vergleichen, freilich hat dann ſpaͤter eine 
Verſchmelzung dieſer heimiſchen Sagen und Maͤrchen mit der chriſtlichen 
Legende ſtattgefunden (ſo E. Wechßler, Halle 1898). Ob man dieſe 
ſpeiſeſpendenden Gefäße über das keltiſche hinaus mit L. v. Schröder 
(WSB 166,, 1911) an altariſche Mythen von der Sonne als Breitopf an: 
naͤhern darf, bleibe dahingeſtellt. Jedenfalls duͤrfte die Gralsvorſtellung 


* 307 


1 


auf die gleiche Wurzel zuruͤckgehen wie das Märchen vom füßen Brei 
(KHM 103, vgl. Bolte⸗Polivka II 438, Aarne 565). — Der Parzivalſage 
dagegen liegt ein keltiſches Dummlingsmaͤrchen zugrunde und der Be⸗ 
ſuch in der 0 zweifellos als eine Unterweltsfahrt aufzufaſſen, 
näheres über dieſes Märchen wird ſich kaum mehr angeben laſſen, und 
das im 19. Jahrhundert geſammelte Peronnikmaͤrchen (unten Nr. II 35) 
iſt kaum mit V. Junk (WSB 168,, 1911) als die Grundlage der Parzival⸗ 
ſage anzuſehen, ſondern als ein Nachklang derſelben. Zur Parzivalſage 
vgl. beſonders Miß J. Weſton: The legend of Sir Perceval, London 
1906—09 = Grimm Library 17, 19. — Weitere Maͤrchenmotive in 
Chreſtiens Parzival ſind die von der Koͤnigstochter, die nicht lachen kann 
(2230ff. zu KHM 64), die Lehren Gurnemanz' (2831ff. ſ. unter Nr. II 36), 
die drei Blutstropfen (5565 vgl. Bolte⸗Polivka I 462), die Kundry⸗ 
epiſode (5981 ff.; vgl. Maynadier: The Wifes of Bath Tale, London 1901), 
das wunderbare Bett (9191ff. zu KHM 4) und die Befreiung der Jung⸗ 
frauen aus dem Chastel merveil (vgl. Ehrismann in PBB XXX). 


7. Quelle: Chriſtian von Troyes: Yvain, herausgegeben von W. Foͤrſter⸗ 


Romaniſche Bibl. V, Halle? 1902, Vers 747—2773 im Auszug. Der 
Iwein gehört mit dem Parthonopier, dem Lanval und dem Ponee zu 
dem im Mittelalter weit verbreiteten Stoff von der geftsrten 
Mahrtenehe. Die Urform erzaͤhlte wohl, daß der Held nach Über⸗ 
windung des Waͤchters in die Unterwelt eindringt und dort die Liebe 
einer Elbin erwirbt. Bald aber treibt ihn die Sehnſucht auf die Menſchen⸗ 
welt zuruͤck und die Elbin entlaͤßt ihn, doch mit dem Verbot, eine ge⸗ 
wiſſe Zeitgrenze zu uͤberſchreiten. Wie in allen Maͤrchen dieſer Art 
uͤbertritt er das Verbot und verliert dadurch die Elbin, die er na 

muͤhevoller Wanderung im Seelenlande . muß. Chrétien 
hat den Stoff dadurch bereichert, daß er den Waͤchter zum Gatten der 
Elbin machte, wodurch er Gelegenheit bekam, das Motiv von der 
Matrone von Epheſus (vgl. ee: Die Wanderung der Nov. 
von der treuloſen Witwe d. d. Weltlit. 1886) einzuflechten. Die 
Donnerquelle im Walde von Broceliande lebt noch heute in bretoni⸗ 
ſcher Volksſage fort (Souveſtre II 78), ſie entſtammt einer Lokalſage, 
die auch in der Schweiz (Pilatusſee) und Tirol begegnet, alſo wohl 
urkeltiſch iſt. (Vgl. ZVfVkEk XVII 56, Sébillot: Folkl. 1 243, II 223, 


3272, 464, Rdtp XVI 451). Zu den Quellen des Yvain vgl. Baiſt in 


Zfrom Phil. XXI 402 und J. Brown: Iwain, Boſton 1903. Nahe 
verwandt iſt der Stoff des „Deaus desconn&us“ und die Freudenhof⸗ 


epiſode des Erec (vgl. Philippot in Romania XXV 258). 
8. Quelle: Proſa des MS 781 der Bibl. nat. Paris, abgedruckt von H. A. 


Todd in Publications of the modern language association IV 95, Bal⸗ 
timore 1889. Leicht gekuͤrzt. Es beſtehen vier Faſſungen der Schwan⸗ 
kinderſage, deren älteſte nach muͤndlicher Überlieferung in den Dolo⸗ 
pathos des Lothringers Joh. de Haute Seille aufgenommen wurde, 
waͤhrend die hier uͤberſetzte Proſa der juͤngſten Verſion, die aber auch 
noch der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts angehören dürfte, ent⸗ 
ſpricht. Über die verſchiedenen Faſſungen vgl. G. Paris in Romania 
XIX 314. der Sage zugrunde liegende Maͤrchen iſt eine Kom⸗ 
poſition aus zwei urſpruͤnglich getrennten Typen. Das eine, der Typus 


808 


N 
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4. 
F . —————— 


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10 


0 


von der verleumdeten Frau oder kurz der Genovevatyp begegnet 
Kor ſehr früh in germanifchen Ländern und es ſteht nichts im Wege, 
ür ihn germaniſchen Urſprung zu reklamieren. Zu dieſem Typ, dem 
die Fortnahme der Kinder und die Unterſchiebung der Hunde, dann auch 
die Errettung der Mutter vor dem Feuertode entſtammen, vgl. KHM 3, 
9, 31, 49, 96 und die Anmerkungen Bolte⸗Polivka's, Aarne 706, 710. 
Das Maͤrchen von den in Tiere verwandelten Knaben und ihre Erloͤſung 
durch ihre Schweſter, das hier in feinem letzten Teil verblaßt iſt, dürfte 
keltiſchen Urſprungs ſein. Der Name Helias wird am einleuchtendſten 
aus kelt: ealadh „Schwan“ gedeutet, keltiſch iſt das Circemotiv der Tier⸗ 
wandlung durch die Hexe (hier gleichfalls verwiſcht), keltiſch endlich die 
Manifeſtation der Lichtgoͤtter in Schwangeſtalt. Zu dieſer vgl. beſonders 
Bloͤte in ZfdA 38, 272. Eine iriſche Faſſung des Schwankinder⸗ 
maͤrchens „the fate of the children of Lir“ liegt aus dem 17. Fahr: 
hundert vor, vgl. Loth in Romania XXI 62. Zu deutſchen Faſſungen 
dieſes Maͤrchens vgl. KHM 9, 25, 49 mit Anmerkungen, Aarne 451, eine 
bretonifche unten Nr. II 34. Zum Genovevatypus vgl. noch unten Nr. 9, 
111, 116, II 21. Die Einleitung der Beatrixfaſſung entſtammt der bekann⸗ 
ten Welfenſage. Zu dieſer vgl. DS 515, 517, 571, 578, Liebrecht: Zur 
Volkskunde S. 21 (franzoͤſiſche Verſionen: Rdtp XIII 680, XXIV 52, 
Beranger:Feraud S. 215). Die Schwankinderſage wurde ſekundaͤr an 
die zum Kreiſe von der geſtoͤrten Mahrtenehe gehoͤrige Lohengrinſage 
angeſchloſſen. 
Quelle: Oeuvres po6tiques de Philippe de Beaumanoir, herausgegeben 
von H. Suchier in Soc. d. a. t., Paris 1884. I. Band: La Manekine, 
Vers 49—1000 und 1161—3883 im Auszug. Der verſuchte Joel des 
erſten Teiles entfpricht dem Allerleirauhmaͤrchen (KHM 65), waͤh⸗ 
rend der zweite Teil, getreu den volkstuͤmlichen Varianten folgend, das 
Märchen vom Mädchen ohne Hände erzählt, das mit dem Schwan⸗ 
kindermaͤrchen und der Kreszentiaſage in den Kreis der geduldigen 
Frau gehoͤrt. Über die mittelalterlichen Parallelen des Stoffes vgl. 
die Einl. Suchiers und BP I 298. Eine moderne Verſion ſ. unter II 6. 
Quelle: Le roman de Renart p. p. E. Martin, Straßburg 1889, 
Branche III. Das aͤlteſte europäiſche Denkmal für volkstuͤmliche Tier: 
maͤrchen iſt der um 1148 in Flandern entſtandene Pſengrimus; um 
30 Jahre ſpaͤter wird von Martin die Sammlung franzoͤſiſcher Tier⸗ 
maͤrchen angeſetzt, die dem übrigen abendländifchen Tierepos als Quelle 
diente. Die Herkunft der mittelalterlichen Tiermarchen iſt eine ver: 
ſchiedene. Das Maͤrchen vom Fiſchfang mit dem Schwanze iſt ein 
nordgermaniſches aͤtiologiſches Märchen, das den kurzen Schwanz des 
Bären, der im Mittelpunkt der nordiſchen Tiermärchenkette als Gegen: 
ſpieler des Fuchſes ſteht, erklaren will. Der Bär wurde weſteuropäiſch 
unter dem Einfluß der aͤſopiſchen Fabel durch den Wolf erſetzt. Zum 
Märchen vgl. Krohn: Journal de la société finno-ougr. VI 25, Voretzſch: 
Zfrom Phil XV 348, Bolte⸗Polivka II 113, Aarne 2. Das Märchen iſt 
im Epos ſowie in volkstümlichen Faſſungen in drei Formen überliefert, 
von denen die des Renart III die mittlere darſtellt. Die erſte Form 
kennt keinen Eimer, die dritte vergißt das Einfrieren und läßt den Eimer 
mit Steinen beſchweren. Zu den vorhergehenden Epiſoden vom Fuchs 


309 


4 


. 
* 


und den Heringen vgl. Krohn VI 46, Aarne 1, zur Wolfstonſur: 
Zfrom Phil XV 344. Weitere Tiermaͤrchen ſ. unter 110, 17 a, o, 23 a, 
III6, 45, 48. 

11. a) Quelle: Jacques de Vitry: The exempla, ed. T. F. Crane, London 
1890, Nr. 13. Vgl. die Anmerkungen bei Crane, Oeſterley zu Pauli 398. 
Ferner franzoͤſiſch bei Marie de France Fables 53, Rabelais III 34 
Sebillot: Auvergne S. 43, Annales des trad. pop. . 

b) Quelle: ebd. Nr. 109. Parallelen zu dieſer im Mittelalter weit: 
verbreiteten juͤdiſchen Parabel vgl. Crane zu 109, Oeſterley zu Gesta 
Roman. 80, zu Pauli 682, Islaendsk Ae v. v. Gering II 247, Euling zu 
Kaufringer 1, Reinh. Köhler: Kleine Schriften I 141, 578, 581, v. d. 
Leyen: Das Märchen? S. 104, Amalfi in ZVfVkk V 76, Melufine 
II 258, Archiv für Religionswiſſ. XII 273, Reinh. Köhler in ZVfVkk 
58 zu Gonzenbach 92. Neufranzoͤſiſch in Luzel: Legendes chré- 
tiennes I 282. 

o) Quelle: ebd. Nr. 174. Die aͤſopiſche Fabel laͤßt ſich über Gregor 
v. Tours (IV 9), die Predigten, das Tierepos (Renart XIV647, XVI 704) 
und Lafontaines Fabeln (III 17) bis in moderne Maͤrchenſammlungen 
verfolgen. Vgl. Bolte⸗Polivka zu KHM 73, Aarne 41. 

d) Quelle: Etienne de Bourbon: Anecdotes histor.ques ed. Recon de 
la Marche, Paris 1877 Nr. 26. Vgl. Bolte⸗Polivka III 463 zu Grimms 
Kinderlegenden Nr. 6. In modernen Faſſungen meiſt mit dem Motiv 
vom gruͤnenden Stab verbunden vgl. Luzel: Leg. chret. 1204, Aarne 756. 
e) Quelle: ebd. Nr. 86 vgl. KHM 152, Bolte-Poliofa III 214, Aarne 922. 
f) Quelle: ebd. Nr. 136. Die legendenhafte Faſſung des Maͤrchens 
von der unſchuldig leidenden Frau, die man meiſt Kreszentiaſage 
nennt, war im Mittelalter ſehr verbreitet; vgl. die mhd. Kaiſerchronik. 
Die Erzählung drang auch in den Sagenkreis von Karl dem Großen: 
das Epos Macaire und die Sage von Hildegard in Grimms DS 442, 
Vgl. Voretzſch: Epiſche Studien S. 297, G. Paris: Hist. poëtique de 
Charlemagne S. 396. Wallensfjöld: le conte de la femme chaste 
convoitée par son beau-fröre Helsingfors 1907. 

12. Quelle: Le roumans de Cleomades par Adenes li rois p. p., A. v. Haſſelt, 
Bruͤſſel 1865. Vers 1473—2500, 2648— 3976, 4527—5653 im Auszug 
Der mittelalterliche Fliegerroman iſt arabiſchen Urſprungs, er wurde 
von den Arabern mit nach Spanien gefuͤhrt, von wo ihn wahrſcheinlich 
Blanca von Caſtilien, die Tochter Ludwigs des Heiligen, im Jahre 1275 
nach Frankreich brachte und dem brabantiſchen Spielmann uͤbergab. 
Die Urform des Maͤrchens findet ſich in Tauſendundeiner Nacht, vgl. 
Chauvin V 221 Nr. 130 „Le ohe val enchanté“ und Sloufton: Popular 
Tales and fictions 1373, dort auch weitere Parallelen. Bolte⸗Polivka 
II 134 zu KHM 77 a. 

18. a) Quelle: Wilh. Hertz: Spielmannsbuch V. 237 ff., danach Proſa. Vgl. 
dazu die Anmerkungen a. a. O. S. 420, ferner Zfrom Phil. IV 88, 
Romania XXVI 449, Muſaffia WSB 119, Gautier S. 885, Magnum 
spec. exempl. 1286, VIII 84, Cäſarius v. Heiſterbach 117. Literatur: 
H. Wächter: Der Springer U. l. Fr., Erlanger Diff. 1899. Textabdruck 
von Foͤrſter in Rom. II 315. Der Stoff entſtammt einer Notiz Augu⸗ 
ſtins aus einer verlorenen Schrift Senecas. 


310 


a2 


Ja 


b) Quelle: Adgar: Marienlegenden ed. Neuhaus in altfrz. Bibl. IX 
Nr. 5 S. 20. Vgl. E. Wolter: Der Judenknabe, Halle 1879. 

c) Quelle: M. Moon: Nouveau Recueil de Fabliaux et Contes, 
Paris 1823, II 154, „de la Sougretaine“. Ausführliche Nachweiſe zu 
dem durch Maeterlinck wieder bekanntgewordenen Stoff gibt Toldo in 
ZVfVkk XV 129. Vgl. H. Watenphuhl: Die Geſchichte der Marien: 
legende von Beatrix, Goͤttinger Diſſ. Neuwied 1904. 

d) Quelle: ebd. II 443. N 

e) Quelle: ebd. II 331. Groͤber bezeichnet die Legende mit dem 
Schlagwort „Alaine“. Zum Stoff des Gang nach dem Eiſen⸗ 
hammer vgl. E. Cosquin: La légende du page de St. Elisabeth 1903, 
ZVfVkk XIII 107, XV 457, XVI 278, XX 406, Chauvin VIII 143, 
Gesta Romanorum 283. 

f) Quelle: ebd. II 256. Schlagwort: „Seneſchal“. Eine eigentuͤmliche 
Wendung des Märchens von der untergeſchobenen Braut, dem der 
legendariſche Schluß unurſpruͤnglich ſein duͤrfte. 


14. a) Quelle: Aucaſſin und Nicolette in der Überſetzung von Wilh. Hertz in 


feinem Spielmannsbuch“, Stuttgart, Berlin 1905, S. 277ff., ſtark ge: 
kuͤrzt. Der Chantefable, die zu Anfang des 13. Jahrhunderts wahr⸗ 
ſcheinlich im Hennegau geſchrieben wurde, liegt kein eigentliches Maͤr⸗ 
chen zugrunde, wohl aber enthält fie eine Reihe von Maͤrchenmotiven. 
Torelore iſt ein Gemiſch von Schildbuͤrger⸗ und Schlaraffenland, 
das Land Lirumlarum des deutſchen Maͤrchens, die verkehrte Welt; das 
Wort iſt ein Traͤllerlaut, der etwas Luſtiges, Leichtſinniges, Toͤrichtes 
und Verdrehtes bedeutet (W. Hertz). Über das Maͤnnerkindbett, das 
keineswegs nur ein Maͤrchenſcherz iſt, vgl. die Anmerkungen im Spiel: 
mannsbuch S. 443 ff., v. d. Leyen: Das Märchen ! S. 73. Die „Couvade“ 
iſt die einzige Erinnerung an die iberiſche Urbevoͤlkerung Suͤdfrankreichs. 
Die Spielmannsverkleidung iſt ein Motiv aus Maͤrchen von der ver⸗ 
geſſenen Braut, ſie kommt auch in der Sage vom „Grafen im Pfluge“ 
vor, vgl. Bolte⸗Polivka III 517. Maͤrchenhaft ift endlich auch die Form 
der Chantefable, die Fortführung des Textes durch gelegentlich einge: 
ſtreute Verſe. 

b) Quelle: Nouvelles frangoises du XIIIe siècle p. p., L. Moland et 
C. d' Hͤricault, Paris 1856, S. 3ff., „Li contes dou roi Constant 
P’Empereur“, Leicht gekürzt. Die Motive von der Verfolgung des Neu: 
geborenen durch ſeinen zukuͤnftigen Schwiegervater um einer Weis⸗ 
ſagung willen (vgl. Aarne 930) und von der Vertauſchung des Urias⸗ 
briefes mit dem Heiratsbefehl dient in modernen Maͤrchen meiſt als 
Einleitung zum Teufel mit den goldenen Haaren (ſo Luzel 186 
und Rdtp V 728; vgl. BP 1276 zu KHM 29, dort 1 286 weitere Literatur 
zur Konftantinfage). In Deutſchland wurde die Sage auf Heinrich III. 
übertragen (DS 1 480), die Hamletſage (vgl. Schick: Corpus Hamle- 
ticum) unterſcheidet ſich dadurch, daß der Held ſelbſt die Briefe ver⸗ 
tauſcht. Zu den Älteren romaniſchen Faſſungen des urſpruͤnglich orien⸗ 
taliſchen Stoffes vgl. beſonders W. Benary in ZfromPhil. XXXVII 617. 
c) Quelle: ebd. S. 35 ff., „Li amitiez de Ami et Amile“. Gekuͤrzt. 
Die Sage ſpiegelt das Brüdermärchen wieder (BP I 528 zu KHM60, 
Aarne 303), die Becher entſprechen den Lebenszeichen, die Vertretung 


311 


im Ehebett mit dem trennenden Schwert ſtimmt genau zum Märchen, 
waͤhrend die Verwandlung durch die Hexe durch die Krankheit des 
Amieus erſetzt iſt. Zu den verſchiedenen Faſſungen der Sage vgl. 
Koͤlbing in PBB IV 271, ferner Schwieger: Die Sage von A. und A., 
Berliner Progr. 1885. Eine moderne Faſſung ſ. unter II 49. Die 
Heilung des Freundes mit dem Blute der Kinder ſtimmt zum Maͤrchen 
vom getreuen Johannes (Bolte⸗Polivka I 42 zu KHM 6, Aarne 516), 
ſ. unter II 20. Verwandt ſind die Sagen von Alexander und Ludwig, 
von Olivier und Artus und von den Jakobsbruͤdern. 

d) Quelle: ebd. S. 85ff., „Li contes dou roi Flore et de la bielle 
Jehane“. Stark gekürzt. Das Märchen von der Wette auf die Treue 
der Frau (Cymbelinetyp) liegt auch dem Comte de Poitiers, dem 
Guillaume de Döle und dem Roman de la Violette zugrunde. Shake⸗ 
ſpeare folgte der Faſſung Boceaccios Dec. I 9. Vgl. G. Paris in 
Romania XXXII 481. Aarne 882. Eine moderne Verſion ſ. unter II 14. 


15. a) Proſabearbeitung der Überſetzung in Versform von Wilh. Hertz: Spiel: 


mannsbuch“ S. 88 ff. Der Lai der Marie de Franee gehört in den 
Maͤrchenkreis von der geſtoͤrten Mahrtenehe (f. oben Nr. 4), doch 
iſt der weibliche Elbe hier „ Der Lanval entſpricht genau 
dem deutſchen Märchen vom „König vom goldenen Berge” (KHM 92), 
Vgl. Bolte⸗Polivka II 318, Aarne 400, die Anmerkungen bei W. Hertz 
S. 368 ff., Warnckes Ausgabe der Lais der Marie in Suchiers Biblio. 
theca normannica mit den Anmerkungen von Reinh. Kohler S. LXXXI ff. 
und namentlich die Analyſe von F. Panzer in der Einleitung zum 
Seyfried de Ardemont des Albrecht von Scharffenberg in der Bibl. des 
Stuttgarter Lit. Ver. 227. 

b) Quelle: Proſa nach der Versbearbeitung von W. Hertz im Spiel⸗ 
mannsbuch S. 106 ff., dazu die Anmerkungen S. 379 ff. Das Märchen 
ſtellt eine wahrſcheinlich indiſche Variante des Kreiſes von der ge⸗ 


ſtoͤrten Mahrtenehe dar. Bolte⸗Polivka II 260, Aarne 432. Der 


tragiſche Schluß und die Vaterrache find nicht märchenhaft. Der Stoff 
erſcheint mehr als 500 Jahre ſpaͤter wieder in der franzoͤſiſchen Literatur, 
ſ. unten Nr. 30. 

e) Quelle: Proſa nach der Versbearbeitung von W. Hertz a. a. O. 
S. 157ff., dazu die Anmerkung S. 401, R. Kohler zu Warncke S. LXI. 
Das Maͤrchen, welches das Thema von der untergeſchobenen Braut 
(KHM 11, 13, 135, 141, 89, 198, Aarne 403, ſ. oben Nr. 3, 13f) um 
das Griſeldis motiv (Aarne 887) bereichert, lebt in modernen Volks⸗ 
liedern fort (Child III 63, Danm. g. Folkeviser V 13). Der Lai muß 
vor 1199, dem Jahre, in welchem das Erzbistum Dol aufgehoben 
wurde, entſtanden ſein. Zu dem in der Einleitung angeſchlagenen 
Welfenmotiv ſ. oben Nr. 8. Zu den Pflanzennamen der Heldinnen 
vgl. J. Grimm Kl. Schr. II 366. Aus modernen franzoͤſiſchen Maͤrchen 
ſtellen ſich dazu: boule de neige (Rdtp V 725), fleur d' pine (Luzel 1 119), 
épine- blanche (Souveſtre I 100), perceneige (Bolte-Polivfa II 204). 

d) Quelle: Proſa nach der Versbearbeitung von W. Hertz a. a. O. 
S. 171 ff., dazu die Anmerkung S. 407, R. Köhler zu Warncke S. C. 
An das Thema vom Graf von Gleichen (G. Paris: La po6sie du 
moyen äge, Paris 1895, II 109) heften ſich eine Anzahl von Märchen: 


312 


16. 


17, 


18. 


motiven, darunter das ſchon der Antike bekannte vom Schlangen: 
kraut (vgl. Bolte⸗Polivka 1128 zu KHM 16, Aarne 612). Dem zweiten 
Teil des Lai liegt ebenſo wie dem Roman von IIle et Galeron ein 
keltiſches Sneewittchenmaͤrchen zugrunde (vgl. A. Nutt in Folklore 
III 26, Bolte⸗Polivka I 455 zu KHM 53, Aarne 709). Im Neufranzoͤſi⸗ 
ſchen iſt das Sneewittchenmaͤrchen ſelten, eine champagniſche Faſſung 
(Rdtp V 725) folgt genau der Grimmſchen, während in der bretonifchen 
(Söébillot 121) der Spiegel fortfällt und der Zauberſchlaf durch „bas 
enchantés bewirkt wird. An Stelle der ſieben Zwerge treten „trois 
petits Lapons“ bzw. drei Brüder. 
Quelle: Li roumans du Chastelain de Coucy et de la dame du Fayel 
ed. Crapelet, Paris 1829, Vers 7052 bis Ende mit geringen Kuͤrzungen. 
über die mutmaßlich indiſche Herkunft dieſes im Mittelalter weit verbreite⸗ 
ten Stoffes vgl. Clouſton: Popular Tales and Fictions II 187. Verwandt 
iſt der lai d'Ignaurès. Boccaccio (TV 9) folgte der provencalifchen Ver: 
fion, die den Stoff auf Guillem de Cabestaing übertrug (dieſe bei Beren: 
ger⸗Feraud: Contes popul. des Provengaux, Paris 1887, S. 189). Deutſch 
außer bei Konrad von Wuͤrzburg in Volksballaden vom Brennenberger 
(DS 499, 500, Wunderhorn II 229, Uhland 75; Literatur: A. Kopp in 
Quellen u. Forſchg. z. dtſch. BEE II, Wien 1908) Reufranzoͤſiſche Faſſun⸗ 
gen: Rdtp XII 436 XIV 46, Italieniſch auch in den Cento nov. aut. 62. 
a) Quelle: Die Fabeln der Marie de France, herausgegeben von 
K. Warncke in Suchiers Bibliotheca normannica Bd. 6 Nr. 22. Die 
aͤſopiſche Fabel findet ſich mehrfach in modernen Maͤrchenſammlungen, 
meiſt mit einem angehängten aͤtiologiſchen Schluß von der Entſtehun 
der Haſenſcharte. Vgl. Wallonia I 54, Rolland: Faune populaire 187, 
Revue des trad. pop. VI 314, X 576. — Aarne: Verz. Nr. 70. Dähn: 
hardt hat die Fabel ZVfVkk XVII9 unterſucht. 
b) Quelle: ebd. 57. Es iſt die Altefte abendlaͤndiſche Form des wahr⸗ 
ſcheinlich orientaliſchen Maͤrchenkreiſes von den drei toͤrichten Wuͤn⸗ 
chen. Vgl. KHM 87 und die Anmerkungen Bolte⸗Polivka II 210, 
Aarne 750 und beſonders Bedier: Les fabliaux, Paris 1893, S. 177 zum 
Fabliau von den Quatre souhaits St. Martin. 
o) Quelle: ebd. 89. Die älteſte Faſſung des Maͤrchens vom Wolf 
und den ſieben Geislein, vgl. KAM 5, Bolte⸗Polivka I 37, Aarne 
123. Weitere Parallelen zu Marie de Frances Fabeln f. in den Un: 
merkungen zu 13a, II 18, 22 b. 
a) Quelle: Recueil general des Fabliaux p. p. A. de Montaiglon et 
G. Raynouard, Paris 1872, 1188 Nr. 17 „le dit des perdriz“. Sur 
Stoffgeſchichte des Schwankes, den Bödier (a. a. O. S. 275) für einen 
Hauptvertreter des echten „esprit gaulois“ erklärt, vgl. Bolte⸗Polivka 
II 129 zu KHM 77, Oeſterley zu Pauli 364, Bedier a. a. O. S. 422. 
(Neufranzoͤſiſche Faſſungen bei Bladé III 216, Orain S. 202, Se billot: 
Folklore III 216, La Tradition III 120, 132, Chapelot S. 67.) 


b) Quelle: ebd. I 132 Nr. 10 „de Brunain la vache au prestre“, 


vgl. die Parallelen bei Bödier und Bolte zu Montanus 108, ZVEVkk 
XVI 288, Aarne 1735. | 

o) Quelle: Montaiglon⸗Raynouard IV 57 Nr. 98, „De Berengier au 
lono cul“. Parallelen, auch moderne, gibt Bedier a. a. O. 


313 


19. 


20. 


d) Quelle: ebd. IV 166 Nr. 106, „De Constant du Hamel“. Orien: 
taliſcher Urſprung. Parallelen bei Bödier S. 454. Verwandt iſt der 
Schwank vom „Pfarrer im Schmalzkuͤbel“, vgl. ZVfVkk XIII 414, 
Im Original raͤcht ſich der Gatte an den Liebhabern feiner Frau noch 
dadurch, daß er ihre Frauen vor ihren Augen vergewaltigt. 

e) Quelle: ebd. III 156 Nr. 74, „le Vilain mire“. Vgl. Bedier S. 476 
und Crane zu Vitry Nr. 237. Gleichfalls orientaliſchen Urſprungs. Der 
Stoff iſt durch Molidres „médecin malgre lui“ bekannt. Ofter mit dem 
Stoff von der widerſpenſtigen Frau verbunden (f. unter II 22). 


f) Quelle: ebd. III 265 Nr. 81, „le Vilain qui conquist Paradis par 


plait“. Vgl. Bédier S. 476. Die „entrée frauduleuse“ gehört zu 
KHM 81. Der Held iſt ein echt franzoͤſiſcher „malin“, der auch vor der 
himmliſchen Obrigkeit keinen Reſpekt hat. Neufranzoͤſiſche Parallelen 
find: Rdtp IX 267, XIV 639, XVII 487, XXII 377, XXVI 301 
Carnoy kro. 289, pic. 67, 139, Blade III 93, Souveſtre I 83, vgl. no 
Bolte⸗Polivka III 303. 


Quelle: Le roman de Perceforest, Druck von Galliot du Pré, Paris 1531 
Tome III Chap. XLVI, Feuill. CXXVIIf. und Chap. LV Feuill. CLV. 
Der Roman, der in den Jahren zwiſchen 1337 und 1390 verfaßt wurde, 
verwickelt Alexander den Großen in eine matière de Bretagne nach der 
herkoͤmmlichen Art der Artusromane. In die Handlung eingeflochten iſt 
das aͤlteſte Dorn roͤschen märchen, das wir kennen. Die Dreizahl der 
Daͤmonen, die gegenüber der Siebenzahl bei Perrault das Urſpruͤng⸗ 
lichere darſtellt, iſt ebenſo wie ihre Beziehung zum Schickſal dem klaſſi⸗ 
ſchen Altertum entlehnt. Belege fuͤr das fruͤhe Auftreten der tria fata 
auf galloromaniſchem Boden vgl. bei W. Hertz: Spielmannsbuch 
S. 350. Auch im neufranzoͤſiſchen Volksglauben begaben und benennen 
die Feen die Kinder und ſpenden Hilfe bei Heirat und Geburt (Sebillot: 
Folklore I 443). Zur Kontraftierung des boͤſen Schickſalsdaͤmons mit 
den uͤbrigen Guten ſ. auch oben Nr. 2. Dem Turm, der ein Symbol 
für das Totenreich iſt, entſpricht in der Grimmſchen Faſſung (KHM 50) 
eine Dornenhecke, die Ausſetzung in eine Dornenhecke begegnet auch in 
bretoniſchen Faſſungen des „Maͤdchens ohne Hände“ (J. unter II 6). 
Das Einziehen der Flachsfaſer iſt ebenſo wie der Stich Bruͤnhilds mit 
dem Schlafdorn und Sneewitchens Genuß des todbringenden Apfels 
eine Metapher fuͤr ſterben. Fr. Vogt (in German. Abh. fuͤr Karl Wein⸗ 
hold) leitet das . e aus dem antiken Thaliamythus 
her, und auf antike Motive, bereichert durch keltiſch⸗bretoniſche Vorſtel⸗ 
lungen, dürfte das vielumſtrittene Märchen gewiß zurüdzuführen fein 
deſſen Zuſammenhaͤnge mit der Sigrdrifaepiſode der Siegfriedſage noch 
nicht geklärt find. Die Grimmſche Faſſung geht auf die Perraults 
von 1696 zuruck, doch hat letztere ebenſo wie die des Neapolitaners 
Baſile von 1637 eine Erweiterung aus dem Kreiſe der unſchuldi 
leidenden Koͤnigin angehaͤngt. (Eine neufranzoͤſiſche le Finbet id 
bei Dardy II 33, weiter entfernt ſteht ein bretoniſches Märchen in 
Revue des trad. pop. XV 120.) Weitere Literatur zum Dornröschen: 
maͤrchen vgl. Bolte⸗ Polioka 1434 — Aarnes Verz. 410. 


a) Quelle: Boltes Wiedergabe des lateiniſchen Textes aus J. Juniors 
Scala caeli, Lubeck 1476, fol. 116b—118 a in ZVfVkk XXV 379. 


314 


Bolte ftellt das Exempel mit Recht zum Märchen vom dankbaren 
Toten (vgl. Bolte⸗Polivka III 490, Aarne 505—507, ZfromPhil 37, 
57, 129, Gerould: the gratefull death 1908, Herrigs Archiv 81, 141). 
In den modernen Pr in den übrigen mittelalterlichen Faſſungen be: 
trifft die erſte Gabe den Loskauf eines toten Schuldners von feinen 
Glaͤubigern und die Beerdigung desſelben, wofuͤr der Geiſt des Toten 
den Helden, der von ſeinem Nebenbuhler ins Meer geworfen wird, ge⸗ 
rettet, geſpeiſt und ſchließlich zu ſeiner Gattin heimgefuͤhrt wird. Das 
Märchen vom dankbaren Toten iſt vielleicht aͤgyptiſchen Urſprungs und 
begegnet zuerſt in der hebräifchen Literatur des 1. nachchriſtlichen Jahr: 
hunderts. Es wurde urſpruͤnglich ſelbſtaͤndig erzählt und hat den Stoff 
von der losgekauften Jungfrau, mit dem es hier verbunden erſcheint, 
erſt nachtraͤglich aufgenommen. Ferner verband ſich der dankbare Tote 
mit dem Maͤrchen vom goldenen Vogel (KHM 57) und von den zer⸗ 
tanzten Schuhen (KHM 133). Die neufranzoͤſiſchen Faſſungen zeigen 
ewiſſe Eigentuͤmlichkeiten, welche durch ein Kunſtmaͤrchen der Mme. de 
omez: „Jean de Calais“ veranlaßt wurden, das im Jahre 1723 ex: 
ſchien. Das Maͤrchen iſt in ache a nur laͤngs der atlantiſchen Kuͤſte 
aufgezeichnet. Die legendariſche Faſſung der Scala caeli lebt in einer 
bretoniſchen Legende (Luzel: Legendes II 40) fort, ferner vgl. die 
ruſſiſche Verſion bei v. Loͤwis Nr. 48. 
b) Quelle: Cranes Wiedergabe des lateiniſchen Textes aus J. Juniors 
Scala caeli, Ulm 1480, fol. 99 in Germ. XXX 203. Das Märchen ift 
naͤchſt der verlorenen Vorlage des mndld. Walewijn die aͤlteſte 
europaͤiſche Verſion des orientaliſchen Märchens vom Waſſer des 
Lebens. Bol. Bolte⸗Polivka Anmerkungen zu KHM 57 und 97, be: 
ſonders I 511, Aarne 551. 


21. Quelle: Meiſter Franz Rabelais Gargantua und Pantagruel, uͤberſetzt 
durch Gottlob Regis, München und Leipzig 1906. Die hier heraus: 
gehobenen Stuͤcke aus I 3, 7 11, 16, 17, 25, 36, 37 ſollen zeigen, daß 
dem Gargantua ein Märchen vom ſtarken Hans zugrunde liegt. In 
vielen Varianten des Baͤrenſohn wird gleichfalls ein uͤberlanger Aufent⸗ 
halt im Mutterleib erwahnt (vgl. Panzer a. a. O.), auch der deutſche 
„junge Rieſe“ (KHM 90) reißt einen jungen Baum als Stecken aus und 
hält den auf ihn geworfenen Muͤhlſtein für Sandkoͤrner, welche die 
uͤhnerherabwerfen, ebenſo wie Gargantua die Stuͤckkugeln fuͤr Trauben⸗ 
erne und Kuͤhfliegen. Die zweifellos germaniſche Vorſtellung des un⸗ 
geſchlachten Rieſen wurde nicht ohne Zutun des zum Grotesken neigen⸗ 
den keltiſchen Elementes und der burlesken Tendenzen der Spielleute 
— der Rainouard im Aliscans kann als Vorläufer Gargantuas gelten — 
zur unflätigen Verzerrung des 16. Jahrhunderts. Gargantua lebt im 
neufranzoͤſiſchen Volksglauben fort, die größte Anzahl der in Frankreich 
noch lebenden Rieſenſagen knuͤpft ſich an ſeinen Namen: vgl. Ssbillot: 
Gargantua dans les traditions populaires, Sébillot; Folklore Reg. s. 
verbo und die Rubrik Gargantua in den meiſten Jahrgaͤngen der Revue 
pop. Auch zum Träger von Varianten des ſtarken Haus: 
maͤrchens iſt Gargantua im franzoͤſiſchen geworden. Eine moderne 
Variante des Maͤrchens ſ. unter II 2. Weitere Parallelen zu Rabelais 
ſ. in den Anmerkungen zu 11a, 24a, II 38. * 


315 


de 


22. a) Quelle: Oeuvres francais de Bonaventure Desperiers p. p. L. Lacour, 
Paris 1856, 2. Band: Nouvelles recréations et joyeus devis S. 94 Nr. 20. 
Vgl. VBolte⸗Polivka II 561 zu KHM 120, Aarne 1697, 360. Alter iſt die 
engliſch⸗lateiniſche Faſſung bei Bromyard. Dialogiſche Schluͤſſe find 
neufranzoͤſiſch nicht beliebt, ogl. Petſch S. 85. 

b) Quelle: ebd. S. 372 Nr. 124, vgl. Bolte⸗Polivka III 120 zu 
KHM 139, Aarne 1476. 
o) Quelle: ebd. S. 241 Nr. 68. Der 5 chwank vom Mann, 
der ſich für tot hält (Aarne 1313), kehrt unten Nr. II 30 f in anderer Ges 
10 wieder. Weitere Parallelen zu Desperiers |. unter 23b, II 57 b. 
ahe verwandt iſt das Fabliau vom „Vilain de Bailleul“ (MR IV 109). 
d) Quelle: Le grand Parangon des nouvelles nouvelles comp. p. 
Nicolas de Troyes p. p. Emile Mabille, Paris 1869, S. 134 Nr. 33. 
Zum Stoff vgl. Bolte⸗Polivka 1411. Weitere Schwaͤnke vom ge⸗ 
prellten Teufel ſ. unten II 3, 38. 
e) Quelle: ebd. S. 283 Nr. 53. Der Schwank gehoͤrt in den Kreis 
von den toͤrichten Wuͤnſchen, ſ. oben Nr. 17 b. Zur Teilnahme der 
Helden am Tanz der Feen ſ. unten Nr. II 47. Parallelen zu Nicolaus 
von Troyes ſ. unten II 43, 44 b. 

23. a) Quelle: la Fontaine: Fables, herausgegeben von A. Laun, Heil⸗ 

bronn 1877, S. 210 VI 10 „le lievre et la tortue“. Die Fabel, die hier 
in gehobener Proſa wiedergegeben wird, enthält den verbreiteten Stoff 
vom Wettlauf der Tiere. Zu dieſem vgl. Bolte⸗Polivka III 339 zu 
KHM 187, Aarne 275. v. d. Steinen führt ZVfVkk XXV 260 das 
Maͤrchen kaum mit Recht auf einen lunaren 1 5 zuruck. 
b) Quelle: ebd. VII 10 „la laitière et le pot au lait“. Cs Quelle war 
die zwoͤlfte Novelle von Desperiers „Nouvelles recrèations“. Der 
Schwank iſt uͤbrigens weit verbreitet. Vgl. Bolte 1 Montanus, 
S. 603, 658 und beſonders Bolte⸗Polivka III 265 zu KHM 164, Aarne 
1430. Zu einem verwandten Schwank ZVfVkk XXI 171. 

24. a) Quelle: Beroalde de Verville: Le moyen de parvenir II 274. Zum 
Zeichendisput, der auf orientaliſche Quellen zuruͤckgeht, vgl. Rdtp 
XXVI 179. Rabelais II 19, Rom. X 29. Der eine aufgehobene Finger 
bedeutet Gott Vater, die drei Finger Vater, Sohn und hl. Geiſt, der 
Apfel die Dreifaltigkeit. 

b) Quelle: Lelite des Contes du Sieur d’Ouville, Lyon ſ. d. (1612) 
II 171. Der Stoff des Doktor Allwiſſend: KHM 98, Bolte⸗Polivka 
II 401, Aarne 1641. 

o) Quelle: Nouveaux contes & rire et aventures plaisantes de ce 
temps; recr&ations frangaises, Amſterdam 1700, S. 168. Zum Stoff 
vgl. Clouſton 155, Aarne 1586. 

d) Quelle: ebd. S. 109. Gehoͤrt zum Meiſterdiebſtoff, ſ. oben 
Nr. 1, unten 11 37. 

e) Quelle: ebd. S. 140. Der Stoff vom ſchweigenden Paar iſt 
arabiſchen Urſprungs, vgl. Rdtp XV 283, Clouſton II 15, Aarne 1351. 
f) Quelle: ebd. S. 198. 

25. Quelle: Charles Perrault: Contes de ma mère l’oye, Paris 1697, S. 43 
„Barbebleue“ mit gelegentlicher Benutzung der Überſetzung von 
Th. Tesdorpf⸗Sickenberger, Berlin 1912, S. 37. — Das Märchen ent: 


316 


er 


hält in feiner Schlußſzene das Hinreißendſte an dramatiſcher Spannung, 
was die geſamte Maͤrchenwelt zu bieten vermag. Um 1 plaſtiſche 
Situation gruppieren ſich die neufranzoͤſiſchen Blaubartmaͤrchen, die 
alle bis auf kleine Abweichungen von Perrault b gg ſind. In 
Ssébillot, Orale S. 41, Rdtp IX 54, X569, Luzel II 341, Mölufine III 330 
meldet ein Hund, bei Blade I 241 ein redender Haͤher den Brüdern die 
Gefahr der Schweſter. Bei Sôbillot Auvergne S. 50, Souveſtre I 45 
ſteigen die gemordeten Frauen aus den Graͤbern und warnen die Heldin, 
in Carnoy fre. S. 160 und Rauͤtp III 435 iſt der Blaubart ein Teufel, von 
dem die Heldin durch Chriſtus und die heilige Die Nan, die in Schmetter⸗ 
lingsgeſtalt heranſchweben, gerettet wird. Die Neugier der Frau, die 
ſich in der Übertretung eines Verbotes aͤußert, teilt das Maͤrchen mit 
dem von Amor und Pſyche, die Geſtalt des Frauenmoͤrders begegnet 
auch im Kreis vom Räuberbräutigam (f. unter II 15). Der Blaubartſtoff 
geht wohl weniger auf eine hiſtoriſche Perſon — man hat in ihm einen 
Marſchall von Retz wiederfinden wollen — zuruͤck als vielmehr auf 
Zwergſagen: die germaniſchen Zwerge ſind ja beſonders als Frauen⸗ 
raͤuber berüchtigt, und in deutſchen Faſſungen des Maͤrchens, die auch in 
der Dreizahl der auf die Probe geſtellten Frauen maͤrchenechter er⸗ 
ſcheinen als Perrault, tritt mitunter ein Zwerg an Blaubarts Stelle. 
Zum Maͤrchen vgl. Bolte⸗Polivka J 398 zu KHM 46, Marne 311, K. Hof: 
mann in Romaniſche Forſchungen I 934. Stoffverwandt find die Volks⸗ 
balladen von Renaud (vgl. Mölufine IX 265), ferner die von Klotilde 
(Champfleury S. 28), vom Grafen de Saulx (Rathöry S. 946) und vom 
Ritter de Dion (Ampere S. 1180). 

26. Quelle: ebd. S. 63: „Le maitre chat ou le chat botte“, mit Benutzung 
der Überſetzung S. 46. Zum Stoff vgl. Bolte⸗Polivka I 325, Aarne 545. 
Das Maͤrchen erfreut ſich im Volksmund keiner allzu großen Ver⸗ 
breitung. Polivka (im Sbornik za narodni umotverenija, vgl. Rdtp 
XVI 344) nimmt aſiatiſchen (kaukaſiſch⸗tatariſchen) Urſprung desſelben 
an. Nach Indien weiſt die Überliftung des Ogers, die in den Märchen 
vom Zauberlehrling (KHM 68) und vom Rieſen ohne Seele wieder⸗ 
kehrt, doch geht Perraults Faſſung in dieſer Epiſode uͤber ſeine Vor⸗ 
gaͤnger Straparola und Baſile hinaus. Unter dem Kater wird man 
einen Kobold zu erblicken haben, und Kobolde in Katzengeſtalt ſind der 
deutſchen wie der franzoͤſiſchen Volksſage geläufig (vgl. du Meril: 
Etudes S. 467 Anm. 4). 

27. Quelle: ebd. S. 91: „Cendrillon ou la petite pantoufle de verre“ 
überſetzung S. 65. Das Aſchenbroͤdelmaͤrchen (KHM 21, Bolte⸗ 
Polivka I 165, Aarne 510) gehoͤrt zuſammen mit dem Goldener: und 
dem Allerleirauhmaͤrchen, das ebenfalls von . bearbeitet wurde, 
zum großen Maͤrchenkreis von der erhoͤhten Niedrigkeit, es iſt ein echtes 
Traummaͤrchen, der Gluͤckstraum der ſozial Entrechteten, etwa wie 
Hauptmanns Hannele. Der ganze Maͤrchenkreis läßt ſich weit hinauf 
verfolgen, zum Goldener ſ. oben Nr. 5, Allerleirauh begegnet in An⸗ 
ſpielungen des 16. Jahrhunderts, und der Begriff Aſchenbroͤdel laͤßt ſich 
über das deutſche 16. Jahrhundert bis in die altisländifche Saga (Kol- 
bitr) zuruͤckleiten, während die Schuhprobe zuerſt im mittelhochdeutſchen 
König Rother erſcheint. Maͤrchenechter erſcheinen die deutſchen Va⸗ 


317 


4 


rianten, in denen die Ballgewaͤnder von einem Baum, der auf dem Grab 
der Mutter waͤchſt, entnommen werden und in denen die Schweſtern 
ihre Füße verſtuͤmmeln, um ſich die Schuhe paſſend zu machen. Die 
neufranzoͤſiſchen Varianten find alle von Perrault abhängig Bit auf 
85 bretoniſche (Sebillot: Contes 1 3, Luzel III 134), die das Motiv vom 

Int im Schuh bewahrt haben. Der Glaspantaoffel iſt nach Ralſtons 
anſprechender Vermutung (XIX. Century VI) nur ein Hoͤrfehler: 
soulier de verre für soulier vair, „Schuh aus buntem Pelzwerk“. Eine 
Analyſe des Maͤrchens gab Miß R. Cox: Cinderella in Publications of the 
folklore society, London 1893. 

28. Quelle: ebd. S. 141: , tit poucet“, in engem Anſchluß an die 
Überſetzung S. 89. D äcchen, das heute noch vielfach aus dem 
Volksmunde aufgezeichnet wird, last ſich über Perrault nicht zuruͤck⸗ 
verfolgen, iſt aber keine Erfindung von dieſem, ſondern gehoͤrt zum 
Kreis des Hänfel und Gretelmaͤrch ens (ſ. unter Nr. II 50). In 
modernen Varianten wird der Held ſpaͤter nochmals in die Wohnung 
des Ogers geſchickt, um im Auftrage des Koͤnigs die Wunſchdinge des⸗ 
ſelben zu ſtehlen, vgl. Aarne 328 (ſo Vinſon S. 89, 5 II 231, Sebillot: 
Contes 1 19, Carnoy: Picardie S. 241). Zum Maͤrchen vgl. Bolte⸗ 
Polivka I 124, Cosquin in Revue des trad. pop. XXV, G. Paris: Le 
petit poucet et le grand - ourse, Paris 1875. Die Daͤumlingsgeſtalt 
des Helden gehoͤrt nicht unbedingt zum 5 ſie duͤrfte 
von Perrault aus dem auch im Franzoͤſiſchen weitverbreiteten Daum: 
lingstypus übernommen fein (zu dieſem vgl. KHM 37, 45, Bolte⸗Po⸗ 
livka 1389, Aarne 700). Zum Wechſel der Kopfbedeckungen: Aarne 119. 

29. Quelle: Perrault: Contes de ma mère l'Oie S. 81, „les Fées“. Das 
Märchen gehört zum Frau⸗Holle⸗Kreis, vgl. Bolte⸗Polivka I 215 zu 
KHM 24, Aarne 480. Auch in modernen franzoͤſiſchen Sagen und 
Maͤrchen gehen die Feen verkleidet durch das Land, um die Guten zu 
belohnen und die Boͤſen zu beſtrafen, vgl. Seébillot: Folklore I 265. 
Ein neufranzoͤſiſches Frau⸗Holle⸗Maͤrchen |. unter II 19. 

30. Quelle: Les contes des fees par Mme. d' Aulnoy, Amſterdam 1717. 
S. 75, „l’oiseau bleu“. Gekuͤrzt. Die Einleitung bis zur Verwuͤnſchung 
des Elben in einen Vogel iſt von der Gräfin erfunden; weiterhin über: 
nahm fie die Schlußformel von der Maͤrchenwanderung und den drei 
Nächten aus gewiſſen Faſſungen des Amor: und Pſychemaͤrchens, 
waͤhrend in volkstuͤmlichen Faſſungen die Schlußformel den Erwer 
des Heilmittels und die Heilung des verwundeten Elben durch die 
Heldin berichtet. Die Dreinaͤchteformel bildet fernerhin mit den drei 
Aufgaben im Rieſenhauſe (ſ. unter Nr. II 13) und der magiſchen 
Flucht (f. unter Nr. 31) zuſammen den Jaſon⸗ und Medea⸗Typus 
(KHM 113, vgl. Bolte⸗Polivka II 516). In modernen Sammlungen 
iſt das Märchen in Frankreich nicht überliefert, wohl aber begegnet es 
in einem Lai der Marie de France, „Lonec“, ſ. o. Nr. 15 b. 

31. Quelle: Les contes des fees der Gräfin Aulnoy, nach dem Druck im 
Cabinet des fees, Amſterdam und Paris 1785, II 304. Aus der langen 
Liebesgeſchichte wurde die Formel von der magiſchen Flucht heraus: 

ehoben. Vgl. KHM 51, 56, 79, 113, 186, 193 mit den Anm. Bolte⸗ 
Polivkas, Aarne 313. Der Dämon, dem in modernen Faſſungen des 


818 


Fier und Medeamoͤrchens das Liebespaar entflieht, iſt gleichfalls ein 

ger (Cosquin 9, Rdtp VII 29), ein Teufel (Carnoy: Picardie 252, 
Rdtp IXI 69, 170, 171, XVI 125, Cosquin 32, Meluſi ne 1 446), ein 
Zauberer (Rdtp VI 588, I 238, Luzel II 3, 33, 57, Ssbillot: Contes 131) 
oder eine Fee (Carnoy fre. S. 233). 

32. Quelle: Mlle. l Höritier: La tour tön&breuse et les jours lumineux 1705, 
nach dem Abdruck im Cabinet des fees XII 27, ſtark gekuͤrzt. Dieſe 
Kunſtnovelle, die ſich von den volksmaͤßigen Faſſungen des bekannten 
Rumpelſtilzchenmärchens dadurch unterſcheidet, daß der Name 
nicht erraten, ſondern im Gedaͤchtnis behalten werden ſoll, hat in vielen 
modernen franzoͤſiſchen Verſionen nachgewirkt: Melufine I 150, 
Sebillot: Contes 1 48, Pineau S. 131, Orain S. 11 folgen dem Kunſt⸗ 
maͤrchen, während Sebillot: Contes I S. 301, Sebillot: Traditions 1 130, 
Fleury S. 190, Cosquin 27, Carnoy: fre. S. 227, Rdtp VIII 369, 
XIII 633, auf die populäre Verſion zurüdgehen. Ein Teufel tritt als 
Dämon auf in Sebillot I 48, Cosquin 27, Carnoy 227, Rdtp VII 1369, 
XIII 633, dagegen ein Zwerg in Melufine 1 150, Söbillot: Trad. 1130, 
Pineau 131, Orain 11, ein Lutin bei Sebillot I 301. Zum Märchen 
vgl. KHM 55, Bolte⸗Polivka I 490, Aarne 500, Clodd: Tom. Tit. Tot., 
London 1898, Polivka in ZVfVkk X 254, v. Sydow: Tv& spinnsagor, 
Lunder Diſſ. 1909. Polivka und Sydow nehmen germaniſchen, letzterer 
ſpeziell ſchwediſchen Urſprung des Maͤrchens an, von dort verbreitete 
es ſich, über Norddeutſchland nach Frankreich. Die mythiſche Grund: 
lage des Maͤrchens iſt in dem weitverbreiteten Aberglauben zu ſuchen, 
daß die Kenntnis des Namens eines Daͤmons zugleich die Macht uͤber 
denſelben verleiht. Zu dieſer Anſchauung vgl. K. Nyrop: Navnets 
magt in deſſen Mindre afhandlinger, Kopenhagen. 

33. Quelle: Mme. le prince de Beaumont: Magasin des enfants ou dia- 
logues entre une sage gouvernante et plusieurs de ses élèves, Paris 
und Frankfurt 1776, I 56, „la belle et la béte“, leicht gekuͤrzt. Die 
Faſſung der Beaumont geht auf eine Ältere der Mme. de Villeneuve 
(1740) zuruͤck. Das Maͤrchen gehoͤrt zum Kreiſe von der geſtoͤrten 
Mahrtenehe, hat aber feinen Schluß aus der gleichfalls weit ver: 
breiteten Gruppe vom erlöften Tierbräutigam entnommen. Zu 
letzterem vgl. KHM 1, 63, 108, 144 mit den Anmerkungen bei Bolte⸗ 
Polivka. Die Vereinigung, die beide Maͤrchen hier eingegangen ſind, er⸗ 
ſcheint in dieſer Kunſtnovelle zum erſten Male in der Literatur, und man 
hat (Ralſton in XIX Century 1878) eine weitgehende Beeinfluſſung des 
lebendigen Maͤrchens durch die Faſſung der Beaumont vermutet. Die 
Verbindung der Pſycheeinleitung mit dem Tierbraͤutigamſchluß dürfte 
indes nicht die kuͤnſtleriſche Tat der Franzoͤſin ſein. Das eigentliche 
Verbreitungsgebiet dieſes Miſchtypus iſt vielmehr Deutſchland, und der 
Schluß mit der Erloͤſung durch Liebe, der liebevolle Umgang mit dem 
Tier und endlich die Verwandtſchaft des Stoffes mit dem in Deutſch⸗ 
land beſonders verbreiteten Sagentypus von der erloͤſten Schlangen: 
jungfrau (Grimm DS 13) läßt auf deutſchen Urſprung der Kombina⸗ 
tion ſchließen. Zu dieſer vgl. noch Bolte⸗Polivka II 237 zu KHM 88, 
(In modernen franzoͤſiſchen Sammlungen erſcheint das Märchen bei 

oquin 63, Blade I 181, Meyrae S. 470, Rdtp XIII 533). 


319 


Inhalt des 1 Bandes 


Seit 
Einleitung: Geſchichte des franzoͤſiſchen Maͤrchens I 


12. und 13. Jahrhundert 
1. Wie Galopin fuͤr Elias von St. Gilles das Wunder⸗ 


pferd Primſaus von Aragon ſtahhnᷣl. 
2. Huͤon von Bordeauu r. 8 
3. Bertha mit den großen Fuͤßßen - 15 
4. Parthonopeus und Meliuu u 23 
5. Robert der Teufel befreit Rom von den Tuͤrken. 30 
6. Parzival in der Graalsb ung 36 
7 wen ea 42 
8. Die Geburt des Schwanritter s 52 
9. Die Manek innen 61 
10. Der Fiſchfang des Wolfes 72 
11. Predigtmaͤrlein des 13. Jahrhunderts 
Der neue udn 78 
Der Engel und der Waldbrudeeenrne1uuͤ > 79 
Der Wolf in der Vorrats kammer 8⁰ 
Der buͤßende Raͤubtr ee 81 
Der König und der Weieiee e. 81 
Crescentiaanananaggagndssnsdsss . 82 
12. Cleomades und das hölzerne Pferd 84 
13. Altfranzoͤſiſche Marienlegenden 
Der Tänzer Unſerer lieben Frah Nu 97 
Der Judenknalbbttt er. 99 
Die Nonne und der Ritter ui LOL 
Vom Dieb, der ſich jedesmal, wenn er zum Stehlen 
ging, Unferer Frau empfail!l!l! . 105 
Vom Koͤnig, der den Sohn ſeines Seneſchalls ver⸗ 
brennen wollte. 106 


Von der Königin, die ihren Seneſchall toͤtete 109 


14. Proſanovellen des 13. Jahrhunderts 


Aucaſſin und Nicolette. 113 
Vom Kaiſer Conſtannnns n na 119 
820 | 


8 RE JRRTIEFER, 


Amicus und Ameliuunn s 

Die Geſchichte von der ſchoͤnen Johanna . . . . . 
15. Aus den Lais der Marie de France 

S!!! 8 


16. Die Herzmaͤrernrnee rennen 
17. Aus den Fabeln des Mittelalters 
Die Haſen und die Froͤſcehhetttete 
Der Bauer und der Kobold 
Der Wolf und das Zickl ein 
18. Mittelalterliche Schwaͤnke 
Die Geſchichte von den Rebhuͤh nenn 
Von der Braunen, der Kuh des Pfarrers 
Berengae eee N 
Conſtant du Hamel 
Der Bauer als Arlt 
Wie der Bauer ins Paradies kaemnm 


14. und 15. Jahrhundert 
19. Das Märchen von der ſchoͤnen Zelandine 


20. Predigtmaͤrlein des 14. Jahrhunderts 


St. Nikolaus und der Juͤngling e e 


Die Quelle der Jugend - n 


16. Jahrhundert 


21. Gargantuun Uu FFF 
22. Aus den Novellenſammlungen des 16. Jahrhunderts 
Von drei Bruͤdern, welche faſt wegen ihres Lateins 
gehängt worden waͤreennnxnndmd 
Wie ein Schotte durch ein Mittel, das ihm ſeine 
Wirtin angegeben hatte, vom Bauchweh geheilt 
Wrseeeeee 8 
Vom Meiſter Berthold, dem man einredete, daß 
// ee 


21 Franz. Märchen 1 


Seite 
Von einem jungen Geſellen, der ſich dem Teufel 
ergab, um ein junges Mädchen zur Frau zu be⸗ 
kommen, und wie er vom Teufel befreit wurde, als 
er ihm auf den Rat ſeiner Frau ein Tier zeigte, 
welches er nicht kanntt e 219 
Von dreien Juͤnglingen, welche drei Feen begeg⸗ 
neten, und was ihnen mit den Gaben geſchah, ſo 
befagte Feen ihnen gewaͤhrtenn 221 


17. und 18. Jahrhundert 
23. Fabeln von Lafontaine 


Der Haſe und die Schildkröoͤrrtr ek 224 
Der Milchtoooaff 2 220er 225 
24. Schwaͤnke des 17. und 18. Jahrhunderts 
Der Zeichendisplldn 226 
Von einem angeblichen Wahrſagerr 227 
Der FliegentoͤterrR᷑ᷓM eennnn 231 
Ein Spitzbube entwendet die Kuh feines Nachbarn. 231 
Der friedfertige Hahntei. - » - - 2200. . 233 
Die Wette der drei Gevatten 234 
f,... Kent 236 
26. Der geſtiefelte Katerrõrõk 2202... 241 
27. Aſchenbroͤdel oder das kleine Glaspantoffelchen 246 
28. Der kleine Daͤum lining. 252 
„ e ĩðWüQA· 8 262 
30. Der blaue Vogel 265 
31. Der Orangenbaum und die Bienne 279 
32. Ricdin⸗Ricdoe n 287 
33. Die Schönheit und das Tie . . 293 
Quellennachweiſe und Anmerkungen 304 


Gedruckt in der Roßberg' ſchen Buchdruckerei in Leipzig 


Eugen Diederichs Verlag in Jena 


Die Maͤrchen der Weltliteratur 
Herausgegeben von Friedrich v. der Leyen und Paul Zaunert 
Deutſcher Maͤrchenſchatz: 

Muſaͤus, Volksmaͤrchen der Deutſchen. 2 Bände. Herausgegeben 
von Paul Zaunert. Mit Holzſchnitten von Ludwig Richter. 19. Tauf. 
Kinder⸗ und Hausmaͤrchen. Geſammelt durch die Bruͤder 
Grimm. 2 Bände. Herausgegeben von Friedrich v. der Leyen. Jnbilaͤums⸗ 

ausgabe. 20. Tauſend. 
Deutſche Maͤrchen ſeit Grimm. Herausgegeben von Paul Zaunert. 
27. Tauſend. 
Plattdeutſche Volksmaͤrchen. Herausgegeben von Wilhelm Wiſſer. 
19. Tauſend. 

| Europäifche Marchen: 
Franzoͤſiſche Volksmaͤrchen. Herausgegeben von Ernſt Tegethoff. 
Bd. 1: Vom Mittelalter bis zum Ausgang des Rokoko. Bd. 2: Von der 
Romantik bis zur Gegenwart. 
Nordiſche Volksmaͤrchen. 2 Baͤnde. Herausgeg. von Klara Stroebe. 
19. Tauſend. Band 1: Daͤnemark und Schweden. Band 2: Norwegen. 
Finniſche und eſtniſche Volksmaͤrchen. Herausgegeben von 
Auguſt von Loͤwis of Menar. 10. Tauſend. 
Ruſſiſche Volksmaͤrchen. uͤberſetzt und eingeleitet von Auguſt von 
Loͤwis of Menar. 19. Tauſend. 
Balkanmaͤrchen. Aus Albanien, Bulgarien, Serbien und Kroatien. 
Herausgegeben von Auguſt Leskien 14. Tauſend. 


Neugriechiſche Märchen. Herausgeg. von Paul Kretſchmar. 10. Tauſ. 


In Vorbereitung: 
Deutſche Maͤrchen ſeit Grimm. 2. Band. ese von 
Paul Zaunert. 
Islaͤndiſche Maͤrchen. Herausgegeben von Hans Naumann. 
Lettiſche und litauiſche Märchen. Herausgegeben von M. H. Boͤhm 
und Friedrich Specht. 
Iriſche Maͤrchen. Herausgegeben von Julius Pokorny und Käte 
Muͤller⸗Liſowski. 
Zigeuner⸗Maͤrchen. Herausgegeben von Karl Block und Joſef Aichele. 
Italieniſche Maͤrchen. Herausgegeben von Walter Keller. 
Tuͤrkiſche Maͤrchen. Herausgegeben von F. Gieſe. 


Eugen Diederichs Verlag in Jena 


Die Maͤrchen der Weltliteratur 
| Außereuropaͤiſche Maͤrchen: 

Chineſiſche Volksmaͤrchen. überſetzt und eingeleitet von Richard 
Wilhelm. Mit 23 Abbildungen chineſiſcher Holzſchnitte. 29. Tauſend. 
Buddhiſtiſche Märchen aus dem alten Indien. Herausgegeben 
von Elſe Luͤders. Mit 8 Tafeln. 20. Tanſend. 

Indiſche Märchen. Herausgegeben von Johannes Hertel. Mit 
7 Tafeln. 15. Tauſend. 

Kaukaſiſche Maͤrchen. Herausgegeben von A. Dirr. 11. Tauſend. 
Märchen aus Turkeſtan und Tibet. Hrsgeg. v. Guſtav Jungbauer. 


In Vorbereitung: 
Altaͤgyptiſche Maͤrchen. Herausgegeben von G. Roeder. 
Arabiſche Maͤrchen. (1001 Nacht in aͤlteſter Geſtalt.) Heraus⸗ 
gegeben von Karl Dyroff. 
Koreaniſche Maͤrchen. Herausgegeben von Fritz Rumpf. 
Japaniſche Maͤrchen. Herausgegeben von Karl Florenz. 
Neuarabiſche Maͤrchen. Herausgegeben von Enno Littmann. 


Die Maͤrchen der primitiven Voͤlker: 


Malaiiſche Maͤrchen. Herausgegeben von Paul Hambruch. Mit | 
8 Tafeln. 10. Tauſend. 


Süͤdſeemärchen. Aus Auſtralien, Neu⸗Guinea, Fiji, Karolinen, 


Samoa, Tonga, Hawai, Neu⸗Seeland u. a. Herausgegeben von Paul 
Hambruch. Mit 16 Tafeln. 16. Tauſend. 


Afrikaniſche Maͤrchen. Herausgegeben von Carl Meinhof. Mit 
16 Tafeln und einer Sprachenkarte von Afrika. 15. Tauſend. 


Indianermaͤrchen aus Suͤdamerika. Herausgegeben von Theodor 
Koch⸗ Su Mit einer Karte und 8 Tafeln. 12. uam 


In Vorbereitung: 


Märchen aus Nordamerika und Mexiko. Herausgegeben von 
W. Krickeberg. 


Außerhalb der Sammlung erſchlen: 


Griechiſche Märchen. Märchen, Fabeln, Schwanke und Novellen 
aus dem klaſſiſchen Altertum. Ausgewählt und übertragen von A. Haus⸗ 
rath und A. Mark. Mit 17 Tafeln. 8. Tanſend. 


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